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Von der Selbstversorgung zum Konsum - Entwicklung und Situation privater Haushalte

Haushalt – Markt – Konsum Editorial Private Haushalte - Quelle und Ziel wirtschaftlicher Aktivität Von der Selbstversorgung zum Konsum - Entwicklung und Situation privater Haushalte "Gutes Leben" oder maximaler Nutzen - ökonomische Entscheidungen im Haushalt Ökonomisierung versus Regulierung? Haushalte zwischen Markt und Staat Konsum in der sozialen Marktwirtschaft Herausforderungen und Gestaltungsoptionen für private Haushalte Literaturhinweise und Internetadressen Autorin und Impressum

Von der Selbstversorgung zum Konsum - Entwicklung und Situation privater Haushalte

Birgit Weber

/ 17 Minuten zu lesen

Alles aus eigenem Anbau? Eigenproduktion ist heute selten. (© picture-alliance/AP)

Einleitung

Als die meisten Menschen noch weitgehend auf dem Land lebten und arbeiteten, erfüllten sie ihre Bedürfnisse überwiegend durch Eigenproduktion. Diese Wirtschaftsform wird als agrarische Subsistenzwirtschaft bezeichnet. Die Haushalte waren dabei Lebensgemeinschaften, Selbstversorger, Produzenten und Konsumenten in einem. Auch in den mittelalterlichen Städten war dies oft noch der Fall. Diese Selbstversorgung war wenig romantisch. Durch wechselnde Ernteerträge, Hungersnöte, Seuchen und Krieg waren die Menschen Notlagen oft schutzlos ausgeliefert. Die soziale Absicherung in Unglücksfällen erfolgte allein im eigenen Haushalt. Die Haushalte mussten Maß halten. Mangel gehörte zum Alltag.

Mit verbesserten landwirtschaftlichen Methoden und der Industrialisierung wuchsen seit dem 19. Jahrhundert Bevölkerung und Städte. Die Produktion wurde weitgehend aus den Haushalten in Betriebe und Unternehmen verlagert. Die ursprünglichen Produktions-, Konsum- und Lebensgemeinschaften lösten sich auf, weil viele Menschen ihre Hausgemeinschaft verließen, um den Lebensunterhalt anderswo zu verdienen. Sowohl die Wohnsituation in den Städten wie auch die Arbeitsbedingungen für die Fabrikarbeiter, insbesondere für Frauen und Kinder, waren zunächst gesundheitlich und hygienisch katastrophal. Die im Zuge der Industrialisierung steigende Produktion erforderte die Ausweitung des Handels, um notwendige Ressourcen bereitzustellen und die Massenproduktion abzusetzen. Durch die wachsende Produktivität erhöhten sich auch die Spielräume, den erwirtschafteten Gewinn zu verteilen. Doch erst infolge von Arbeitskämpfen und staatlichen Regulierungen kam es zu Einkommenssteigerungen, sozialer Absicherung und Arbeitszeitverkürzung breiterer Bevölkerungskreise.

Mit der steigenden Massenkaufkraft, die es erlaubte, mehr zu konsumieren, als für die Grundbedürfnisse erforderlich war, und mit der wachsenden Freizeit, die es ermöglichte, die neuen, massenhaft hergestellten Konsumgüter auch zu nutzen, waren die Voraussetzungen für die heutige Wohlstands- oder "Konsumgesellschaft" geschaffen. Der Historiker Wolfgang König datiert den Beginn der Konsumgesellschaft in Deutschland auf die 1960er Jahre, während noch die 1950er Jahre nach Ansicht des Historikers Christian Kleinschmidt ein eher asketischer Umgang mit Konsumgütern prägte. Zu dieser Zeit besaß nur eine Minderheit von Haushalten langlebige Konsumgüter wie Fernsehgerät, Waschmaschine, Kühlschrank und Automobil. Der Alltag der meisten Haushalte war dagegen vor allem durch die Notwendigkeiten zur Existenzsicherung bestimmt, die kaum Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten zuließen.

Mit der steigenden Arbeitsteilung, der zunehmenden außerhäuslichen Erwerbstätigkeit, aber auch mit dem wachsenden Bedürfnis nach individueller Selbstentfaltung zerfielen die Haushalte als ganzheitliche Versorgungs- und Dienstleistungsgemeinschaften. Viele ihrer früheren Tätigkeiten wurden nach außen verlagert, zum Beispiel die Nahrungsmittelproduktion oder die Herstellung von Bekleidung. Damit verminderten sich allerdings zugleich die Fähigkeiten, etwas kreativ selbst zu erzeugen. Die Instabilität der Haushaltsgemeinschaften wuchs, und die früher lebensnotwendige Solidarität im Familienverband verlor an Bedeutung. Mit steigenden Einkommen, aber auch wegen der geringeren Zahl der in privaten Haushalten lebenden Personen konnten und mussten auch Dienstleistungen außer Haus vergeben werden: die Betreuung von Kindern und alten Menschen, die Pflege der Wohnungen. So entwickelten sich die privaten Haushalte in der Moderne zu Vergabehaushalten.

Massenproduktion und Massenkaufkraft ermöglichten in relativ kurzer Zeit einen bis dahin kaum für möglich gehaltenen - materiellen - Wohlstand. Gleichzeitig warfen sie aber auch neue Probleme auf: Die starke Ausweitung der Produktion ging zu Lasten der Natur, die als Rohstoffquelle und immer wieder als Abfallbecken dient. Trotz besserer Versorgung der ärmeren Bevölkerungsgruppen wächst inzwischen die Kluft zwischen denen, die am Wohlstand teilhaben, und Bevölkerungsgruppen, die im Leistungswettbewerb nicht mithalten können. Zur Kehrseite der Befreiung vom sozialen Druck des Familienverbandes gehören die sinkende Verlässlichkeit sozialer Bindungen und eine steigende Abhängigkeit von anonymen Systemen. Diese neuen Probleme sind nicht einfach durch mehr Güterwachstum zu bewältigen, und auch die staatliche Regulierung gerät an ihre Grenzen.

Eine Zusammenfassung der geschilderten Entwicklungen bietet der Soziologe Wolfgang Glatzer. Er unterscheidet drei Phasen:

  • In den Mangelgesellschaften strebten die privaten Haushalte vor allem Bedarfsdeckung an.

  • In den Wohlstandsgesellschaften zielten sie auf eine Steigerung des Lebensstandards.

  • In der Risikogesellschaft versuchen sie, die erreichte Lebensqualität zu sichern.

