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Wer oder was ist die Zivilgesellschaft? | bpb.de

Wer oder was ist die Zivilgesellschaft? Wandel, Konflikte und demokratische Ambivalenzen

Swen Hutter Jana Priemer

/ 14 Minuten zu lesen

Zivilgesellschaft galt lange als Hoffnungsträgerin demokratischer Erneuerung. Heute ist sie politisch umkämpft und wird teils delegitimiert. Was bedeutet der Begriff – und wann befördert Engagement demokratische oder autoritäre Dynamiken?

Der Begriff der Zivilgesellschaft ist in Politik und Medien allgegenwärtig und fungiert häufig als Deutungsrahmen für demokratisches Engagement, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Teilhabe. Zugleich bleibt jedoch oft unklar, wer oder was mit Zivilgesellschaft konkret gemeint ist. Der Begriff wird uneinheitlich verwendet, normativ aufgeladen und situativ politisiert. Seine Bedeutung erscheint daher weniger fest umrissen als vielmehr zeit- und kontextabhängig – und unterliegt deutlichen Verschiebungen im öffentlichen Diskurs.

In den 1990er Jahren dominierte ein überwiegend positives Verständnis von Zivilgesellschaft. Vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung und weltweiter Demokratisierungsprozesse galt sie als Hoffnungsträgerin demokratischer Erneuerung: als Motor bürgerschaftlicher Teilhabe, als Ort sozialen Lernens, als Quelle sozialer Innovation und nicht zuletzt als „Kitt der Gesellschaft“. Entsprechendes Engagement wurde normativ aufgewertet und als notwendige Ergänzung staatlichen Handelns verstanden.

Heute hingegen wird Zivilgesellschaft deutlich kontroverser diskutiert; der öffentliche Diskurs ist von konkurrierenden Narrativen geprägt. Einerseits dominiert ein pro-zivilgesellschaftliches Verständnis, das entsprechende Akteure als demokratische Schutzinstanzen, als Bollwerk gegen Rechtsextremismus und als Stimme marginalisierter Gruppen hervorhebt. Andererseits haben sich – verstärkt seit der Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zur „politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ im Februar 2025 – auch in Deutschland kritische bis delegitimierende Narrative etabliert. Zivilgesellschaftliche Organisationen werden dabei als „nicht gewählt“, als „staatlich finanziert, aber politisch aktiv“ oder als Ausdruck „moralischer Bevormundung“ problematisiert.

Neu an dieser Debatte ist weniger die Kritik an einzelnen Akteuren oder Praktiken als vielmehr deren grundsätzliche Infragestellung: Delegitimierung tritt an die Stelle funktionaler Kritik, Neutralitätsvorwürfe werden politisch instrumentalisiert. Zivilgesellschaft erscheint damit nicht länger primär als Partner demokratischer Politik, sondern zunehmend als ihr Gegner. Diese Verschiebung markiert einen qualitativen Wandel im Verständnis von Zivilgesellschaft – und wirft grundlegende Fragen nach ihrer Rolle, Legitimität und Bedeutung in der demokratischen Ordnung auf.

Vor diesem Hintergrund ordnen wir im Folgenden den Begriff der Zivilgesellschaft aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ein. Wer oder was ist damit eigentlich gemeint? Und ist Zivilgesellschaft tatsächlich per se demokratisch? Ein Blick auf die Forschung zeigt, dass auch autoritäre, antidemokratische oder exkludierende Organisationsformen Teil dessen sein können, was als Zivilgesellschaft gilt. Abschließend werden die Folgen dieser Befunde für aktuelle Debatten über Rolle und Legitimität der Zivilgesellschaft diskutiert.

