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Im vereinten Deutschland

Im vereinten Deutschland

Michael Brenner

/ 13 Minuten zu lesen

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, dem 51. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938, läutete zwar nicht das vielfach vorhergesagte "Ende der Geschichte" ein, aber immerhin eine nicht vorhersehbare Entwicklung für das jüdische Leben Deutschlands.

Anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2021 sprechen im Deutschen Bundestag Charlotte Knobloch (v. l.) und Marina Weisband. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00464761)

Die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung

Jüdische Gemeinden im neuen Deutschland

Die Öffnung der DDR und der Zerfall der Sowjetunion führten zu einer bedeutenden Erhöhung der Mitgliederzahlen jüdischer Gemeinden im wiedervereinten Deutschland. In der Sowjetunion lebten noch etwa 2 Millionen Juden, die nun frei waren, das Land zu verlassen, in dem sie kaum die Möglichkeit besessen hatten, ihre Religion frei auszuüben und das sie in vielerlei Hinsicht auch als Bürgerinnen und Bürger jüdischer Nationalität unterdrückte hatte. Etwa eine Million entschied sich für die Auswanderung nach Israel. Andere gingen, sofern sie ein Einwanderungsvisum erhielten, in die USA. Doch weit über hunderttausend jüdische Einwanderer kamen während der 1990er-Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion ausgerechnet in das Land, das sie gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern weniger als 50 Jahre vorher auslöschen wollte. Ihre genaue Zahl lässt sich nur schwer ermitteln, weil sie davon abhängt, wie man definiert, wer Jude ist. Gemäß des jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, ist es nur das Kind einer jüdischen Mutter; in der Sowjetunion allerdings war es oft der jüdische Vater, der zu dem Eintrag "Jüdische Nationalität" im Pass führte. Hinzu kommt, dass in der Gesamtzahl der sogenannten Kontingentflüchtlinge oftmals auch die zahlreichen nicht-jüdischen Familienangehörigen eingeschlossen sind. Daher weichen die diesbezüglichen Zahlen oftmals erheblich voneinander ab.

Im wiedervereinten Deutschland trafen sie auf eine kleine überalterte Gemeinde von weniger als 30.000 Personen, die nun mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert waren, eine wesentlich höhere Zahl von Einwandererinnen und Einwanderern zu integrieren. Manche jüdischen Gemeinden verzehnfachten sich in nur wenigen Jahren, andere wuchsen nun auf eine Mitgliederzahl an, die selbst diejenige vor 1933 übertraf, und von Emmendingen im Südwesten bis nach Rostock im Nordosten Deutschlands wurden sogar eine ganze Reihe neuer jüdischer Gemeinden gegründet. Den Höchststand ihrer Mitgliederzahl erreichten die jüdischen Gemeinden Deutschlands im Jahr 2006 mit 108.000 Personen.

Altersgliederung (© Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland [Hg.], April 2021, S.8, in: Mitgliederzahlen Altersgliederung Wachstumsvergleich 1989 bis 2020)

Neue Räume für jüdisches Leben

Die Veränderungen waren aber nicht nur quantitativer, sondern auch qualitativer Natur. So entstanden neue jüdische Schulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen, Schachclubs und Sportvereine, koschere Restaurants und gesellschaftliche Einrichtungen. In den Gemeinden, in denen die neuen Zugewanderten meist die Mehrheit bildeten, waren sie mit dem Problem konfrontiert, dass ihre Zugehörigkeit zum Judentum, die in der Sowjetunion im Sinne einer Nationalität definiert worden war, nun über die Definition einer Religionsgemeinschaft verlief. Auch wenn nur wenige der Zugewanderten regelmäßig die Synagogen besuchen, hat sich durch die zahlenmäßige Zunahme eine kritische Masse ergeben, die mittlerweile auch ihre eigenen Rabbiner und Religionslehrer in dafür geschaffenen Seminaren ausbildet. Während bis in die 1990er-Jahre Rabbiner aus dem Ausland nach Deutschland "importiert" wurden, können die neu geschaffenen Rabbinerseminare in Deutschland inzwischen ausgebildete Juden ins Ausland "exportieren".

QuellentextGeschützter Alltag an der Heinz-Galinski-Schule

[…] Die Kinder hüpfen auf und ab, zupfen an ihren Sitzgurten, es ist der erste Morgen nach den Herbstferien. In einem weißen Minibus sitzen Eliyah, Klasse 3a, Hannah, Eva und Amelie, Klasse 2a, und die viereinhalbjährige Marit, die noch in die Vorschule […] Aber jetzt ist es so weit, Endhaltestelle: Heinz-Galinski-Schule.

An der jüdischen Grundschule in Berlin-Charlottenburg waren die Ferien besonders lang diesmal, erst fiel das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana in die Woche mit dem Tag der Deutschen Einheit, da blieb die Schule zu. Dann kamen zwei Wochen staatliche Herbstferien. Dann noch mal zwei jüdische Feiertage, Schemini Azeret und Simchat Tora, da werfen Eltern in der Synagoge Bonbons, Kinder sammeln sie auf. Jetzt endlich soll der Alltag wieder beginnen. Das normale Leben. Wenn jemand das so nennen möchte.

Der Minibus, in dem die Kinder hinter getönten Scheiben sitzen, hält vor einem Gebäude, das von einem Zaun umstellt ist. Metallstangen, Metallspitzen, Videokameras. Ein Tor öffnet sich, der Bus fährt hinein, das Tor schließt sich, dann kommen Sicherheitsleute mit Walkie-Talkies.

Vor vier Wochen hat ein Rechtsradikaler versucht, in eine Synagoge in der Stadt Halle einzudringen, er wollte die Betenden mit selbstgebauten Waffen töten. Er kam wie aus dem Nichts, sagen die Sicherheitsbehörden, und weil dies keine sehr beruhigende Erklärung ist, sehen die Kinder durch die Scheiben ihres Busses an diesem diesigen Morgen auch einen Polizisten, der ihre Schule bewacht.

Der Bus fährt weiter, die Schleuse öffnet sich nach innen auf den Hof der Schule. Die Wachleute, junge Männer in Jeans und Kapuzenjacken, geben Handzeichen. Auch die Lehrer kommen gerade zur Arbeit, aber durch einen anderen Eingang, an dem hinter einer dicken Glasscheibe ein junger Israeli sitzt und jedem von ihnen zuwinkt. Ein Metalldetektor fiept.

