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Wie wählen junge Menschen? Erkenntnisse aus den Bundestagswahlen 1972 bis 2025

Thorsten Faas

/ 19 Minuten zu lesen

Welchen Parteien gaben junge Menschen bei Bundestagswahlen seit 1972 ihre Stimme? Und wie geschlossen agiert die Gruppe junger Wählerinnen und Wähler dabei? Inwiefern ist die heutige Rede von der Volatilität ihres Wahlverhaltens gerechtfertigt?

Wenn man verstehen möchte, welchen Einfluss eine soziale Gruppe auf Wahlen hat, lohnt ein Blick auf makrosoziologische Theorien des Wahlverhaltens, wie sie die politischen Soziologen Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan in die Politikwissenschaft eingeführt und damit eine lange, bis heute währende Tradition begründet haben. Um als soziale Gruppe (großen) Einfluss zu haben, sollte es sich demnach erstens um eine große Gruppe handeln, die zweitens an Wahltagen geschlossen agiert und die drittens ein langfristig stabiles Bündnis mit einer Partei eingeht. Diese Partei bildet dann den verlängerten Arm der Gruppe ins Parteien- und politische System hinein und kann dort die Interessen der Gruppenmitglieder artikulieren und durchsetzen.

Als Beispiel, das diesem Ideal sehr nahe kommt, wird häufig die Gruppe der Arbeiter:innen genannt: Arbeiter:innen waren lange Zeit eine große gesellschaftliche Gruppe, die an Wahltagen in recht homogener Weise die SPD unterstützte, die sich wiederum politisch für die Belange der Arbeiter:innen eingesetzt hat. Das Beispiel zeigt allerdings auch, dass sich Dinge ändern können: Die Zahl der Arbeiter:innen ist im Zeitverlauf deutlich kleiner geworden. Die SPD hat daraufhin ihr Profil verbreitert und sich zu einer „Arbeiternehmerpartei“ erklärt. Zugleich ist zu beobachten, dass sich Arbeiter:innen auch anderen Parteien jenseits der SPD zuwenden und die Geschlossenheit des Wahlverhaltens der Gruppe nachgelassen hat.

Im Folgenden stehen nun weder die Arbeiter:innen noch die SPD im Fokus des Interesses, sondern junge Menschen seit der Bundestagswahl 1972. Gleichwohl ist die gerade skizzierte Logik nützlich, um den (potenziellen) Einfluss junger Menschen auf Wahlen zu analysieren. Wir wollen also die (relative) Größe der Gruppe, ihre Präferenzen für einzelne Parteien und darüber vermittelt die Stabilität und Geschlossenheit ihres Wahlverhaltens betrachten.

Dabei lässt sich gleich die erste Frage nach der (relativen) Größe der Gruppe junger Menschen an Wahltagen wiederum dreiteilen. Erstens: Wie viele junge Menschen gibt es in einer Gesellschaft relativ zu anderen, älteren Gruppen? Zweitens: Wie viele davon sind wahlberechtigt? Und drittens: Wie viele machen von ihrem Wahlrecht tatsächlich Gebrauch? Erst aus der Kombination dieser drei Aspekte ergibt sich die größenmäßige Relevanz der Gruppe an einem Wahltag. Bei der Bundestagswahl 1972 lag die Altersgrenze für das aktive Wahlrecht erstmals bei 18 (statt wie zuvor bei 21) Jahren. Somit stellen sich keine Fragen variierender Wahlberechtigung für den hier betrachteten Zeitraum.

Nach dem Größenaspekt wollen wir im zweiten Schritt betrachten, welchen Parteien junge Menschen ihre Stimme bei den Bundestagswahlen seit 1972 jeweils gegeben haben, um darauf aufbauend danach zu fragen, wie geschlossen die Gruppe junger Wähler:innen bei Wahlen agiert. Inwiefern ist die heutige Rede von der Volatilität ihres Wahlverhaltens in längerer Perspektive gerechtfertigt? Und welche bedeutenden Unterschiede gibt es innerhalb der Gruppe – gerade auch hinsichtlich der Wahlbeteiligung und der Parteiwahl zwischen den Geschlechtern?

