Der Begriff der Zivilgesellschaft ist in Politik und Medien allgegenwärtig und fungiert häufig als Deutungsrahmen für demokratisches Engagement, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Teilhabe. Zugleich bleibt jedoch oft unklar, wer oder was mit Zivilgesellschaft konkret gemeint ist. Der Begriff wird uneinheitlich verwendet, normativ aufgeladen und situativ politisiert. Seine Bedeutung erscheint daher weniger fest umrissen als vielmehr zeit- und kontextabhängig – und unterliegt deutlichen Verschiebungen im öffentlichen Diskurs.
In den 1990er Jahren dominierte ein überwiegend positives Verständnis von Zivilgesellschaft. Vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung und weltweiter Demokratisierungsprozesse galt sie als Hoffnungsträgerin demokratischer Erneuerung: als Motor bürgerschaftlicher Teilhabe, als Ort sozialen Lernens, als Quelle sozialer Innovation und nicht zuletzt als „Kitt der Gesellschaft“. Entsprechendes Engagement wurde normativ aufgewertet und als notwendige Ergänzung staatlichen Handelns verstanden.
Heute hingegen wird Zivilgesellschaft deutlich kontroverser diskutiert; der öffentliche Diskurs ist von konkurrierenden Narrativen geprägt. Einerseits dominiert ein pro-zivilgesellschaftliches Verständnis, das entsprechende Akteure als demokratische Schutzinstanzen, als Bollwerk gegen Rechtsextremismus und als Stimme marginalisierter Gruppen hervorhebt. Andererseits haben sich – verstärkt seit der Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zur „politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ im Februar 2025 – auch in Deutschland kritische bis delegitimierende Narrative etabliert. Zivilgesellschaftliche Organisationen werden dabei als „nicht gewählt“, als „staatlich finanziert, aber politisch aktiv“ oder als Ausdruck „moralischer Bevormundung“ problematisiert.
Neu an dieser Debatte ist weniger die Kritik an einzelnen Akteuren oder Praktiken als vielmehr deren grundsätzliche Infragestellung: Delegitimierung tritt an die Stelle funktionaler Kritik, Neutralitätsvorwürfe werden politisch instrumentalisiert. Zivilgesellschaft erscheint damit nicht länger primär als Partner demokratischer Politik, sondern zunehmend als ihr Gegner. Diese Verschiebung markiert einen qualitativen Wandel im Verständnis von Zivilgesellschaft – und wirft grundlegende Fragen nach ihrer Rolle, Legitimität und Bedeutung in der demokratischen Ordnung auf.
Vor diesem Hintergrund ordnen wir im Folgenden den Begriff der Zivilgesellschaft aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ein. Wer oder was ist damit eigentlich gemeint? Und ist Zivilgesellschaft tatsächlich per se demokratisch? Ein Blick auf die Forschung zeigt, dass auch autoritäre, antidemokratische oder exkludierende Organisationsformen Teil dessen sein können, was als Zivilgesellschaft gilt. Abschließend werden die Folgen dieser Befunde für aktuelle Debatten über Rolle und Legitimität der Zivilgesellschaft diskutiert.
Zivilgesellschaft – worüber wir reden
„Zivilgesellschaft“ bezeichnet eine eigenständige gesellschaftliche Sphäre, die sich analytisch von Staat, Markt und Familie bzw. privaten Lebenswelten unterscheiden lässt. Gemeint ist jener Bereich gesellschaftlichen Handelns, in dem sich Menschen freiwillig zusammenschließen, um gemeinsame Interessen zu verfolgen, soziale Anliegen zu bearbeiten oder politische und gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten.
Charakteristisch für zivilgesellschaftliches Handeln sind freiwillige Beteiligung, kollektive Selbstorganisation und die aktive Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Zivilgesellschaftliche Akteure verfolgen dabei in der Regel keine Gewinnabsicht, sondern orientieren sich an gemeinwohlbezogenen Zielen, Solidarität und Sinnstiftung. Ihre Handlungslogiken unterscheiden sich damit sowohl von staatlichem Handeln, das primär durch Hierarchie, Recht und Macht geprägt ist, als auch von marktförmigen Logiken, die auf Wettbewerb, Effizienz und Gewinnerzielung ausgerichtet sind.