Normales Leben: So sieht das aus an einer Grundschule, die sich von anderen nur dadurch unterscheidet, dass die Kinder im Herbst Chanukkaleuchter aus Knetmasse basteln statt Adventskerzen. Dass sie an jüdischen Feiertagen freihaben und dafür mehr Nachmittagsunterricht absitzen müssen. Normaler Alltag, das heißt, dass sie das Verhalten bei einem Terrorangriff üben, und zwar schon bevor sie das Abc beherrschen. Es gibt dafür Probealarme, mehrmals im Jahr. Größte Herausforderung dabei ist: Die Kinder dürfen keinen Mucks machen.

[…] Hinter dem hohen Zaun in Berlin-Charlottenburg wuchert ein riesiger, verwilderter Garten, und es gibt eine Rutsche, die so hoch ist, dass die Kinder erst ab der dritten Klasse drauf dürfen. In der Mitte des Schulgeländes steht eine verwinkelte kleine Bastelwerkstatt, Tonfiguren trocknen auf der Fensterbank. Oder wie eine Mutter aus Frankfurt sagt, die früher selbst auf die jüdische Grundschule dort gegangen ist: Es gibt eine Geborgenheit. Als Annabelle G. ihre Tochter zum ersten Mal in die jüdische Schule in Frankfurt brachte und das Surren der Sicherheitsschleuse hörte, habe das ein vertrautes Gefühl in ihr ausgelöst. Dieses Geräusch. Dieser Raum mit den Videobildschirmen. "Den kannte ich noch." […]

Annabelle G. schickt ihre Tochter gerne auf die jüdische Schule. Die Lehrerin sei toll, ihre Kinder knüpften Freundschaften zu Kindern, mit deren Eltern Annabelle G. selbst seit ihrer Kindheit befreundet ist. Und die Kinder lernten ihre jüdische Identität als etwas Positives kennen, ohne sich als Außenseiter zu fühlen. Das sei wertvoll. "Aber nach Jom Kippur", nach dem Anschlag in Halle, "hab’ ich mir gesagt, ich kann sie nicht mehr hinbringen."

Sie hat mit ihrem Mann darüber gesprochen. Am Ende waren sie sich einig: Man kann der Gefahr nicht entgehen. Man muss mit ihr umgehen. Und man muss auch einsehen, dass es den Kindern nicht verborgen bleiben wird.

[…] Wenn die Kinder am Schabbat mit in die Synagoge gehen, steht auch dort Polizei vor der Tür, und manchmal fragen sie, warum. In der Oranienburger Straße in Berlin zum Beispiel stehen seit dem Anschlag in Halle vier Mann Wache. Keine netten älteren Herren mehr. Sondern junge Männer mit Maschinenpistolen. Es ist fast erleichternd, wenn man mit den Kindern an ihnen vorbei ist. Die Schleuse öffnet sich, die Schleuse schließt sich mit einem hydraulischen Zischen. Die Welt bleibt draußen.

Die Synagoge hat eine historische Fassade und eine goldverzierte Kuppel. Drinnen sieht es eher aus wie in einer alten Gesamtschule. Enger Fahrstuhl, Glastüren, Linoleumboden. Die Rabbinerin Gesa Ederberg, die jeden duzt und herzt, hatte neulich zum Schuljahresbeginn für alle Kinder Geschenktüten vorbereitet, beschriftet mit Namen. Im Gebetsraum hängen von Kindern gebastelte Bilder.

"Wir sagen unseren Kindern: Ihr seid jüdisch", sagt Miron Kropp, er hat eine Tochter und einen Sohn an der jüdischen Grundschule in Berlin-Charlottenburg, als Kind ist er selbst dort hingegangen. "Andererseits: Man muss es nicht jedem zeigen." Das sei der Zwiespalt, den er furchtbar finde. Aber den könne man nicht wegdiskutieren. Die Kinder sollten sich nicht eingeschlossen fühlen. Sie sollen nicht mit dem Gefühl aufwachsen, sich verstellen zu müssen. Und trotzdem. […] Für Eltern heißt das, sie müssen sich entscheiden, wie ehrlich sie sein wollen. Und Miron Kropp findet: Besser, man ist gleich ehrlich, "Kinder sind viel schlauer, als man denkt". […]

Ronen Steinke, "Mitten in Deutschland", in: Süddeutsche Zeitung vom 8. November 2019

QuellentextWillkommen bei Makkabi

Und er wächst und wächst und wächst. Der Sportverein Makkabi Frankfurt hat derzeit gut 1700 Mitglieder, Tendenz steigend. Eines der Mitglieder ist Max Eilingsfeld. Der 30-Jährige kam als Elfjähriger zu Makkabi, weil dort seine jüdischen Freunde aus der Schule Fußball spielten. "Damals hatten wir fünf oder sechs Jugendmannschaften", erinnert sich Eilingsfeld, seit November 2018 Sportlicher Leiter des Vereins. Heute hat der Verein 19 Jugendmannschaften und es könnten noch mehr sein, wenn Makkabi Neumitglieder wegen mangelnder Kapazität nicht ablehnen müsste. "Pro Woche kriegen wir zehn Anfragen rein, das tut mir leid, vor allem für die ganz Kleinen."

Eilingsfeld war im Jahr 2000 zu Makkabi gekommen, einer Zeit des Umbruchs im Verein, der damals 400 Mitglieder hatte. Seinerzeit entschied der Vorstand, sich zu öffnen. Weg von einem rein jüdisch orientierten Verein, hin zu einer Anlaufstelle für jeden Sportbegeisterten. Alon Meyer, heute Vereinspräsident und damals schon im Vorstand, erinnert sich, wie die Entscheidung zustande kam: "Wir haben erkannt, dass der Verein eine Möglichkeit bietet, Werte zu vermitteln. Mit dem Werkzeug Sport ist vieles möglich." Die Vereinsleben gelinge es, "das jüdische Leben im Unterbewusstsein weiterzugeben", so Meyer, denn: "In der Schule über das Judentum zu sprechen, ist ja langweilig."

Spannend werde es, wenn junge Moslems, die bei Makkabi kicken, von gegnerischen Spielern als vermeintliche Juden angefeindet werden. Das mache viele Jugendliche schon nachdenklich, mit solchen Vorurteilen konfrontiert zu werden. "Ich will nicht wissen, wie vielen Menschen wir schon die Berührungsängste genommen haben", sagt Meyer, der die Jugendlichen dann auch bei Veranstaltungen über ihre Erfahrungen berichten lässt.