Zivilgesellschaft – worüber wir reden

„Zivilgesellschaft“ bezeichnet eine eigenständige gesellschaftliche Sphäre, die sich analytisch von Staat, Markt und Familie bzw. privaten Lebenswelten unterscheiden lässt. Gemeint ist jener Bereich gesellschaftlichen Handelns, in dem sich Menschen freiwillig zusammenschließen, um gemeinsame Interessen zu verfolgen, soziale Anliegen zu bearbeiten oder politische und gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten. In der sozialwissenschaftlichen Diskussion wird Zivilgesellschaft häufig akteurszentriert gefasst und in engem Zusammenhang mit dem sogenannten Nonprofit- bzw. Dritten Sektor diskutiert.

Charakteristisch für zivilgesellschaftliches Handeln sind freiwillige Beteiligung, kollektive Selbstorganisation und die aktive Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Zivilgesellschaftliche Akteure verfolgen dabei in der Regel keine Gewinnabsicht, sondern orientieren sich an gemeinwohlbezogenen Zielen, Solidarität und Sinnstiftung. Ihre Handlungslogiken unterscheiden sich damit sowohl von staatlichem Handeln, das primär durch Hierarchie, Recht und Macht geprägt ist, als auch von marktförmigen Logiken, die auf Wettbewerb, Effizienz und Gewinnerzielung ausgerichtet sind.

Ein zentraler Teil der Zivilgesellschaft ist in formell verfassten Organisationen tätig – der sogenannten organisierten Zivilgesellschaft. Dazu zählen insbesondere eingetragene Vereine, Stiftungen, gemeinnützige Kapitalgesellschaften wie gGmbHs (gemeinnützige Gesellschaften mit beschränkter Haftung) oder gUGs (gemeinnützige Unternehmergesellschaften) sowie Genossenschaften mit sozialem oder ökologischem Zweck. Gemeinsam ist diesen Organisationsformen, dass sie rechtlich institutionalisiert sind, keine private Gewinnmaximierung verfolgen und sich – zumindest dem Anspruch nach – am Gemeinwohl orientieren.

In der Praxis fungieren diese Rechtsformen jedoch weniger als eindeutige Kategorien, denn als organisatorische „Gefäße“, die sehr unterschiedliche Inhalte, Ziele und Arbeitsweisen aufnehmen können. Unter dem Dach der organisierten Zivilgesellschaft finden sich mitgliederstarke wie eher kleine, klassische Nichtregierungs- und Nonprofit-Organisationen, die sich der Interessenvertretung, politischen Einflussnahme, Politikberatung oder der Erbringung sozialer Dienstleistungen widmen. Hinzu kommen Thinktanks, die Wissen produzieren und politische Entscheidungsprozesse indirekt beeinflussen, ebenso wie Sozialunternehmen – eine hybride Organisationsform zwischen Marktlogik und Gemeinwohlorientierung. Kirchen und große Wohlfahrtsverbände nehmen eine Sonderstellung ein: Sie gehören traditionell zur Zivilgesellschaft, sind jedoch zugleich eng mit staatlichen Strukturen wie dem Sozialstaat verflochten.

Neben der organisierten Zivilgesellschaft gibt es eine Vielzahl informeller, nicht institutionalisierter Zusammenschlüsse, in denen das Handeln ebenfalls von zivilgesellschaftlichen Werten geleitet wird. Dazu zählen Nachbarschaftsinitiativen, lose Netzwerke, spontane Engagementformen oder soziale Bewegungen, die ohne feste Rechtsform agieren. In den vergangenen Jahren haben zudem digitale Formen zivilgesellschaftlichen Engagements an Bedeutung gewonnen, etwa Online-Aktivismus, Hashtag-Kampagnen oder plattformbasierte Communities. Diese informellen und digitalen Formen zeichnen sich meist durch niedrige Zugangsschwellen, hohe Flexibilität und partizipative Strukturen aus. Zugleich sind sie häufig wenig dauerhaft, empirisch schwer zu erfassen und werfen Fragen nach Repräsentativität und Legitimität auf. Gleichwohl sind sie integraler Bestandteil moderner Zivilgesellschaft, gerade auch für jüngere Generationen und mit Blick auf unterschiedliche Protest- und Beteiligungsformen.

