Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine junge Frau sagt die Einladung zur Geburtstagsparty ihrer Freundin ab – nicht, weil sie keine Lust hat, sondern weil ihr das Geld für Geschenk und Fahrkarte fehlt. Sie denkt sich eine Ausrede aus, um nicht darüber sprechen zu müssen. Oder diese: Ein kleiner Junge schaut seine Erzieherin still an, als sie fragt, wo er in den Ferien gewesen sei. Er sagt nichts. Aber es wird nicht lange dauern, bis auch er gelernt hat, eine Ausrede dafür zu finden, warum er aus Geldmangel nirgendwohin gefahren ist. In einem der reichsten Länder der Welt gehören solche Geschichten zum Alltag von rund drei Millionen Kindern und Jugendlichen. Ihnen bleiben viele Chancen vorenthalten, weil sie in von relativer Armut betroffenen Familien aufwachsen. Ihre Lebensverläufe unterscheiden sich oft drastisch von denen junger Menschen aus finanziell stabilen Familien – mit Folgen, die weit über persönliche Schicksale hinausreichen: Ihr ungenutztes Potenzial ist nicht nur für die Betroffenen schmerzhaft, es ist ein Verlust für uns alle.
Ich bin als Armutsforscherin auf Kinder- und Jugendarmut spezialisiert. Durch Forschung, Evaluation von Modellprojekten, politische Stellungnahmen, Vorträge und Qualifizierung von Fachkräften setze ich mich dafür ein, irreführende Stereotype zum Thema Armut aufzubrechen, die gesellschaftlichen Folgen sichtbar zu machen und Wege für ein armutssensibles Handeln sowohl für Entscheidungsträger*innen als auch für Praktiker*innen aufzuzeigen. Um die Erkenntnisse aus der Armutsforschung greifbarer zu machen, lade ich Sie im Folgenden zu einem Fakten- und Lebenslagencheck ein: Sie können dadurch Ihr Wissen über Armut überprüfen, es strukturieren und gegebenenfalls aktualisieren.
Faktencheck: Wovon sprechen wir?
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beantworten anschließend für sich die folgenden Fragen:
Wie würden Sie Armut definieren? Woran denken Sie zuerst, wenn Sie an Armut denken?
Schätzen Sie: Wie viele Menschen in Deutschland sind von Armut betroffen? Und in welchem Alter sind Menschen am häufigsten von Armut bedroht?
Welche Faktoren begünstigen Armut? Schreiben Sie jeweils drei Ursachen und Folgen von (Kinder-)Armut auf.
Ihre Annahmen können Sie nun mit einigen Erkenntnissen aus der Armutsforschung abgleichen, die ich in acht Punkten darlege. Direkt darauf folgt nach einem ähnlichen Muster ein Lebenslagencheck.
Erstens: Für Betroffene ist Armut ein prägender Lebensumstand; für die Gesellschaft ist sie ein ungelöstes strukturelles Problem. Die Teilnehmenden meiner Veranstaltungen zum Thema „Armutssensibles Handeln“ verbinden Armut häufig mit Aspekten wie Ausgrenzung, geringem Einkommen, Scham, psychischer Belastung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, schlechteren Bildungschancen, Einsamkeit, Wohnungslosigkeit, Diskriminierung und anderem mehr. Dabei werden sowohl Ursachen als auch Folgen der Armut häufig der einzelnen Person zugeschrieben, statt sie als ein politisches Problem zu beschreiben. Tatsächlich kann Armut aus Sicht der Betroffenen als eine kontinuierliche finanzielle Unterversorgung verstanden werden, die mit zahlreichen Benachteiligungen und Einschränkungen einhergeht. Dennoch ist Armut auf der gesellschaftlichen Ebene ein strukturelles Problem, das sich auf unterschiedliche Bereiche negativ auswirken kann.
Zweitens: Wie Armut definiert und gemessen wird, ist eine politische Entscheidung. Auch wenn Sie sich mit dem Thema Armut nicht beruflich beschäftigen, sind Ihnen vermutlich zwei Armutsbegriffe bekannt, und zwar absolute und relative Armut. Als Grenze der absoluten oder extremen Armut hat die Weltbank 2,15 US-Dollar pro Tag bestimmt – es handelt sich dabei um ein kaufkraftbereinigtes finanzielles Minimum, um für eine Person lebensnotwendige Grundbedürfnisse zu decken. Das Konzept der relativen Armut hingegen verdeutlicht, dass Armut in wohlhabenden Gesellschaften nicht erst bei existenzieller Not beginnt, sondern auch Ausschluss oder mangelnde Teilhabe bedeuten kann. Als armutsgefährdet gelten in der EU „Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, daß sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum hinnehmbar ist“.