Zur Öffnung gehört auch, dass Makkabi Frankfurt kein streng religiöser Verein ist. So wird auch am Sabbat, anders als bei Makkabi München, durchaus Fußball gespielt. Dies sei schon organisatorisch geboten, da schlecht die Fußballspiele von 18 Jugendmannschaften permanent verlegt werden könnten. Für die Weiterentwicklung eines Vereins sei dies andernfalls "ein großer Hemmungsfaktor". Ein Verein wie jeder andere ist Makkabi Frankfurt aber sicherlich nicht. "Von normal kann keine Rede sein, wir sind im Kern jüdisch und bleiben auch jüdisch", betont Meyer. Die hohen jüdischen Feiertage werden daher auch eingehalten. "An Jom Kippur wird nicht trainiert." Für Sportinteressierte jüdischen Glaubens gibt es daher auch keinen Aufnahmestopp, für jüdische Mitglieder müsse immer Platz sein. Die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde und der Jüdischen Schule ist "perfekt", sagt Meyer. Nicht zuletzt, weil sich die Büros des Vereins und der Gemeinde unter ein und demselben Dach im Westend befinden. […]

Der Verein hat viele Mitglieder, die einen anderen Glauben haben. Nur etwa ein Drittel, schätzt Meyer, sei jüdischen Glaubens. Der kleine Ali gehört nicht dazu. Sein Vater Aziz, französischer Muslim mit marokkanischen Wurzeln, hat den Zehnjährigen bei Makkabi angemeldet, "weil sie eine sehr gute Jugendarbeit haben". Berührungsängste hat der Vater keine. Mit seiner Frau war er auch auf der Chanukka-Feier des Vereins. "Wir sind zehn Jahre jünger geworden", schwärmt Aziz.

Es sind Begebenheiten wie dieses, die den Charme des Vereins ausmachen. Davon weiß auch Daniel Günther zu berichten. Der 17-Jährige spielt in der A-Jugend von Makkabi. Die Leistungen des Torhüters haben auch andere Vereine aufmerksam gemacht. Ein Jahr hat er bei Kickers Offenbach gespielt, dann kehrte er zu Makkabi zurück. "Es hat mir einfach keinen Spaß gemacht, für mich zählt nicht nur die Leistung. Ich will auch Freundschaften schließen. Das macht Makkabi aus, es ist sehr familiär", sagt der 17-Jährige, der seinen Verein auch nicht im Stich lassen wollte. Makkabi noch mal den Rücken zu kehren, käme für ihn nur infrage, wenn er zum Studieren ins Ausland geht. "Ansonsten würde ich dem Verein immer treu bleiben", verspricht Günther.

Die familiäre Atmosphäre des Vereins ist nicht nur hausgemacht. Denn seit Makkabi in den 80er-Jahren durch den Bau der A661 sein Domizil am Dachsberg in Preungesheim verlor, hat der Verein Platzprobleme, muss näher zusammenrücken und sich mehrere Sportstätten mit anderen Vereinen teilen, […]. Doch diese Zeit soll bald vorbei sein. […]. Fünf Millionen Euro investiert der Verein, um bis 2023 fast alle Mitglieder unter einem Dach im Stadtteil Dornbusch vereinen zu können. Geplant sind unter andrem ein großes Multifunktionsgebäude mit Sporthalle, zwei große Kunstrasenplätze, ein Basketballplatz und ein Multifunktionsfeld. Wenn die neue Heimat im Schatten der Bundesbankzentrale bezogen ist, will der 1965 gegründete Verein auch erstmals Mädchen- und Frauenfußball anbieten. "Da bekommen wir jeden Tag Anfragen", sagt Vereinspräsident Meyer. Spätestens mit dem Umzug wird Makkabi weiterwachsen. Externer Link: www.makkabi-frankfurt.de

Oliver Teutsch, "An Jom Kippur wird nicht gekickt", in: Jüdisches Leben in Frankfurt. Reihe Frankfurter Rundschau Geschichte, Bd. 9/2019, S. 76–77

Berlin als Einwanderungsstadt junger Israelis

Eine weitere Einwanderergruppe, die vor allem Berlin zu ihrem Zentrum erkor, sind seit der Jahrhundertwende junge Israelis. Ihre genaue Zahl in der Bundeshauptstadt lässt sich nur schwer ermitteln, da die meisten von ihnen über ihren Zweitpass, den sie von ihren polnischen, ungarischen, rumänischen oder anderen Großeltern erhielten, in die Europäische Union einreisten. Man kann aber davon ausgehen, dass über 20.000 zumeist jüngere Menschen von Israel nach Berlin zogen. Manche von ihnen werden wohl nur vorübergehend bleiben, bevor sie weiterziehen oder zurück in ihre Heimat gehen. Andere werden in Berlin bleiben und ihre Kinder als Teil der deutsch-jüdischen Gemeinschaft großziehen. Bereits heute gibt es in Berlin eine ganze Reihe von Einrichtungen für diese neue Einwanderergruppe, von Kindergärten über hebräische Bibliotheken bis hin zu israelischen Spezialitätenrestaurants.

Die Transformation jüdischen Lebens

Die zahlenmäßige Veränderung im deutschen Judentum bildete die Voraussetzung dafür, dass sich die bereits in den 1980er-Jahren in der alten Bundesrepublik begonnene Transformation jüdischen Lebens auf einer gesicherten Grundlage entwickeln konnte. Diese Transformation beinhaltete

  • religiöse Vielfalt,

  • kulturelle Produktivität,

  • politischen Pluralismus sowie die

  • zunehmende Öffnung nach außen.

Im Folgenden sollen diese vier Aspekte jüdischen Lebens näher erläutert werden.

Religiöse Veränderung

Nach der Shoah war ein Großteil des religiösen jüdischen Lebens in Deutschland orthodox geprägt, weil die überwiegende Mehrheit der sich im religiösen Leben engagierenden Gemeindemitglieder aus Osteuropa stammte und nicht mit der in Deutschland des 19. Jahrhunderts entstandenen Reformbewegung des liberalen Judentums vertraut war. Aus Nostalgie für die ausgelöschte Welt des osteuropäischen Schtetl besuchten viele Gemeindemitglieder orthodox ausgerichtete Gottesdienste, ohne freilich selbst einem orthodoxen Lebenswandel anzuhängen.

Eine Ausnahme in dieser orthodox geprägten Synagogenlandschaft bildeten die Gottesdienste der amerikanischen Armeeangehörigen, die teilweise auch von Mitgliedern der deutsch-jüdischen Gemeinschaft besucht wurden. Mit dem Abzug der meisten amerikanischen Streitkräfte verlagerten sich manche dieser Gottesdienste in die jüdischen Gemeinden hinein. Zudem war nun eine zweite Generation herangewachsen, die mit dem orthodoxen Gottesdienst im Schtetl nicht mehr vertraut war. Für sie spiegelte der liberale Gottesdienst ihre religiöse Überzeugung wider. Ab den 1990er-Jahren breiteten sich diese liberal geprägten Synagogen weiter aus. Es wurden die ersten Rabbinerinnen eingestellt und eine Dachorganisation für diese liberalen jüdischen Gemeinden, die Union progressiver Juden in Deutschland, geschaffen.

