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Geschichte, kulturelle Tradition, Ideologie

China Editorial Einleitung Geschichte, kulturelle Tradition, Ideologie Charakteristika des politischen Systems Außen- und Sicherheitspolitik Gesellschaft im Umbruch Situation von Medien und Internet Von der "Werkbank der Welt" zur Innovationswirtschaft China in der Weltwirtschaft Literaturhinweise Karten Impressum

Geschichte, kulturelle Tradition, Ideologie

Daniel Leese Mareike Ohlberg Hans van Ess

/ 20 Minuten zu lesen

Die Periode ab 1949 bildet nur eine kurze Zeitspanne innerhalb einer langen Entwicklungsgeschichte, für das Verständnis des heutigen China ist sie gleichwohl entscheidend. Der Umgang mit der jahrtausendealten kulturellen Tradition ist wichtiger Teil eines von der Kommunistischen Partei gelenkten Diskurses. Ideologisch vertritt sie einen Sozialismus chinesischer Prägung, der ihre Macht festigen soll.

Symbol des Wiederaufstiegs: Die Skulpturen vor dem Mausoleum Mao Zedongs auf dem Tiananmen-Platz in Peking feiern Mao als Befreier Chinas und fordern die Jugend auf, seinem Vorbild nachzueifern. (© mood board / Getty Images)

Zeittafel (1949–2018)

Daniel Leese

1. Oktober 1949
Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Zedong; nach dem Sieg der Kommunisten fliehen Chiang Kai-shek und seine Guomindang-Truppen nach Taiwan, Bildung einer nationalistischen Exilregierung der Republik China

14. Februar 1950
Abschluss des sino-sowjetischen Freundschaftsvertrags; Orientierung am Vorbild der Sowjetunion in vielen Politikfeldern

1. Mai 1950
Neues Heiratsgesetz bricht mit patriarchalischer Tradition

1950–1953
Chinesische "Freiwilligenverbände" verhindern nordkoreanische Niederlage im Korea-Krieg; außenpolitischer Prestigegewinn der jungen VR China

23. Mai 1951
17-Punkte-Abkommen bestätigt Anschluss Tibets an VR China

1952
Landreform endet mit Neuverteilung des ländlichen Besitzes; Hinrichtung ehemaliger Eliten

1953
Erster Fünf-Jahres-Plan nach sowjetischem Vorbild tritt in Kraft

20. September 1954
VR China erhält erste Verfassung

1954–1955
Teilnahme an der Genfer Indochina-Konferenz und der Bandung-Konferenz; Formulierung der "Fünf Prinzipien friedlicher Koexistenz"

25. Februar 1956
Geheimrede Nikita Chruschtschows auf 20. Parteitag der KPdSU leitet Entstalinisierung ein

1956–1957
Versuch Mao Zedongs mit Hundert-Blumen-Kampagne Fehlentwicklungen zu korrigieren; öffentliche Kritik führt im Juni 1957 zum Abbruch

1957–1958
Verfolgung von Kritikern und Andersdenkenden in Kampagne gegen "Rechtsabweichler"

1958
Beginn des "Großen Sprungs nach vorn"; Kollektivierungen erreichen mit Errichtung der Volkskommunen ihren Höhepunkt

Frühjahr 1959
Aufstände in Tibet; Flucht des Dalai Lama nach Indien

1959–1961
"Drei bittere Jahre": Hungerkatastrophe mit über 30 Millionen Toten als Konsequenz der verfehlten Wirtschaftspolitik

August 1959
Verteidigungsminister Peng Dehuai nach Kritik auf Lushan-Konferenz entlassen und durch Lin Biao ersetzt

1960
Politische Spannungen führen zum Abzug sowjetischer Wirtschaftsberater

Anfang 1962
Scharfe Kritik an Großem Sprung auf 7000-Kader-Konferenz; kurzzeitiger ökonomischer Kurswechsel folgt

September 1962
Mao Zedong betont die Notwendigkeit, den Klassenkampf fortzuführen

Herbst 1962
Sino-indischer Grenzkrieg

1963–1964
Offener Bruch zwischen VR China und Sowjetunion

1963–1965
Sozialistische Erziehungskampagne zur Bekämpfung "revisionistischer" Tendenzen

1964
VR China wird Atommacht; Volksbefreiungsarmee unter Lin Biao forciert Kult um Mao Zedong

1966–1969
Kulturrevolution; Massenmobilisierung gegen Reste "alter Kultur" und "alten Denkens" sowie gegen "Personen, die den kapitalistischen Weg gehen"; Staatspräsident Liu Shaoqi, Parteisekretär Deng Xiaoping u. a. werden gestürzt

August 1966
"Roter August": Massentreffen der Rotgardisten mit Mao Zedong in Beijing; Zerstörungen von Kulturdenkmälern und Terror gegen "reaktionäre Autoritäten"

Januar 1967
Ausrufung der Shanghai-Kommune und Beginn lokaler Machtergreifungen

1967 – September 1968
Landesweite Etablierung von Revolutionskomitees; Einfluss der Armee steigt; Rotgardisten werden zwangsweise landverschickt

März 1969
Militärische Konflikte zwischen VR China und Sowjetunion am Grenzfluss Ussuri

April 1969
9. Parteitag beendet Massenphase der Kulturrevolution und benennt Verteidigungsminister Lin Biao als Mao Zedongs Nachfolger

November 1969
Staatspräsident Liu Shaoqi wird prominentestes Opfer der Kulturrevolution

13. September 1971
Tod Lin Biaos bei Fluchtversuch mit Flugzeug über der Äußeren Mongolei

25. Oktober 1971
VR China ersetzt Republik China (Taiwan) im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen

Februar 1972
China-Besuch von US-Präsident Richard Nixon; im Shanghai-Kommuniqué wird die Ein-China-Politik betont

1973–1974
Kampagne zur Kritik an Lin Biao und Konfuzius; Rehabilitierung Deng Xiaopings

5. April 1976
Inoffizielles Gedenken auf Tiananmen-Platz an verstorbenen Zhou Enlai mündet in Protesten gegen kulturrevolutionäre Politik; Zweiter Sturz Deng Xiaopings

Juli 1976
Erdbeben in nordchinesischer Stadt Tangshan fordert rund 250.000 Todesopfer

9. September 1976
Tod Mao Zedongs; Nachfolger wird Hua Guofeng, Beginn erster Reformbestrebungen

6. Oktober 1976
Verhaftung der "Viererbande" um Maos Frau Jiang Qing

Juli 1977
Zweite Rehabilitierung Deng Xiaopings

Dezember 1978
Drittes Plenum des Elften Zentralkomitees beschließt offiziell Reform- und Öffnungspolitik; "Vier Modernisierungen" als Kernprogramm

Ende 1978–1979
Demokratiemauer-Bewegung

Frühjahr 1979
Auf vietnamesische Besetzung Kambodschas folgt sino-vietnamesischer Krieg

März 1979
Deng Xiaoping definiert "Vier Grundprinzipien"

1979–1982
Agrarreformen und Aufgabe der Volkskommunen

1979–2015
Ein-Kind-Politik verpflichtend für städtische Bevölkerung

Mai 1980
Erste Sonderwirtschaftszone in Shenzhen eröffnet

1980/81
"Viererbande" von Sondergerichtshof für Verbrechen der Kulturrevolution verurteilt; Geschichtsresolution definiert Fehler Mao Zedongs

September 1980
Zhao Ziyang ersetzt Hua Guofeng als Ministerpräsident

Juni 1981
Hu Yaobang ersetzt Hua Guofeng als Parteivorsitzender (ab 1982 Generalsekretär)