Bedeutung im Wirtschaftsgeschehen

Als privater Haushalt wird nach der amtlichen Statistik eine Gruppe von Personen bezeichnet, die einkommens- und verbrauchsmäßig zusammengehören, in der Regel zusammenwohnen und über Einkommen zusammen verfügen. Aber auch Einzelpersonen mit eigenem Einkommen, die für sich allein wirtschaften, gelten als privater Haushalt. Darüber hinaus werden auch Anstaltshaushalte zu den privaten Haushalten gerechnet, wenn die Personen, die zu ihnen gehören, wie Bewohner von Senioren- und Pflegeheimen sowie Angehörige der Bundespolizei oder Bundeswehr, keinen ständigen Wohnsitz außerhalb der Anstalt haben.

Die privaten Haushalte zählen zu den ältesten Wirtschaftseinheiten. Einerseits sind sie die Quelle wirtschaftlicher Aktivität, indem sie in Form von Arbeitskraft und Kapital Produktionsfaktoren bereitstellen. Andererseits sind sie aber auch das Ziel wirtschaftlicher Aktivität, indem sie die produzierten Güter nutzen, gebrauchen und verbrauchen. Mit der wachsenden Arbeitsteilung und Spezialisierung sind viele ihrer ursprünglichen Funktionen anderen Wirtschaftseinheiten übertragen worden: So sind Unternehmen eigentlich Stätten ausgegliederter Haushaltsproduktion.

Der Betriebswirtschaftler Günther Wöhe unterscheidet private Haushalte von Unternehmen dadurch, dass die privaten Haushalte als Konsumtionswirtschaft für den eigenen Bedarf wirtschaften, während die Unternehmen als Produktionswirtschaft den Fremdbedarf decken. Diese Unterscheidung ist eingängig, hat aber ihre Schwächen. Denn die privaten Haushalte konsumieren nicht nur, sondern sie produzieren und investieren - ähnlich wie Unternehmen. Diesen wiederum nur die Befriedigung des Fremdbedarfs zuzuschreiben, unterschlägt, dass für die Akteure im Unternehmen die Befriedigung des Fremdbedarfs nur das Mittel ist, um ihren Eigenbedarf decken zu können - dass also der Verkauf von Gütern nicht Selbstzweck ist, sondern Gewinn erwirtschaften soll.

Entwicklung der privaten Haushalte

Entwicklung der Privathaushalte von 1950-2009

Seit 1950 hat sich die Zahl der privaten Haushalte in Deutschland mehr als verdoppelt. Dies ist nicht nur dem Bevölkerungszuwachs von fast 68,4 Millionen Einwohnern im damals geteilten Deutschland (Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik) auf aktuell mehr als 80 Millionen im wiedervereinigten Deutschland geschuldet, sondern vor allem der veränderten Struktur der privaten Haushalte.

Struktur der Haushalte nach Haushaltstyp 2009

1950 waren nicht einmal ein Fünftel aller Haushalte Einpersonenhaushalte. Im Jahr 2009 waren es schon fast zwei Fünftel. Während 1950 in fast einem Drittel der Haushalte vier und mehr Personen lebten, betraf dies 2009 nicht einmal mehr ein Sechstel aller Haushalte. Durchschnittlich lebten 2009 zwei Personen in privaten Haushalten, 1950 waren es noch drei. Nicht einmal ein Fünftel davon sind im Jahr 2009 Familienhaushalte - also Eltern bzw. Elternteile mit im Haushalt lebenden Kindern.

Private Haushalte im Wirtschaftskreislauf

Die privaten Haushalte sind über den Austausch von Güter- und Geldströmen mit den Unternehmen und dem Staat verbunden. Modellhaft bringt dies der monetäre Wirtschaftskreislauf zum Ausdruck. Die zwischen den Sektoren fließenden Geldströme, die in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erfasst werden, geben einen ersten Einblick in die Bedeutung der privaten Haushalte.

Private Haushalte treten gegenüber den Unternehmen einerseits als Nachfrager von Konsumgütern auf. 2009 machte diese private Nachfrage 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse auf den Gütermärkten erhalten die privaten Haushalte, indem sie Arbeitskraft oder Kapital auf den Arbeits- oder Kapitalmärkten verkaufen. Der Großteil der privaten Haushalte muss dazu vor allem seine Arbeitskraft anbieten.

Private Haushalte im Wirtschaftskreislauf 2009

In den letzten 40 Jahren hat sich die Zahl der abhängigen und selbstständigen Erwerbstätigen und Erwerbsuchenden um 60 Prozent erhöht. Vor allem die zunehmende Frauenerwerbstätigkeit hat bewirkt, dass der Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung, die so genannte Erwerbsquote, stieg. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen, also die gearbeitete Zeit in Stunden, ist jedoch nur um zehn Prozent ausgeweitet worden, das Jahresarbeitsvolumen je Erwerbstätigem sogar um mehr als ein Viertel gesunken. Dafür lassen sich viele Gründe anführen: eine sinkende Wochenarbeitszeit, längere Urlaubszeiten, frühere Verrentung, aber auch die Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen.

An den Staat zahlen die privaten Haushalte Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Im Gegenzug erhalten sie Transfereinkommen, wie zum Beispiel Kindergeld, Arbeitslosen- oder Krankengeld, Rente, BaföG, aber auch öffentliche Leistungen, wie etwa Bildungsvermittlung über Kindergärten, Schulen und Universitäten, Sicherheitsgewährleistung durch die Polizei sowie Kulturangebote über die öffentliche Unterstützung von Theatern, Museen und künstlerischen Initiativen.

Einkommen

Das nominale Volkseinkommen je Einwohner ist seit 1950 um das Fünfundzwanzigfache angestiegen. Da das nominale Einkommen aber die Preise von 1950 zugrunde legt und mit den heutigen vergleicht, muss die anschließende Güterpreisentwicklung ins Kalkül gezogen werden, um die Wohlstandsentwicklung realistischer beurteilen zu können. Doch auch die preisbereinigten verfügbaren Einkommen haben sich nach der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung seit 1950 fast verfünffacht.

Reales verfügbares Jahreseinkommen 1950-2008

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, dass ein Warenkorb, für den man in Westdeutschland 1950 noch eine ganze Stunde arbeiten musste, circa 60 Jahre später nur noch gute zehn Minuten Arbeitszeit erfordert. Dies lässt sich an der Entwicklung der Kaufkraft pro Lohnminute für einzelne Güter veranschaulichen. Während man sich 1950 ein Pfund Kaffee erst nach mehr als 26 Stunden Arbeit leisten konnte, ist dies heute durchschnittlich in 19 Minuten geschafft.