Mit der Einrichtung des Abraham-Geiger-Kollegs wurde 1999 das erste Rabbinerseminar in Deutschland nach dem Holocaust gegründet, ein liberales Rabbinerseminar. Später folgten auch orthodoxe und konservative Rabbinerausbildungsstätten. Die Zahl der in Deutschland amtierenden Rabbinerinnen und Rabbiner ist von etwa einem Dutzend während der 1980er-Jahre auf über 80 im Jahr 2020 angestiegen. Die 1979 gegründete Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg bildet zudem Lehrerinnen und Lehrer für den jüdischen Religionsunterricht aus. Mit dem Anwachsen der jüdischen Gemeinschaft stieg auch der Bedarf für diese Berufsausrichtung.

QuellentextDer Militärrabbiner Zsolt Balla …

Zsolt Balla ist nicht der erste Rabbiner im deutschen Militär. Schon im Ersten Weltkrieg, an dem auf deutscher Seite schätzungsweise rund 100.000 jüdische Soldaten teilnahmen, wirkten im deutschen Heer Feldrabbiner. Der bekannteste unter ihnen war sicherlich der liberale Gelehrte Leo Baeck.

Diese Tradition lebt wieder auf, wenn am Montag [21.06.2021] Zsolt Balla als erster Militärbundesrabbiner der Bundeswehr in sein Amt eingeführt wird. Balla wurde 1979 in Budapest geboren und hat, obwohl er selbst nicht in der Armee gedient hat, einen Bezug zum Militärischen: Sein Vater war ungarischer Oberleutnant und Kommandant einer Militärbasis nahe Budapest. Seine jüdischen Wurzeln entdeckte Balla aufgrund der sehr säkularen Ausrichtung seiner Familie erst recht spät. Sein Interesse an der Religion wurde aber so groß, dass Balla sich nach einem Abschluss als Wirtschaftsingenieur in Berlin zum orthodoxen Rabbiner ausbilden ließ. Mittlerweile ist der verheiratete Vater von drei Kindern zum Landesrabbiner von Sachsen aufgestiegen. Balla wird dieses Amt weiter behalten und die jüdische Militärgeistlichkeit in der Bundeswehr parallel dazu aufbauen. Auch der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck übt das Amt des katholischen Militärbischofs schließlich nebenamtlich aus.

Die Militärseelsorge zählt zu den klassischen Res mixtae zwischen dem Staat und den Religionsgemeinschaften und weist vor dem Hintergrund der Vereinnahmung der Religion in den beiden Weltkriegen einige Besonderheiten auf: So wird Balla als Militärbundesrabbiner ebenso wie die Militärbischöfe der beiden Kirchen nicht in einem Dienstverhältnis zum Staat stehen. Anders die Militärgeistlichen, die Beamte auf Zeit sind. Die Kosten für die Militärseelsorge trägt der Staat. Die Geistlichen übernehmen im Gegenzug nicht nur die seelsorgerische Betreuung der Angehörigen ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft, sondern erteilen auch den lebenskundlichen Unterricht für alle Soldaten. Balla erkennt darin eine Chance, der Truppe das Judentum zu erklären und damit indirekt auch rechtsextremistischen Tendenzen entgegenzuwirken.

Der jüdischen Militärseelsorge liegt ein Staatsvertrag zugrunde, den Verteidigungsministerin Annegret Kamp-Karrenbauer (CDU) im Jahr 2019 mit dem Zentralrat der Juden geschlossen hat. […] Für die rund 3000 Muslime in der Bundeswehr gibt es bisher noch keine eigenen Geistlichen. Zsolt Balla wirbt dafür, dass sich auch dies in Zukunft ändert.

Reinhard Bingener, "Rabbiner für die Truppe", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Juni 2021 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Quellentext… von Budapest zur Bundeswehr.

Herr Balla, Sie treten am Montag Ihr Amt als erster Militärbundesrabbiner der Bundeswehr an. […] Sie sind einer der ersten orthodoxen Rabbiner, der in Deutschland seit 1938 ausgebildet wurde. Warum haben Sie Ihre Heimat Ungarn verlassen, wo es eine sehr große und aktive jüdische Gemeinde gibt, um nach Deutschland zu kommen?

Es gibt in Budapest eine große Anzahl von jüdischen Menschen, aber die Zahl der in der Gemeinde Engagierten ist relativ klein. 2002, mit Anfang zwanzig, war ich in einer Phase, in der ich meine jüdischen Wurzeln entdeckte. Dann hatte ich eine verrückt klingende Idee – statt in Stockholm zu studieren, bin ich nach Berlin an eine Talmudschule gegangen, eine klassische orthodoxe Yeshiva. Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es hier so ein blühendes jüdisches Leben gibt.

Seit Jahren führen Sie die jüdische Gemeinde in Leipzig. Dort gibt es nur wenige orthodoxe Juden. Erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit!

Ich möchte lieber erzählen, warum ich nach Leipzig kam, ich habe in diese Gemeinde eingeheiratet. Für mich ist es egal, wer orthodox und wer nicht ist, es gibt 1300 jüdische Menschen in Leipzig. Ich bin für jede Person da, die etwas über das Judentum lernen möchte, die jüdische Ethik und Tradition kennenlernen will. Und so sehe ich auch meine Rolle in der Bundeswehr. Entscheidend ist nicht immer die Anzahl, es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität.

[…] Die entscheidende Frage ist: Wie sollen die deutsche Gesellschaft und die Bundeswehr in zehn Jahren aussehen? Es gibt schon jetzt jüdische Soldaten, die Seelsorge brauchen, das ist klar. […] Außerdem bin auch für alle anderen Soldaten da, als Seelsorger. Und, um ihnen das Judentum näherzubringen. […]

In der Bundeswehr gibt es Tausende muslimische Soldaten, für sie gibt es keinen Imam. Empfinden Sie das als ungerecht?

Sie haben völlig Recht: Wir brauchen in der Bundeswehr muslimische Seelsorge. Aber es gibt dabei ein Problem: Wir Juden sind sehr gut organisiert und haben einen gemeinsamen Dachverband, den Zentralrat der Juden. Das ist bei den Muslimen nicht der Fall. Ich hatte vor kurzem ein langes Gespräch mit einem muslimischen Soldaten. […] Ich hoffe, dass unser Rabbinat auch den Weg bereitet für muslimische Seelsorge in der Bundeswehr.

[…] Zuletzt gab es deutsche Militärrabbiner zu Kriegszeiten, im deutsch-französischen Krieg und im ersten Weltkrieg, dazwischen und später nicht. […] Sollte man wirklich an diese Tradition anknüpfen?