1982
Chinas Bevölkerung überschreitet 1 Milliarde

19. Dezember 1984
Sino-britische Einigung über Rückgabe Hongkongs

Dezember 1986
Studentenproteste für politische Reformen, Bürgerrechte und akademische Freiheit

Januar 1987
Generalsekretär Hu Yaobang durch innerparteiliche Rivalen gestürzt; Zhao Ziyang wird Nachfolger; Li Peng Ministerpräsident

1988 Wirtschaftliche Schwankungen und hohe Inflation führen zu Protesten

April – Juni 1989 Massive landesweite Proteste für politische Reformen und gegen Korruption anlässlich des Todes Hu Yaobangs; Tiananmen-Platz wird Zentrum des Protests; gewaltsame Niederschlagung

Juni 1989 Zhao Ziyang wird entlassen; Jiang Zemin neuer Generalsekretär, ab 1993 auch Staatspräsident

Januar 1992 "Südreise" Deng Xiaopings in Sonderwirtschaftszonen symbolisiert Wiederaufnahme der Reformen; tiefgreifende Veränderungen auch in Staatsunternehmen

19. Februar 1997 Tod Deng Xiaopings

1. Juli 1997 Rückgabe Hongkongs an die VR China; Sonderstatus "Ein Land – zwei Systeme" wird für 50 Jahre garantiert

1998–2003 Zhu Rongji wird Ministerpräsident der VR China

April 1999 Proteste von Falun Gong-Anhängern in Beijing; KPC verbietet Bewegung und unterdrückt Anhänger harsch

7. Mai 1999 Bombardement der chinesischen Botschaft in Belgrad durch NATO führt zu Massenprotesten

20. Dezember 1999 Rückgabe Macaus an die VR China durch Portugal

2000 Dramatiker Gao Xingjian erhält Literaturnobelpreis

2002/2003 Hu Jintao wird Generalsekretär und Staatspräsident, Wen Jiabao Ministerpräsident

Frühjahr 2003 Verbreitung der Atemwegserkrankung SARS

Oktober 2003 Erster bemannter Raumflug der VR China

2006 Fertigstellung und Inbetriebnahme der Drei-Schluchten-Talsperre, des weltweit größten Wasserkraftwerks

März 2008 Niederschlagung von Protesten in Tibet

12. Mai 2008 Wenchuan-Erdbeben in Provinz Sichuan fordert rund 70.000 Opfer

Sommer 2008 Olympische Sommerspiele in Beijing

Dezember 2008 Forderungen nach Bürgerrechten kulminieren in Charta 08; Mitautor Liu Xiaobo inhaftiert; Bürgerrechtsbewegung in Folgezeit unterdrückt

Juli 2009 Gewaltsame Proteste in Xinjiang

2010 Liu Xiaobo erhält Friedensnobelpreis; 2017 Tod in Haft

2012 Autor Mo Yan erhält Literaturnobelpreis

März 2012 Korruptions- und Mord-Skandal um Politbüro-Mitglied Bo Xilai

2012/2013 Xi Jinping wird Generalsekretär und Staatspräsident, Li Keqiang Ministerpräsident

November 2012 Xi Jinping erwähnt erstmals in einer Rede den "chinesischen Traum", eine politische Parole und offizielle Vision für das Land

Seit 2012 Massive Antikorruptionskampagne innerhalb der KPC

Seit 2013 Enthüllung der "One Belt – One Road" oder "Neue Seidenstraßen"-Initiative, die den globalen wirtschaftlichen und politischen Einfluss Chinas erheblich ausweitet

Ende 2014 "Regenschirm-Revolution" in Hongkong: Proteste gegen zunehmende Einflussnahme Beijings

November 2015 Erstes Treffen der Parteiführer von Guomindang und KPC seit 1949

März 2018 Durch eine Verfassungsänderung wird die Begrenzung der Amtsdauer des Präsidenten auf zwei fünfjährige Perioden aufgehoben

2018 Handelsstreit mit den USA

"Der Weg des Wiederaufstiegs" – Geschichte Chinas seit 1949

Daniel Leese

"Die Chinesen, die ein Viertel der Menschheit bilden, sind nunmehr aufgestanden." Mit diesen Worten beschrieb Parteiführer Mao Zedong (1893–1976) wenige Tage vor der offiziellen Proklamation der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 einen epochalen Wandel.
Im Gefolge der Opiumkriege (1840–1842 und 1856–1860) war das Vielvölkerreich der Qing-Dynastie zum Objekt imperialistischer Willkür geworden. Chinesische Städte wurden zwangsweise für den Außenhandel geöffnet, der Kaiserhof musste Teile seiner Steuereinnahmen verpfänden und ausländische Regierungen sicherten sich Einflusssphären sowie Zugriff auf natürliche Ressourcen. Auch wenn keine flächendeckende Kolonialisierung stattfand, waren die Eingriffe in die staatliche Souveränität massiv.

Die Revolution des Jahres 1911 beendete zwar die Monarchie, aber die neugegründete Republik China blieb politisch instabil, geschwächt durch innere Rivalitäten und die fortgesetzte Aggressionspolitik Japans. Daher verlieh Mao Zedong dem Stolz über die Wiederherstellung nationaler Souveränität öffentlich Ausdruck. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des "Jahrhunderts der Demütigungen" begann die Kommunistische Partei Chinas (KPC) unmittelbar nach ihrem Sieg im Bürgerkrieg gegen die Nationale Volkspartei Chinas (Guomindang), die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen des Staates grundlegend umzugestalten.

Klassenkampf und politische Experimente (1949–1978)

Nachdem beinahe die gesamte Fläche des ehemaligen Qing-Reichs, mit Ausnahme u. a. der Äußeren Mongolei und Taiwans, unter dem Mantel des Nationalstaats "Volksrepublik China" vereint worden war, festigte die KPC in der Folgezeit schrittweise ihre Macht. In einem vom Kalten Krieg der beiden Supermächte USA und Sowjetunion geprägten internationalen Umfeld wurde der Abwehr von feindlichen Kräften sowohl innen- als auch außenpolitisch zentrale Bedeutung beigemessen.

Im Zuge einer umfassenden Bodenreform wurde die Landbevölkerung in soziale Klassen eingeteilt. Die ländlichen Eliten – der Kollaboration mit dem "Klassenfeind" verdächtigt – wurden gewaltsam enteignet und in vielen Fällen ums Leben gebracht. Ihr Grundbesitz wurde an ärmere Schichten verteilt. Die Verstaatlichung städtischer Produktionsmittel erfolgte Mitte der 1950er-Jahre.

In den ersten drei Jahrzehnten der Volksrepublik sorgten politische Kampagnen für eine permanente Mobilisierung der Bevölkerung. Mao Zedong hoffte damit der Gefahr eines Erlahmens des revolutionären Bewusstseins entgegenzuwirken. Für dieses Ziel war er bereit, deutlich größere Risiken für die Herrschaftsstabilität einzugehen als irgendein anderer kommunistischer Parteiführer. Dies zeigte sich bereits in seiner Reaktion auf die Geheimrede Nikita Chruschtschows (1894–1971) im Februar 1956, in welcher dieser die Terrorherrschaft Stalins kritisiert hatte. Mao wandte sich in der Folge direkt an Nicht-Partei-Mitglieder und rief diese dazu auf, Fehlentwicklungen innerhalb der Partei zu kritisieren ("Hundert-Blumen-Bewegung"). Als einige Kritik wider Erwarten systemkritische Züge annahm, beendete er das Experiment sozialistischer Liberalisierung und ließ hunderttausende Kritiker als "Rechtsabweichler" verfolgen.