Ein zentraler Teil der Zivilgesellschaft ist in formell verfassten Organisationen tätig – der sogenannten organisierten Zivilgesellschaft. Dazu zählen insbesondere eingetragene Vereine, Stiftungen, gemeinnützige Kapitalgesellschaften wie gGmbHs (gemeinnützige Gesellschaften mit beschränkter Haftung) oder gUGs (gemeinnützige Unternehmergesellschaften) sowie Genossenschaften mit sozialem oder ökologischem Zweck. Gemeinsam ist diesen Organisationsformen, dass sie rechtlich institutionalisiert sind, keine private Gewinnmaximierung verfolgen und sich – zumindest dem Anspruch nach – am Gemeinwohl orientieren.
In der Praxis fungieren diese Rechtsformen jedoch weniger als eindeutige Kategorien, denn als organisatorische „Gefäße“, die sehr unterschiedliche Inhalte, Ziele und Arbeitsweisen aufnehmen können. Unter dem Dach der organisierten Zivilgesellschaft finden sich mitgliederstarke wie eher kleine, klassische Nichtregierungs- und Nonprofit-Organisationen, die sich der Interessenvertretung, politischen Einflussnahme, Politikberatung oder der Erbringung sozialer Dienstleistungen widmen. Hinzu kommen Thinktanks, die Wissen produzieren und politische Entscheidungsprozesse indirekt beeinflussen, ebenso wie Sozialunternehmen – eine hybride Organisationsform zwischen Marktlogik und Gemeinwohlorientierung. Kirchen und große Wohlfahrtsverbände nehmen eine Sonderstellung ein: Sie gehören traditionell zur Zivilgesellschaft, sind jedoch zugleich eng mit staatlichen Strukturen wie dem Sozialstaat verflochten.
Neben der organisierten Zivilgesellschaft gibt es eine Vielzahl informeller, nicht institutionalisierter Zusammenschlüsse, in denen das Handeln ebenfalls von zivilgesellschaftlichen Werten geleitet wird. Dazu zählen Nachbarschaftsinitiativen, lose Netzwerke, spontane Engagementformen oder soziale Bewegungen, die ohne feste Rechtsform agieren. In den vergangenen Jahren haben zudem digitale Formen zivilgesellschaftlichen Engagements an Bedeutung gewonnen, etwa Online-Aktivismus, Hashtag-Kampagnen oder plattformbasierte Communities. Diese informellen und digitalen Formen zeichnen sich meist durch niedrige Zugangsschwellen, hohe Flexibilität und partizipative Strukturen aus. Zugleich sind sie häufig wenig dauerhaft, empirisch schwer zu erfassen und werfen Fragen nach Repräsentativität und Legitimität auf. Gleichwohl sind sie integraler Bestandteil moderner Zivilgesellschaft, gerade auch für jüngere Generationen und mit Blick auf unterschiedliche Protest- und Beteiligungsformen.
Zivilgesellschaft kann es ohne engagierte Bürger:innen nicht geben. Freiwillig Engagierte – häufig auch als Ehrenamtliche, Freiwillige oder Volunteers bezeichnet – bilden das Fundament zivilgesellschaftlichen Handelns. Kennzeichnend für freiwilliges Engagement sind Freiwilligkeit, Gemeinwohlorientierung und fehlende materielle Entlohnung.
In der empirischen Analyse sind zivilgesellschaftliche Akteure und Engagementformen jedoch nur schwer eindeutig abzugrenzen und zu identifizieren. Dies liegt einerseits an den fließenden Übergängen zwischen Zivilgesellschaft, Staat, Markt und privater Lebenswelt.
Hinzu kommt, dass sich Zivilgesellschaft nicht allein über Organisationen konstituiert, sondern auch über situatives Handeln von Individuen. Grundsätzlich kann jede Person – unabhängig von ihrer beruflichen oder institutionellen Rolle – zu einem zivilgesellschaftlich handelnden Subjekt werden, wenn sie sich freiwillig, gemeinschaftsorientiert und über formale Zuständigkeiten hinaus engagiert.