Zivilgesellschaft kann es ohne engagierte Bürger:innen nicht geben. Freiwillig Engagierte – häufig auch als Ehrenamtliche, Freiwillige oder Volunteers bezeichnet – bilden das Fundament zivilgesellschaftlichen Handelns. Kennzeichnend für freiwilliges Engagement sind Freiwilligkeit, Gemeinwohlorientierung und fehlende materielle Entlohnung. Dabei lassen sich mehrere Formen des Engagements unterscheiden. Vergleichbar zu den Organisationsformen kann beispielsweise grob zwischen formellem und informellem Engagement unterschieden werden. Formelles Engagement findet innerhalb institutionalisierter Strukturen statt, oft über längere Zeiträume hinweg, etwa als Vorstandsmitglied in einem Verein oder als Trainerin in einem Sportclub. Informelles Engagement hingegen ist meist kurzfristig, situativ und außerhalb fester Organisationsformen angesiedelt, etwa in der Nachbarschaftshilfe, bei schulischen Aktivitäten oder in spontanen Unterstützungsinitiativen. Beide Formen sind zentrale Ausdrucksweisen zivilgesellschaftlicher Beteiligung und verdeutlichen die Vielfalt zivilgesellschaftlichen Handelns jenseits klarer Organisationsgrenzen.

In der empirischen Analyse sind zivilgesellschaftliche Akteure und Engagementformen jedoch nur schwer eindeutig abzugrenzen und zu identifizieren. Dies liegt einerseits an den fließenden Übergängen zwischen Zivilgesellschaft, Staat, Markt und privater Lebenswelt. So weisen etwa Arbeitgeberverbände eine enge Nähe zur Wirtschaft auf, erfüllen zugleich aber typische zivilgesellschaftliche Funktionen wie Interessenartikulation und kollektive Selbstorganisation. Ähnlich verhält es sich mit politischen Parteien, deren Ortsvereine häufig in hohem Maße ehrenamtlich getragen sind und damit zivilgesellschaftliche Praktiken anwenden, obwohl Parteien institutionell dem politischen System zuzurechnen sind. Andererseits ist auch die Binnendifferenzierung zwischen formellem und informellem Engagement nicht immer trennscharf, und es zeigt sich oft ein hybrider Charakter, insbesondere in neueren Engagementfeldern.

Hinzu kommt, dass sich Zivilgesellschaft nicht allein über Organisationen konstituiert, sondern auch über situatives Handeln von Individuen. Grundsätzlich kann jede Person – unabhängig von ihrer beruflichen oder institutionellen Rolle – zu einem zivilgesellschaftlich handelnden Subjekt werden, wenn sie sich freiwillig, gemeinschaftsorientiert und über formale Zuständigkeiten hinaus engagiert. Lehrkräfte etwa handeln zivilgesellschaftlich, wenn sie sich zusätzlich zu ihren dienstlichen Aufgaben freiwillig für schulische Initiativen oder die Stärkung der Schulgemeinschaft einsetzen. Diese Rollenwechsel und Mehrfachzugehörigkeiten erschweren eine klare empirische Abgrenzung, verdeutlichen jedoch zugleich den offenen und dynamischen Charakter von Zivilgesellschaft in heutigen Demokratien.

(Un)demokratische Zivilgesellschaft?

Ist Zivilgesellschaft per se demokratisch? Diese Frage wird in öffentlichen Debatten häufig implizit bejaht. Zivilgesellschaft erscheint dort als natürliche Verbündete demokratischer Ordnung, als Trägerin von Pluralismus, Toleranz und politischer Teilhabe. Ein solcher normativer Zugriff ist aus sozialwissenschaftlicher Sicht jedoch nur begrenzt hilfreich. Wie ausgeführt, bezeichnet Zivilgesellschaft zunächst eine eigenständige gesellschaftliche Sphäre zwischen Staat, Markt und privater Lebenswelt, in der sich Menschen freiwillig zusammenschließen, um kollektive Ziele zu verfolgen. Ob und in welcher Weise diese Aktivitäten demokratische Wirkungen entfalten, ist damit keine begriffliche Vorentscheidung, sondern eine empirische Frage.