Im gleichen Jahr erklärte die Parteiführung den Übergang zum Sozialismus für weitgehend abgeschlossen und versuchte mit dem "Großen Sprung nach vorn" durch Kollektivierung aller Arbeits- und Lebensbereiche sowohl die Produktion landwirtschaftlicher Güter zu steigern als auch die Industrialisierung des ländlichen Raumes voranzutreiben.

Exkurs: Der Große Sprung

Bereits nach Stalins Tod im Jahr 1953 war auf chinesischer Seite Skepsis am sowjetischen Entwicklungspfad aufgekommen. Im Bereich der Wirtschaft wurde die allzu starke Konzentration auf Investitionen in die Schwerindustrie hinterfragt. Auf dem Land, wo die große Mehrheit der Bevölkerung lebte, wurden die Kollektivierungsbestrebungen verstärkt: Die Bauern mussten das Land, das ihnen vielfach erst kurz zuvor mit der Bodenreform zugesprochen worden war, in Gemeinschaftseigentum überführen. Mit Hilfe einer optimierten Organisation der im Überfluss vorhandenen Arbeitskräfte und einem gesteigerten politischen Bewusstsein sollte der offensichtliche technologische Rückstand der chinesischen Landwirtschaft wettgemacht werden und der Übertritt in eine bessere, sozialistische Zukunft gelingen. Im April 1956 definierte Mao Zedong zehn grundlegende Widersprüche in Partei und Staat, die es zu lösen gelte, darunter das Auseinanderklaffen von städtischer und ländlicher Entwicklung. Die Lösung, die Mao sich vorstellte, bestand im Aufbau ländlicher Industriekomplexe bei gleichzeitiger Steigerung der Agrarproduktion durch Kollektivierung sowie innovative Anbaumethoden.

Im Januar 1958 bezeichnete Mao die Entwicklungsstrategie offiziell als "Großen Sprung nach vorn" und startete eine landesweite Massenkampagne. Traditionelle Wohn- und Arbeitsstrukturen wurden aufgelöst und durch Volkskommunen ersetzt. Der durch die Kollektivierung erwartete Effizienzgewinn in Form landwirtschaftlicher Produkte sollte die rasch wachsende Bevölkerung versorgen wie auch zum Export verwendet werden. Größte Aufmerksamkeit galt der zeitgleichen ideologischen Massenmobilisierung für immer neue Ziele. Gewaltige Wasserreservoirs wurden nur mit menschlicher Arbeitskraft ausgehoben. Zeitgleich schossen überall kleine Stahlöfen aus dem Boden, die zur Industrialisierung des ländlichen Raums beitragen sollten. Das Einschmelzen von metallenen Haushaltsgegenständen lieferte jedoch keine ökonomisch nutzbaren Ressourcen. Auch der Kampf gegen die "Vier Plagen" – Ratten, Fliegen, Moskitos und Spatzen – führte zu empfindlichen Störungen des ökologischen Gleichgewichts.

Im Sommer und Herbst 1958 berichteten chinesische Zeitungen von immer neuen Ernterekorden, so sollten etwa Bilder von auf Kornfeldern laufenden Kindern den Erfolg des "Dichtsäens" belegen. In einem politischen Klima, das wirtschaftliche Erfolgsmeldungen mit politischer Zuverlässigkeit gleichsetzte, begann ein landesweiter Wettlauf um die höchsten Produktionskennziffern, welche die tatsächlichen Zuwächse um ein Vielfaches überschritten. Die staatlichen Getreideankäufe orientierten sich jedoch an diesen geschönten Statistiken und sorgten für die paradoxe Situation, dass China in großem Stil Getreide exportierte, während sich in ersten Regionen bereits die Katastrophe ankündigte.

Die Parteiführung hatte anfangs geschlossen die Politik des Sprungs befürwortet, darunter auch federführend Deng Xiaoping. Die einsetzende Hungersnot und die sich abzeichnende fehlerhafte Verteilung wirtschaftlicher Ressourcen führten jedoch zu Kritik, die am vehementesten von Verteidigungsminister Peng Dehuai im Juli 1959 formuliert wurde. In einem privaten Brief an Mao Zedong bezeichnete er den Großen Sprung als Ausdruck eines "kleinbürgerlichen Fanatismus" und zeigte deutlich dessen negative Konsequenzen auf. Mao, dem die Probleme durchaus bewusst waren, reagierte darauf mit einer neuerlichen Verstärkung der politischen Maßnahmen. Er trägt daher die Hauptverantwortung für den Tod von Abermillionen Menschen, die im Gefolge des Großen Sprungs starben. Schuld trifft jedoch auch lokale Parteiführer, insbesondere in Provinzen wie Henan oder Gansu, in denen die Hungersnot aufgrund politischer Entscheidungen besonders schlimm wütete. Erst 1961 kam es zu einem Politikwechsel, angeführt durch Liu Shaoqi und Deng Xiaoping. Mit Hilfe von Getreideimporten, einer Reduzierung der staatlichen Zwangsankäufe und einer begrenzten Erlaubnis für den privaten Anbau und Verkauf von Lebensmitteln wurde die Krise beendet.

Die Folgen des politischen Experiments waren verheerend. Mit mindestens 30 Millionen Todesopfern, so die verlässlichsten Schätzungen, gilt der Große Sprung als opferreichste Hungerkatastrophe der Weltgeschichte. Die Schuld für das Versagen wurde auf schlechte Wetterbedingungen und das Fehlverhalten von Lokalkadern geschoben. Eine parteiinterne Selbstkritik Maos gelangte nie an die Öffentlichkeit. Das Ansehen der KPC, die sich zuvor auf breite gesellschaftliche Zustimmung hatte stützen können, sank drastisch. Nicht zuletzt zerbrach während des Großen Sprungs die Einheit der Parteiführung und bereitete so den Weg für die machtpolitischen Intrigen und Konflikte der Kulturrevolution.

Auf die Kritik am Großen Sprung reagierte die Parteiführung zunächst probeweise mit einer Abschwächung der Kollektivierungsbestrebungen. Bereits 1962 verschärfte Mao Zedong jedoch die Klassenkampfrhetorik erneut. Er fürchtete um sein revolutionäres Erbe und sah national wie international "revisionistische" Strömungen am Werk, die auf eine Rückkehr zum Kapitalismus abzielten. Die Gründe hierfür sah Mao primär im ideologischen Bereich. Sein Augenmerk richtete sich dabei zunehmend auf die Führungsspitze der KPC selbst. Nach einer Reihe innerparteilicher Putsche inszenierte Mao ab Mai 1966 sein radikalstes Gesellschaftsexperiment, die Kulturrevolution.

Exkurs: Kulturrevolution

In der Forschung herrscht Uneinigkeit über die Datierung und Bedeutung der Kulturrevolution. Offiziell wird sie in China als Zehnjahres-Zeitraum (1966–1976) beschrieben und es werden innerparteiliche Machtkämpfe als Motiv für die Entfesselung von Chaos und Gewalt genannt. Neuere Forschungen differenzieren hingegen zwischen unterschiedlichen Phasen und bezeichnen vor allem die Massenbewegung von 1966 bis 1968 als Kulturrevolution. Zudem werden ideologische Hintergründe, gesellschaftliche Konflikte und regionale Unterschiede als fundamental für die spezifische Entwicklung der Bewegung herausgestellt.

