Stellen wir uns vor, wir wollten über eine Lieferservice-App eine Pizza bestellen. In näherer Umgebung gibt es vier potenzielle Restaurants, die die Pizza anbieten, die wir essen möchten. Nach welchen Kriterien würden wir uns für eines der Lokale entscheiden? Nach der prognostizierten Lieferzeit? Wahrscheinlich dann, wenn wir sehr hungrig sind. Nach den Bewertungen des Restaurants? Vielleicht dann, wenn wir genügend Zeit haben und sichergehen möchten, dass wir heute eine besonders gute Pizza bekommen. Oder nach der Entfernung des Lokals? Womöglich dann, wenn wir schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass selbst die beste Pizza kalt nicht besonders gut schmeckt. Und würden wir nicht am liebsten alle drei Kategorien bei unserer Entscheidung berücksichtigen? Und: Würden wir, wenn die Pizza einmal super war, immer wieder dort bestellen oder auch mal einen anderen Lieferdienst ausprobieren?
Wie ist das in der Politik? Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte im April 2025: „Ein politisches System, das nicht liefert, ist nicht attraktiv. Unsere Demokratie legitimiert sich für die meisten Menschen aus den Ergebnissen, die die Politik liefert. Deshalb müssen Dinge verändert werden, die für die Menschen direkt im Alltag spürbar sind. Dazu zählt beispielsweise der Abbau von Bürokratie. Es braucht vernünftige Lösungen, weniger Regularien und dafür mehr Freiheit.“
Die nicht unerhebliche Frage ist: Was muss Politik liefern, um Vertrauen zurückzugewinnen? Und wie kann man in einer Gesellschaft mit knapp 84 Millionen Menschen so liefern, dass möglichst viele (oder am besten alle) zufrieden sind? Was ist überhaupt das Ziel dieses vielbeschworenen „Lieferns“? Geht es, wie häufig zu hören ist, um die Rückgewinnung von Vertrauen? Oder darum, erstarkendem Rechtspopulismus und Rechtsextremismus etwas entgegenzusetzen? Oder um Wirtschaftswachstum? Oder womöglich um alles gleichermaßen, wobei die Priorisierung davon abhängt, mit wem aus der Gruppe der „Liefernden“ man spricht? Und was sagt es aus, wenn im aktuellen „Refrain der politischen Mitte“, wie der Journalist Robert Pausch es nannte, außer der Idee des „Lieferns“ nichts in den Ohren vieler erklingt?
Die Sache ist kompliziert – Grund genug, einen genaueren Blick auf die Frage zu werfen, inwieweit „Deliverism“ als politisches Konzept taugt und welche Probleme mit dem Ansatz und dem zugrunde liegenden Politikverständnis verbunden sind. In den aktuellen Debatten über Staatsreformen artikuliert sich mit dem Deliverism auch ein weit verbreiteter Wunsch: Ein neu justierter, reformierter Staat soll endlich wieder sichtbare Ergebnisse liefern können.
Wenn alles Liefern nichts hilft
Die Diskussion über Politik als Lieferdienst ist nicht neu, wird aber vor allem durch Entwicklungen und Diskussionen in den USA seit einiger Zeit auch in Deutschland verstärkt geführt. Im Kontext des Regierungswechsels von Joe Biden zu Donald Trump 2025, aber auch schon zuvor beim Wechsel von Barack Obama zu Trump 2017, stand in den USA die Frage im Raum, wieso Trump die Wahl gewinnen konnte, wo doch sein jeweiliger Vorgänger so viel „geliefert“ habe. Unter Joe Biden ging es dabei vor allem um den „Inflation Reduction Act“ sowie die erheblich vorangetriebene klimapolitische Transformation des Landes, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und enorme Investitionen in Bildung. Die bisherige Politik hatte doch geliefert, vieles auf den Weg gebracht und wurde nun dennoch abgestraft, so der Eindruck vieler.
Der Begriff „Deliverism“ beschreibt einen Regierungsansatz, der sich auf die Verabschiedung und Umsetzung von Strategien zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen konzentriert und dabei eine enge Verbindung zwischen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und der politischen Loyalität von Wähler_innen herstellt. Er geht also davon aus, dass die Regierung für ihr Handeln an der Wahlurne Unterstützung erhält. In ihrem Text „The Death of Deliverism“ zeigen Deepak Bhargava, Shahrzad Shams und Harry Hanbury am Beispiel der USA jedoch auf, welche Fehlschlüsse mit dem Konzept verbunden sind. Zugleich leugnen sie nicht, dass die Idee des Deliverism zunächst sympathisch klingt – schließlich wäre es ja verlockend einfach, wenn auf diese Weise Vertrauen in demokratische Politik und Verfahren zurückgewonnen und Autoritarismus womöglich geschwächt werden könnte. Aber wie sich zeigt, ist es leider nicht so einfach.