Auch Demokratietheorien geben auf diese Leitfrage unterschiedliche Antworten. Während minimalistische Ansätze Demokratie primär über den Wettbewerb in freien und fairen Wahlen sowie die damit verbundene Elitenkonkurrenz definieren, schreiben liberale, partizipative oder deliberative Modelle zivilgesellschaftlichen Akteuren bei politischer Beteiligung, Interessenartikulation und öffentlicher Deliberation eine zentrale Rolle zu. Gerade diese theoretische Vielfalt legt nahe, Zivilgesellschaft analytisch statt normativ zu fassen und ihre demokratischen Leistungen nicht vorauszusetzen, sondern systematisch zu untersuchen.

Die empirische Forschung zeigt zudem, dass zwischen solchen normativen Erwartungen und der tatsächlichen Praxis erhebliche Spannungen bestehen. Zivilgesellschaftliche Organisationen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ziele, ihrer internen Organisation und ihres politischen Einflusses. Neben Akteuren, die demokratische Rechte verteidigen oder öffentliche Güter bereitstellen, finden sich auch solche, die Ausgrenzung, Gewalt oder autoritäre Normen fördern.

Um diese Ambivalenzen analytisch zu ordnen, bietet es sich an, Zivilgesellschaft zumindest idealtypisch entlang zweier Dimensionen zu unterscheiden: zum einen am Grad formaler Organisation – also der Differenz zwischen dauerhaft institutionalisierten Vereinigungen und bewegungsförmiger Mobilisierung, die auch in unterschiedlichen Forschungstraditionen behandelt werden –, zum anderen an der normativen Orientierung gegenüber demokratischen Prinzipien. Reale Zivilgesellschaften vereinen in der Regel Elemente aller aus dieser Kombination hervorgehenden Idealtypen.

Organisierte Zivilgesellschaft für die Demokratie

Vertreter:innen neotocquevillianischer Ansätze argumentieren, dass eine dynamische und inklusive Zivilgesellschaft demokratische Entwicklung trägt, indem sie staatliche Macht begrenzt, Bürger:innen mobilisiert und Kooperation zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen fördert. Netzwerke zivilgesellschaftlicher Organisationen – von lokalen Vereinen bis hin zu bundesweiten Massenverbänden – erzeugen demnach soziales Vertrauen, Normen der Reziprozität und ein gemeinsames Verantwortungsgefühl, die für die Stabilität demokratischer Systeme zentral sind.

Eine Schlüsselrolle in dieser Literatur nimmt der Politikwissenschaftler Robert Putnam ein, der zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse als „Schulen der Demokratie“ beschreibt, in denen Menschen Fähigkeiten der Selbstregierung erwerben. Indem sie lernen, Ressourcen kollektiv zu verwalten, Unterschiede auszuhandeln und prozedurale Regeln einzuhalten, entstehe soziales Kapital, das politische Beteiligung ausweite. Putnam warnt allerdings in späteren Arbeiten, dass der Übergang von mitgliedschaftsbasierten Organisationen hin zu stärker individualisierten Formen des Soziallebens gemeinschaftliche Bindungen schwächen kann.

In historisch-institutionalistischen Arbeiten, unter anderem von Theda Skocpol und Morris Fiorina, wird eine andere Perspektive vertreten. Sie argumentieren, dass zivilgesellschaftliche Gruppen gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten direkt in politische und wirtschaftliche Ergebnisse übersetzen, was sowohl Individuen als auch der Gesellschaft insgesamt zugutekomme. Anders als Putnams Betonung von Konsens und Kooperation rückt dieser Ansatz Gruppenkonflikte und Mobilisierung als prägende Kräfte moderner Demokratien in den Mittelpunkt.

