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Daniel Mahla

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Heute ist jüdisches Leben in Deutschland so vielfältig und bunt wie nie seit dem Holocaust – neben den offiziellen Gemeinden und Institutionen besteht eine große Bandbreite an religiösen, gesellschaftlichen und politischen Organisationen und Einrichtungen.

Die Vielfalt der Jüdinnen und Juden Gemeinden in Deutschland zeigt sich auch am Christopher Street Day 2019 in Berlin. Anhänger der Keshet Deutschland, der jüdischen LGBTQI*-Community in Deutschland, nehmen an der Parade unter dem Motto "Stonewall 50 - Every riot starts with your voice" teil. (© picture-alliance/dpa, Revierfoto)

So gibt es etwa ein streng-orthodoxes Rabbinerseminar in Berlin, Verbände mit gesellschaftlich-progressiver Agenda wie die jüdische LGBTIQ*-Organisation "Keshet Deutschland", liberal-religiöse Gemeinschaften außerhalb der offiziellen Gemeindestrukturen, das von in Deutschland lebenden Israelis betriebene hebräische Magazin SPITZ, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Hinzu tritt eine zunehmende globale Vernetzung, die Einflüsse und Impulse aus den großen Zentren jüdischen Lebens in Israel und den USA nach Deutschland bringt. Auch auf europäischer Ebene kommt es vermehrt zu Austausch und Zusammenarbeit mit Jüdinnen und Juden etwa aus London, Paris oder Warschau. 1945 hätte wohl kaum jemand mit solchen Entwicklungen gerechnet.

Dennoch bleibt jüdisches Leben hierzulande weiterhin fragil und bedroht. Wie virulent Antisemitismus in der Bevölkerung Deutschlands ist, hat sich nicht zuletzt im Zuge der Coronavirus-Pandemie gezeigt, in der es neben kruden Holocaustrelativierungen auch zu einer erhöhten Verbreitung von Verschwörungstheorien kam, die nicht selten Jüdinnen und Juden für Ausbruch und Verbreitung des Virus verantwortlich machen. Gleichzeitig steigt mit jeder Eskalation der Gewalt in Nahost auch die Gefahr antisemitischer Diffamierungen und Übergriffe in Europa. Auffallend ist es in beiden Fällen, dass es hier nicht nur um Extremisten oder Randgruppen geht, sondern sich eine weite gesellschaftliche Bandbreite hinter antisemitischen Bannern versammeln lässt.

"So bewegt sich der Alltag jüdischer Deutscher im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zwischen einer Renaissance jüdischen Lebens einerseits und einer spürbar zunehmenden Bedrohung andererseits," wie Michael Brenner in diesem Heft resümiert. Wie die jüdische Gemeinschaft, so entwickelt sich die deutsche Gesellschaft insgesamt beständig fort. Deren fortschreitende Pluralisierung führt immer wieder zu Spannungen und neuen Herausforderungen, aber bringt auch neue Chancen der Annäherung und Zusammenarbeit. Wie sich jüdisches Leben in Deutschland in Zukunft entwickeln wird, hängt stark davon ab, wie wir alle mit diesen Veränderungen umgehen.

QuellentextFasst euch ein Herz

Heute kam die bestellte Druckerpatrone nicht an. Der Paketdienst konnte sie nicht zustellen, weil ich schon wieder vergessen hatte, bei der Bestellung dazuzuschreiben, dass ein anderer Name auf meinem Klingelschild steht. Meinen Namen habe ich entfernt, als die Drohungen aus rechtsradikalen Kreisen zunahmen, als sie persönlicher, deutlicher und auch antisemitischer wurden und nachdem in München eine Journalistin, zu deren Alltag solche Drohungen ebenfalls gehörten, in ihrem Zuhause zusammengeschlagen worden war. [...]

Was bedeutet Jüdischsein heute? Was heißt es im heutigen Deutschland? Wie ist es, wenn die Angst vor Antisemitismus plötzlich greifbar wird, der ich bis vor ein paar Jahren noch mit Humor begegnet bin? Das war, als ich dachte, dass der Zentralrat der Juden manchmal den mahnenden Zeigefinger zu weit in die Höhe streckt, als so viele von uns dachten: die paar Rechten im Osten.

Nun hat sich vieles verändert, Rechtsradikale sitzen im Bundestag und in Polit-Talkshows zur Primetime, Freunde erzählen von antisemitischen Ressentiments im Alltag, Hassbotschaften prangen auf Wänden, und eines Mittags im vergangenen Herbst versuchte einer, der Juden, Muslime, Fremde, Frauen hasste, bis an die Zähne bewaffnet und mit einer live informierten Fangemeinde im Hintergrund eine Synagoge in Halle zu stürmen, um dort am wichtigsten jüdischen Feiertag so viele Juden wie möglich zu ermorden. […]

Wir machen sie sichtbar, die Geschichten unserer Familien, unserer Freuden, unserer Leiden. Wir stellen sie in den Raum des Erzählten, Selbstermächtigung könnte man das nennen. Sie müssen laut erzählt werden, damit sie gehört werden, damit sie sich in den Köpfen einnisten, damit sie zu einer Erzählung werden, die vielen, nicht Einzelnen gehört. Wir stellen sie zwischen die anderen und stellen sie damit dennoch aus: Geschichten, die eben auch Opfergeschichten sind. Wir tun es, um Empathie zu wecken, sagt man. Ich frage mich, wann ist sie verloren gegangen, die Empathie, und warum?