Es gibt weitere Definitionen: Unter die sogenannte sozialstaatliche Armutsdefinition fallen Personen, die Leistungen zur Grundsicherung wie Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen. Diese Personen werden vor allem von Wissenschaftler*innen und Fachkräften als arm bezeichnet, um auf die Lebenslagen jener Menschen aufmerksam zu machen, deren Existenzminimum zwar durch staatliche Leistungen gesichert ist, die jedoch über nur sehr eingeschränkte finanzielle Mittel für gesunde Ernährung oder soziale und kulturelle Teilhabe verfügen. Zusätzlich gibt es alternative Definitionen, die nicht an bestimmte Einkommensgrenzen gebunden sind. Hier sind etwa der Ressourcenansatz, der Deprivationsansatz, der Capability Approach oder der Lebenslagenansatz zu nennen, die Armut primär als eine Form der Unterversorgung verstehen – sei es mit Blick auf materielle Güter oder Teilhabemöglichkeiten. Dazu unten mehr.
Schon diese wenigen Ausführungen zeigen: „Die Festlegung von Armuts- oder Armutsrisikogrenzen beruht immer auf Werturteilen“ – und zwar unabhängig davon, ob einer Definition eine konkrete Einkommensgrenze zugrunde liegt oder nicht.
Drittens: Kinder- und Jugendarmut ist vor allem familiäre Einkommensarmut. Da junge Menschen in Deutschland mehrheitlich in familiärem Kontext aufwachsen, kann ihre Situation nicht von der Situation ihrer Familien entkoppelt betrachtet werden. Daher ist es präziser, nicht allein von „armen Kindern“ zu schreiben, sondern von Kindern und Jugendlichen, die in armen Familien aufwachsen. Kinderarmut ist mehr als ein Mangel an Geld: Sie ist Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheit, verbunden mit eingeschränkten Bildungs- und Teilhabechancen, schlechterer gesundheitlicher Versorgung und häufig auch mit Stigmatisierung. (Kinder-)Armut ist also nicht nur eine statistische Frage – es geht um reale Leben, um Zukunftsaussichten beziehungsweise den Mangel daran.
Viertens: Je nach Definition und Datengrundlage variiert die Zahl der von relativer Armut bedrohten Menschen. Die amtliche Hauptdatenquelle für die Messung von Armutsgefährdung und Lebensbedingungen in Deutschland und der EU ist die Europäische Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). In Deutschland ist die Erhebung seit 2020 als Unterstichprobe in den Mikrozensus integriert; demnach waren 2023 etwa 14,3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland armutsgefährdet.
Fünftens: Junge Erwachsene sind besonders armutsgefährdet. In meinen Veranstaltungen gehen die meisten Teilnehmenden davon aus, dass in Deutschland vor allem ältere Menschen von Armut betroffen sind. Diese Einschätzung ist nachvollziehbar: In absoluten Zahlen sind mehr alte als junge Menschen von Armut bedroht; allerdings liegt das allein daran, dass die Gruppe der über 65-Jährigen mit rund 19 Millionen deutlich größer ist als die Gruppen der 18- bis 25-Jährigen (etwa 6 Millionen) oder der unter 18-Jährigen (unter 14 Millionen). Blickt man aber auf den Anteil der Armutsgefährdeten innerhalb dieser Gruppen, ergibt sich ein anderes Bild, wonach das Risiko bei jungen Erwachsenen am höchsten ist: Jede vierte Person zwischen 18 und 25 Jahren ist von Armut gefährdet; bei den über 65-Jährigen ist es „nur“ knapp jede sechste. Während Altersarmut häufiger sichtbar und als dauerhaft wahrgenommen wird, bleibt Armut im jungen Erwachsenenalter oft unbemerkt und wird in der Öffentlichkeit unterschätzt.