Weitere empirische Studien unterstreichen die Bedeutung einer aktiven Zivilgesellschaft in unterschiedlichen Regimetypen. Rollin Tusalem zeigt etwa einen engen Zusammenhang zwischen einer widerstandsfähigen zivilgesellschaftlichen Sphäre und Verbesserungen politischer Freiheitsrechte, bürgerlicher Freiheiten sowie institutioneller Leistungsfähigkeit. Ähnlich kommt ein Autorenteam um Michael Bernhard zu dem Ergebnis, dass eine mobilisierte Zivilgesellschaft in Verbindung mit institutionalisierten Parteien das Risiko demokratischer Rückschritte deutlich senkt.

Organisierte „unzivile“ Zivilgesellschaft

Das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Demokratie ist allerdings nicht immer positiv. Organisierte zivilgesellschaftliche Akteure können auch dazu beitragen, Demokratie zu untergraben und autoritäre Entwicklungen zu begünstigen. Historische Fallstudien zeigen etwa die zentrale Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen beim Aufstieg faschistischer Bewegungen. Die NSDAP nutzte in den 1920er Jahren Vereinigungen als Rekrutierungs- und Trainingsräume zur Vorbereitung der nationalsozialistischen Machtübernahme. Auch in Italien stellten zivilgesellschaftliche Organisationen damals Ressourcen bereit, die den Erfolg des Faschismus entscheidend begünstigten.

Jüngere Beispiele zeigen ebenfalls, wie zivilgesellschaftliche Akteure autoritäre Normen und Praktiken fördern können. In Ungarn trugen konservative Vereinigungen im Zuge der autoritären Transformation seit 2010 zur demokratischen Erosion bei. Auch in Polen und in Indonesien hat die jahrelange Polarisierung der Zivilgesellschaft deren Fähigkeit geschwächt, illiberaler Politik und Autokratisierung entgegenzuwirken. Vergleichende Studien bestätigen die schädlichen Effekte antisystemischer Organisationen in weiteren Ländern.

Soziale Bewegungen als demokratisierende Kraft

Im Gegensatz zu neotocquevillianischen Ansätzen, die vor allem formal organisierte Zusammenschlüsse in den Blick nehmen, zeigt die soziale Bewegungsforschung, dass Protest und spontane Mobilisierung sowohl in etablierten Demokratien als auch in Autokratien demokratisierende Wirkungen entfalten können. Vier Effekte lassen sich dabei unterscheiden:

Erstens sind soziale Bewegungen zentrale Triebkräfte bei der Ausweitung demokratischer Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten. So trugen etwa die Bürgerrechtsbewegung in den USA oder die Neuen Sozialen Bewegungen in Europa in den 1960er Jahren maßgeblich zur Erweiterung politischer Rechte und Freiheiten zuvor ausgeschlossener Gruppen bei.

Zweitens spielen soziale Bewegungen eine wichtige Rolle bei Übergängen von Autokratien zu Demokratien. Massenhafte, insbesondere gewaltfreie Mobilisierung kann autoritäre Regime stürzen und stabile Demokratien hervorbringen, vor allem wenn sie breite Koalitionen bildet und internationale Unterstützung mobilisiert.

Drittens können Bewegungen als Schutzmechanismus gegen demokratische Rückschritte wirken. Vergleichende Studien zeigen, dass Demokratien, die aus breiter gesellschaftlicher Mobilisierung hervorgegangen sind, oft stabiler sind als solche, die primär von Eliten etabliert wurden.

Viertens spielt Demokratie auch innerhalb sozialer Bewegungen selbst eine Rolle. Viele progressive Bewegungen setzen auf deliberative und partizipative Entscheidungsformen. Trotz strategischer Spannungen wird interne Demokratie häufig als Ziel und zugleich als Mittel verstanden, eine demokratischere Gesellschaft hervorzubringen. Entsprechend scheinen intern demokratisch organisierte Gruppen besonders geeignet, demokratische Prinzipien auch gesamtgesellschaftlich zu stärken.