Ohne Mao Zedong hätte die Kulturrevolution nicht stattgefunden, aber sie lässt sich nicht allein auf seine Absichten reduzieren. Mao fürchtete, dass China nach seinem Tod, ähnlich wie die Sowjetunion unter Chruschtschow, den "kapitalistischen Weg" einschlagen würde. Er hatte dabei insbesondere die Parteiführer Liu Shaoqi und Deng Xiaoping im Verdacht. Mittels einer direkten Mobilisierung der Bevölkerung, vor allem der Jugend, plante Mao eine "aktive Immunisierung" gegen kapitalistisches Denken und Handeln und brachte die VR China damit an den Rand eines Bürgerkriegs.

Die Kulturrevolution als Massenbewegung begann im August 1966. In den zehn Monaten zuvor hatte Mao potenzielle Gegenspieler ihrer Ämter entheben lassen. Mit Hilfe eines überbordenden Personenkults appellierte er direkt an die Bevölkerung und richtete die entfesselte Gewalt der Rotgardisten, zumeist Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, gegen Vertreter oder Symbole "alter Kultur" und "alten Denkens". Wissenschaftliche Autoritäten und andere Lehrkräfte wurden gedemütigt, misshandelt und gelegentlich gar erschlagen, Kulturgüter zerstört.

Seit dem Herbst 1966 richtete sich die Kritik zunehmend gegen Parteikader, insbesondere an der Parteispitze. Ab Januar 1967 ergriffen landesweit lokale Rebellenverbünde die Macht. Der Protest zerfiel in zahllose Gruppierungen, die sich gegenseitig bekriegten. Immer wieder musste die Armee in lokalen Konflikten intervenieren und für Stabilität sorgen. Bis September 1968 etablierten sich neue Revolutionskomitees, die an Stelle der alten Parteiorgane traten.

Die Machtkonsolidierung forderte weitaus mehr Opfer als die Gewalt der Rotgardisten. Die meisten der mutmaßlich rund 1,5 Millionen Toten der Kulturrevolution fielen staatlicher Gewalt zum Opfer, bis heute ein Tabuthema in der VR China.

Mao Zedong hatte nie vor, die KPC als Partei zu zerschlagen, auch wenn er auf dem Höhepunkt der Bewegung im August 1967 Rotgardistenverbände bewaffnen ließ. Kritische Denker wie Yu Luoke oder Yang Xiguang, welche Maos Aufforderung, Parteikritik zu üben, ernst nahmen, indem sie die Sozialhierarchien der VR China mit dem Kastenwesen verglichen oder die privilegierte Rolle der Partei ("rote kapitalistische Klasse") als Wurzel allen Übels brandmarkten, wurden als "Ultralinke" verhaftet und teilweise hingerichtet.

Spätestens mit der Etablierung der Revolutionskomitees war der potenziell revolutionäre Impuls der Bewegung Geschichte. Der massive Einflussgewinn des Militärs unter Verteidigungsminister Lin Biao bereitete Mao Zedong in der Folgezeit Sorgen, und er unterminierte aktiv die Stellung seines gewählten Nachfolgers. Im September 1971 starb Lin bei einem Fluchtversuch, nachdem Mao ihn zuvor persönlich kritisiert hatte.

In den 1970er-Jahren kam es zu weiteren Kampagnen, die aber stets unter direkter Parteikontrolle blieben. Unterschiedliche Gruppen konkurrierten um Zugang zum greisen Diktator. Hierbei kristallisierte sich insbesondere eine linksgerichtete Fraktion um Maos Frau Jiang Qing heraus. Aber auch die primär auf politische und ökonomische Effizienz zielenden Kreise um Zhou Enlai und den rehabilitierten Deng Xiaoping blieben einflussreich. Die landesweiten Proteste gegen die radikale Politik der Linken im April 1976 führten zum erneuten Sturz Dengs.

Mangelnde Netzwerke und offene Ablehnung in Partei und Gesellschaft verhinderten aber einen Triumph der Radikalen nach Maos Tod. Eine Koalition aus Parteikadern und Militärs ließ die "Viererbande" um Maos Witwe mittels eines Putsches verhaften und zu langjährigen Haftstrafen verurteilen. Eine Parteiresolution aus dem Jahr 1981 versuchte eine einheitliche Bewertung der Kulturrevolution zu liefern und beschrieb Mao als großen, aber fehlbaren Parteiführer. Viele Konflikte der Kulturrevolution werden jedoch von diesem Formelkompromiss nicht abgedeckt und haben bis heute keine Klärung erfahren. Dies ist einer der Gründe, weshalb das Thema weiterhin als politisch sensibel gilt.

Wirtschaftsreformen und Herrschaftsstabilität

Nicht zuletzt in Anbetracht der Sorge vor einem Konflikt mit der Sowjetunion hatte Mao noch in seinen letzten Lebensjahren die politischen Vorzeichen erneut geändert. Der Beitritt der VR China zu den Vereinten Nationen 1971, der China-Besuch von US-Präsident Nixon im Folgejahr und die Aufnahme von Beziehungen zu vormaligen Feindstaaten waren Konsequenzen dieses Wandels. Die Furcht vor einer Abkehr von seinen revolutionären politischen Maximen aber sollte sich kurz nach seinem Tod am 9. September 1976 bewahrheiten, als die neue politische Führung um Deng Xiaoping (1904–1997) einen politischen Kurswechsel vollzog.

Das Dritte Plenum des Elften Zentralkomitees im Dezember 1978 markiert offiziell den Beginn der Reformpolitik. Unter dem Motto der "Vier Modernisierungen" wurden schrittweise Reformen in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie, Verteidigung sowie in Wissenschaft und Technik vorangetrieben. Die soziale Stigmatisierung alter Eliten und vermeintlicher Feinde fand ein Ende. Auch die Klassenkampfrhetorik wurde offiziell beendet. Eine "Entmaoisierung" fand hingegen nicht statt. Mao Zedong wurden zwar Fehler angelastet, seine historischen Leistungen insgesamt jedoch positiv beurteilt.

Weitergehende Forderungen nach einem politischen Wandel, etwa während der Demokratiemauer-Bewegung in der Jahren 1978 und 1979, als Aktivisten wie Wei Jingsheng eine "fünfte Modernisierung" in Gestalt einer Demokratisierung forderten, wurden unterdrückt. Vielmehr definierte Deng anhand der "Vier Grundprinzipien" die Grenzen erlaubter Kritik. Die bis heute gültige Maxime bestimmt: das Festhalten (1) am sozialistischen Weg, (2) an der Führung der KPC, (3) am Marxismus-Leninismus und den Mao-Zedong-Ideen sowie (4) an der Diktatur des Proletariats.

Der Umfang der Reformen blieb sowohl innerhalb der Partei als auch in der Gesellschaft umstritten. Wirtschaftliche Schwankungen sowie Kritik an innerparteilicher Korruption und mangelnder politischer Mitsprache führten zu Protesten, die im Frühjahr 1989 landesweit ihren Höhepunkt fanden. Das Zentrum der Bewegung, der Platz des Himmlischen Friedens in Beijing, wurde in der Nacht auf den 4. Juni 1989 gewaltsam geräumt. Hunderte Menschen starben bei den Protesten, Tausende wurden inhaftiert und verurteilt, darunter der spätere Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo (1955–2017).