Datengrundlage dieses Beitrags ist die „repräsentative Wahlstatistik“, die die Bundeswahlleitung regelmäßig erhebt – allerdings mit einer bedauerlichen Lücke für die Bundestagswahlen 1994 und 1998. Dafür wird aus allen Urnen- und Briefwahlstimmbezirken eine Stichprobe gezogen; in den ausgewählten Bezirken werden dann die Stimmzettel so markiert, dass das Geschlecht sowie die Altersgruppe einer Wähler:in auf dem Stimmzettel vermerkt sind – all das natürlich unter Wahrung des Prinzips der geheimen Wahl. Da hier sowohl Wahlbeteiligung als auch Parteiwahl im Zeitverlauf in den Blick genommen werden, wurden für die Analysen auf der Basis der vorhandenen Daten letztlich fünf einheitliche Altersklassen gebildet: 18 bis 24 Jahre, 25 bis 34 Jahre, 35 bis 44 Jahre, 45 bis 59 Jahre sowie 60 Jahre und älter.

Für diese fünf Gruppen liegen jeweils der Anteil an den Wahlberechtigten insgesamt, die Wahlbeteiligung sowie die gewählten Parteien (über Zweitstimmenanteile) für die Gruppe insgesamt, aber auch getrennt nach Geschlecht vor. Was Parteien betrifft, werden für die Wahlen 1972 und 1976 CDU/CSU, SPD, FDP sowie sonstige Parteien ausgewiesen; mit der Bundestagswahl 1980 kamen die Grünen als neue Partei hinzu, mit der Wahl 1990 die PDS, aus der später die Linke wurde (und die hier gemeinsam betrachtet werden als PDS/Linke). Gegenüber dem Datensatz, den die Bundeswahlleiterin zur Verfügung stellt, wurden bei der Wahl 1990 auch die Stimmen für Bündnis 90 ergänzt und zum Anteil der Grünen addiert sowie der Anteil sonstiger Parteien entsprechend korrigiert. 2013 kam die AfD hinzu; bei der Wahl 2025 das BSW. Für CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne (1990 einschließlich Bündnis 90), Linke, AfD und BSW gilt somit: Sobald sie im hier betrachteten Zeitraum bei einer Bundestagswahl antraten, werden sie auch separat ausgewiesen; alle anderen Parteien werden unter „Sonstige“ subsumiert. An Stellen, an denen längsschnittliche Entwicklungen und Veränderungen im Fokus stehen, zählt 2025 auch das BSW zu den „Sonstigen“ dazu, da sich für das BSW mit seinem erst einmaligen Antreten bislang keine Veränderungen berechnen lassen.

Unser Fokus liegt über die verschiedenen Wahlen seit 1972 hinweg auf der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen, gegebenenfalls getrennt nach jungen Männern und jungen Frauen. Um die Ergebnisse für diese Gruppe besser einordnen zu können, werden wir sie an verschiedenen Stellen mit der nächstälteren Gruppe (also den 25- bis 34-Jährigen) sowie der Gruppe der Menschen ab 60 Jahren (60+) vergleichen. Diese auf Altersgruppen fokussierte Analyselogik hat eine wichtige Implikation: Wer zur Gruppe der 18- bis 24-Jährigen gehört, ändert sich von Wahl zu Wahl. Die Menschen wandern im Zeitverlauf mit ihrem eigenen Älterwerden von einer Altersgruppe zur nächsten. Eine generationale Betrachtung einzelner Geburtsjahrgänge über die Zeit hinweg bleibt hier aber unberücksichtigt – uns interessiert nur das Alter (und vor allem das „Jungsein“) zum jeweiligen Betrachtungszeitpunkt.

Anteil junger Wahlberechtigter

Im ersten Schritt rückt damit die Frage in den Fokus, wie sich die Zusammensetzung der Wählerschaft in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert hat und was das vor allem für den entsprechenden Anteil junger Menschen bedeutet. Abbildung 1 zeigt, wie sich der Anteil der 18- bis 24-Jährigen, der 25- bis 34-Jährigen sowie der Wahlberechtigten 60+ entwickelt hat. Der demografische Wandel der Gesellschaft wird dort unmittelbar erkennbar: Noch bei der Bundestagswahl 1990 waren weniger als 30 Prozent der Wahlberechtigten 60 Jahre und älter; bei der jüngsten Bundestagswahl im Februar 2025 lag dieser Anteil dagegen erstmals bei über 40 Prozent – und dies bei deutlich steigender Tendenz gerade in der jüngeren Vergangenheit.