Autoritäre Bewegungen gegen die Demokratie

Auch autoritäre soziale Bewegungen und Protestmobilisierung stellen die Annahme infrage, dass Zivilgesellschaft grundsätzlich demokratieförderlich sei. Während die Bewegungsforschung lange vor allem progressive Mobilisierungen untersuchte, gibt es inzwischen breite Forschung zu antidemokratischen Dynamiken in der Protestarena. Insbesondere Studien zu rechtsextremen Bewegungen zeigen, wie solche Akteure gegenwärtige Demokratien herausfordern. Von Ungarn und Polen bis in die Vereinigten Staaten haben rechtsextreme Proteste zur Erosion demokratischer Institutionen beigetragen – häufig begleitet von der Vereinnahmung formaler zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Autoritäre Mobilisierungen können die demokratischen Effekte ziviler Partizipation unterminieren. Massenmobilisierung im Dienst autokratischer Projekte kann demokratische Übergänge verhindern und demokratischen Rückbau beschleunigen. Die empirische Forschung zeigt damit deutlich, dass sowohl organisierte Akteure als auch bewegungsförmige Mobilisierung für antidemokratische Zwecke genutzt werden können.

Fazit

Wir sind eingangs von der Beobachtung ausgegangen, dass der Begriff „Zivilgesellschaft“ heute allgegenwärtig und zugleich umstritten ist. Während Zivilgesellschaft in den 1990er Jahren vor allem als Hoffnungsträgerin demokratischer Erneuerung galt, ist der gegenwärtige Diskurs zunehmend von konkurrierenden Deutungen geprägt: Zivilgesellschaft erscheint gleichermaßen als demokratische Schutzinstanz wie als politisch problematische Akteurin. Diese Verschiebung verweist weniger auf einzelne Kontroversen als auf einen grundlegenden Wandel im Verständnis des Begriffs – von einem normativen Leitbild hin zu einer politisch umkämpften und analytisch offenen Kategorie.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Zivilgesellschaft weder per se demokratieförderlich noch demokratiegefährdend ist. Die empirische Forschung kommt zu gemischten Befunden. Zwei Gründe sind dafür zentral: Erstens sind zivilgesellschaftliche Strukturen vielfältig und komplex. Innerhalb derselben Gesellschaft finden sich demokratische ebenso wie autoritäre Akteure, formell organisierte Verbände ebenso wie lose Mobilisierungsnetzwerke. Entscheidend ist daher nicht die bloße Existenz zivilgesellschaftlicher Akteure, sondern welche Formen dominieren, welche Ziele sie verfolgen, wie sie organisiert sind und in welchen politischen Kontexten sie agieren. Zweitens bleiben die Forschungsstränge zu demokratisierenden und autokratisierenden Wirkungen bislang weitgehend getrennt. Es ist noch wenig darüber bekannt, wie „zivile“ und „unzivile“ Akteure innerhalb desselben Feldes interagieren, sich gegenseitig verstärken oder neutralisieren.

Gerade vor dem Hintergrund aktueller demokratiepolitischer Spannungen gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Zunehmende Polarisierung und Versuche antidemokratischer Akteure, in zivilgesellschaftliche Strukturen hineinzuwirken, treffen auf vielfältige Formen alltäglichen Engagements, die Begegnung ermöglichen, Dialogräume offenhalten und demokratische Praktiken im Alltag verankern. Zivilgesellschaft steht damit unter doppeltem Druck: von außen durch autoritäre Interventionen, von innen durch Rückzug, Ermüdung oder gesellschaftliche Segmentierung. Zugleich wird deutlich, dass demokratische Ressourcen nicht nur in spektakulären Mobilisierungen liegen, sondern ebenso in dauerhaften, oft unscheinbaren Formen des Engagements in Vereinen, Nachbarschaften oder Bildungs- und Freizeitkontexten.