[…] Mir geht es darum, dass jüdische Menschen sich für ihre Heimat engagieren können. Im 19. Jahrhundert waren viel mehr Juden in der deutschen Armee, als es ihrem Anteil in der Gesellschaft entsprach. Und schauen Sie in andere Länder: In Frankreich gibt es Militärrabbiner, in den Niederlanden auch. […] Ich möchte, dass die Soldaten gewürdigt werden, die sich jeden Tag dafür einsetzen, dass wir in Ruhe und Frieden leben können. Die Wertschätzung dafür fehlt mir oft in der Gesellschaft. […]

"Antisemitismus isolieren". Zsolt Balla im Interview mit Kersten Augustin und Yossi Bartal in: taz vom 22. Juni 2021

Kulturelle Produktivität

Auch im Bereich der säkularen jüdischen Kultur hat die Vielfalt deutlich zugenommen. Dies ist besonders im Bereich der Literatur zu sehen. Bereits in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war eine neue Generation deutsch-jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller herangewachsen. Barbara Honigmann, Maxim Biller und Esther Dischereit mögen als profilierteste Vertreterinnen bzw. Vertreter dieser neuen deutsch-jüdischen Literatur gelten, die eigens auch jüdische Themen wählt. Dabei sind sich die Autorinnen und Autoren der Tatsache bewusst, dass es – im Gegensatz zur englisch- oder französischsprachigen jüdischen Literatur – in Deutschland weiterhin keine Selbstverständlichkeit ist, über das Jüdische zu schreiben. Vielmehr handelt es sich häufig um eine Zurschaustellung für eine nicht-jüdische Öffentlichkeit, in den Worten Esther Dischereits "eine Art von Prostitution – jüdische Prostitution –, ich weiß, aber die Alternative wäre zu schweigen".

Aus diesen Zwängen heraus entwickelte sich mit zunehmendem Abstand zur Shoah ein Trend, sich ironisierend und provokativ mit dem Umgang des Judentums in der deutschen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Der Film "Alles auf Zucker" des in Berlin lebenden Schweizer Regisseurs Dani Levy wurde mit diesem Rezept zum Kassenerfolg; der Komiker Oliver Polak wurde mit seiner Show namens "Ich darf das, ich bin Jude" bekannt; der Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, Michael Wuliger, verfasste einen "Koscheren Knigge", der verspricht, seine Leserschaft "trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen" zu führen; Wladimir Kaminers "Russendisko" wurde in seinen eigenen Worten aus dem Gerücht heraus geboren, dass "Honecker Juden aus der Sowjetunion auf[nimmt], als eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die DDR sich nie an den deutschen Zahlungen für Israel beteiligte"; Lena Goreliks Roman von 2011 "Lieber Mischa: ... der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude" greift bereits im Titel ironisierend den Umgang mit dem Wort Jude in Deutschland auf.

Die letzten beiden gehören zu den in Russland geborenen und in unterschiedlichem Alter nach Deutschland gekommenen Autorinnen und Autoren, die mit ihrer Literatur im deutschsprachigen Raum Anerkennung erhielten. Zu der jüngeren Generation preisgekrönter russisch-jüdisch-deutscher Autorinnen und Autoren zählen auch Olga Grjasnova, Dmitrij Kapitelman sowie die Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann. Zusammen mit Mirna Funk, Linda Rachel Sabiers, Lana Lux, Dana von Suffrin und anderen haben sie die deutsch-jüdische Literaturszene kräftig aufgemischt. Für besondere Furore sorgte Max Czollek mit seinem Essay "Desintegriert Euch", in dem er die traditionelle Rollenzuschreibung für die Juden im Nachkriegsdeutschland in Frage stellt (mehr hierzu siehe Kapitel Interner Link: "Literarische Auseinandersetzungen").

Politischer Pluralismus

Während jüdische Autorinnen und Autoren in der jungen deutschsprachigen Literatur nicht zu übersehen sind, gibt es in der politischen Landschaft weiterhin kaum prominente jüdische Stimmen. Nach dem Ausscheiden des bisher letzten jüdischen Bundestagsabgeordneten Peter Blachstein im Jahre 1968 gab es keine sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennenden Abgeordneten mehr im Bundestag, sondern nur gelegentlich auf regionaler und lokaler Ebene, wie etwa der amtierende Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann. Vertreterinnen und Vertreter der jüngeren zugewanderten Generation, wie die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, jetzt Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen, Marina Weisband, die anlässlich des Holocaustgedenktags 2021 neben der ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Charlotte Knobloch im Namen der dritten Generation eine beeindruckende Rede im Bundestag hielt, sowie der Abgeordnete der Grünen im Europaparlament Sergey Lagodinsky, der sich auch in der jüdischen Gemeindepolitik in Berlin engagiert hatte. Sie mögen ein stärkeres parteipolitisches Engagement in der Zukunft andeuten, das von einem Engagement für jüdische Belange nicht getrennt werden muss.

Bereits in den 1980er-Jahren hatte sich abgezeichnet, dass es eine zunehmende Politisierung unter den deutschen Jüdinnen und Juden geben würde. Aufzeigen lässt sich diese zum einen anhand des großen Protestes gegen den Kohl-Reagan-Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg sowie einer Besetzung der Bühne aus Protest gegen die geplante Aufführung des als antisemitisch empfundenen Theaterstücks "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder in den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main (mehr dazu siehe auch Interner Link: Jüdische Gegenwart oder deutsche Phantasie?). In beiden Fällen waren es nicht der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Werner Nachmann, und seine Kollegen, von denen die Proteste ausgingen, sondern sie kamen in Bitburg von Seiten der jüdischen Studentenschaft und in Frankfurt von einer breiten Koalition jüdischer Gemeindemitglieder unter Führung ihres Vorsitzenden Ignatz Bubis.

QuellentextJüdische Politisierung gegen Antisemitismus in den 1980er-Jahren

[…] Was den Streit um den Antisemitismus angeht, ist der 31. Oktober 1985 ein zentrales Datum der Stadtgeschichte. An diesem Tag besetzen knapp 30 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, unter ihnen ihr Vorsitzender Ignatz Bubis und der CDU-Stadtverordnete Michel Friedman, die Bühne der Frankfurter Kammerspiele.

Der Protest richtet sich gegen die Uraufführung des Stücks "Der Müll, die Stadt und der Tod" des 1982 verstorbenen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder. Die Besetzer wollen den Theaterabend verhindern, weil das Stück in ihren Augen antisemitische Züge trägt. Es behandelt Häuserkampf und Korruption in Frankfurt. Eine der Hauptfiguren ist ein skrupelloser Immobilienhändler, der im Stück nur "der reiche Jude" genannt wird. Diese Figur erfülle alle antisemitischen Klischees eines "jüdischen Spekulanten", urteilten Kritiker.