(Un)demokratische Zivilgesellschaft?
Ist Zivilgesellschaft per se demokratisch?
Auch Demokratietheorien geben auf diese Leitfrage unterschiedliche Antworten. Während minimalistische Ansätze Demokratie primär über den Wettbewerb in freien und fairen Wahlen sowie die damit verbundene Elitenkonkurrenz definieren, schreiben liberale, partizipative oder deliberative Modelle zivilgesellschaftlichen Akteuren bei politischer Beteiligung, Interessenartikulation und öffentlicher Deliberation eine zentrale Rolle zu.
Die empirische Forschung zeigt zudem, dass zwischen solchen normativen Erwartungen und der tatsächlichen Praxis erhebliche Spannungen bestehen. Zivilgesellschaftliche Organisationen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ziele, ihrer internen Organisation und ihres politischen Einflusses. Neben Akteuren, die demokratische Rechte verteidigen oder öffentliche Güter bereitstellen, finden sich auch solche, die Ausgrenzung, Gewalt oder autoritäre Normen fördern.
Um diese Ambivalenzen analytisch zu ordnen, bietet es sich an, Zivilgesellschaft zumindest idealtypisch entlang zweier Dimensionen zu unterscheiden: zum einen am Grad formaler Organisation – also der Differenz zwischen dauerhaft institutionalisierten Vereinigungen und bewegungsförmiger Mobilisierung, die auch in unterschiedlichen Forschungstraditionen behandelt werden –, zum anderen an der normativen Orientierung gegenüber demokratischen Prinzipien.
Organisierte Zivilgesellschaft für die Demokratie
Vertreter:innen neotocquevillianischer Ansätze argumentieren, dass eine dynamische und inklusive Zivilgesellschaft demokratische Entwicklung trägt, indem sie staatliche Macht begrenzt, Bürger:innen mobilisiert und Kooperation zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen fördert.
Eine Schlüsselrolle in dieser Literatur nimmt der Politikwissenschaftler Robert Putnam ein, der zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse als „Schulen der Demokratie“ beschreibt, in denen Menschen Fähigkeiten der Selbstregierung erwerben.
In historisch-institutionalistischen Arbeiten, unter anderem von Theda Skocpol und Morris Fiorina, wird eine andere Perspektive vertreten.
Weitere empirische Studien unterstreichen die Bedeutung einer aktiven Zivilgesellschaft in unterschiedlichen Regimetypen. Rollin Tusalem zeigt etwa einen engen Zusammenhang zwischen einer widerstandsfähigen zivilgesellschaftlichen Sphäre und Verbesserungen politischer Freiheitsrechte, bürgerlicher Freiheiten sowie institutioneller Leistungsfähigkeit.
Organisierte „unzivile“ Zivilgesellschaft
Das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Demokratie ist allerdings nicht immer positiv. Organisierte zivilgesellschaftliche Akteure können auch dazu beitragen, Demokratie zu untergraben und autoritäre Entwicklungen zu begünstigen. Historische Fallstudien zeigen etwa die zentrale Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen beim Aufstieg faschistischer Bewegungen. Die NSDAP nutzte in den 1920er Jahren Vereinigungen als Rekrutierungs- und Trainingsräume zur Vorbereitung der nationalsozialistischen Machtübernahme.
Jüngere Beispiele zeigen ebenfalls, wie zivilgesellschaftliche Akteure autoritäre Normen und Praktiken fördern können. In Ungarn trugen konservative Vereinigungen im Zuge der autoritären Transformation seit 2010 zur demokratischen Erosion bei.
Soziale Bewegungen als demokratisierende Kraft
Im Gegensatz zu neotocquevillianischen Ansätzen, die vor allem formal organisierte Zusammenschlüsse in den Blick nehmen, zeigt die soziale Bewegungsforschung, dass Protest und spontane Mobilisierung sowohl in etablierten Demokratien als auch in Autokratien demokratisierende Wirkungen entfalten können. Vier Effekte lassen sich dabei unterscheiden:
Erstens sind soziale Bewegungen zentrale Triebkräfte bei der Ausweitung demokratischer Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten. So trugen etwa die Bürgerrechtsbewegung in den USA oder die Neuen Sozialen Bewegungen in Europa in den 1960er Jahren maßgeblich zur Erweiterung politischer Rechte und Freiheiten zuvor ausgeschlossener Gruppen bei.