Für die politische Debatte folgt daraus, dass die Rolle der Zivilgesellschaft in und für die Demokratie weder romantisiert noch pauschal problematisiert werden sollte. Entscheidend ist vielmehr, die Bedingungen in den Blick zu nehmen, unter denen zivilgesellschaftliche Autonomie, pluraler Streit und demokratische Praxis im Alltag gesichert werden können, gerade in einem Umfeld zunehmender Polarisierung und öffentlicher Delegitimierungsdiskurse.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. z.B. Frank Adloff, Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis, Frankfurt/M.–New York 2005; Michael Edwards, Civil Society, Cambridge 2014 (3. Aufl.); Edgar Grande, Entwicklungen und Herausforderungen der Zivilgesellschaft in Deutschland, in: Brigitte Grande/Edgar Grande/Udo Hahn (Hrsg.), Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 2021, S. 165–181; Jürgen Kocka, Zivilgesellschaft in historischer Perspektive, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 2/2003, S. 29–37.

  2. Vgl. Edwards (Anm. 1); Kocka (Anm. 1); Paul Lichterman/Nina Eliasoph, Civic Action, in: American Journal of Sociology 3/2014, S. 798–863.

  3. Vgl. Matthias Freise/Petr Pajas, Organizational and Legal Forms of Nonprofit Organizations in Central Europe, in: Annette Zimmer/Eckhard Priller (Hrsg.), Future of Civil Society, Wiesbaden 2004.

  4. Vgl. Lichterman/Eliasoph (Anm. 2).

  5. Vgl. Julia Simonson et al. (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2019, Wiesbaden 2022.

  6. Vgl. Christopher Einolf et al., Informal, Unorganized Volunteering, in: The Palgrave Handbook of Volunteering, Civic Participation, and Nonprofit Associations, London 2016.

  7. Vgl. Adalbert Evers, Die Zivilgesellschaft und ihre Organisationen. Ein Vergleich verschiedener Ansätze, in: Andreas Schröer et al. (Hrsg.), Organisation und Zivilgesellschaft, Wiesbaden 2019, S. 9–32; Lichterman/Eliasoph (Anm. 2).

  8. Vgl. Young-joo Lee/Jeffrey L. Brudney, Participation in Formal and Informal Volunteering: Implications for Volunteer Recruitment, in: Nonprofit Management & Leadership 2/2012, S. 159–180.

  9. Vgl. Lichterman/Eliasoph (Anm. 2).

  10. Dieses Kapitel basiert auf Hans Jonas Gunzelmann/Swen Hutter/Teresa Völker, Civil Society and Democracy, in: Regina A. List/Helmut K. Anheier/Stefan Toepler (Hrsg.), International Encyclopedia of Civil Society, Cham 2025, Externer Link: https://doi.org/10.1007/978-3-319-99675-2_9643-1. Für die wertvolle Vorarbeit danken wir Hans Jonas Gunzelmann und Teresa Völker.

  11. Vgl. etwa Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/M. 1981; Michael Edwards (Hrsg.), The Oxford Handbook of Civil Society, Oxford 2011.

  12. Vgl. Simone Chambers/Jeffrey Kopstein, Bad Civil Society, in: Political Theory 6/2001, S. 837–865; Petr Kopecký/Cas Mudde (Hrsg.), Uncivil Society? Contentious Politics in Post-Communist Europe, London 2012.

  13. Siehe auch Gunzelmann et al. 2025 (Anm. 10).

  14. Vgl. Nicole Bolleyer, Civil Society’s Democratic Potential: Organizational Trade-offs Between Participation and Representation, Oxford 2024. Neotocquevillianisch bezeichnet an Alexis de Tocqueville (1805–1859) anschließende Ansätze, die die demokratietragende Bedeutung freiwilliger Zusammenschlüsse in modernen Gesellschaften betonen.