QuellentextAlles wird teurer? Erhebung der Preisentwicklung

Und wieder ist alles anders: Die Marmelade haben sie woanders hingeräumt, den Aufstrich auch. Macht aber nichts: Im Suchen ist Sandra Engel Weltklasse. Und die neue Ordnung im Discounter-Regal ergibt wenigstens Sinn, sagt sie und schmunzelt. Jetzt stehe - bis auf Gekühltes - alles fürs Frühstück nebeneinander. Ihr eigentlicher Job kann beginnen: Mappe auf, Preise vergleichen, Werte in die Tabelle eintragen. [...]
Sandra Engel ist, was Beamte "Erhebungsbeauftragte" nennen: Die 36-jährige Kölnerin ist "Interviewer 1021" - eine von gut 50 nebenberuflichen Preisermittlern in NRW und eine von mehreren hundert in der Republik, die im Auftrag der Statistischen Landesämter jeden Monat untersuchen, was das Leben eigentlich kostet. Aus den Preistabellen wird der jeweilige Verbraucherpreisindex der einzelnen Bundesländer ermittelt und aus den Zahlen der Bundesländer der Verbraucherpreisindex für Deutschland.
Welche Preise welcher Produktgattung Engel in welcher Woche in welcher Region und bei welchen Supermärkten, Discountern und Dienstleistern vergleicht, schreibt das Statistische Landesamt NRW (IT NRW) vor - immer für ein Jahr im Voraus. Welche Marke und Produktvariante aufgenommen wird, entscheidet Sandra Engel aber selbst. "Es muss natürlich immer die gleiche sein", sagt Engel. Bei einem Schuhmacher ihrer Wahl fragt sie den Preis für Absatz und Sohle ab. Im Warenhaus checkt sie Preise für Damen-T-Shirts und ein Damenkostüm mit Rock, bei Penny, Edeka und Real mehrere hundert Lebensmittelpreise. [...]
Die Preise müssen in einer bestimmten Woche des Monats erhoben werden, aber den Tag kann Engel frei bestimmen. [...] 50 Cent erhält sie pro Preisermittlung und Monat, 75 Cent "bei schwierigen Fällen" - etwa wenn sie ein bestimmtes Damenoberbekleidungsstück im Warenhaus lange suchen muss. "Die räumen oft um und haben häufig Kollektionswechsel", sagt Engel. Zu Hause überträgt sie die Preise aus ihrer handgeschriebenen Liste in den PC und sendet sie an das Statistikamt - aber nur die Preise, die sich verändert haben. [...]
Der Verbraucherpreisindex misst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die von Privathaushalten in Deutschland für Konsumzwecke gekauft werden.
Bei der Berechnung geht das Statistische Bundesamt von einem "Warenkorb" aus, der sämtliche für die Konsumwelt Deutschlands relevanten Waren und Dienstleistungen enthält. 600 Preisermittler erheben Monat für Monat bundesweit 350000 Preise.
Der Warenkorb wird ständig aktualisiert. Anhaltspunkte dafür geben regelmäßige Einkommens- und Verbrauchsstichproben: "Die rund 60000 Teilnehmer dieser Haushaltsbudget-Erhebung zeichnen freiwillig einige Monate lang ihre Einnahmen und Ausgaben auf und übermitteln diese Informationen an die Statistischen Landesämter", so das Statistische Bundesamt.

Evelyn Binder, "Unterwegs, wenn's schön leer ist", in: Frankfurter Rundschau vom 28./29. August 2010

Kaufkraft pro Lohnminute für einzelne Güter

Wenn man die Entwicklung der Einkommen in den privaten Haushalten einschätzen will, ist die Erfassung über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung jedoch nicht sehr aussagekräftig. Um die Wirtschaftsrechnung der privaten Haushalte genauer zu analysieren, führen das Statistische Bundesamt und die Statistischen Landesämter jährlich Laufende Wirtschaftsrechnungen (LWR) von 8000 Haushalten durch und nehmen fünfjährlich Einkommens- und Verbrauchsstichproben (EVS) bei circa 60000 Haushalten vor. Sie sind dabei angewiesen auf freiwillige, repräsentativ ausgewählte Haushalte, die sich verpflichten, über ihre Einnahmen, Ausgaben, Wohnverhältnisse und Gebrauchsgüterausstattung Buch zu führen. In den EVS werden Menschen in Anstalten, Gemeinschaftsunterkünften und in Haushalten mit monatlichen Nettoeinkommen über 18000 Euro nicht erfasst, in den LWR fehlen Selbstständigen- und Landwirtschaftshaushalte. Aufgrund der langwierigeren Erfassung sind die durch LWR und EVS verfügbaren Daten zwar differenzierter, aber weniger aktuell als in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Die privaten Haushalte erhalten ihr monetäres Einkommen aus unterschiedlichen Quellen. Dies sind vor allem Löhne für Arbeiter und Gehälter für Angestellte aus unselbstständiger Tätigkeit, Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit, Vermögenserträge und Transfereinkommen. Das durchschnittliche Bruttomonatseinkommen betrug 2008 3496 Euro. Fast drei Fünftel resultierten aus unselbstständiger Arbeit, ein Viertel aus öffentlichen Transferleistungen, ein Zehntel aus Vermögen und ein Prozent aus selbstständiger Arbeit.

Für die Bedarfsdeckung der Haushalte relevant ist aber nicht das Bruttoeinkommen, sondern das Nettoeinkommen bzw. das verfügbare Einkommen. Denn das Bruttoeinkommen sagt nichts darüber aus, wie viel den Haushalten zum Lebensunterhalt zur Verfügung steht. Dazu müssen erst Steuern und Sozialabgaben abgezogen und sonstige Einnahmen aus dem Verkauf von Waren hinzugerechnet werden. Nach dem so errechneten verfügbaren Monatseinkommen haben circa zwei Fünftel der Haushalte weniger als 1500 Euro, ein Drittel 1500 bis 2600 Euro und gut ein Viertel mehr als 2600 Euro zur Verfügung. Auch aus dieser Einkommensschichtung können nicht einfach Aussagen zur sozialen Ungleichheit abgeleitet werden. Denn unter den Haushalten mit geringem Einkommen befinden sich eher Einpersonenhaushalte und unter denen mit höherem Einkommen vor allem Mehrpersonenhaushalte mit mehreren Einkommen.

2005 betrug das durchschnittliche Netto-Jahreseinkommen der Privathaushalte 33700 Euro. Bei der Betrachtung der Jahreseinkommen nach sozialer Stellung ergeben sich allerdings erhebliche Unterschiede. Die Jahreseinkommen der Selbstständigenhaushalte beliefen sich mit 106900 Euro auf mehr als das Doppelte der Beamten, mehr als das Dreifache der Arbeiterhaushalte und fast das Achtfache der Sozialhilfeempfänger. Allerdings sind auch das nur Durchschnittswerte. Innerhalb der einzelnen Gruppen existieren eklatante Unterschiede, bedenkt man, dass zum Beispiel auch Kioskbesitzer mit oft prekären Einkommen zu den Selbstständigen zählen.