Sechstens: Wer in einem Ein-Eltern-Haushalt lebt, einen Migrationshintergrund oder ein niedriges Qualifikationsniveau hat, ist einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als andere. 41 Prozent der Ein-Eltern-Familien in Deutschland sind armutsgefährdet – das ist fünfmal so häufig wie bei Paarfamilien mit einem Kind. Das Armutsrisiko steigt allerdings auch bei kinderreichen Paaren: Von Familien mit drei oder mehr Kindern ist fast jede dritte armutsgefährdet. Menschen mit Migrationshintergrund sind zu 28 Prozent von Armut bedroht, während es bei Menschen ohne Migrationshintergrund nur 12 Prozent sind. Das höhere Armutsrisiko lässt sich jedoch weniger auf den Migrationshintergrund selbst zurückführen als vielmehr auf strukturelle Nachteile wie geringere Bildungsabschlüsse und schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein weiteres zentrales Armutsrisiko ist ein niedriges Qualifikationsniveau: 32 Prozent der Personen mit geringer formaler Bildung sind armutsgefährdet; dies ist erheblich häufiger als bei Menschen mit mittlerer Qualifikation (13 Prozent) oder Menschen mit hoher Qualifikation (8 Prozent).
Die Analyse von Risikofaktoren für Armut ist wichtig, um strukturelle Armutsursachen besser zu verstehen. Ergänzend dazu bietet der Blick auf die soziodemografische Zusammensetzung der von Armut betroffenen Menschen eine weitere wichtige Perspektive. Im Ergebnis wird deutlich, dass Armut ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist und kein Randproblem einzelner Gruppen.
Siebtens: „Die Armen“ gibt es nicht; es handelt sich um eine große heterogene Gruppe. Betrachtet man die über 14 Millionen Menschen, die in Deutschland von Armut bedroht sind, nach ausgewählten soziodemografischen Faktoren, so ergibt sich eine nach Alter, Geschlecht, Familienformen, Qualifikationsniveaus, Erwerbsstatus und Migrationshintergrund äußerst heterogene Gruppe. Insgesamt gehören knapp 60 Prozent der Betroffenen zur Altersgruppe unter 50 Jahren. Auffällig bei den armutsgefährdeten Haushaltstypen ist der hohe Anteil von Einpersonenhaushalten (34 Prozent). Mit 50,3 Prozent ist die Gruppe von Menschen ohne Migrationshintergrund geringfügig größer als die mit Migrationshintergrund. Knapp über ein Viertel ist trotz Erwerbstätigkeit armutsgefährdet (sogenannte working poor); den größten Anteil bilden jedoch Nichterwerbspersonen mit rund 70 Prozent, darunter Rentner*innen sowie Kinder und Jugendliche. Der Anteil der Erwerbslosen liegt bei 5 Prozent. Wenn Sie also hören, man solle Menschen auf den Arbeitsmarkt bringen, um Armut zu bekämpfen, sollten Sie skeptisch werden: Denn mit der Arbeitsmarktintegration allein lässt sich das Problem der Armut nicht lösen.
Auch nach Qualifikationsniveau ergibt sich ein differenziertes Bild: Auch wenn rund 40 Prozent der von Armut bedrohten Menschen über ein niedriges Qualifikationsniveau verfügen, liegt mehrheitlich ein mittleres (45 Prozent) oder hohes (16 Prozent) Qualifikationsniveau vor. Dies zeigt, wie problematisch politische Rhetorik und Stereotype sind, die Armut pauschal mit schlechten kognitiven Leistungen in Verbindung bringen („Arme Menschen treffen schlechte Entscheidungen“, „Arme Leute sind bildungsfern“). Sie basieren auf vereinfachenden und oft diskriminierenden Annahmen, die weder den komplexen Ursachen von Armut noch den vielfältigen Fähigkeiten armutsbedrohter Menschen gerecht werden.
Achtens: Armutsursachen sind vielfältig. Um Armut als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu verstehen, ist eine Unterscheidung zwischen Auslösern und Ursachen von Armut notwendig. Potenzielle Armutsauslöser sind Lebensereignisse wie der Tod des Partners oder eines Elternteils, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung, die Menschen von heute auf morgen in finanzielle Not bringen können. Armutsursachen hingegen sind strukturell bedingt.