Zweitens spielen soziale Bewegungen eine wichtige Rolle bei Übergängen von Autokratien zu Demokratien. Massenhafte, insbesondere gewaltfreie Mobilisierung kann autoritäre Regime stürzen und stabile Demokratien hervorbringen, vor allem wenn sie breite Koalitionen bildet und internationale Unterstützung mobilisiert.
Drittens können Bewegungen als Schutzmechanismus gegen demokratische Rückschritte wirken. Vergleichende Studien zeigen, dass Demokratien, die aus breiter gesellschaftlicher Mobilisierung hervorgegangen sind, oft stabiler sind als solche, die primär von Eliten etabliert wurden.
Viertens spielt Demokratie auch innerhalb sozialer Bewegungen selbst eine Rolle. Viele progressive Bewegungen setzen auf deliberative und partizipative Entscheidungsformen.
Autoritäre Bewegungen gegen die Demokratie
Auch autoritäre soziale Bewegungen und Protestmobilisierung stellen die Annahme infrage, dass Zivilgesellschaft grundsätzlich demokratieförderlich sei. Während die Bewegungsforschung lange vor allem progressive Mobilisierungen untersuchte, gibt es inzwischen breite Forschung zu antidemokratischen Dynamiken in der Protestarena.
Autoritäre Mobilisierungen können die demokratischen Effekte ziviler Partizipation unterminieren.
Fazit
Wir sind eingangs von der Beobachtung ausgegangen, dass der Begriff „Zivilgesellschaft“ heute allgegenwärtig und zugleich umstritten ist. Während Zivilgesellschaft in den 1990er Jahren vor allem als Hoffnungsträgerin demokratischer Erneuerung galt, ist der gegenwärtige Diskurs zunehmend von konkurrierenden Deutungen geprägt: Zivilgesellschaft erscheint gleichermaßen als demokratische Schutzinstanz wie als politisch problematische Akteurin. Diese Verschiebung verweist weniger auf einzelne Kontroversen als auf einen grundlegenden Wandel im Verständnis des Begriffs – von einem normativen Leitbild hin zu einer politisch umkämpften und analytisch offenen Kategorie.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Zivilgesellschaft weder per se demokratieförderlich noch demokratiegefährdend ist. Die empirische Forschung kommt zu gemischten Befunden. Zwei Gründe sind dafür zentral: Erstens sind zivilgesellschaftliche Strukturen vielfältig und komplex. Innerhalb derselben Gesellschaft finden sich demokratische ebenso wie autoritäre Akteure, formell organisierte Verbände ebenso wie lose Mobilisierungsnetzwerke. Entscheidend ist daher nicht die bloße Existenz zivilgesellschaftlicher Akteure, sondern welche Formen dominieren, welche Ziele sie verfolgen, wie sie organisiert sind und in welchen politischen Kontexten sie agieren. Zweitens bleiben die Forschungsstränge zu demokratisierenden und autokratisierenden Wirkungen bislang weitgehend getrennt. Es ist noch wenig darüber bekannt, wie „zivile“ und „unzivile“ Akteure innerhalb desselben Feldes interagieren, sich gegenseitig verstärken oder neutralisieren.
Gerade vor dem Hintergrund aktueller demokratiepolitischer Spannungen gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Zunehmende Polarisierung und Versuche antidemokratischer Akteure, in zivilgesellschaftliche Strukturen hineinzuwirken,
Für die politische Debatte folgt daraus, dass die Rolle der Zivilgesellschaft in und für die Demokratie weder romantisiert noch pauschal problematisiert werden sollte. Entscheidend ist vielmehr, die Bedingungen in den Blick zu nehmen, unter denen zivilgesellschaftliche Autonomie, pluraler Streit und demokratische Praxis im Alltag gesichert werden können, gerade in einem Umfeld zunehmender Polarisierung und öffentlicher Delegitimierungsdiskurse.