Um die Einkommensungleichheit weiter zu differenzieren, müssen Haushalte mit Familien mit und ohne Kinder, Alleinlebenden und Alleinerziehenden, Männern und Frauen unterschieden werden. Die Kosten für die Lebenshaltung entwickeln sich auch nicht nur proportional zur Zahl der Personen. So fallen beispielsweise bei Familiengründung erhebliche Kosten für die Neuanschaffung notwendiger Gebrauchsgüter und für die Kinderbetreuung an, in Haushalten mit älteren Paaren ohne Kinder sind es vor allem Ersatzanschaffungen. Gegenüber einem Singlehaushalt benötigt eine Familie mit vier Personen nicht jedes technische Gerät in der Anzahl der Familienmitglieder. Während 2008 das durchschnittliche Nettomonatseinkommen privater Haushalte 2914 Euro betrug, mussten Alleinerziehende durchschnittlich mit 1943 Euro auskommen, hatten Paare ohne Kinder 3387 Euro und Paare mit Kindern 4191 Euro zur Verfügung.

Ausgaben

Verwendung des Bruttoinlandsprodukts 2009

In der Verwendungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der Konsum der Privathaushalte ein Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, zu der noch die staatliche Nachfrage, die Investitionen der Unternehmen und der Außenbeitrag (Differenz zwischen Exporten und Importen) hinzukommen. In Deutschland entfielen nach dem Statistischen Jahrbuch 2010 im Jahre 2009 58,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf den privaten Verbrauch, in Großbritannien hingegen 65,2 und in den USA 71,7 Prozent.

QuellentextUmgang mit Geld

[...] Wie wir mit Geld umgehen, hat Folgen: Erfolg, Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück - obschon Geld allein ja nicht glücklich machen soll - kann der erlangen, der Geld souverän einsetzt. Wer dazu nicht in der Lage ist, wird zum Opfer seiner Lebensumstände, seines Verhaltens, mitunter auch seiner Anhäufung von Finanzmitteln. [...]
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Sparsamkeit eine Pflicht, Verschuldung tabu. Entsprechende Einstellungen und ein entsprechendes Verhalten sind bis heute in der älteren Generation weit verbreitet. In den jüngeren Kohorten haben sie sich indes relativiert. Verschuldung und Ratenkäufe sind weit verbreitet und gelten nicht mehr als anstößig. Hedonistische Einstellungen und "Geld als Mittel zu Konsum und Lebensgenuss" spielen heute eine größere Rolle.
[...] Verglichen mit anderen Nationen haben die Deutschen einen ausgeprägten Hang zur Sparsamkeit, zumindest was ihre Normen und Einstellungen betrifft. [...] Das Wollen und Sollen der Deutschen unterscheidet sich jedoch mittlerweile von ihrem Tun. Die Sparquote ist zwar relativ hoch, international aber keineswegs überragend. 2008 haben die Deutschen 11,6 Prozent ihres verfügbaren Einkommens gespart [...]. In Österreich, Frankreich, Irland, Spanien und der Schweiz wurde aber 2008 gleich viel oder sogar mehr gespart.
[...] Untersuchungen belegen, dass ältere Menschen im Vergleich zu jüngeren weniger gern Schulden machen, zufriedener mit der eigenen finanziellen Lage und mit dem erreichten Besitzstand sind, weniger Risikolust verspüren, sparsamer mit Geld umgehen, ihren Finanzhaushalt disziplinierter führen und Geld strenger kontrollieren, ehrlicher in Geldgeschäften sind, mit Geld positivere Assoziationen verbinden.
[...] Jugendlichen wird heute oft nachgesagt, sie gäben sehr viel Geld für unvernünftige Dinge aus (insbesondere für das Telefonieren, für Computerspiele etc.), sie könnten nicht mit Geld umgehen und gerieten daher oft in Schulden. [...] Demgegenüber bescheinigten Studien 2002 drei Viertel der Jugendlichen ein weitgehend rationales und marktkonformes Konsumverhalten. [...] Verschuldet waren 2002 etwa 20 Prozent, überschuldet circa sieben Prozent der Jugendlichen. Damit konnten etwa gleich viele Jugendliche wie Erwachsene ihre Verbindlichkeiten in absehbarer Zeit nicht begleichen. [...] Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Überschuldung meist vorübergehend war: eine Übergangsphase im Leben der Jugendlichen. Je höher sich die Einkünfte von Jugendlichen beliefen, insbesondere die selbst verdienten, desto rationaler war ihr Konsumverhalten.
[...] Der richtige Umgang mit Geld ist auch von Normen geprägt, etwa Normen, wie über Geld zu sprechen (oder nicht zu sprechen) ist. Zahlreiche Sprichworte wie "Über Geld spricht man nicht, man hat es", sind ein Hinweis darauf, dass das Thema Geld in Deutschland weitgehend tabuisiert ist. Jeder empirische Sozialforscher weiß, dass Fragen zum persönlichen Einkommen von großen Bevölkerungsteilen nicht beantwortet werden, vor allem dann, wenn die genaue Einkommenshöhe genannt werden soll. [...]
Die Tabuisierung hat Folgen: [...] Wer nicht mit Geld umgehen kann, fällt der Missachtung vieler Mitmenschen anheim, wird möglicherweise gar als lebensuntüchtig bezeichnet. Dessen ungeachtet ist souveränes Umgehen mit Geld kein Thema. Selbstzweifel und Unsicherheiten müssen die betroffenen Menschen in der Regel mit sich selbst austragen. Lernen, mit Geld umzugehen und Geldkompetenz werden so nicht gefördert.
Aber nicht nur die Tabuisierung trägt dazu bei, dass Wissen über kompetentes Umgehen mit Geld sich so zögernd verbreitet. Hinzu kommt:
Geld hat in bestimmten Bevölkerungsteilen ein schlechtes Image. Wer sich als "Finanzfuchs" erweist, genießt einen eher schlechten Ruf.
Die Beschäftigung mit Geld gilt als wenig rentabel, sowohl was finanzielle Gewinne als auch Lustgewinn und soziale Anerkennung betrifft.
Viele Menschen sind, möglicherweise bedingt durch paternalistische Traditionen des "Versorgungsstaats", im Bereich der persönlichen Finanzen unmündig. Sie sind es einfach nicht gewohnt, in diesen Bereichen aktiv zu werden.
Geld gilt in großen Bevölkerungsteilen als schwierige Materie. Das schreckt ab, sich damit zu befassen. Dass viele dieser Menschen sich in Beruf und Freizeit mit mindestens ebenso schwierigen Sachverhalten befassen, widerspricht dem nicht.
Geld gilt weithin als abstrakte, lebensferne Angelegenheit. Populär: Geld ist nicht "sexy".

Stefan Hradil, "Wie gehen die Deutschen mit Geld um?", in: APuZ 26/2009. S. 33 ff.