Wähler_innen können eine progressive Wirtschaftspolitik, die ihnen Vorteile und Möglichkeiten verschafft, gutheißen und dennoch für autoritäre Politikangebote votieren. Mitunter unterstützen sie Parteien, deren wirtschaftspolitische Konzepte sie im Falle einer Umsetzung schlechter stellen würden. Ein Beispiel hierfür ist die Wähler_innenschaft der AfD und deren wirtschafts- und steuerpolitischen Vorschläge, die in Deutschland in den vergangenen Jahren vielfach diskutiert wurden.
Komplexe Lieferketten
Die Politikwissenschaft beschäftigt sich schon seit Langem mit der Frage, welche Erwartungen Menschen an politische Systeme haben. Dabei wird nach dem ursprünglich von David Easton entwickelten Modell in verschiedene Dimensionen unterschieden, die mit „Input“, „Throughput“ und „Output“ bezeichnet werden.
Deliverism fokussiert auf den Output des Systems und offenbart damit gleich mehrere Schwachstellen. Input und Throughput bleiben weitgehend außer Acht. Mit Blick auf die Output-Dimension kommt es zudem häufig zu Verwechslungen von Output und Outcome: hier die von der Politik formulierten Gesetze, Regelungen und Maßnahmen – dort die tatsächlichen Veränderungen im Leben und Alltag der Menschen. Die Bewertung erfolgt dabei meist anhand von Indikatoren wie dem Bruttoinlandsprodukt, wobei die konkrete Wirkung im Alltag oft außer Acht gelassen wird. Wie sehr diese Differenz ins Gewicht fällt, zeigte sich im US-Wahlkampf: Entscheidend war dort der Preis von Eiern im Supermarkt – nicht die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
Die Studie „Wie wir wirklich leben“ aus dem Jahr 2025 bestätigt diesen Aspekt auch für Deutschland und unterstreicht den Zusammenhang zwischen der subjektiven Einschätzung der Leistungsfähigkeit des politischen Systems und dem politischen Vertrauen. Hinsichtlich objektiver Kriterien findet sich dieser Zusammenhang ausschließlich beim Wirtschaftswachstum. Die Studie zeigt darüber hinaus, dass alle drei Dimensionen einen positiven Zusammenhang mit politischer Zufriedenheit aufweisen, wobei der Zusammenhang mit der Input-Dimension am stärksten ist. Die Autor_innen folgern daraus, dass eine Konzentration auf den Output unzureichend ist und dass Unzufriedenheit vor allem mit Blick auf Repräsentation, Zugehörigkeit sowie das Gefühl, gehört zu werden und sich beteiligen zu können, bekämpft werden kann.
Eine Konzentration auf Deliverism offenbart nicht zuletzt ein problematisches Menschenbild. Der Journalist Bernd Ulrich beschreibt es wie folgt: „Die Gesellschaft besteht aus Individuen, die in allererster Linie auf ihren persönlichen, meist materiell codierten Vorteil fixiert sind. Alles andere, Werte, Demokratie, Gemeinsinn, Patriotismus kommt erst nach dem materiellen Nutzen.“ Der Mensch als Rational-Choice-Maschine, immer auf der Suche nach dem maximalen materiellen Profit, bereitwillig, jene zu unterstützen, die ihm diesen ermöglichen. Klar ist: Materielle Sicherheit zählt für Menschen viel, sehr viel. Auch für diejenigen, die bereits viel haben. „Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren“, sagt eine alte Binsenweisheit. Ulrich problematisiert, dass die Fokussierung der Politik aufs Materielle den beschriebenen Egoismus noch verstärkt habe. Egoismus und Wirtschaft wuchsen seiner Meinung nach Hand in Hand – so skizziert er den Versuch der Biden-Regierung, die Wirtschaft in den USA anzukurbeln. Dabei sei nicht nur dies allein problematisch, sondern auch die Tatsache, dass andere Dinge aus dem Blickfeld gerieten: „Identität, Ehre, Kränkung, Anerkennung, Aufmerksamkeit.“
Selbstverständlich stehen auch diese Dinge in engem Zusammenhang mit sozioökonomischen Fragen, etwa Jobperspektiven, Strukturschwäche oder Prosperität von Lebens- und Arbeitsorten. Aber sie gehen darüber hinaus. Am Beispiel der USA wird dies als eine „dramatische kulturelle Welle“ beschrieben, die sich aus stark steigender Unzufriedenheit, zunehmender Einsamkeit, Gefühlen von Statusverlust und Bedrohung sowie Befürchtungen, den eigenen Platz in der Gesellschaft und vertraute Werte, Normen und Übersichtlichkeit einzubüßen, zusammensetzt. All dies bleibe bei der Konzentration auf Deliverism außer Acht – zu Recht weisen die Autor_innen von „The Death of Deliverism“ darauf hin, dass solche Gefühle von Statusverlust häufig durch rassistische Überlegenheitserzählungen politisch kanalisiert werden.