Bereits 1984 hatte es Streit um das Stück gegeben, als Ulrich Schwab, Leiter der Alten Oper, es aufführen wollte. Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) und Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) hatten die Inszenierung verhindert. Die Bühnenbesetzer des Schauspiels 1985 setzen sich am Ende durch, der Abend wird abgesagt. Es folgt eine monatelange Diskussion über Stereotype und die Freiheit der Kunst. Ende 1985 wird die Inszenierung ganz gekippt. Der Fassbinder-Streit markiert einen Einschnitt: Ab sofort muss man auch mit selbstbewussten Stimmen aus der Jüdischen Gemeinde rechnen, wenn es um Antisemitismus geht. […]

Ein zweiter Frankfurter Antisemitismusstreit entzündet sich 13 Jahre später. Am 11. Oktober 1998 bekommt der Schriftsteller Martin Walser in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In seiner Dankesrede bekennt Walser, dass er ein Problem mit der zeitgenössischen Thematisierung des Holocaust hat: "Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt." Er befürchte, so Walser, eine "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken". Auschwitz dürfe nicht zur leeren "Moralkeule" verkommen.

Walsers Rede fällt in eine Zeit, in der viel über Erinnerungskultur gesprochen wird und sich die Stimmen mehren, die einen entspannteren Umgang mit der deutschen Geschichte fordern. Die Rede wird vom Frankfurter Publikum mit stehendem Applaus aufgenommen. Ignatz Bubis und seine Frau Ida bleiben dagegen so demonstrativ wie einsam sitzen. Nach der Rede wirft Bubis Walser "geistige Brandstiftung" vor – und den Wunsch, die deutsche Geschichte zu verdrängen. Wieder entbrennt eine bundesweite Debatte, diesmal über den Platz des Erinnerns an Auschwitz im wiedervereinigten Deutschland. Am Ende sprechen Walser und Bubis zwar miteinander, versöhnen sich aber nicht. Und wieder einmal bleibt der Eindruck, dass jüdische Perspektiven wenig zählen, wenn über deutsche Normalität gesprochen wird. Erst lange nach Bubis’ Tod, im Jahr 2015, bezeichnet Walser seine Rede in der gehaltenen Form als Fehler. […]

Hanning Voigts, "Neuer alter Hass", in: Frankfurter Rundschau Geschichte "Jüdisches Leben in Frankfurt", Frankfurt/M. 2019, S. 46 f.

Zunehmende Öffnung nach außen

Nach dem Tod Werner Nachmanns und der Entdeckung, dass er als Zentralratsvorsitzender Wiedergutmachungsgelder veruntreut hatte, gelang es dem neuen Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski zunächst, wieder innere Ordnung in den Zentralrat zu bringen. Es war jedoch Galinskis Nachfolger Ignatz Bubis, der eine neue Ära jüdischer Politik in Deutschland einleitete. Wie keiner seiner Amtsvorgänger zuvor stand er im Rampenlicht der Medien. Er war in zahlreichen Talkshows zu sehen, engagierte sich politisch, als es zu Beginn der 1990er-Jahre zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Ostdeutschland kam, und erzählte über sein eigenes Überleben während des Holocaust in zahlreichen Schulbesuchen. Vor ihm hatte kein jüdischer Vertreter in Deutschland eine solche große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten. Er wurde sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen, lehnte dies allerdings ab. Dies war gewiss eine erstaunliche Entwicklung für jemanden, der ein halbes Jahrhundert vorher in einem KZ inhaftiert gewesen und lange Zeit als Immobilienhändler Zielscheibe der extremen Linken war. Unter Bubis wurde das Amt des Vorsitzenden des Zentralrats, das nun in Präsident umbenannt wurde, bekannter als jemals zuvor.

Bubis’ Prominenz in der Öffentlichkeit hatte nicht nur mit seiner erfrischenden Offenheit zu tun, sondern auch mit dem wachsenden Interesse einer jüngeren Generation an der jüdischen Geschichte und Kultur. Zunächst betraf dieses Interesse vor allem die Geschehnisse der Vernichtung selbst, später erweiterte es sich auf das Interesse an dem, was vernichtet wurde. In zahlreichen Filmen und Bühnenstücken wurde der Völkermord an den Juden thematisiert bzw. in übersetzter Form in Deutschland präsentiert. Nach einer jahrelangen Debatte wurde in Berlin im Jahre 2005 das zentral platzierte monumentale Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht. Doch das Interesse galt nun nicht mehr nur dem jüdischen Sterben, sondern auch dem jüdischen Leben.

Neben dem Holocaust-Mahnmal präsentiert das 2001 eröffnete Jüdische Museum in Berlin die über 1000-jährige Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. Die wiederaufgerichtete Vorderfront der ehemaligen Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße beherbergt mit dem Centrum Judaicum weitere Ausstellungsräume sowie ein Archiv zur jüdischen Geschichte. Aber auch an anderen Orten rückten neben dem Holocaustgedenken die aktuelle jüdische Kultur und das erneuerte jüdische Leben in den Mittelpunkt. Dabei ist nicht immer klar, zu welchen Teilen diese öffentlich sichtbare jüdische Kultur von der jüdischen Gemeinschaft getragen wird. Es scheint eher, dass die meisten der zahlreichen jüdischen Kulturtage, Wochen der Klezmermusik und Ausstellungen zu einem überwiegenden Teil von der nicht-jüdischen Gesellschaft initiiert und konsumiert werden.

QuellentextMeet a Jew

Wenn Sami Wedde Schulklassen besucht, hört er jedes Mal andere Fragen. "Nur eine kommt wirklich immer: ob ich koscher esse und wie das so ist. Dann erzähle ich, dass ich Döner nie mit Soße bestelle." Denn nach den jüdischen Speisevorschriften dürfen Fleisch- und Milchprodukte nicht zusammen gegessen werden. Der 19-jährige Student aus Mannheim engagiert sich im Begegnungsprojekt "Meet a Jew" des Zentralrats der Juden. Seit vier Jahren berichtet er in Schulen von seinem jüdischen Alltag zu Hause und in der Gemeinde. Obwohl bei den Begegnungen immer auch Wissensfragen zu beantworten sind, zum Beispiel zu jüdischen Feiertagen oder rituellen Gegenständen, steht der persönliche Austausch im Vordergrund. "Judentum wird oft nur über die Themen Antisemitismus, Holocaust oder israelische Politik wahrgenommen", sagt der Geschäftsführer des Zentralrats, Daniel Botmann. "Wir wollen Gelegenheit dazu geben, Jüdinnen und Juden in einem positiven Kontext als normale Menschen kennenzulernen. Das jüdische Leben in Deutschland ist genauso bunt und vielfältig wie der Rest der Gesellschaft."