Das Einkommen steht nicht zur beliebigen Verwendung zur Verfügung. So können die Haushalte nicht frei entscheiden, ob sie Einkommensteuern oder Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Auch für das verbleibende Nettoeinkommen ist die Entscheidungsfreiheit stark eingeschränkt. So ist ein großer Teil der Ausgaben vertraglich festgelegt - zum Beispiel für Miete, Nebenkosten, Telekommunikation und Versicherungen - und kann deshalb kurzfristig nicht verändert werden. Der Großteil der Konsumausgaben entfällt auf den Bereich Wohnen, für den die Arbeitnehmerhaushalte ein Drittel, die Arbeitslosenhaushalte mehr als zwei Fünftel ihres Einkommens verwenden. Der nächste große Ausgabenbereich ist die Mobilität, gefolgt von der Ernährung. Die Konsumstruktur der unterschiedlichen Haushaltstypen ist ähnlich, aber die Unterschiede im Konsumniveau sind erheblich. Die Arbeitnehmerhaushalte gaben zwar absolut gesehen wesentlich mehr für Wohnen und Nahrung aus (circa 1000 Euro) als die Arbeitslosenhaushalte (circa 700 Euro). Prozentual gesehen kehrt sich dieses Verhältnis jedoch um: Während bei Arbeitnehmerhaushalten Wohnen und Nahrung 44 Prozent der gesamten Konsumausgaben ausmachten, summierte sich dieser Anteil bei Arbeitslosenhaushalten auf 55 Prozent.

Gemeinhin gilt, dass mit steigendem Einkommen der Anteil der Ausgaben für die Grundbedürfnisse abnimmt. Dies lässt sich auch an der historischen Entwicklung der Konsumausgaben ablesen. Während sich allgemein die Ausgabenanteile für Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren, aber auch für Bekleidung und Schuhe, erheblich reduziert haben, wachsen andere Ausgabenbereiche wie Mobilität und Kommunikation sowie Freizeit, Unterhaltung und Bildung mit steigendem Einkommen. Erheblich zugenommen hat der Anteil für Wohnen und Energie, allerdings hat sich auch der verfügbare Wohnraum pro Person in den letzten 50 Jahren verdoppelt.

Absolut ergeben sich ebenfalls enorme Unterschiede. So geben Höchstverdiener beispielsweise für Freizeit, Unterhaltung und Kultur etwa fünfmal so viel aus wie Haushalte mit niedrigem Einkommen.

Der Lebensstandard der Privathaushalte lässt sich auch messen an der Ausstattung mit Gebrauchsgütern, welche die Hausarbeit erleichtern, die persönliche Mobilität ermöglichen sowie Information, Unterhaltung und Kommunikation gewährleisten. Die Ausstattung ist dabei nicht allein vom Einkommen abhängig, sondern auch von der Größe des Haushalts sowie vom Alter der in ihm lebenden Personen.

Gebrauchsgüterausstattung privater Haushalte 1998 bis 2008 in Prozent

In Deutschland sind fast alle Haushalte sehr gut mit Gebrauchsgütern ausgestattet. Zur Erleichterung der Hausarbeit hatten laut Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008 99 Prozent der Haushalte einen Kühlschrank. 70 Prozent besaßen ein Mikrowellengerät und 63 Prozent eine Geschirrspülmaschine. Ein Wäschetrockner findet sich in fast 40 Prozent der Haushalte.

Auch die Mobilität scheint in der überwiegenden Zahl der deutschen Haushalte gewährleistet. In 80 Prozent der Haushalte existiert ein Fahrrad. 77 Prozent der Haushalte besitzen einen PKW. Die Menge der Fahrräder ist - wie nicht anders zu erwarten - von der Anzahl der Personen im Haushalt abhängig, während die Frage, ob ein Neu- oder ein Gebrauchtwagen erworben wird, einkommensabhängig ist. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Haushalte mit fabrikneu gekauften Autos gesunken, während sich der Anteil der Haushalte mit Gebrauchtwagen ausgeweitet hat.

Die deutschen Haushalte sind überdies reich mit Empfangs-, Aufnahme- und Wiedergabegeräten für Bild und Ton ausgestattet. 94 Prozent der Haushalte besitzen ein Fernsehgerät, 85 Prozent einen Fotoapparat. Vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik, insbesondere bei den digitalen Geräten, hat sich die Ausstattung in den letzten Jahren expansiv entwickelt. 90 Prozent aller Haushalte haben ein Festnetztelefon und 86 Prozent ein Mobiltelefon, das vor zehn Jahren erst elf Prozent besaßen. Während damals gerade einmal 39 Prozent der Haushalte über einen Computer verfügten, waren es 2008 schon 75 Prozent. Auch die Zahl der Haushalte mit Internetzugang hat sich in zehn Jahren von acht auf 64 Prozent erhöht. Vor allem die Ausstattung mit technischen Neuerungen ist altersabhängig.

Die privaten Haushalte geben aber nicht ihr gesamtes Einkommen für Käufe aus: Sie verzichten auf Konsum in der Gegenwart, um sich größere Anschaffungen in der Zukunft leisten zu können, künftige Einkommensausfälle aufgrund von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter und Tod zu lindern oder auch um Vermögen aufzubauen. Dieses nicht für den Konsum verwendete Einkommen zählt volkswirtschaftlich zu den Ersparnissen. Damit bieten die Privathaushalte neben dem Produktionsfaktor Arbeit auch den Produktionsfaktor Kapital an, der ihnen mit Zinsen honoriert wird. Sie sind der wichtigste Nettokapitalgeber, das heißt, sie stellen mehr Kapital zur Verfügung als sie aufnehmen.

In Deutschland stieg die Sparquote - als Anteil der Nettoersparnisse an den verfügbaren Einkommen - von 3,2 Prozent im Jahr 1950 auf über zehn Prozent im Jahr 1964. Die Spitzenwerte lagen Anfang der 1970er Jahre bei 14 bis 15 Prozent. Langfristig bewegte sich die Sparquote um die zehn bis elf Prozent. Damit hält sie sich auf ähnlichem Niveau wie in vielen europäischen Nachbarländern, liegt aber weit über den Werten in den USA und in Japan. In den USA betrug die Sparquote 2005 sogar null Prozent, während die privaten Haushalte in Japan, die noch in den 1970er Jahren durchschnittlich 20 Prozent des verfügbaren Einkommens sparten, dies heute auf circa zwei Prozent reduziert haben.