Spiegelbildlich stellen sich die Entwicklungen der jüngeren Wähler:innengruppe dar. Noch 1990 lag der Anteil der 25- bis 34-Jährigen bei rund 20 Prozent, der Anteil der 18- bis 24-Jährigen stabil bei über 10 Prozent. Gemeinsam machten sie somit rund ein Drittel der Wahlberechtigten aus. Diese Zeiten sind allerdings passé. Beide Kurven zeigen deutlich nach unten. Seit 2002 gilt: Nicht einmal mehr jeder zehnte Wahlberechtigte ist unter 25 Jahre alt; 2025 waren es rund sieben Prozent. Der gemeinsame Anteil der 18- bis 34-Jährigen lag 2025 erstmals unter 20 Prozent.

Schon dieser erste Analyseschritt zeigt somit: Die Gruppe junger Menschen hat – rein größenmäßig betrachtet – in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten deutlich an Bedeutung verloren. Die Wählerschaft wird immer älter, und in der Folge werden auch Wahlen weniger von den jüngsten Wähler:innen, sondern eher von anderen geprägt und entschieden.

Wahlbeteiligung

Um den tatsächlichen Einfluss verschiedener Wähler:innengruppen an Wahltagen einordnen zu können, kommt es aber nicht nur auf die Gruppengrößen an, sondern auch auf ihre Wahlbeteiligung. Und damit verschärft sich das gerade gesehene Muster nochmals, wie Abbildung 2 zeigt. Bei allen Bundestagswahlen seit 1972 lag die Wahlbeteiligung in der Gruppe der 18- bis 24-jährigen Wahlberechtigten sowohl unter jener der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen als auch jener der Gruppe 60+.

Gerade bei Wahlen mit insgesamt niedriger Wahlbeteiligung ist die Lücke zwischen den dargestellten Wahlbeteiligungsraten verschiedener Altersgruppen besonders groß. So liegt die Wahlbeteiligungslücke zwischen der jüngsten und der ältesten Gruppe bei den Wahlen 1990, 2002, 2005, 2009 und 2013 bei über zehn Prozentpunkten. In der jüngeren Vergangenheit schließt sich diese Lücke sukzessive wieder – mit dem Effekt, dass der Abstand zwischen Jung und Alt für die Bundestagswahl 2025 wieder deutlich kleiner ausfällt, ohne allerdings gänzlich zu verschwinden.

Insgesamt verschärft sich durch die zusätzliche Berücksichtigung der Wahlbeteiligung der Größeneffekt, den wir bereits bei alleiniger Betrachtung der Anteile der einzelnen Altersgruppen an allen Wahlberechtigten konstatiert hatten. Die Wahltagsrelevanz der Jüngsten nimmt weiter ab.

Bezüglich der Wahlbeteiligung lassen sich auch mögliche Geschlechterunterschiede in den Blick nehmen. Bemerkenswert sind dabei weniger die Größenordnungen der Unterschiede bei den betrachteten Wahlen, die alles in allem eher moderat bleiben, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich die Richtung des Unterschieds im Zeitverlauf umdreht: Waren noch in den 1980er Jahren junge Männer wahlfreudiger als junge Frauen, gilt seit der Wahl 2017: Junge Frauen wählen häufiger als junge Männer. Für die Wahl 2025 liegen die entsprechenden Werte bei 80 Prozent (18- bis 24-jährige Frauen) gegenüber 77 Prozent (18- bis 24-jährige Männer).

Parteiwahl

Im nächsten Schritt wollen wir uns der Frage zuwenden, für welche Parteien junge Menschen stimmen. Stehen junge Menschen fester und stabiler an der Seite bestimmter Parteien als andere Altersgruppen, oder ist das gerade nicht der Fall? Sehen wir im Zeitverlauf bestimmte Trends oder eher punktuelle Hin- und Abwendungen von Wahl zu Wahl?