  15. Robert D. Putnam, Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy, Princeton 1994.

  16. Vgl. ders., Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community, New York 2000.

  17. Vgl. Theda Skocpol/Morris P. Fiorina (Hrsg.), Civic Engagement in American Democracy, Lanham 2004.

  18. Vgl. Rollin F. Tusalem, A Boon or a Bane? The Role of Civil Society in Third- and Fourth-Wave Democracies, in: International Political Science Review 3/2007, S. 361–386.

  19. Vgl. Michael Bernhard et al., Parties, Civil Society, and the Deterrence of Democratic Defection, in: Studies in Comparative International Development 1/2020, S. 1–26.

  20. Vgl. Sheri Berman, Civil Society and the Collapse of the Weimar Republic, in: World Politics 3/1997, S. 401–429; Ariel C. Armony, The Dubious Link. Civic Engagement and Democratization, Stanford 2004.

  21. Vgl. Dylan Riley, The Civic Foundations of Fascism in Europe, London 2019.

  22. Vgl. Laura Jakli/Béla Greskovits/Jason Wittenberg, Asymmetric Mass Mobilization and the Vincibility of Democracy in Hungary, in: Comparative Political Studies 2025, Externer Link: https://doi.org/10.1177/00104140241312093.

  23. Vgl. Grzegorz Ekiert, Civil Society as a Threat to Democracy, in: Nathan Stoltzfus/Christopher Osmar (Hrsg.), The Power of Populism and People Resistance and Protest in the Modern World, London 2021, S. 53–71.

  24. Vgl. Michael Bernhard/Amanda B. Edgell, Democracy and Social Forces, in: Amanda B. Edgell et al. (Hrsg.), Why Democracies Develop and Decline, Cambridge 2022, S. 185–214.

  25. Vgl. Marco G. Giugni/Doug McAdam/Charles Tilly (Hrsg.), From Contention to Democracy, Lanham 1998.

  26. Vgl. Sebastian Hellmeier/Michael Bernhard, Regime Transformation from Below: Mobilization for Democracy and Autocracy from 1900 to 2021, in: Comparative Political Studies 12/2023, S. 1858–1890.

  27. Vgl. Donatella della Porta, Mobilizing for Democracy: Comparing 1989 and 2011, Oxford 2014.

  28. Vgl. Andrea Felicetti, Deliberative Democracy and Social Movements: Transition Initiatives in the Public Sphere, London 2017.

  29. Vgl. Luke Yates, Rethinking Prefiguration: Alternatives, Micropolitics and Goals in Social Movements, in: Social Movement Studies 1/2015, S. 1–21.

  30. Vgl. Darren Kew, Civil Society, Conflict Resolution, and Democracy in Nigeria, Syracuse 2016.

  31. Vgl. z.B. Pietro Castelli Gattinara/Andrea L.P. Pirro, The Far Right as Social Movement, in: European Societies 4/2019, S. 447–462.

  32. Vgl. Andrew P. Davis/Yongjun Zhang, Civil Society and Democracy Under Pressure: Does Authoritarian Mobilization and Party Incapacity Diminish the Positive Effect of Civil Society?, in: The Sociological Quarterly 2/2024, S. 225–245.

  33. Vgl. Hellmeier/Bernhard (Anm. 26).

  34. Für eine der wenigen Ausnahmen vgl. etwa Michael C. Zeller, Demobilising Far-Right Demonstration Campaigns: Coercive Counter-Mobilisation, State Social Control, and the Demobilisation of the Hess Gedenkmarsch Campaign, in: Social Movement Studies 3/2022, S. 372–390.

  35. Vgl. Hans Jonas Gunzelmann/Christin Jänicke, Far-Right Contention in Civil Society: Multiple Lenses on Action Repertoires, Actors, and Targets, in: European Societies 2025, Externer Link: https://doi.org/10.1162/EUSO.a.75.

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Weitere Inhalte

ist Professor für politische Soziologie und Direktor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung an der Freien Universität Berlin und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung an der Freien Universität Berlin und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).