Je nachdem, ob die finanziellen Mittel jederzeit verfügbar sein, eine hohe Rendite abwerfen oder langfristige Sicherheit gewährleisten sollen, werden Anlageformen wie Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Sparguthaben, Fest- oder Termingelder, Bausparverträge, Kapitalversicherungen oder sonstige Wertpapiere und Vermögensbeteiligungen gewählt, die unterschiedliche Vor- und Nachteile bieten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat bei deutschen Haushalten immer wieder eine hohe Risikoaversion ermittelt. Sie streuen ihr Geldvermögen in der Regel breit auf unterschiedliche Anlagemöglichkeiten, wobei vor allem der privaten Altersvorsorge wachsende Bedeutung zugemessen wird. Das Sparverhalten der privaten Haushalte ist neben den Zinssätzen und Vermögensbeständen stark abhängig vom jeweiligen Haushaltsnettoeinkommen sowie den Erwartungen über künftige Einkommensentwicklung und -stabilität. So müssen Haushalte mit geringem Einkommen ihren Konsum oft über Auflösung der Ersparnisse oder durch Kredite begleichen, während bei höheren Einkommen ein bis zwei Fünftel des verfügbaren Einkommens in die Ersparnis fließen.

QuellentextGeldmilieus und Geldtypen

[...] In einer groß angelegten einschlägigen Untersuchung [Sinus Sociovision 2004 - Anm. d. Red.] werden acht Geldmilieus bzw. acht Geldtypen mit unterschiedlichen Einstellungen in Deutschland unterschieden:
Die Resignierten und Überforderten (19 Prozent der Bevölkerung) sehen sich am Rand der Gesellschaft und ohne Möglichkeiten, an ihrer finanziellen Situation selbst etwas zu ändern. Sie grenzen sich stark nach oben ab und empfinden sich als "underdog" bzw. als Opfer. Sie kümmern sich nicht um Geldangelegenheiten, verdrängen oft sogar ihre finanziellen Probleme und befassen sich nicht konstruktiv mit ihren Finanzen. In dieser Gruppe sind Frauen häufiger vertreten als Männer, eher junge Menschen und Menschen mittleren Alters, besonders häufig Arbeiter und Arbeitslose, Bezieher niedriger Einkommen.
Die Sorglosen und Leichtfertigen (16 Prozent) leben "hier und jetzt", haben Freude am spontanen Konsumieren. Trotz begrenzter Geldmittel denken sie nicht an die finanzielle Zukunft und verdrängen eventuelle Probleme. Sie kümmern sich nicht um Finanzthemen und begegnen Finanzexperten mit großem Misstrauen. In diesem Milieu sind Männer und Frauen gleichermaßen zu finden, meist Menschen mit einfacher Bildung, häufig Menschen im Alter von über 50 Jahren, relativ viele Arbeiter und Rentner, wenige Bezieher überdurchschnittlicher Einkommen.
Die Bescheidenen (zehn Prozent) weisen die traditionelle Sparmentalität auf. Sie agieren sehr vorsichtig mit ihren Finanzen. An Finanzanlagen jenseits herkömmlicher Sparformen wagen sie sich selten. Für sie ist Geld ein sehr privates Thema, über das sie kaum sprechen. Unter den Bescheidenen sind meist ältere Menschen zu finden, häufig Menschen mit einfacher Bildung, viele Rentner, aber auch nicht wenige Arbeitslose, in der Regel Bezieher unterdurchschnittlicher Einkommen.
Die Delegierer (zehn Prozent) sind meist finanziell gesichert. Sie blicken unbekümmert und mit Zuversicht in die Zukunft und vertrauen die Verantwortung für das Management ihres Geldes Familienangehörigen oder Bankberatern an. Sie sehen keinen Grund, sich selbst damit zu befassen. Delegierer sind typischerweise Frauen, oft jüngeren bis mittleren Alters, Bezieher ausreichender Einkommen, versehen mit einer soliden Ausbildung, ausführende Angestellte bzw. Beamte und Personen in Ausbildung.
Die Pragmatiker (16 Prozent) betrachten Geld ausschließlich als Mittel zum Zweck und konzentrieren sich auf andere Lebensbereiche. Die öffentliche Diskussion über die Sicherungssysteme hat ihnen zwar die Notwendigkeit der aktiven Vorsorge vor Augen geführt, der sie aber nur sehr zögerlich Folge leisten. Unter den Pragmatikern finden sich Männer und Frauen gleichermaßen, eher junge Menschen mit mittlerer und gehobener Bildung aus allen Berufsgruppen, Bezieher sehr unterschiedlicher Einkommenshöhen.
Die Vorsichtigen (elf Prozent) legen besonderen Wert auf die Wahrung ihrer meist komfortablen finanziellen Situation. Sie befassen sich mit den Entwicklungen auf dem Finanzmarkt. Das veranlasst sie auch zu Veränderungen ihres Finanzverhaltens. Unter den Vorsichtigen befinden sich Männer und Frauen sowie Junge und Alte gleichermaßen; sie weisen häufig mittlere und gehobene Bildungsgrade auf und sind Bezieher gehobener Einkommen, typischerweise ausführende Angestellte und Beamte sowie Hausfrauen.
Für die Ambitionierten (sieben Prozent) ist Geld der zentrale Gradmesser persönlichen Erfolgs. Sie beschäftigen sich intensiv mit Finanzfragen. Das dient nicht allein der Vermögensmehrung, sondern hat für sie auch einen hohen Freizeit- und Erlebniswert. Im Milieu der Ambitionierten finden sich fast nur Männer, oft recht junge mit mittelhohen Bildungsgraden und Einkommen, etwas häufiger Selbstständige, Freiberufler sowie leitende Angestellte und Beamte.
Souveräne (elf Prozent) sind in Finanzangelegenheiten sehr kompetent und interessiert. Sie informieren sich regelmäßig über die Finanzmärkte. Keine der oben genannten Hindernisse, sich mit Geld zu befassen, treffen auf sie zu. Souveräne sind meist Männer, meist im Alter zwischen 40 bis 59 Jahren, gut ausgebildet, häufig Selbstständige, Freiberufler sowie leitende Angestellte und Beamte, überwiegend Bezieher hoher Einkommen.
Es fällt auf, dass die Auflistung mit der Stellung der einzelnen Milieus bzw. "Geldtypen" im Gefüge sozialer Schichten zusammenfällt: Je positiver die "Geldeinstellung" ist, desto höher ist die Stellung in der Rangordnung von Qualifikation, beruflicher Stellung und Einkommen. Reiche verachten das Geld also nicht. [...]

Stefan Hradil, "Wie gehen die Deutschen mit Geld um?", in: APuZ 26/2009. S. 33 ff.

Über die Zahl ver- und überschuldeter Haushalte existieren wenig zuverlässige Daten. Zum einen ist deren Erfassung problematisch, zum anderen die Frage, welche Schulden einbezogen werden, und schließlich, ab welchem Schwellenwert von Überschuldung ausgegangen wird. Von Überschuldung wird gesprochen, wenn alle Zahlungsverpflichtungen aus den Krediten in einem überschaubaren Zeitraum weder durch Einsatz des Einkommens noch des Vermögens geleistet werden können, ohne das eigene Existenzminimum zu gefährden. Deswegen müssen überschuldete Haushalte nicht zwangsläufig einkommensarm sein. Zieht man aber von Haushalten, die über regelmäßiges Einkommen verfügen, ihre Zahlungsverpflichtungen zur Begleichung der Schulden ab, können manche leicht unter die Armutsschwelle, die Pfändungsfreigrenze oder die Sozialhilfegrenze fallen.