Die aktuellen Rahmenbedingungen – insbesondere in der Arbeitsmarkt-, Steuer- und Familienpolitik – wirken sich häufig nachteilig auf Familien mit Kindern aus. So berücksichtigt das System des Familienlastenausgleichs nicht ausreichend die Kinderzahl bei der Erhebung von Sozialabgaben. Das führt dazu, dass selbst Familien mit Durchschnittseinkommen nach Abzügen unter das Existenzminimum fallen und auf staatliche Leistungen wie den Kinderzuschlag angewiesen sind. Trotz wachsender Inanspruchnahme wird diese staatliche Mindestsicherungsleistung nach Einschätzungen von Forscher*innen von einem überwiegenden Anteil der berechtigten Kinder nicht genutzt – unter anderem aufgrund mangelnder Information, bürokratischer Hürden, komplizierter Anträge und enger Einkommensgrenzen.
Kinder- und Jugendarmut ist kein individuelles Versagen. Prekäre Beschäftigung, Niedriglöhne und fehlende Aufstiegsperspektiven betreffen viele Familien, besonders Ein-Eltern-Haushalte. Transferleistungen wie das Bürgergeld reichen oft nicht aus, um Kinderarmut zu verhindern. Leistungen für Bildung und Teilhabe erreichen viele Familien nicht, und hohe Mieten verschlingen bei vielen einen Großteil des Einkommens. In vielen Städten leben armutsbetroffene Familien in beengten, teils gesundheitsgefährdenden Wohnverhältnissen. Alle diese Faktoren tragen dazu bei, dass die Armutsgefährdungsquote in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nach MZ-Kern bei rund 21 Prozent verharrt.
Lebenslagencheck: Wie bin ich aufgewachsen?
Kommen wir zu den Folgen von Armut, die bei den Betroffenen in der Regel in alle Lebensbereiche hineinreichen. Um dies für Kinder und Jugendliche systematisch zu erfassen, hat das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik zwischen 1997 und 2021 eine Langzeitstudie zur Lebenssituation und Lebenslage von (armen) Kindern erstellt (AWO-ISS Langzeitstudie). Dabei wurde in Anlehnung an den Lebenslagenansatz erstmals ein kindbezogenes Armutskonzept erprobt und laufend fortentwickelt.
Bevor die Erkenntnisse daraus vertieft thematisiert werden, haben Sie nun zunächst die Gelegenheit, einen Lebenslagencheck zu machen: Mit den folgenden Aussagen lade ich Sie ein, sich mit den verschiedenen Formen von Armut im Sinne des Lebenslagenansatzes auseinanderzusetzen und sich der eigenen positiven und negativen Lebenserfahrungen bewusst zu werden.
Der Lebenslagenansatz berücksichtigt vier Dimensionen: die materielle, soziale, kulturelle und gesundheitliche Lage. Es ist gut möglich, dass Sie als junger Mensch in einigen Bereichen gut abgesichert waren, während Sie in anderen Nachteilen ausgesetzt waren. Dies ist keineswegs widersprüchlich. Das mehrdimensionale Modell erfasst Armutsfolgen differenziert und fasst sie in drei Lebenslagentypen zusammen: Wohlergehen, Benachteiligung und multiple Deprivation. Wohlergehen liegt vor, wenn in allen vier Dimensionen keine Einschränkungen vorliegen. Benachteiligung wird festgestellt, wenn es in ein oder zwei Dimensionen gravierende Einschränkungen gibt. Ist das in drei oder allen vier Dimensionen der Fall, spricht man von multipler Deprivation.
Aussagen zur materiellen Lage: a) Als junger Mensch wohnte ich in einer ausreichend großen Wohnung und hatte mein eigenes Zimmer. b) Wir konnten uns in der Familie immer die Lebensmittel kaufen, die wir mochten. c) Meine Familie hatte immer finanzielle Rücklagen, um kaputte oder abgenutzte Möbel oder Haushaltsgeräte zu ersetzen. d) Als junger Mensch konnte ich jedes Jahr mindestens eine einwöchige Urlaubsreise machen.
Aussagen zur sozialen Lage: a) Ich konnte immer Freund*innen nach Hause einladen oder bei ihnen übernachten. b) Als junger Mensch hatte ich einen festen Freundeskreis, mit dem ich zufrieden war. c) Ich hatte immer mindestens eine erwachsene Person, mit der ich über persönliche Probleme und Sorgen sprechen konnte. d) In meiner Jugendzeit kamen ich und meine Eltern/Familie gut miteinander klar.