Ehe wir in die Diskussion der Ergebnisse einsteigen, ist an dieser Stelle eine „Vorwarnung“ nötig. Die Antworten auf diese Fragen hängen mitunter sehr von der gewählten Perspektive ab. Möglich ist etwa, dass eine Partei in der Gruppe älterer Menschen einen deutlich höheren Stimmenanteil erhält als in der Gruppe jüngerer Menschen. Heißt das, dass junge Menschen sich also von dieser Partei abgewendet haben? Vorsicht mit einer solchen Schlussfolgerung, denn es könnte zugleich der Fall sein, dass diese Partei von jungen Menschen mehr Stimmen bekommt als jede andere Partei. Nehmen wir etwa die Bundestagswahl 2013: Die Union hat damals von den 18- bis 24-Jährigen 31,6 Prozent der Zweitstimmen erhalten. Das war im Vergleich zu allen anderen Altersgruppen der niedrigste Unions-Anteil (zum Vergleich: In der Gruppe 60+ waren es 48,4 Prozent). Zugleich aber waren 31,6 Prozent der höchste Anteil einer einzelnen Partei in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen. Auf Platz 2 lag bei den 18- bis 24-Jährigen die SPD mit 24,5 Prozent – über sieben Prozentpunkte weniger als die Union. Die Union war also bei jungen Menschen die beliebteste Partei, und doch war sie in jeder anderen Altersgruppe noch beliebter als bei den Jüngsten.

Das im Kopf behaltend, betrachten wir zunächst für jede Partei deren Rückhalt in verschiedenen Altersgruppen, ehe wir anschließend simultan das Abschneiden aller Parteien innerhalb der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen in den Blick nehmen.

CDU/CSU

Im Vergleich des Wahlverhaltens verschiedener Altersgruppen steht mit CDU/CSU ein recht einfacher Fall am Anfang dieser Betrachtung. Die Union ist nämlich bei keiner Bundestagswahl seit 1972 eine Partei gewesen, die bei jungen Wähler:innen einen besonders starken Rückhalt im Vergleich zu älteren Altersgruppen hatte – im Gegenteil. In den zurückliegenden 50 Jahren hat die Union ohne Zweifel Höhen und Tiefen erlebt (Abbildung 3). Zugleich wird aus dem Vergleich der drei dargestellten Altersgruppen erkennbar, dass sich für diese Gruppen recht gleichförmige Bewegungen im Zeitverlauf ergeben, aber auf sehr unterschiedlichen Niveaus: Den stärksten Rückhalt hat die Union stets bei den Ältesten, den geringsten bei den Jüngsten. Zudem wurde die Lücke zu den Älteren im Zeitverlauf größer: Der Abstand zur Gruppe 60+ lag 2021 bei 22 und 2025 sogar bei annähernd 24 Prozentpunkten.

Die Union war und ist keine Partei der Jungen – und doch ist gerade bei ihr Vorsicht geboten: Denn trotz dieser Tatsache war bei den Bundestagswahlen 1983, 1990, 2009, 2013 und 2017 keine andere Partei bei den 18- bis 24-Jährigen so stark wie sie. Die Erklärung dafür liegt darin, dass sich die Stimmen der jüngsten Wähler:innen insgesamt deutlich anders verteilen als in älteren Gruppen, was wir unten nochmals genauer sehen werden.

SPD

Anders stellt sich das Bild für die SPD dar. Der höchste in Abbildung 4 ausgewiesene SPD-Stimmenanteil findet sich für die jüngste Wähler:innengruppe bei der Bundestagswahl 1972: 54,7 Prozent. Das waren damals für die SPD sieben Prozentpunkte mehr als in der nächstälteren und sogar 12,5 Prozentpunkte mehr als in der Gruppe 60+. Dieses Muster findet sich auch bei den Wahlen 1976 und 1980. Erst mit dem Regierungswechsel 1982 (und dem Aufkommen der Grünen, siehe dazu unten) ändert sich dieses Muster. Zwischen 1983 und 2005 finden wir insgesamt nur geringe Altersunterschiede für die Stimmenanteile der SPD.

Ein neues Bild zeigt sich ab der Bundestagswahl 2005; die SPD kommt seitdem immer weniger gut bei jüngeren Wähler:innen an. Schon 2009 tut sich erstmals eine entsprechende Lücke auf. Auch wenn es 2013 aus Sicht der SPD gelingt, diese wieder ein Stück weit zu schließen, so setzt danach eine weitere Erosion der Unterstützung der SPD bei jungen Wähler:innen ein. Dies schließt auch den Wahlsieg 2021 ein, der nicht auf ein Revival bei jungen Wähler:innen zurückzuführen ist. In langer Sicht jedenfalls sind von 1972 bis 2025 aus 12,5 Prozentpunkten Vorsprung bei den Jüngsten gegenüber den Ältesten elf Prozentpunkte Rückstand geworden.