Bereits 2016 zeigte sich in den USA, dass Unzufriedenheit die Wahrscheinlichkeit erhöht, für Donald Trump zu stimmen. Ein Forschungsteam um den Sozialwissenschaftler George Ward fand einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem subjektiven Wohlbefinden und der Stimmabgabe für Trump – und das unabhängig davon, ob es sich um ein reiches oder armes, hochgebildetes oder weniger gebildetes sowie überwiegend „weißes“ oder ethnisch vielfältiges County handelte.
Ein weiterer Aspekt dieser Komplexität ist die Beobachtung des Zeithistorikers Lukas Schmelter, dass es Regierungen der politischen Mitte häufig schwerfällt, eine emotionale Bindung zu den Bürger_innen herzustellen. Ihr Politikstil erscheine vielfach technokratisch und vermittle keine Zugehörigkeit
„Bitte liefern – jetzt!“
Die Komplexität des Themas macht auch vor den zur Lieferung aufgeforderten Politiker_innen nicht halt. Diese beschreiben eine immer weiter zunehmende Anspruchs- und Erwartungshaltung vonseiten der Bürger_innen gegenüber der Politik, der man zwangsläufig nicht gerecht werden könne. So äußerte sich beispielsweise die amtierende Bundesministerin für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien (CDU), 2025 in einem Interview: „Ich bin manchmal überrascht von der Erwartungshaltung vieler Bürger. (…) Die Erwartungen an die Politik sind so riesig, dass man sie kaum erfüllen kann, aber ehrlicherweise muss man sagen: Die Politik hat selbst zu dieser Erwartungshaltung beigetragen.“
Der Soziologe Steffen Mau spricht deshalb von einer „Einforderungsdemokratie“, in der die Politik zu einem Dienstleister degradiert werde.
Das Lieferbusiness ist komplizierter geworden
Wie auch Kirchen und Gewerkschaften verlieren Parteien ihre Bindungskräfte in die Bevölkerung. Früher versammelten sich breite Milieus mit viel Pragmatismus hinter politischen Entscheidungen – mal mehr, mal weniger von deren Richtigkeit überzeugt. Heute haben die Individualisierung der Gesellschaft und der weitreichende Medienwandel der vergangenen Jahre diese Idee weitgehend obsolet werden lassen. Im stürmischen Ozean von Komplexität, Krisen und Konflikten sind Inseln pragmatischer Einigkeit selten geworden. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass so manche Politiker_innen an vielen Tagen das Büro mit dem Gefühl verlassen, mal wieder nicht gut genug gewesen zu sein, wenn sich im Anschluss an nahezu jede politische Entscheidung eine Empörungswelle über das Land ergießt und Gesetzesvorlagen oder schon bloße Ideen vorrangig als Bewertungsmaßstab für den Erfolg oder das Scheitern einzelner Minister_innen oder Politiker_innen benutzt werden. Ein Freudenfest für populistische Akteure, die nur darauf warten, für ihre „Die da oben gegen uns hier unten“-Erzählung neue Munition zu bekommen. Es kommt also bei Weitem nicht nur auf „die Politik“ an. Dem Ansatz des Deliverism wohnt die Frage inne, inwieweit Menschen Veränderungen in der Politik überhaupt wahrnehmen. Gesetzt den Fall, sie würden diese Veränderungen wahrnehmen, müssten sie zudem die für sie daraus resultierenden Konsequenzen, Vor- und Nachteile sowie die Auswirkungen auf ihr eigenes Leben erkennen und richtig interpretieren.