Aussagen zur kulturellen Lage: a) Ich habe mal an einem Schüler*innenaustausch oder einer Sprachreise teilgenommen. b) Ich war mit meiner Familie ab und an im Konzert, Theater oder Museum. c) Wenn ich Hilfe brauchte, konnten mir meine Eltern regelmäßig bei den Hausaufgaben helfen oder Nachhilfe für mich organisieren. d) Nach dem Schulabschluss konnte ich mich frei für eine Ausbildung oder ein Studium meiner Wahl entscheiden.
Aussagen zur gesundheitlichen Lage: a) Als junger Mensch hatte ich keine chronischen Erkrankungen oder körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen. b) Auch in schwierigen Lebenssituationen wusste ich, dass ich diese gut meistern und die benötigte Unterstützung erhalten würde. c) Als junger Mensch brauchte ich keine professionelle Unterstützung aufgrund Alkohol- oder Drogenkonsums. d) Als junger Mensch habe ich mindestens einmal am Tag warmes Essen und frisches Obst oder Gemüse gegessen.
Falls Sie die meisten Aussagen für sich bestätigen können, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lebenslagentyp Wohlergehen aufgewachsen. Jugendliche aus nicht armen Familien wachsen deutlich häufiger unter diesen günstigen Bedingungen auf als jene aus armutsbetroffenen Haushalten (39 vs. 19 Prozent, Stand 2009/10). Umgekehrt ist das Risiko, in multipler Deprivation aufzuwachsen, bei Jugendlichen aus armen Familien deutlich erhöht (37 vs. 11 Prozent). Am häufigsten jedoch wachsen Kinder im Lebenslagentyp Benachteiligung auf – unabhängig vom Einkommen der Eltern (arm: 44 Prozent, nicht arm: 51 Prozent).
In der frühen Kindheit gelingt es vielen Familien noch, (mögliche) Einschränkungen im Leben ihrer Kinder teilweise aufzufangen, etwa durch Verzicht bei eigenen Bedürfnissen. Spätestens mit dem Übergang in die weiterführende Schule wird Armut für die betroffenen Jugendlichen jedoch zunehmend sichtbar und spürbar – durch Erfahrungen von Ausgrenzung, Stigmatisierung, Scham und Mobbing. Das Bedürfnis, mithalten zu können, bleibt dabei häufig unerfüllt und schlägt nicht selten in ein Gefühl um, nicht Teil der Gesellschaft zu sein oder sein zu wollen.
Was macht Armut mit jungen Menschen?
Bei der Analyse von Armutsfolgen ist zu beachten, dass empirische Studien in der Regel mit Durchschnittswerten arbeiten, durch die Unterschiede zwischen Gruppen – etwa armen und nicht armen Menschen – abgebildet werden. Wird dieser Kontext nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, die Befunde zu übergeneralisierten Aussagen zu verdichten, was stereotype Vorstellungen über Armut verfestigen kann. Tatsächlich variieren die Erfahrungen armutsbetroffener Menschen deutlich: Einschränkungen betreffen unterschiedliche Lebensbereiche in unterschiedlichem Ausmaß. Problematisch wird es dort, wo sich Benachteiligungen häufen und gegenseitig verstärken. Genau hier liegt eine Stärke der AWO-ISS-Langzeitstudie: Durch das Paneldesign, bei dem dieselben Kinder vom 6. bis zum 25. Lebensjahr wiederholt befragt wurden, lassen sich Entwicklungsverläufe und wechselseitige Zusammenhänge über längere Zeiträume hinweg differenziert analysieren. Nachfolgend einige Erkenntnisse darüber, wie es sich auf das Leben von 25-Jährigen auswirkt, ob sie im Laufe ihrer Kindheit und Jugend Armut erfahren haben oder nicht.
Hinsichtlich der materiellen Lage lässt sich feststellen, dass das Leben junger Menschen mit Armutserfahrungen auch im jungen Erwachsenenalter noch von zahlreichen Entbehrungen und Einschränkungen geprägt ist. Ihre Situation ist vielfach mit einer mangelhaften Grundversorgung an Ernährung und Kleidung verbunden. Sie leben häufiger in beengten Wohnverhältnissen als finanziell bessergestellte Gleichaltrige. Finanzielle Rücklagen sind selten vorhanden. Möglichkeiten bei der Freizeitgestaltung und Erholung sind eingeschränkt, weil das nötige Geld fehlt – Gleiches gilt für Urlaube und Ausflüge. Gravierende Einschränkungen aufgrund von knappen finanziellen Ressourcen prägen den Alltag von rund einem Drittel der von Armut betroffenen jungen Menschen.