FDP

Bislang haben wir eine stabil distanzierte Beziehung junger Menschen zur Union gesehen, bei der SPD einen Entfremdungsprozess. Bei der FDP sehen wir dagegen eher ein „On and Off“, wie Abbildung 5 zeigt. Insgesamt zeigen sich bei den Liberalen starke Schwankungen von Wahl zu Wahl, gerade auch bei Menschen unter 35. Traditionell ist der FDP-Rückhalt bei Menschen zwischen 25 und 34 stärker als bei den jüngsten Wähler:innen; in beiden Gruppen ist der Rückhalt aber höher als bei den Wähler:innen 60+. Für die Wahlen seit 2002 stechen zwei Dinge hervor: erstens die jeweils dramatischen Einbrüche bei den Wahlen 2013 und 2025, also nach den jeweiligen Regierungsbeteiligungen; zweitens das mit 20,5 Prozent für FDP-Verhältnisse extrem gute Abschneiden bei den 18- bis 24-jährigen Wähler:innen (und wie wir unten sehen werden: insbesondere Wählern) bei der Wahl 2021. Von diesem jugendlichen Boost bleibt aber 2025 nichts übrig; die Altersunterschiede sind 2025 praktisch komplett verschwunden.

Am Beispiel der FDP bei der Bundestagswahl 2021 lässt sich ein strategisches Dilemma illustrieren, das sich aus der gemeinsamen Betrachtung von Stimmenanteilen und den Größenverhältnissen verschiedener Altersgruppen zueinander ergibt. Die Stimmenanteile der FDP bei der Wahl 2021 in den fünf hier betrachteten Altersgruppen lagen bei 20,5 (18–24), 14,9 (25–34), 12,4 (35–44), 11,3 (45–59) sowie 8,3 Prozent (60+). Man könnte somit denken, die FDP-Wählerschaft habe 2021 vor allem aus jungen Menschen bestanden. Dem ist aber nicht so, weil die jüngeren Altersgruppen im Größenvergleich relativ klein sind. Schaut man sich die Zusammensetzung der FDP-Wähler:innen bei der Wahl 2021 nach ihrem Alter an, so findet man stattdessen: 13,5 Prozent aller FDP-Wähler:innen waren zwischen 18 und 24 Jahre alt, 16,4 Prozent zwischen 25 und 34. Zusammengenommen waren somit nur 29,9 Prozent der FDP-Wähler:innen unter 35 Jahre alt. Zwischen 35 und 59 Jahre alt waren 41,6 Prozent, und 60+ waren 28,5 Prozent. Im Lichte dessen wird deutlich: Eine Partei, die in der Gruppe junger Menschen sehr gut abschneidet, kann schon aus Eigeninteresse nicht nur Politik für diese jungen Menschen machen, weil diese Gruppe zu wenig zum Gesamterfolg einer Partei beiträgt.

Grüne

Wiederum anders stellt sich das Bild für die Grünen dar. Über lange Zeit hinweg sehen wir ein zur Union spiegelbildliches Muster. Der Rückhalt der Grünen ist nämlich bei Wähler:innen 60+ sehr gering, wohingegen die Partei bei den jüngsten Wähler:innen auf deutlich stärkeren Rückhalt zählen kann (Abbildung 6). Die Lücke zwischen den Stimmenanteilen bei den Jüngsten im Vergleich zu den Ältesten schwankt dabei von 1980 bis 2021 zwischen 4,4 und 15 Prozentpunkten. Das ist durchaus bemerkenswert, da es sich bei jeder neuen Wahl auch immer um neue „jüngste“ Wähler:innen handelt – und die Grünen diese trotzdem immer wieder aufs Neue überzeugen können. Auch im Vergleich zur Gruppe der 25- bis 34-Jährigen liegen die Werte bei den Jüngsten zumeist (etwas) höher, wobei sich letztlich für beide Gruppen (18–24, 25–34) im Zeitverlauf sehr ähnliche Muster zeigen. Ihren Rekordwert in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen erreichen die Grünen bei der Wahl 2021 mit 24 Prozent. 2021 sind sie bei den jüngsten Wähler:innen damit auch die stärkste politische Kraft im Vergleich zu allen anderen Parteien. Zwischen 2021 und 2025 aber stürzen die Grünen bei den Jüngsten ab: Ihr Ergebnis halbiert sich von 24 auf 12 Prozent. Dieses Abschmelzen führt auch dazu, dass sich für die Wahl 2025 nur noch geringe Altersunterschiede finden.