QuellentextFolgen der Überschuldung

[...] Überschuldung ist in der Regel das Ergebnis eines schleichenden Prozesses. Wenn Privatpersonen Schuldnerberatungsstellen aufsuchen, um Hilfe bei der Regulierung und Bewältigung ihrer Überschuldung zu erhalten, dann kämpfen sie meist bereits mehrere Jahre damit, ihre Schulden in den Griff zu bekommen. [...]
Am Ende einer dauerhaften Überschuldung steht in Deutschland in der Regel die Insolvenz. [...] Privatpersonen haften mit Hab und Gut: Die Konsequenzen für Privatpersonen sind nicht nur finanzieller, sondern auch sozialer, psychischer und gesundheitlicher Art. Kredite, deren vertragsgemäße Rückzahlung nicht mehr gewährleistet ist, werden im Kreditwesen als "notleidend" bezeichnet. In dieser Sprachregelung deutet sich ein grundsätzliches Menschenbild an: Nicht der Mensch, nein, der Kredit leidet Not. Schulden aus Ratenkrediten sind vom finanziellen Volumen her die bedeutendste Überschuldungsart (wenn ehemals Selbstständige und Immobilienschulden unberücksichtigt bleiben). Mit durchschnittlich 21000 Euro stehen Klienten von Schuldnerberatungsstellen mit gekündigten Ratenkrediten bei ihren Kreditinstituten im Soll. [...]
Wenn Zahlungsschwierigkeiten durch besondere Vereinbarungen wie zum Beispiel Stundungen nicht aufgefangen werden, können Kreditinstitute auf einen umfangreichen Katalog von Maßnahmen zurückgreifen. Dazu gehören Kündigung des Kredits, Sperrung von Werten wie Sparkonten und Wertpapierdepots, Inanspruchnahme und Verwertung von Sicherheiten, Erlangung vollstreckbarer Titel, Zwangsräumungen und -versteigerungen, Sach- und Gehaltspfändungen oder die Abgabe einer Eidesstattlichen Versicherung (und bei Verweigerung derselben Haftandrohung). Gläubiger können anhand von rechtskräftigen Urteilen und Vollstreckungsbescheiden 30 Jahre lang eine Zwangsvollstreckung betreiben. Im Rahmen der Eidesstattlichen Versicherung muss ein Schuldner ein vollständiges Verzeichnis seines gesamten Vermögens vorlegen, aus dem sich Gläubiger im Rahmen von Vollstreckungsmaßnahmen bedienen können. Abgesehen von den finanziellen Konsequenzen, die eine Überschuldung für die private Lebensführung, den Lebensstandard und die gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten hat, zeitigt sie somit auch konkrete juristische Folgen. Von diesen waren im Jahr 2008 1,33 Millionen Personen betroffen, und zwar 826475 durch abgegebene Eidesstattliche Versicherungen und 504674 durch Haftanordnungen.
Die finanzielle Misere schließt überschuldete Menschen teilweise vom üblichen Geldverkehr aus. Überschuldung hat bei 37 Prozent der Personen, die sich aktuell in einem Insolvenzverfahren befinden, Kontolosigkeit zur Folge. Der durch Überschuldung ausgelöste Stress schlägt sich im familiären und sozialen Umfeld nieder und führt zum Rückzug von Freunden und bei rund jedem vierten Mann und jeder vierten Frau zu Scheidung und Trennung.
Überschuldung hat auch Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit. Depressionen, erhöhte Selbstmordgefahr, Sucht, innerfamiliäre Feindseligkeiten, Apathie und Desorientierung sind bekannte Krankheitsfolgen. Klienten von Schuldnerberatungsstellen bezeichnen ihre Grundstimmung und ihre subjektive körperliche Verfassung mehrheitlich als eher schlecht. Knapp 80 Prozent sind von Erkrankungen psychischer Art oder Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, Bluthochdruck, Magenerkrankungen oder Suchterkrankungen betroffen. Jeweils ein Drittel der Klienten von Schuldnerberatungsstellen gibt an, dass es durch Erkrankung in die Überschuldung geraten bzw. durch die Überschuldung krank geworden sei.
Die Konsequenzen für Privatpersonen sind beim Eintreten einer Überschuldung somit ersichtlich dramatisch. Selbst der gegenwärtig wichtigste Ausweg aus der Überschuldung, das Verbraucherinsolvenzverfahren, ist mit großen Einschnitten in das private Leben verbunden, bis sich nach sechs Jahren der "Wohlverhaltensphase" Licht am Ende des Überschuldungstunnels zeigt. Durch die anschließende Restschuldbefreiung können Überschuldete auch gegen den Willen von Gläubigern schuldenfrei werden und somit die Chance auf einen echten Neuanfang nutzen. [...]

Dieter Korczak, "Der öffentliche Umgang mit privaten Schulden", in: APuZ 26/2009, S. 26ff.

Die Schufa und das Unternehmen Creditreform sind Organisationen, die dem Schutz der Gläubiger vor Forderungsausfällen dienen, indem sie Auskünfte über die Kreditwürdigkeit von Personen und Haushalten geben. So verfügt die Schufa über Daten wie Girokonten, Kreditkarten, Mobilfunk- und Leasingverträge, gekündigte Kredite und Zahlungsausfälle aller volljährigen Personen, wobei sie allerdings über 90 Prozent ausschließlich positiv bewertet. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass bei fast zehn Prozent Zahlungs- oder Kreditausfälle oder gar Negativmerkmale wie Haftanordnung zur Abgabe einer eidesstaatlichen Versicherung (der frühere Offenbarungseid), die Abgabe derselben oder Privatinsolvenz vorliegen. Der SchuldnerAtlas 2009 des Unternehmens Creditreform wies bei 6,2 Millionen Bürgerinnen und Bürgern über 18 Jahren Zahlungsstörungen auf, die bei drei Millionen als nachhaltig angesehen wurden. Die Überschuldung hat sich insgesamt zwar verringert und bleibt überwiegend immer noch Männersache, was daran liegen kann, dass bei statistischen Erhebungen die Männer als Haushaltsvorstand erhoben werden, aber auch an ihrer leicht höheren Risikobereitschaft. Andererseits hat sich die Überschuldung bei jungen Frauen, bei Personen unter 20 Jahren sowie bei älteren Menschen über 70 Jahren deutlich erhöht. Die Schuldnerquote lag in Deutschland 2009 bei 9,1 Prozent.