Auch im sozialen Bereich zeigen sich bei jungen Menschen mit Armutserfahrungen auffällige Belastungen. Viele sind mit mehrfachen familiären Problemen aufgewachsen – etwa Sucht oder psychischen Erkrankungen der Eltern. Entsprechend sind sie im jungen Erwachsenenalter im Durchschnitt häufiger unzufrieden mit ihren familiären Beziehungen. Auch wenn die meisten mindestens eine enge Freundschaft pflegen, bewerten sie ihr soziales Netz insgesamt als weniger unterstützend und verfügen seltener über funktionale Ressourcen in Krisensituationen. Bei knapp einem Viertel häufen sich die sozialen Benachteiligungen bis zum 25. Lebensjahr so stark, dass von sozialer Ausgrenzung gesprochen werden kann.
Im kulturellen Bereich zeigt sich vor allem die Bildungsbenachteiligung junger Menschen mit Armutserfahrungen. Bis zum 25. Lebensjahr erreichen sie im Durchschnitt deutlich schlechtere Schulabschlüsse, verfügen häufiger über keine berufliche Ausbildung oder einen Studienabschluss und nehmen Angebote nonformaler und informeller Bildung – wie Auslandsaufenthalte oder Studienreisen – kaum wahr. Theater- oder Museumsbesuche bleiben ihnen nicht nur aus finanziellen Gründen verwehrt, sondern oft auch mangels Interesse, da entsprechende Erfahrungen in der Kindheit selten oder nie gemacht wurden. Bei fast der Hälfte der Betroffenen sind die Einschränkungen im kulturellen Bereich so stark, dass auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt geringer sind.
Im gesundheitlichen Bereich berichten junge Menschen mit Armutserfahrungen häufiger von einem schlechteren Allgemeinzustand und geringerer Leistungsfähigkeit. Sie leiden mehrheitlich unter chronischen Krankheiten und klagen häufiger über psychosomatische Symptome wie Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Unkonzentriertheit oder Nervosität. Viele geben an, in ihrer Kindheit oder Jugend prägende belastende Ereignisse erlebt zu haben, die bis ins junge Erwachsenenalter nachwirken. Auffällig ist zudem, dass jede zehnte Person mit Armutserfahrungen gesundheitsbedingte Einschränkungen in Ausbildung, Studium oder Beruf erlebt. Bei fast einem Drittel häufen sich die gesundheitlichen Belastungen im Laufe ihres Lebens, was vielfach mit riskanten Verhaltensweisen wie unausgewogener Ernährung, Tabakkonsum oder geringer körperlicher Aktivität im jungen Erwachsenenalter einhergeht.
Alles in allem verfügen junge Erwachsene mit Armutserfahrungen in ihrer Jugend im Durchschnitt über deutlich geringere Resilienzkompetenzen als Gleichaltrige, die während ihres gesamten Lebens nicht von Armut betroffen waren. Häufig fehlen zentrale Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sowie stabile und verlässliche Bezugspersonen oder Vorbilder – beides ist aber entscheidend für die Entwicklung psychischer Widerstandskraft. Im jungen Erwachsenenalter äußert sich dies nicht nur in einem tieferen Misstrauen gegenüber Institutionen und Behörden, sondern auch in einem ausgeprägten Gefühl politischer Bedeutungslosigkeit: 43 Prozent der jungen Menschen mit Armutserfahrungen stimmen der Aussage zu, „Die Politiker*innen kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken“ – gegenüber 29 Prozent derjenigen ohne Armutserfahrungen. Dieses Ohnmachtsempfinden wirkt sich unmittelbar auf das politische Verhalten aus: Es fördert Wahlenthaltung und begünstigt den Rückzug aus demokratischen Beteiligungsprozessen.
Jugendarmut geht uns alle an
Der Fakten- und Lebenslagencheck und die daran anschließenden Ausführungen verdeutlichen: Armut ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Im Kindes- und Jugendalter erhöht sie das Risiko für spätere Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankungen und psychische Belastungen – mit erheblichen Folgekosten für das Gesundheits- und Sozialsystem. Kinder- und Jugendarmut ist allerdings nicht nur ein soziales, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem: Der Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und politischer Entfremdung ist gut erforscht und empirisch belegt.