Ruft man sich an dieser Stelle nochmals die Ergebnisse für Union, SPD, FDP und Grüne in Erinnerung, so wird insgesamt deutlich: Für ihre Regierungsbeteiligungen zahlen die jeweiligen Parteien gerade bei den Jüngsten einen hohen Preis, ihre Stimmenanteile gehen dort mitunter dramatisch zurück. Wenig positive Erfahrungen mit den jeweiligen Regierungen, keine längerfristigen (positiveren) Erfahrungen mit diesen Parteien und nur schwach ausgeprägte affektive Parteibindungen bei einem insgesamt breiteren Angebot führen offenkundig dazu, dass sich junge Menschen rasch von Regierungsparteien ab- und anderen Parteien zuwenden.

PDS/Linke

Die Linke hat genau davon 2025 immens profitiert und extrem stark bei den jüngsten Wähler:innen abgeschnitten (Abbildung 7). Das ist durchaus bemerkenswert, weil sich für die Wahlen von 1990 bis 2013 kaum Unterschiede hinsichtlich des Rückhalts der Linken in den verschiedenen Altersgruppen ausmachen lassen. Mit den Wahlen 2017 und 2021 deutet sich das Erstarken der Linken gerade bei den jüngsten Altersgruppen zwar schon an, 2025 aber nimmt sie in einem bis dato nicht gekannten Maße zu und schießt in der jüngsten Altersgruppe von 7,8 auf 27,3 Prozent nach oben. Im Ergebnis resultieren für die Wahl 2025 somit große Abstände zwischen den jüngsten und den anderen Wähler:innengruppen. 2025 ist die Linke in der Gruppe der 18- bis 24-jährigen Wähler:innen auch klar die stärkste Partei insgesamt.

AfD

Viel ist in der jüngeren Vergangenheit zum Zusammenhang zwischen Alter und AfD-Wahl öffentlich diskutiert worden – oft mit dem Unterton, vor allem junge Menschen seien für den Aufstieg der AfD verantwortlich. Schon im Lichte der hier eingangs diskutierten Größenverhältnisse verschiedener Altersgruppen zueinander ergeben solche Argumente allerdings nur bedingt Sinn. Gleichwohl zeigt Abbildung 8, dass der Rückhalt der AfD auch bei jungen Wähler:innen in der jüngeren Vergangenheit zugenommen hat. Lagen die jeweiligen Stimmenanteile in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen bei den Wahlen 2017 und 2021 noch niedriger als in der Gruppe 60+ und erst recht als in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen, so hat die AfD 2025 auch bei den Jüngsten deutlich an Rückhalt gewonnen. Anders als noch 2017 und 2021 schneidet die AfD bei den Jüngsten besser ab als bei den Ältesten. Was die Grafik allerdings nicht zeigt, ist der am stärksten ausgeprägte Rückhalt der AfD in den Altersgruppen von 35 bis 44 sowie von 45 bis 59 Jahren. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die AfD in der Gruppe junger Männer 2025 die stärkste politische Kraft insgesamt war und dort mehr Stimmen holte als jede andere Partei.

Sonstige Parteien

Sonstige Parteien spielen in der Analyse und Diskussion rund um Wahlen häufig nur eine Nebenrolle. Wenn es um das Wahlverhalten junger Menschen geht, sollte das aber nicht der Fall sein. Ein Blick auf Abbildung 9 zeigt nämlich einen zunehmend deutlicher zutage tretenden Trend bei jungen Menschen, ihre Stimmen (auch) sonstigen Parteien – und das sind alle Parteien, die hier bislang nicht diskutiert wurden – zu geben. Der Beginn dieser Entwicklung reicht bis in die späten 1980er Jahre zurück und ist zumeist vor allem bei den jüngsten Wähler:innen zu beobachten, mit Abstrichen auch bei der nächst älteren Gruppe. Die resultierenden Stimmenanteile erreichen dabei mitunter Größenordnungen von bis zu 15 Prozent. Gerade der Unterschied zur Altersgruppe 60+ ist dabei über längere Zeiträume hinweg bemerkenswert groß, was vor allem daran liegt, dass ältere Wähler:innen noch bis zur Wahl 2017 praktisch keine sonstigen Parteien gewählt haben. Das ändert sich erst bei den jüngsten Wahlen, weswegen dort auch die Lücke zwischen Jung und Alt wieder etwas kleiner ausfällt.