Entwicklung von Schulden nach Alter

Sichere Daten gibt es erst seit Einführung des Privatinsolvenzrechts 1999. Nach dem Schuldenreport 2009 des Bundesverbands der Verbraucherzentralen haben im Zeitraum zwischen 1999 und 2008 circa 500000 Personen einen Antrag auf Eröffnung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens gestellt. Weitere 300000 Personen haben den gerichtlichen Weg gewählt, um sich nach einer Selbstständigkeit oder Freiberuflichkeit von der Restschuld zu befreien. Damit gelten 800000 Personen als überschuldet. Zehn Prozent hatten 2008 das letzte Jahr der Schuldenregulierungsphase hinter sich und dürften nicht mehr als überschuldet gelten.

Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 weist demgegenüber 1,6 Millionen Haushalte als überschuldet aus, während es nach dem zweiten Armutsbericht von 2005 noch 2,9 Millionen waren. Die Veränderung scheint den Schluss nahezulegen, die Überschuldung habe abgenommen. Verändert haben sich aber nur die Bemessungsgrundlagen, denn es werden zwar weiterhin Konsumentenkreditverbindlichkeiten herangezogen, unberücksichtigt bleiben im Bericht von 2009 aber Mietschulden, unbezahlte Rechnungen und Hypothekarkredite, da gerade letzteren eine Funktion für die Vermögensbildung zugeschrieben wird. Die Erfassung erfolgt über eine freiwillige mündliche oder schriftliche Befragung im Rahmen des sozioökonomischen Panels, einer jährlichen repräsentativen Befragung, bei der individuelle Schätzfehler nicht ausgeschlossen sind.

Nach Befragung von Schuldnerberatungsstellen schätzen der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Verbraucherverbände, dass es circa drei bis vier Millionen überschuldete Haushalte gibt, die mit ihren vorhandenen Einkünften nicht in der Lage sind, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Gründe für die Überschuldung sind nach dem Schuldenreport 2009 der Verbände vor allem in plötzlichen und unerwarteten Ereignissen mit erheblichen Einkommenseinbußen zu sehen, knapp 30 Prozent infolge von Arbeitslosigkeit und fast 25 Prozent infolge von Scheidung, Trennung, Tod des Partners, Krankheit oder Unfällen. Unterscheiden lässt sich die Art der Schulden vor allem nach Alter und Lebensform. So waren es bei unter 20-jährigen nicht beglichene Telefonrechnungen, bei 65- bis 70-jährigen Versandhausrechnungen, bei 55- bis 65-jährigen und bei Alleinerziehenden Mietschulden, bei alleinlebenden Männern Unterhaltsverpflichtungen.

Wertschöpfung

Private Haushalte erbringen vielfältige Leistungen, von denen die Gesellschaft profitiert, ohne dafür zu zahlen und ohne dass diese Leistungen statistisch erfasst werden. Im Rahmen unbezahlter Hausarbeit oder auch ehrenamtlicher Bürgerarbeit werden zum Beispiel Kinder erzogen, alte und kranke Menschen gepflegt, Nahrungsmittel zubereitet und Wohnungen gereinigt. Das Statistische Bundesamt hat zuletzt 2003 ermittelt, wofür private Haushalte Zeit verwenden. Danach verbringen Personen ab zehn Jahren täglich durchschnittlich acht Stunden mit Schlafen, sechs Stunden für Freizeit und soziale Kontakte, dreieinhalb Stunden mit unbezahlter Hausarbeit und ehrenamtlicher Arbeit, drei Stunden mit Bildung und Erwerbsarbeit, zwei dreiviertel Stunden für Kleidung, Körperpflege und Ernährung. Wenig erstaunlich treten auch geschlechtsspezifische Unterschiede zu Tage: So leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeit und kümmern sich mehr um soziale Kontakte, während bei Männern Erwerbsarbeit, Spiele und Mediennutzung dominieren. Mit wöchentlich 25 Stunden gegenüber 17 Stunden wird sogar mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit geleistet. Frauen arbeiten durchschnittlich 31 Stunden unbezahlt, Männer 19,5.

Um ansatzweise schätzen zu können, welche Wertschöpfung von privaten Haushalten ausgeht, wird das im Haushalt geleistete oder im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeit erbrachte Arbeitsvolumen mit den Löhnen derjenigen verglichen, die eine solche Tätigkeit professionell oder angelernt ausführen. So hat das Statistische Bundesamt 2003 den Wert der Haushaltsproduktion auf Basis des angenommenen Nettostundenlohns einer Hauswirtschafterin in Höhe von sieben Euro (2001) errechnet. Ähnlich der Berechnung des Produktionswerts von Unternehmen wurden außerdem die Kosten der Vorprodukte, der Miete sowie Abschreibungen für dauerhafte Gebrauchsgüter berücksichtigt. Nach diesen Annahmen betrug die Wertschöpfung privater Haushalte 2001 1121 Milliarden Euro, war gegenüber 1992 um 22 Prozent gestiegen und entsprach damit der Wertschöpfung des industriellen und des Dienstleistungssektors. Nur wird sie im Unterschied zu diesen nicht in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung berücksichtigt.

Ähnlich wie das, was die natürliche Umwelt kostenfrei zur Verfügung stellt, werden auch die Leistungen der privaten Haushalte unterschlagen, soweit sie sich nicht - wie in den Käufen - in Marktwerten niederschlagen. Dabei leisten die privaten Haushalte wichtige Voraussetzungen für die Wirtschaft, indem sie durch Sozialisation und Bildung Investitionen für die Zukunft, also "Humankapital" erzeugen und dazu beitragen, die Arbeitskraft zu regenerieren. Sie erbringen darüber hinaus soziale, ästhetische und kulturelle Leistungen, die der Gesellschaft zugute kommen. Ähnlich wie bei der Natur, wenn deren Ressourcen sich erschöpfen, fällt dies erst dann auf, wenn die privaten Haushalte dazu immer weniger fähig oder bereit sind.

Dr. phil. Birgit Weber ist Professorin für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld. Von 1989 bis 2006 war sie tätig im Bereich Wirtschaftswissenschaft und Didaktik der Wirtschaftslehre an der Universität Siegen. Dort leitete sie als Geschäftsführerin im Zentrum für Lehrerbildung von 2000 bis 2002 ein Projekt zur Förderung der unternehmerischen Selbstständigkeit in der Lehrerausbildung. Als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung hat sie die Entwicklung von Bildungsstandards für die ökonomische Bildung mit vorangetrieben. Ihre fachlichen Schwerpunkte sind neben grundsätzlichen Fragen der Didaktik der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften vor allem Kultur der unternehmerischen Selbstständigkeit, Umweltökonomie sowie Fragen des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft.

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