Mit einer symbolträchtigen Reise in die südchinesischen Sonderwirtschaftszonen Anfang 1992 signalisierte Deng Xiaoping seinen Willen, die Wirtschaftsreformen fortzusetzen und gleichzeitig die Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas zu bewahren. Während es in der Folge zu einem tiefgreifenden ökonomischen Strukturwandel und einem gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung kam, versuchte die Parteiführung dem politischen Legitimationsverlust mit Hilfe patriotischer Erziehungskampagnen zu begegnen. Die Sorge vor einem Systemkollaps wie in der Sowjetunion einte dabei die unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb der Partei.

Unter Führung von Jiang Zemin konzentrierte sich die KPC auf die Einbeziehung der neuen ökonomischen Eliten, nunmehr als "fortschrittliche Produktivkräfte" definiert, und vollzog mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 2001 einen wichtigen Schritt zur Integration der VR China in globale wirtschaftliche Institutionen.
Jiangs Nachfolger Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jiabao unternahmen verstärkte Anstrengungen, die massiven ökonomischen und sozialen Ungleichheiten innerhalb der chinesischen Gesellschaft sowie die fortschreitende Umweltzerstörung zumindest abzumildern. Dennoch wurden tiefe Risse innerhalb der Gesellschaft und machtpolitische Konflikte innerhalb der KPC offensichtlich, die 2012 in der Bo XilaiAffäre gipfelten. Unter der Führung Xi Jinpings steigert die VR China derzeit ihr weltpolitisches Gewicht, nicht zuletzt durch die "Neue Seidenstraße"-Initiative, und verstärkt parallel dazu die Bemühungen, Korruption und Machtmissbrauch innerhalb der Partei einzudämmen. Hierfür wurde die Macht des Parteivorsitzenden erheblich ausgeweitet. Zunehmend selbstbewusst kommuniziert die KPC die Erfahrungen des eigenen Reformwegs als globales Vorbild. Geschichte dient hierbei als Medium der positiven Identifizierung mit Partei und Nation. Kritische Blicke auf die dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit bleiben hingegen unerwünscht.

QuellentextBlick ins Chinesische Nationalmuseum: Wie präsentiert China heute seine Geschichte?

Im April 2011 öffnete das Chinesische Nationalmuseum in Beijing seine Tore. In vier Jahren Bauzeit hatten deutsche Architekten den prominent an der Ostseite des Tiananmen-Platzes gelegenen Prachtbau aus dem Jahr 1959 grundlegend umgestaltet. Die vormalige Trennung in ein Museum für Chinesische Geschichte sowie ein Museum der Chinesischen Revolution für die Phase ab den Opiumkriegen (1840–42 und 1856–60) wurde aufgehoben und durch zwei neue Dauerausstellungen mit den Themen "Alte Geschichte" und "Der Weg des Wiederaufstiegs" ersetzt. Während der architektonische Umbau sich insbesondere in den gewaltigen Dimensionen der Räume und der großzügigen Präsentation der Objekte zeigt, sind auch markante inhaltliche Veränderungen erkennbar.

Die Ausstellung zur "Alten Geschichte" ist nicht mehr streng nach marxistischem Geschichtsbild als Abfolge gesellschaftlicher Stufen von der Urgesellschaft bis in den Sozialismus angeordnet. Vielmehr liegt die Betonung nunmehr auf historischer Kontinuität. Die Ausstellung ist traditionell nach Herrschafts-Dynastien gegliedert und verbindet vor allem zwei übergeordnete Erzählstränge.

Einerseits soll die "Vitalität der chinesischen Zivilisation" von der Steinzeit bis zum Ende des Kaiserreichs 1911 zur Schau gestellt werden. Die Objekte, ob tönerne Kochgefäße oder Orakelknochen, versinnbildlichen demzufolge die kontinuierliche Entwicklung der "chinesischen" Kultur. Dabei wird der Anachronismus, jedwede kulturelle Errungenschaft mit der Bezeichnung "chinesisch" zu versehen, an keiner Stelle reflektiert.

Eng verwoben mit dem Aspekt der Kontinuität ist der zweite Erzählstrang, der die Ausstellung durchzieht. Ausgehend vom nationalstaatlichen Status quo wird der Einheitsgedanke betont. Verschiedene Lokalkulturen, die sich auf dem heutigen Territorium der VR China befanden, werden so Teil einer Meistererzählung, die das gedeihliche Miteinander unterschiedlicher Ethnien im nationalstaatlichen Rahmen der VR China legitimieren soll. An die Stelle der vormaligen Schilderung von Geschichte als Abfolge von Klassenkämpfen ist somit ein nationalistischer, einheitsstiftender Mythos getreten, der über das Element der gemeinsamen Kultur Gegenwart und Vergangenheit verbinden und nicht zuletzt politische Stabilität garantieren soll.

Als Xi Jinping im Jahr 2012 sein Amt als KP-Generalsekretär antrat, inszenierte er seine erste Amtshandlung in der Ausstellung zur neueren chinesischen Geschichte. Platziert vor Bildern Deng Xiaopings aus der frühen Reformzeit verkündete er das Konzept des "chinesischen Traums", als dessen Kerninhalt er den Wiederaufstieg der chinesischen Nation nannte. Der Besuch belegt einerseits den hohen Stellenwert von Geschichte für die aktuelle Parteilegitimation, andererseits führt diese Indienstnahme zu einer massiven Politisierung der jüngeren Geschichte. So wird das marxistische Erzählmuster in diesem Teil keineswegs aufgegeben. Vielmehr wird der Erfolg der KPC eingebettet in ein patriotisches Narrativ über den Wiederaufstieg des chinesischen Volks aus imperialistischer Unterdrückung.

Der Ausstellungstext nennt die Erlangung "nationalen Wohlstands" als langfristiges Ziel der "Söhne und Töchter Chinas", welches aber erst durch den Weg des Sozialismus mit chinesischen Vorzeichen unter Führung der KPC möglich geworden sei. Marxismus und Modernisierungstheorie gehen so eine spezielle Verbindung ein, die von frühen Übersetzungen kommunistischer Schriften bis zur Raumkapsel Shenzhou V reicht. Die Schattenseiten der Herrschaft wie der Große Sprung und die Kulturrevolution werden hingegen jeweils nur auf einer Fotografie mit knapper Bildunterschrift abgehandelt.

Das von der Partei vermittelte Geschichtsbild wird am sinnfälligsten in einem Relief in der gigantischen Eingangshalle zum Ausdruck gebracht. Das Relief zeigt eine Szene aus der klassischen Geschichte "Yu Gong versetzt Berge", in welcher sich ein scheinbar verrückter alter Mann daran macht, zwei Berge hinter seinem Haus abzutragen. Die zum Ausdruck gebrachte Entschlossenheit, an einem Vorhaben trotz dessen offensichtlicher Unmöglichkeit festzuhalten, wurde in der Folgezeit mehrfach aufgegriffen, so etwa von Mao Zedong im Jahr 1945, und verbindet somit Vergangenheit und Gegenwart. Es ist dieser Geist patriotischer Entschlossenheit, den die Parteiführung als zentral für die vorausliegenden Herausforderungen auf Chinas Weg zur Weltmacht ausgemacht hat und den die museale Erinnerung an die glorreiche Geschichte befördern soll.

Daniel Leese

Rolle der kulturellen Tradition

Hans van Ess

Zurückdrängen der chinesischen Tradition zu Beginn der VR China

Als Reaktion auf die Unterlegenheit Chinas gegenüber dem Westen, die im 19. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht offensichtlich geworden war, hatte sich in intellektuellen Kreisen eine Haltung herauskristallisiert, die dem kulturellen Erbe des Landes gegenüber sehr kritisch eingestellt war. Zwar gab es nach der chinesischen Revolution von 1911 für alle drei alten Traditionen des Konfuzianismus, Daoismus und des Buddhismus Bemühungen, sie an die Erfordernisse einer modernen Gesellschaft anzupassen, doch überwog das Gefühl, dass eine neue Welt zu schaffen sei, die sich an Europa und den USA ausrichtete. Maßgeblich wurde mit der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei der Marxismus.