Wirft man schließlich für die Bundestagswahl 2025 einen Blick speziell auf das BSW, so finden wir einen BSW-Stimmenanteil von jeweils 5,7 Prozent in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sowie der 25- bis 34-Jährigen, während er mit 4,4 Prozent in der Gruppe 60+ geringer ausfällt.

Hohe Volatilität und Zersplitterung

In der bisherigen Betrachtung haben wir sehr unterschiedliche Beziehungen junger Menschen zu den einzelnen Parteien gesehen, zugleich auch bemerkenswerte Verschiebungen im Zeitverlauf. Gerade in der jüngeren Vergangenheit hat sich vor allem gezeigt, dass sich die jüngste Wähler:innengruppe sehr rasch und deutlich von Regierungsparteien abgewandt und offen für Neues gezeigt hat. Der vereinzelte Blick auf Parteien hat allerdings den Nachteil, dass sich eine Gesamtschau auf das Verhältnis junger Menschen zum Parteiensystem insgesamt bestenfalls implizit ergibt. Diese Gesamtschau wollen wir nun im letzten Analyseschritt leisten, einschließlich einer Betrachtung möglicher Geschlechterunterschiede.

In Abbildung 10 wird deutlich, dass sich aus einem noch recht sortierten Feld in den 1970er Jahren etwas sehr Unübersichtliches entwickelt hat. Zugleich bilden sich auch Geschlechterunterschiede erst im Laufe der Zeit deutlich heraus, die zunächst ebenfalls nicht zu beobachten waren.

Die Ausgangslage ist dabei klar: In den 1970er Jahren ist die SPD die mit Abstand stärkste Kraft und gewinnt 1972 über 50 Prozent der Zweitstimmen in der jüngsten Wähler:innengruppe. So bemerkenswert diese absolute Mehrheit für die SPD ist: Selbst zu diesem Zeitpunkt steht „nur“ rund die Hälfte junger Menschen hinter einer einzigen Partei, während die andere Hälfte sich auf Union, FDP und sonstige Parteien verteilt. Selbst für die Wahl 1972, die die klarste Dominanz einer einzelnen Partei in der Gruppe junger Wähler:innen markiert, gibt es nicht das Wahlverhalten der jungen Menschen. Vielmehr erweisen sich junge Menschen als sehr heterogene Gruppe, die ihre Stimmen über das gesamte Parteiensystem hinweg verteilt.

Dies gilt umso mehr mit den einsetzenden Veränderungen, die sich seitdem ergeben haben. Die ersten bemerkenswerten Verschiebungen zeigen sich rund um die Bundestagwahl 1983. Die SPD fällt bei den jüngsten Wähler:innen hinter die Union zurück; zugleich erreichen die Grünen erstmals zweistellige Werte in dieser Gruppe – zwei unmittelbar miteinander verwobene Entwicklungen. In der Folgezeit wechseln sich Union und SPD als stärkste Kraft in der jüngsten Wähler:innengruppe ab; mal liegt die SPD vorn (1987, 2002, 2005), mal die Union (1990, 2009, 2013, 2017), wobei sich mitunter nochmals Unterschiede zwischen Männern und Frauen ergeben. Wahlsiege der jeweiligen Partei insgesamt schlagen dabei offenkundig gerade in der jüngsten Wähler:innengruppe durch – erneut ein Zeichen für stärkere situative Einflüsse auf diese Gruppe.

Gleichzeitig zeigt die Abbildung auch sehr eindrücklich den nachlassenden Rückhalt beider Volksparteien in der Gruppe der jüngsten Wähler:innen. Ihr gemeinsamer Anteil illustriert dies sehr deutlich: 90 Prozent bei der Wahl 1972, 70 Prozent bei der Wahl 1990, keine 25 Prozent mehr bei der Wahl 2025. Seit 2021 sind auch jeweils andere Parteien jenseits von Union und SPD die stärksten Kräfte in der jüngsten Wähler:innengruppe.