Sami Wedde etwa hält sich zwar an Speisevorschriften und feiert sehr gern Pessach. "Und der Freitagabend steht bei mir dick im Kalender, da esse ich mit meiner Familie zusammen. Aber den Schabbat halte ich gar nicht ein." Dann spielt nämlich seine Football-Mannschaft. Andere Freiwillige wie die Osnabrücker Gymnasiastin Karoline Becker, ebenfalls 19 Jahre alt, befolgen religiöse Vorschriften strenger. "Ich esse koscher, bete jeden Morgen und trage Kleider, die Knie und Ellbogen bedecken", erzählt sie. "Am Schabbat ist mein Handy aus, ich schaue dann auch keine Serien, sondern lese und verbringe Zeit mit meiner Familie. Wenn ich am Samstagabend das Handy wieder anschalte, habe ich meistens nicht viel verpasst!" Man könne auch religiös sein, ohne sich an Vorschriften zu halten, meint Karoline Becker. Sie ist schon öfter gemeinsam mit einem Jugendlichen aus dem liberalen Judentum in Schulen gegangen. "Antworten aus zwei Perspektiven sind für die Klassen besonders interessant. Die meisten wissen ja nur sehr wenig über das jüdische Alltagsleben. Wie auch, es gibt ja meistens keine jüdischen Personen in ihrer direkten Umgebung!"

Das durch das Bundesprogramm "Demokratie leben!" geförderte […] [P]rojekt "Meet a Jew" hat zum Ziel, das Angebot weiter auszubauen. Während in den vergangenen Jahren vor allem Schulen, aber auch Kirchenkreise, muslimische Gruppen oder Volkshochschulkurse besucht wurden, sind nun Sportvereine und Hochschulen neue Schwerpunkte. Die Zahl der Freiwilligen ist auf mehr als 300 überwiegend junge Leute gestiegen. "Das Projekt ist im Januar und Februar mit jeweils mehr als 50 Begegnungen stark gestartet, dann hat uns Corona ausgebremst", sagt Daniel Botmann. Zwar wurde ein Onlineformat entwickelt, die Zahl der virtuellen Treffen blieb aber bisher überschaubar, zudem könnten sie die physische Begegnung nicht ersetzen: "Wenn man sich direkt in die Augen schaut, kommt man anders ins Gespräch." Bei Online-Treffen fehlen auch die Objekte zum Anfassen, die die Freiwilligen sonst mitbringen: einen Leuchter, eine Kippa, eine Purim-Rassel oder – besonders beliebt – koschere Gummibärchen. Letztere werden mit Fisch- statt mit Schweinegelatine produziert.

Die meisten Freiwilligen werden in den Jugendzentren der jüdischen Gemeinden oder durch Freunde angeworben. In Wochenendseminaren werden sie auf die Treffen vorbereitet: Sie reflektieren, was Jüdischsein für sie selbst bedeutet, erwerben Basiswissen überjüdische Geschichte, Tradition und Kultur und üben das selbstbewusste Auftreten vor Gruppen. Auch Konfliktmanagement ist ein Thema, insbesondere der Umgang mit verletzenden Fragen. "Ich wurde bisher immer sehr freundlich und offen empfangen", sagt Karolina Becker. Auch Sami Wedde hat kaum unangenehme Erfahrungen gemacht. "Einmal hat eine Schülerin den Nahostkonflikt angesprochen. Dazu habe ich gesagt: Ich kenne mich damit nicht aus, ich lebe schon immer in Deutschland und kann das auch nicht lösen. Das hat sie so akzeptiert." Öfter kommt es vor, dass Sami Wedde von Schülern gefragt wird, ob er selbst schon Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht hat. "Zum Glück fast gar nicht", sagt er. "In meiner Football-Mannschaft hat mal bei einem das Handy nicht richtig funktioniert und er hat in die Whatsapp-Gruppe geschrieben: ‚Judenhandy‘. Ich habe dann geschrieben, dass ich jüdisch bin. Danach hat er so was nicht mehr gemacht." Der Umgang mit dem Thema Antisemitismus ist für die jungen Freiwilligen ein Spagat: Einerseits werden sie bei den Begegnungen darauf angesprochen, andererseits wollen sie keinesfalls darauf reduziert werden. Schließlich ist auch ihr Jüdischsein nur eine von vielen Facetten ihrer Identität.

Das Projekt will aber natürlich auch dazu beitragen, schon die Entstehung antisemitischer Vorurteile zu verhindern. Doch selbst wenn "Meet a Jew" im kommenden Jahr wie geplant ausgebaut werden kann, bleibt die Reichweite begrenzt. Daher fordert Daniel Botmann, das Thema gesellschaftliche Vielfalt stärker in die Lehrerausbildung zu integrieren: "Wir sind eine Minderheit und können nicht alle Menschen erreichen. Daher kann unser Projekt nur ein Baustein von vielen sein."

Miriam Hoffmeyer, "Koschere Gummibärchen", in: Süddeutsche Zeitung vom 11. November 2020

Antisemitismus und rechtsextreme Positionen

Neben der positiven Resonanz, die eine sichtbarer gewordene jüdische Kultur in der deutschen Gesellschaft auslöste, gab es aber auch immer wieder zahlreiche Debatten, die die Kluft zwischen den kollektiven Erinnerungen von Juden und Nichtjuden aufdeckten sowie den gesellschaftlich tabuisierten, aber oftmals verdeckt weiterbestehenden Antisemitismus offenlegten. Erwähnt seien hier nur die erhitzte Debatte zu den Verbrechen der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs, die Ausführungen zum Begriff "Auschwitzkeule" in der Rede Martin Walsers nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche sowie der Streit um den Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS erst 2006 offenbarte. Sein israelkritisches Gedicht "Was gesagt werden muss" (2012) sowie seine Verunglimpfung des Kritikers und Überlebenden des Warschauer Ghettos, Marcel Reich-Ranicki, ließen Antisemitismusvorwürfe aufkommen. Genauso wie im Streit um Rainer Werner Fassbinder war die Öffentlichkeit in der Frage, was als antisemitisch zu gelten habe, auch im Falle von Walser und Grass gespalten.