Bald werden die letzten Holocaust-Opfer gestorben sein, sie werden nicht mehr in Schulen gehen können, um in schlecht geheizten Aulas von ihrem Leid zu erzählen. Viele fürchten sich davor, sie fürchten, dass dann Erinnerung verloren geht. Als wäre es einzig und allein die Pflicht der Opfer, sich zu erinnern, andere zu erinnern, die Opferrolle zeitlebens nicht mehr zu verlassen. [...]

Damit die Welt anders wird, müssen alle lernen, ihre Stimmen zu erheben, wenn es um andere geht. Ich möchte als Jüdin nicht "zuständig" sein für das Thema Antisemitismus. Ich will, dass wir alle zuständig sind. Ich will von den Ausgrenzungen reden, die mich nicht persönlich betreffen.

Das sagt sich leicht, könnte man denken, für jemanden wie mich, die beruflich schreibt, die in der Öffentlichkeit spricht. Es geht aber nicht um die Öffentlichkeit, es geht nicht um wohlmeinende Demonstrationen. Es geht um den Alltag, um die Menschen, denen wir im Eilen begegnen. Um Menschen nicht weißer Hautfarbe, denen in der U-Bahn gesagt wird, sie hätten als Fremde kein Recht auf einen Sitzplatz. Um Menschen, die beim Abholen in der Kita Sprüche zu hören bekommen, weil man sie für Muslime hält. Es geht darum, ihre Verstörung zu sehen, ihre Blicke zu spüren, die nach etwas suchen, was ein großes Wort ist, aber oft leider nicht mehr als das: Solidarität. Es ist an uns allen, ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Wir müssen aufhören, im Gegensatz von "Die" und "Wir" zu denken. Ein "Wir" könnten alle Menschen sein, die in einer Gesellschaft ohne Diffamierung und Gewalt leben möchten.

Während der Diskussion am Holocaust-Gedenktag fragte jemand aus dem Publikum, wie man Antisemitismus bekämpfen könne. Die Antwort ist dieselbe bei all den menschenfeindlichen Ismen: bei sich selbst anfangen. Schauen, wo denke, spreche, agiere ich stereotyp oder ausgrenzend? Die Antwort wird bei keinem von uns lauten: Nirgendwo. Und wenn man dann noch die Augen, die Ohren aufsperrt bei Kollegen, Freunden, Verwandten: Es ist nicht schwer, auf Grenzüberschreitungen zu stoßen. Es fällt nur schwer, darauf hinzuweisen. Dem harmonischen Zusammensein wird möglicherweise die Harmonie genommen, und wir selbst sind es, die das tun. […]

Es ist einfacher, mit Gleichgesinnten zu demonstrieren und treffsichere politische Kommentare zu retweeten. Kritik an einem Gegenüber tut irgendwie immer weh. Menschen, die man achtet, mag oder sogar liebt, auf ausgrenzende Denkmuster hinzuweisen tut weh, weil man nicht nur sich selbst, sondern auch andere der Bequemlichkeit entreißt, weil man zum Störenfried, zur Denkpolizei wird. Aber die Dinge werden nicht besser, wenn man sie nicht benennt. […]

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle hieß es laut und pathetisch, dieser Anschlag habe uns allen gegolten. Ich weiß nicht, wie viele das tatsächlich so empfanden, wie viele tatsächlich erschüttert waren, weil sie spürten, dass die Floskel eine Tatsache ist: Hier ging es nicht gegen Juden, gegen Muslime, gegen die, die anders sind. Es ging gegen das, was uns alle zusammenhalten sollte: eine Demokratie, in der Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung miteinander leben.

An diesem Tag sprach ich mit einem jüdischen Freund, der wahrscheinlich wie ich vergessen hatte, dass Jom Kippur war, dessen Familie zum Großteil in Konzentrationslagern ermordet worden war. Wir waren beide erschüttert, und doch war er ein Stück erschütterter als ich. Er war verletzt, weil sich keiner seiner nicht-jüdischen Freunde bei ihm gemeldet hatte. Er fühlte sich allein mit dieser Angst, die wieder hervorkroch, wie konnte das passieren, hier, in Deutschland, allein mit den großen Fragen. Noch später erzählte ich das einer gemeinsamen Freundin. Sie meinte, sie habe an uns gedacht, sich aber nicht gemeldet: Sie wollte uns nicht darauf reduzieren, dass wir Juden sind.

Mein Freund hätte sich über eine Nachricht gefreut, er hätte sie vermutlich gebraucht. Jemand anderes hätte sich womöglich daran gestört. Es gibt nicht die eine jüdische Art, mit so etwas umzugehen. Aber das gehört zu einer Gesellschaft: diese Ambivalenz auszuhalten. Immer wieder auszuloten, was die anderen brauchen. Wie wir zusammengehören und wo wir verschieden sind. Nicht in Schweigen zu verharren aus Angst, etwas Falsches zu sagen, als Gutmensch verspottet zu werden. Sonst hört man bald nur noch die, die allzu gern sagen, was sie denken.

Die Schriftstellerin Lena Gorelik wurde 1981 in St. Petersburg geboren und lebt mit ihrer Familie in München.
Lena Gorelik, "Wir erzählen unsere Geschichten, um Empathie zu wecken. Ich frage mich, wann ist sie verloren gegangen, die Empathie, und warum?", in: DIE ZEIT Nr. 9 vom 20. Februar 2020

Dr. Daniel Mahla ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München und Koordinator des Zentrums für Israel-Studien. Er beschäftigt sich mit der modernen jüdischen Geschichte in Zentraleuropa und Palästina/Israel. Seine Monografie "Orthodox Judaism and the Politics of Religion: From Prewar Europe to the State of Israel” ist 2020 erschienen.
Dr. Daniel Mahla hat die Koordination für diese Themenausgabe übernommen.