In Nachahmung der Sowjetunion verdrängte der sozialistische Realismus traditionelle künstlerische und literarische Ausdrucksformen. An den Universitäten und Akademien arbeiteten Historikerkommissionen daran, die Periodisierung des Historischen Materialismus – von der Urgesellschaft, über die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus, den Kapitalismus bis hin zum Sozialismus – auf die Geschichte Chinas anzuwenden.

Die Verfassung der VR China von 1954 garantierte ihren Bürgerinnen und Bürgern Religionsfreiheit. Dennoch war die KPC Religionen gegenüber kritisch eingestellt. So fristeten der in China schon zweitausend Jahre alte Buddhismus und der Daoismus, der sich zu Beginn der christlichen Zeitrechnung von einer Philosophie zu einer Religion wandelte, zunächst ein Schattendasein. 1966 entfesselte Mao Zedong zusammen mit engen Vertrauten die Kulturrevolution, die bis zu seinem Tod im Jahr 1976 dauerte. Neben der Festigung seiner persönlichen Machtstellung diente sie dem Zweck, die alte Kultur durch eine sozialistische Einheitskultur zu ersetzen, die von einer Mischung aus chinesischen und westlichen Liedern, Opern und Filmen geprägt war. In ihrem ideologischen Eifer zerstörten die Rotgardisten zahllose Tempel und regionale Gedächtnisorte.

Eine gewisse Ausnahmestellung nahm der Konfuzianismus ein, der nicht als Religion angesehen wurde, sondern eher als soziale Ordnungsform. Er führt sich auf den Gründer Konfuzius (551–479 v. Chr.) zurück, dessen Texte in der Kaiserzeit der entscheidende Standard für die Beamtenausbildung im bürokratischen Staatswesen Chinas gewesen waren. Obwohl auch er während der Kulturrevolution als feudalistisch gebrandmarkt wurde, waren die meisten Revolutionsführer durch ihre Schulausbildung von ihm geprägt. So finden sich in den Werken Mao Zedongs zahllose Zitate aus den Konfuzius zugeschriebenen Texten und Bezugnahmen auf traditionelle Geschichtswerke.

Westlicher Einfluss und Rückbesinnung auf das eigene Erbe

Nach dem durch Deng Xiaoping eingeleiteten Anbruch der "Reform- und Öffnungsperiode" wandte sich die intellektuelle Öffentlichkeit Chinas in den 1980er-Jahren zunächst in starkem Maße westlichem Gedankengut zu. So wurden zahlreiche Werke der westlichen Wissenschaftstheorie und -geschichte ins Chinesische übersetzt und von einem wissbegierigen Publikum verschlungen. Zur selben Zeit begann auch die Wiederbelebung des traditionellen Kulturerbes. War es während der Kulturrevolution noch geschmäht worden, sollte es nun beim Volk Stolz erwecken. Im chinesischen Fernsehen wurden mehrteilige Serien zur Landesgeschichte ausgestrahlt und Verfilmungen traditioneller Romane gezeigt, wie der im 18. Jahrhundert verfasste "Traum der Roten Kammer". Zum Geburtstag des Konfuzius am 28. September fanden an dessen Heimatort Festlichkeiten statt, bei denen neben Parteiführern auch ausländische Gäste geladen waren.

Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 kam es mit dem Amtsantritt Jiang Zemings erneut zu einer Umorientierung. Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, repräsentativer Demokratie und besseren Lebensbedingungen sowie die Sanktionen, die europäische Staaten und die USA nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste verhängten, ließen die KPC westliche Werte kritischer betrachten. Ab 1992 setzte ein großer Wirtschaftsaufschwung ein. Er erzielte zwar Erfolge bei der Hebung des allgemeinen Lebensstandards, brachte aber auch ein Phänomen mit sich, das den Parteiführern Kopfzerbrechen bereitete: das "geistige Vakuum", das sich einstellte, weil der Marxismus im Gefolge kapitalistischer Reformen seine Rolle als Leitideologie einzubüßen drohte. Jiang suchte dieses Vakuum mit einer Aufwertung der chinesischen Tradition zu füllen. Während seiner Amtszeit entstanden im ganzen Land zahlreiche, zum Teil gigantische Kultstätten, die an die Heroen der Vergangenheit erinnern sollten. Gleichzeitig wurde der Konfuzianismus zunehmend aufgewertet. So wurde eine internationale Konfuzianismus-Organisation gegründet und Hu Jintao, der Nachfolger von Jiang Zemin als Generalsekretär der KPC, stellte seine Regierungszeit unter das konfuzianische Motto der "harmonischen Gesellschaft".

QuellentextKonfuzius-Institute

Zu Beginn der Regierungszeit von Hu Jintao beschloss die chinesische Regierung, Kulturinstitute im Ausland aufzubauen, um die chinesische Sprache und Kultur zu verbreitern und ihr eigenes Image zu verbessern. Nach dem Vorbild der deutschen Goethe-Institute sollten diese nach einem Namenspatron benannt werden, der für die chinesische Tradition stand. Schnell war klar, dass dafür niemand besser geeignet war als Konfuzius.

Im Jahr 2004 wurde in Seoul das erste Konfuzius-Institut gegründet, inzwischen gibt es weltweit über 500 Institute, und die im Rang eines Ministeriums stehende Dachorganisation Hanban plant, ihre Zahl bis zum Jahr 2020 auf 1000 auszuweiten. Interessant ist besonders der Erfolg der Konfuzius-Institute in ärmeren Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, aber auch in Osteuropa, wo bisher wenig Wissen über Chinas Traditionen vorhanden war und wo China sich einen Platz zu sichern beginnt, wie ihn bisher westliche Industrienationen einnahmen.

Die Konfuzius-Institute unterscheiden sich von den Kultureinrichtungen westlicher Länder dadurch, dass sie durch Kooperationen mit Körperschaften der Gastländer, meist dortigen Universitäten und Fachhochschulen, getragen werden. Der mit einem kulturellen Angebot von Teezeremonien, Kochkursen, Kalligraphiekursen, Filmen, Konzerten und Vortragsreihen an Volkshochschulen erinnernde Betrieb funktioniert in Deutschland in der Regel reibungslos. Hier gibt es mittlerweile 19 Konfuzius-Institute, von denen die ersten 2006 an der Freien Universität Berlin und an der Universität Erlangen-Nürnberg eröffnet wurden. Das bislang letzte Konfuzius-Institut öffnete im April 2017 an der Universität Bonn seine Pforten. Die deutsche Seite stellt den deutschen Direktor des jeweiligen Instituts und Räumlichkeiten sowie Ortskräfte, die chinesische den chinesischen Direktor und Sprachlehrer. Bei Konferenzen der European Association for Chinese Studies (EACS) an finanziell schwächeren Standorten wie Riga und Braga ist es allerdings zu Einsprüchen bzw. Zensurmaßnahmen durch das Hanban gekommen, weil die VR China darauf beharrt, dass von ihr geförderte Projekte nicht gleichzeitig Zuwendungen aus Taiwan erhalten dürfen. Zudem dienen die Institute natürlich im Allgemeinen der Propagierung chinesischer Kultur, so wie China sie selbst versteht. Dieser Blick ist nicht immer identisch mit dem Blick von außen, und dies hat zum Beispiel an der University of Chicago zur Schließung des Instituts durch die Universität geführt.