Gerade in dem, was der Politikwissenschaftler Alexander Hertel-Fernandez als „policy-to-politics pipeline“ bezeichnet – also die Übertragung von Politikinhalten in das politische Denken und Handeln der Bürgerinnen und Bürger –, kommt der medialen Berichterstattung eine große Verantwortung zu.
Neue Geschäftsgrundlage
Politik darf und sollte sich nicht darauf verlassen, dass allein materielle Outputs ausreichen, um Vertrauen zurückzugewinnen, autoritäre Einstellungen einzuhegen oder Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen – sei es in Bezug auf das Wahlverhalten oder im Hinblick auf das alltägliche Verhalten, etwa mit Blick auf den Klimaschutz.
Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Deliverism schon lange vor den jüngsten Debatten einen prominenten Platz in der Politik eingenommen hat. So setzte bereits im Jahr 2001 der damalige britische Premierminister Tony Blair eine „Prime Minister’s Delivery Unit“ ein, mit dem Ziel, „schonungslos zu priorisieren, energisch herauszufordern und Probleme gemeinsam zu lösen“.
Womöglich liegt ein kleiner Teil der Zukunft des Lieferns als politische Strategie in dieser Perspektive: Politik bestmöglich datenbasiert zu gestalten, konkrete Ziele zu formulieren und diese mit messbaren Indikatoren zu versehen. Dabei geht es jedoch nicht um große Reformvorhaben oder gleich um die gesamte Staatsmodernisierung, sondern um kleine Task Forces mit großer Wirkmächtigkeit, die konkrete Ziele priorisieren und ressortübergreifend verfolgen. Die subjektive Perspektive auf die Leistungsbilanz darf nicht unter Pressekonferenzen zu erfreulichen gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen und objektiven Kennzahlen untergehen – wenngleich diese natürlich auch wichtig sind. Sie brauchen jedoch eine lebensweltliche Übersetzung in die Alltagserfahrung der Menschen. Die Politikwissenschaftler Marcel Schepp und Felipe Hinrichsen nennen als messbare Outcomes zur konkreten Verbesserung der Lebenssituation von Menschen etwa einen Rückgang von Kriminalität, kürzere Wartezeiten beim Arzt oder eine sinkende Kindersterblichkeit. Für progressive, bürgerliche und konservative Politik bedeutet dies, dass die „Brot- und Butter-Themen“ ebenso Beachtung finden müssen wie die großen Fragen gesamtwirtschaftlicher Entwicklung. Zugleich braucht es aber auch mehr Raum für Zweifel, Sorgen und Befürchtungen bei kulturellen und gesellschaftspolitischen Fragen, um Unzufriedenheiten und Gefühle als real vorhanden anzuerkennen.
Daneben braucht die Idee des Lieferns aber vor allem eine Neudefinition ihrer Geschäftsgrundlage. Sie benötigt eine neue Erzählung, die sie mit der Rolle des Einzelnen in der Demokratie verknüpft. Wer eine Lieferung erhofft, muss sich für die Lieferkette interessieren und sich aktiv in den bisweilen langen Lieferprozess einbringen. Die Politik ist einmal mehr aufgefordert, hierfür bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Anstatt sich auf den Output zu konzentrieren, sollte sie Input und Throughput mindestens ebenso stark in den Blick nehmen, weil sich hier langfristig Potenziale verbergen. Aber, um im Bild des Bundeskanzlers zu bleiben: Jede Klage über zunehmenden Egoismus, abnehmende Empathie, Verrohung und fehlende Kompromissfähigkeit ist auch eine Aufforderung an jede und jeden Einzelnen.
Politik sollte sich zudem die große Klage über fehlende Planungssicherheit zu Herzen nehmen. Politische Entscheidungen können niemals eine Ewigkeitsgarantie erhalten. Politik braucht Spielräume und muss justieren können. In einer gefühlt ohne jede Ordnung bestehenden Welt sind Verlässlichkeit und Stabilität wichtige Ressourcen. Bei schwerem Seegang muss die Politik Leuchtturm für Orientierung sein.
Die genannten Punkte zeigen: Politik muss viele Dimensionen gleichzeitig berücksichtigen, und das weit über den Ansatz des Deliverism hinaus. Dafür muss sie Mut beweisen. Zur „Liefervereinbarung“ gehört aber auch, dass ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess darüber stattfindet, wie gute Politik honoriert wird – und zwar nicht nur an der Wahlurne, sondern auch mit den Dingen, die aus Sicht der Bürger_innen eine so große Bedeutung haben: Zuhören, Anerkennung und Verständnis.