Von der Schwäche der Volksparteien profitieren andere Parteien, wenn auch nicht unbedingt in einer immer gleichen Weise. Die hohen Werte der Grünen 1987 konnte die Partei in der Folge lange Zeit nicht wieder erreichen; auch für FDP, Linke und AfD zeigen sich Höhen und Tiefen. Klare, stabile Muster zeigen sich jedenfalls nicht, was sich auch darin manifestiert, dass 2021 die Grünen auf Platz 1 bei den Jüngsten lagen, gefolgt von der FDP, 2025 dagegen die Linke gefolgt von der AfD. Dass sich junge Menschen gemeinsam als homogene Gruppe hinter einer immer gleichen Partei versammeln, galt schon 1972 nicht. Aber heutzutage gilt es noch viel weniger. Sie versammeln sich hinter sehr vielen Parteien, und das noch dazu von Wahl zu Wahl in anderer Art und Weise. Das kann man gut finden, weil junge Menschen offenkundig auf situative Anreize reagieren und sich entsprechend von bestimmten Parteien (vor allem Regierungsparteien) ab- und anderen Parteien zuwenden. Für die Vertretung der Interessen junger Menschen ist es aber ein großes Problem. Die Gruppe junger Wähler:innen ist ohnehin nicht sehr groß, wie wir eingangs gesehen haben; noch dazu ist sie sehr flüchtig – welche Partei sollte also gezielt für ihre Interesse kämpfen?

Die wachsende Heterogenität im Wahlverhalten junger Menschen zeigt sich auch, wenn man Geschlechterunterschiede in den Blick nimmt. Solche Unterschiede gab es bis 1990 praktisch nicht. Seitdem aber nehmen sie deutlich zu. Zu Zeiten Gerhard Schröders standen junge Frauen eher hinter der SPD als junge Männer, zu Zeiten Angela Merkels war es ähnlich bei der Union: Gerade junge Frauen unterstützen die Merkel-CDU mehr als junge Männer. Auch für die Grünen bildet sich sukzessive das Muster heraus, dass sie von jungen Frauen stärker unterstützt werden als von jungen Männern. Spiegelbildlich verhält es sich bei der FDP. Letzteres kulminiert bei der Wahl 2021 darin, dass die Liberalen bei jungen Männern die mit Abstand meisten Stimmen erhalten, während die Grünen bei jungen Frauen klar auf Platz 1 liegen. Als nachhaltig hat sich aber auch dieses Muster nicht erwiesen. 2025 lag die AfD bei jungen Männern recht klar auf Platz 1, gefolgt von der Linken und der Union.

Bemerkenswert ist das Muster 2025 für junge Frauen: Die Linke erzielt hier 37 Prozent der Stimmen und liegt damit rund 25 Prozentpunkte vor AfD, Grünen, SPD und Union, die alle zwischen zehn und zwölf Prozent erreichen. So dominant wie die Linke bei den jungen Frauen im Jahr 2025 war lange keine Partei mehr in der Gruppe der Jüngsten. Vieles ist in dieser Gruppe möglich – auch dass eine Partei bei einer Wahl so stark wird.

Fazit und Ausblick

Die Wahltagsrelevanz junger Menschen war schon 1972 nicht sehr hoch und ist seitdem nochmals deutlich geringer geworden. Die Gruppe junger Wähler:innen ist im betrachteten Zeitraum deutlich kleiner geworden. Auch ihre Wahlbeteiligungsraten sind durchweg geringer als in älteren Wähler:innengruppen. Schließlich erweist sich das Wahlverhalten junger Menschen auch als zunehmend flüchtig und volatil. Wenn sich aber junge Menschen bei jeder Wahl anderen Parteien zuwenden, macht das die Vertretung ihrer Interessen immer schwieriger. Eine Abwärtsspirale droht. Diese könnte man als wenig relevant abtun, handelt es sich doch nur um eine kleine Gruppe. Aber zugleich bilden sich hier bei den Jüngsten Muster im Wahlverhalten aus, die noch über Jahrzehnte Wahlen in Deutschland beeinflussen werden. Man kann daher nur an die Parteien appellieren, diese Gruppe nicht aus dem Blick zu verlieren, auch wenn das kurzfristige parteistrategische Interesse an dieser Gruppe immer kleiner wird.

ist Professor für Politische Soziologie der Bundesrepublik Deutschland am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.