Hans van Ess


Viele, die im klassischen Konfuzianismus bewandert sind, fragen sich allerdings, ob das aktuelle Anknüpfen an ihn tatsächlich eine Rückkehr zu alten Werten sein soll oder ob der heutige Konfuzianismus nicht eher eine Hülle ist, in der sozialistische Vorstellungen stecken. Der Konfuzianismus bietet sich für solche Versuche an, denn er fordert von seiner Anhängerschaft kritische Loyalität zur Führung, und er hat den Vorteil, keine transzendente Erlösungsreligion zu sein, die dem Sozialismus im Wege stehen könnte.

Unter dem gegenwärtigen Staats- und Parteichef Xi Jinping hat sich dieser Trend nochmals verstärkt. In allen Bereichen der Kultur gilt Tradition wieder als schick: Im Theater und im Kino werden zahlreiche Produktionen gezeigt, deren Motive aus der alten chinesischen Geschichte stammen. Die buddhistischen und daoistischen Klöster sind innerhalb kurzer Zeit unermesslich reich geworden, weil die Zahl ihrer vermögenden Förderer rapide gestiegen ist. Auch die Ehefrau von Xi Jinping gilt als Buddhistin. Ob dies stimmt oder nur ein Konstrukt der KPC ist, um zu signalisieren, dass die Partei religiöse Bedürfnisse im chinesischen Volk anerkennt und sie mit ihrer Politik vereinbaren kann, sei dahingestellt. Auf jeden Fall betont die KPC den gesellschaftlichen Nutzen von Religionen, solange sie das Machtmonopol der kommunistischen Partei akzeptieren.

An den Universitäten versuchen Kommissionen, den westlichen Einfluss auf die Curricula zurückzudrängen und durch eine Mischung aus sozialistischen und traditionell chinesischen Lehrbüchern zu ersetzen. Ob diese Versuche erfolgreich sein werden, ist allerdings abzuwarten. Priorität hat in China der wirtschaftliche Erfolg, und dieser dürfte sich nicht einstellen, wenn China auf intellektuellem Gebiet den Anschluss verliert.

QuellentextEinflussreiche Denkschulen

[...] Konfuzius, Laotse und die anderen zeitgenössischen Philosophen des Landes widmen sich [...] vorrangig der Frage, wie sich das Zusammenleben der Menschen am besten organisieren lässt. Die chinesische Philosophie wird so vor allem zu einer politischen Ordnungs- und Moralphilosophie.

Den mit Abstand größten Einfluss hat dabei Konfuzius, chinesisch: Kong Zi für Meister Kong (551–479). [...] Zentrales Ziel der konfuzianischen Lehre ist es, das Zusammenleben so zu regeln, dass die Menschen in Harmonie miteinander und mit der Natur leben können. Konfuzius sieht den Menschen dabei nicht wie das Christentum als ein nach dem Ebenbild Gottes geschaffenes autonomes Individuum, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Gesamtorganismus, in dem jeder Einzelne seinen festen Platz hat. Die angestrebte Harmonie will er durch ständige Selbstkultivierung herstellen. Sie ist in seinen Augen der Lebenszweck des Menschen. Damit werde dieser zum Herrn seines eigenen Schicksals.

Konfuzius und die anderen beiden wichtigen Vertreter seiner Lehre Menzius, chinesisch: Mengzi (390–305), sowie Xunzi (298–238) eint der Glaube daran, dass der Mensch, egal ob von Natur aus gut oder böse, sich selbst zum Guten verbessern kann oder durch Erziehung und Bildung verbessert werden kann. Und dass damit zugleich auch die Gesellschaft besser wird. [...]

Für Han Fei Zi, den Begründer des Legalismus, ist der Mensch von Natur aus schlecht und bleibt es auch. Die Geschichte ist für ihn daher eine ständige Abfolge von Konflikten und Verteilungskämpfen. Um ein gedeihliches Zusammenleben zu erreichen, setzt Han Fei Zi denn auch nicht auf Bildung, Tugend und Moralregeln wie Konfuzius, sondern auf Kontrolle und Zwang, auf Herrschaft durch Furcht, nicht durch Ehrfurcht [...].

Laotse (wahrscheinlich 571–471) und auch sein Schüler Zhuangzi (369–286) waren Einsiedler. Das Laotse zugeschriebene Hauptwerk "Daodejing" ("Die Kraft des Weges") ist erst lange nach seinem Tod erschienen. [...] "Dao" (wörtlich: der Weg), der Begriff, der dem Taoismus seinen Namen gab, bezeichnet das kosmische Gesetz und den tiefen Seinsgrund, das Entdecken des wahren Ich und Einswerden mit dem Universum durch die richtige Lebensführung, die Rückkehr zum natürlichen Ursprung, das Wiederfinden der Spontaneität, die durch Erziehung und Sozialisation verlorengegangen [ist].[...] Anders als im christlich geprägten Westen ist das Individuum der Taoisten ganz weltlich-diesseitig – wie der Mensch bei Konfuzius. Im Unterschied zu diesem sieht Laotse in der Gesellschaft jedoch eine Entfremdung des Menschen von seinem ursprünglichen Wesen, in Harmonie mit der Natur und dem ganzen Kosmos zu leben. [...] Oberste Handlungsmaxime des Taoismus ist das "Nicht-Handeln", chinesisch Wuwei. Es bedeutet nicht Nichtstun, sondern nicht unnötig, übermäßig und hektisch zu handeln. Es will sagen: Weniger ist mehr. Oder: In der Ruhe liegt die Kraft. [...]

Das Leben eines Konfuzianers ist korrekt, sittenstreng, anständig, realistisch und vernunftgesteuert. Für das Spielerische, Romantische, Phantasie- und Genussvolle lässt es wenig Platz. Hier sorgt der Taoismus für Ausgleich. Zudem bietet er auch eine gute Methode, Problemen aus dem Weg zu gehen. [...]

Mit Konfuzianismus und Taoismus wohnen zwei Seelen in der Brust eines Chinesen. [...] [E]inmal [ist] die eine stärker, mal die andere, mal das Individualistische, mal die Gemeinschaftsorientierung. Während das öffentliche Leben der Chinesen zwischen Konfuzianismus und Legalismus schwankt, pendelt das private zwischen den beiden Polen des Konfuzianismus und Taoismus. [...]

Stefan Baron / Guangyan Yin-Baron, Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht, © Econ Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018, S. 66 ff.

Ideologie und die Suche nach Legitimität

Mareike Ohlberg

Die Kommunistische Partei China (KPC) beruft sich auch heute noch auf den Marxismus-Leninismus, betont jedoch dessen ständige Weiterentwicklung und die Anpassung an die aktuellen spezifischen Umstände in China, die auf "Sinisierung" und Modernisierung abzielen. Laut offizieller Definition ist die Parteiideologie ein flexibles Ideensystem, das selektiv Bestandteile aus Chinas Vergangenheit sowie Gedankengut aus dem Ausland aufnimmt, sofern sich dies für das heutige China als brauchbar erweist. Resultat ist der sogenannte Sozialismus chinesischer Prägung.

Die Terminologie und Inhalte des Marxismus-Leninismus gelangten ursprünglich über Russland nach China, sie wurden hier jedoch von Anbeginn nach Auswahlgesichtspunkten interpretiert, die den "chinesischen Besonderheiten" Rechnung trugen. So gewichtete die KPC im Vergleich zu ihrer sowjetischen Schwesterpartei – aufgrund ihrer Machtbasis in ländlichen Gebieten – die Bauern stärker als die Arbeiterklasse.