Unbestreitbar dagegen war das Aufleben rechtsextremer Positionen, die sich in Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus nach der Wiedervereinigung zunächst im Osten Deutschlands, dann aber auch im Westen manifestierten. Als Beispiel dafür seien die gewalttätigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda genannt, die auch in der jüdischen Gemeinde in Deutschland als Alarmzeichen gewertet wurden. Der Zentralratspräsident Ignatz Bubis, der sich offen gegen Walsers Phrase von der "Auschwitzkeule" wehrte und der in Rostock gegen die Rechtsextremen auf die Straße ging, verstarb 1999 verbittert im Amt. Kurz vorher äußerte er den Wunsch, in Israel begraben zu werden, da er fürchtete, in Deutschland würde sein Grab wie das seines Vorgängers Heinz Galinski zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe werden. In seinem letzten großen Interview sagte er dem STERN: "Nichts oder fast nichts" habe er bewirken können, Deutsche und Juden seien einander fremd geblieben.

Antisemitismus im neuen Jahrtausend

Karikatur (© Heiko Sakurai)

Noch wurde diese von Bubis wahrgenommene bedrohliche Entwicklung von der erfreulichen Belebung des jüdischen Gemeindelebens überlagert. Die Einweihung neuer Synagogen und die weiterhin ansteigenden Zahlen an Zuwanderinnen und Zuwanderern ließen die deutsch-jüdische Gemeinschaft hoffnungsfroh in das neue Jahrtausend blicken. Doch sehr bald wurde klar, dass das Anwachsen rechtsextremer Einstellungen mit dem Verüben antisemitischer Taten einherging. 1994 bereits erfolgte ein Anschlag auf die Synagoge in Lübeck, 2000 wurde ein Molotowcocktail auf die Synagoge in Düsseldorf geworfen und ein randalierender Mob zerstörte die Fensterscheiben der Synagoge in Essen. Dabei war nicht immer klar, von wem die Angriffe ausgingen. Neben den Rechtsextremen sind die potenziellen Täter auch im Umfeld der linksextremen und islamistischen Israelhasser zu finden. Als 2003 die Grundsteinlegung des neuen jüdischen Gemeindezentrums in München stattfand, konnte ein geplanter Anschlag erst kurz vorher abgewendet werden. Sechzehn Jahre später verhinderte die starke Holztüre einen schwer bewaffneten Rechtsextremen daran, während des höchsten jüdischen Feiertages, Jom Kippur, in die Synagoge von Halle einzudringen. Daraufhin erschoss der Täter zwei Personen in unmittelbarer Nähe.

Diese Angriffe auf Synagogen zeigen nur die extreme Ausprägung des radikalen Judenhasses, der in seiner alltäglichen Form zahlreiche andere Gestalten annehmen kann. Dazu gehören der Gebrauch des Ausdrucks "Jude" als Schimpfwort auf Schulhöfen, das Grölen antijüdischer Parolen in Fußballstadien sowie antisemitische Witze in Stammtischrunden. Für Menschen, die durch das Tragen einer Kippa oder eines Davidsterns vermeintlich als Jüdinnen und Juden kenntlich gemacht sind, stellt die Identifikation mit diesen Symbolen jüdischen Glaubens eine handfeste Gefahr dar. Überfälle auf für jüdisch gehaltene Personen nahmen im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts so stark zu, dass selbst der amtierende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, davor warnen musste, in manchen Gegenden als eindeutig jüdisch identifizierbar auf die Straße zu gehen. Die Herausbildung von Verschwörungstheorien im Zuge der Coronavirus-Pandemie hat antijüdische Stereotype wiederaufleben lassen. Gleichzeitig stellen sich manche Personen, die Corona leugnen, als vermeintliche Opfer einer heutigen Diktatur dar, indem sie sich in provokativer Art und Weise mit dem gelben Judenstern "schmücken".

Reaktionen der Politik

Der zunehmende Antisemitismus hat auch die Politik auf den Plan gerufen. So gibt es mittlerweile in der Bundesregierung und in den meisten Bundesländern Antisemitismusbeauftragte, die sich direkt mit dieser Herausforderung auseinandersetzen und sich auch der Förderung des jüdischen Lebens angenommen haben. So positiv diese politische Reaktion bewertet werden kann, so traurig ist doch die Tatsache, dass es solcher Einrichtungen in Deutschland des 21. Jahrhunderts überhaupt bedarf.

In der parteipolitischen Landschaft ist durch den Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag so wie die Länderparlamente ein als breit akzeptierter gesellschaftlicher Grundsatz in Frage gestellt worden. Die kontinuierliche Verharmlosung der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg durch führende Vertreterinnen und Vertreter dieser Partei sowie ihre ausländerfeindlichen Prinzipien stellen das erinnerungspolitische Fundament in Frage, das sich nach langem Ringen in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1980er-Jahren durchgesetzt hatte und Voraussetzung für den Bestand jüdischen Lebens bildet.

"Israelkritik" von links

Das politische Dilemma der deutschen Jüdinnen und Juden wird erst in seiner ganzen Bandbreite verständlich, wenn die israelkritischen Positionen einbezogen werden, die sich im linken politischen Lager verbreitet haben. Die meisten deutschen Jüdinnen und Juden fühlen sich in der einen oder anderen Weise mit Israel verbunden, auch wenn sie, wie die Israelis selbst, unterschiedliche Meinungen über die jeweilige israelische Regierung hegen. Anti-israelische Karikaturen in der deutschen Presse, der Aufruf zum Boykott israelischer Produkte sowie das Verbrennen von Israelfahnen auf deutschen Straßen haben auch innerhalb der jüdischen Gemeinden große Besorgnis erregt. Oftmals unterscheiden die Angriffe nicht zwischen dem israelischen Staat und einer Israelitischen Kultusgemeinde.

So bewegt sich der Alltag jüdischer Deutscher im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zwischen einer Renaissance jüdischen Lebens einerseits und einer spürbar zunehmenden Bedrohung andererseits. Aufgrund ihrer Überalterung sowie von Gemeindeaustritten sinkt die Zahl jüdischer Gemeindemitglieder wieder. Im Jahre 2019 war sie von ihrem Höchststand von 108.000 im Jahre 2006 auf weniger als 95.000 geschrumpft. Ob diese Gemeinschaft weiter abnehmen wird, weil zu dem natürlichen Bevölkerungsrückgang auch eine steigende Auswanderung kommen könnte oder ob sie sich stabilisieren wird, ist heute nicht absehbar. Dies wird weniger von der jüdischen Gemeinschaft abhängen als von der politischen und gesellschaftlichen Richtung, in die sich Deutschland und Europa bewegen werden

Prof. Dr. Michael Brenner ist Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der LMU München sowie Direktor des Zentrums für Israel-Studien an der American University in Washington, DC. Prof. Brenner hat weitläufig auf dem Gebiet der modernen jüdischen Geschichte publiziert mit einem besonderen Schwerpunkt auf der deutsch-jüdischen Geschichte, so in den Veröffentlichungen "Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945–1950" sowie der "Geschichte der Juden in Deutschland. Von 1945 bis zur Gegenwart".