Unter Mao Zedong lag der Fokus auf dem Klassenkampf, das heißt auf dem Kampf der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen um die Macht in der Gesellschaft. (siehe auch S. 9 f.). Als Reaktion auf die Exzesse der Kulturrevolution machte sich in den 1980er-Jahren ein deutlicher Rückzug der Ideologie aus dem chinesischen Alltag bemerkbar. Viele Chinesen empfanden allerdings einen Widerspruch zwischen den marktwirtschaftlichen Reformen und der sozialistischen Ideologie.

Nach der Niederschlagung der Tiananmen-Bewegung 1989 rückten Ideologie, politische Kontrolle und Meinungssteuerung dann erstmals wieder stärker in den Fokus der Partei, die hier ein massives Versäumnis im vorangegangenen Jahrzehnt sah. Um dem ideologischen Vakuum entgegenzuwirken, führte die chinesische Regierung in den 1990er-Jahren an Schulen systematisch "patriotische Erziehung" ein.

Der Zerfall der Sowjetunion zu Beginn der 1990er-Jahre erschütterte die KPC zutiefst. Um ein ähnliches Schicksal zu vermeiden, setzte sie sich intensiv mit dem Niedergang der ehemaligen Supermacht auseinander. Unter anderem kam sie zu dem Schluss, fehlende ideologische Einheit habe dazu beigetragen. Dem möchte die KPC seither entgegenwirken, indem sie vor allem innerhalb der Partei, aber auch in der Bevölkerung größeres Selbstvertrauen in den Sozialismus chinesischer Prägung, das eigene System, chinesische Theorien und die chinesische Kultur schafft. Auf diese Weise wächst die Bedeutung der Ideologie seit einigen Jahren wieder als wichtige (potenzielle) Quelle der Legitimation für die Partei, die sie zur Sicherung ihrer eigenen Machtposition benötigt.

Hervor sticht vor allem der Versuch, den Einfluss von bestimmtem "westlichem" Gedankengut in China einzudämmen und ein chinesisches Gegenmodell zu "westlichen" Regierungsformen und anderen Konzepten wie Demokratie oder Pressefreiheit aufzubauen. Dieses soll innerhalb der chinesischen Gesellschaft, aber neuerdings verstärkt auch weltweit Verbreitung finden. Diese neuen Erzählmuster beinhalten zwar auch nationalistische Motive, sollen jedoch über bloßen Nationalismus hinausgehen und das chinesische Modell als attraktives Regierungs- und Wirtschaftssystem darstellen.

Vor allem seit Xi Jinping 2013 an die Macht kam, ist eine Verhärtung der ideologischen Linie festzustellen. Im April 2013 verbot die Parteizentrale per Rundschreiben ihren Mitgliedern, bei sieben Themen von der offiziellen Parteiposition abzuweichen. 2014 führte die Partei eine großangelegte Kampagne zur Verbreitung "sozialistischer Grundwerte" durch. Auch Hochschulprofessoren werden wieder stärker auf Treue zur Parteilinie kontrolliert. Inwiefern es der KPC aber tatsächlich gelingen wird, die Bevölkerung auf diese Art für sich zu gewinnen, bleibt offen.

QuellentextChinesische Widerspruchslehre zur Festlegung der Handlungsprioritäten

Ein wichtiger Teil der Ideologie der Kommunistischen Partei China (KPC) ist die chinesische Widerspruchslehre. Diese kombiniert die marxistische Dialektik, also die Analyse und Evaluation der Welt in Form von Widersprüchen, mit der chinesischen vormodernen Tradition des dialektischen Denkens. Offiziell werden die Handlungsprioritäten der KPC und der chinesischen Regierung durch die Analyse von Widersprüchen und die Definition des sogenannten Hauptwiderspruchs festgelegt.

Dieser Ansatz geht in großen Teilen auf Mao Zedongs Schrift "Über den Widerspruch" von 1937 zurück. Dort definierte Mao verschiedene Arten von Widersprüchen und legte unter anderem den Unterschied zwischen den langfristigen Grundwidersprüchen einer längeren historischen Periode und dem relativ kurzlebigen Hauptwiderspruch eines kürzeren Zeitabschnittes fest. So erklärte Mao, dass der Hauptwiderspruch in einer kapitalistischen Gesellschaft zwar eigentlich der Widerspruch zwischen der Bürgerklasse und der Arbeiterklasse sei. Durch den Beginn der japanischen Invasion Chinas im Jahr 1937 sei der Widerspruch zwischen China und dem japanischen Imperialismus, so Mao, nun jedoch wichtiger als der Klassenkampf. Indem er den Hauptwiderspruch in der chinesischen Gesellschaft umdefinierte, rechtfertigte er die Zusammenarbeit der KPC mit der ehemals befeindeten Nationalen Volkspartei Chinas (Guomindang), um den gemeinsamen Feind, die japanischen Besatzer, zu bekämpfen.

Auch nach Maos Tod 1976 spielte die Widerspruchslehre noch eine Rolle in der chinesischen Politik. So wurde die 1978 eingeleitete Reform- und Öffnungspolitik offiziell damit begründet, dass sich der Hauptwiderspruch innerhalb der chinesischen Gesellschaft verändert habe. In einer Resolution von 1981 erklärte die KPC, dass der Hauptwiderspruch nicht mehr zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie bestehe, sondern "zwischen den wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnissen des Volkes und der rückständigen gesellschaftlichen Produktion". Deswegen müsse sich die Arbeit der Partei in Zukunft auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes konzentrieren, anstatt gegen Klassenfeinde vorzugehen.

Diese Art der Prioritätensetzung mit Verweis auf den geänderten Hauptwiderspruch ermöglicht Flexibilität und radikalen Politikwandel unter gleichzeitiger Vorgabe von Kontinuität.

Auf dem 19. Parteitag im Oktober 2017 definierte Staats- und Parteichef Xi Jinping den Hauptwiderspruch erneut um. So bestehe der neue Hauptwiderspruch "zwischen den ständig wachsenden Bedürfnissen der Bevölkerung nach einem schönen Leben einerseits und der unausgewogenen und unzureichenden Entwicklung andererseits." Dass unausgewogene Entwicklung Erwähnung findet, deutet darauf hin, dass die chinesische Regierung sich mehr auf qualitative Wachstumskriterien und eine ausgeglichenere Entwicklung konzentrieren möchte. In Zukunft soll nicht mehr das reine Wirtschaftswachstum zählen, sondern zum Beispiel mehr auf Umweltprobleme, soziale Ungleichheit oder die allgemeine Lebensqualität in China geachtet werden.

Mareike Ohlberg

Prof. Dr. Daniel Leese ist Professor für Sinologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der neueren Geschichte und Politik Chinas.

Dr. Mareike Ohlberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am MERICS. Ihre Forschungsschwerpunkte sind chinesische Ideologie- und Medienpolitik, Chinas digitale Transformation sowie Entwicklungen in Hongkong und Taiwan

Prof. Dr. Hans van Ess ist Professor für Sinologie an der LMU München. Arbeitsgebiete sind die Geschichte des Konfuzianismus von seinen Anfängen bis in die Gegenwart, chinesische Geschichtsschreibung und klassische chinesische Literatur sowie die Zentralasienkunde mit einem besonderen Schwerpunkt in der Mongolistik.