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Wendekinder in den ostdeutschen Landtagen

Christian Nestler

/ 15 Minuten zu lesen

Nach und nach nimmt die Generation der Wendekinder ihren Platz in den Parlamenten der neuen Bundesländer ein. Auch wenn ihr Anteil regional unterschiedlich hoch ist, ist ihr politisches Engagement aufgrund ihrer Sozialisation in zwei verschiedenen politischen Systemen eine Chance für das Zusammenwachsen der "alten" Bundesrepublik und der ehemaligen DDR.

Debatte im Plenarsaal des Sächsischen Landtags im November 2016 (© dpa-Zentralbild/dpa, Foto: Arno Burgi)

Als "Wendekinder" werden die letzten noch teilweise in der DDR sozialisierten Geburtenjahrgänge bezeichnet (etwa 1973 bis 1984). Sie wuchsen seit 1990 unter dem Einfluss des wiedervereinigten Deutschlands auf und durften frühestens seit Mitte der 1990er Jahre wählen. Durch diese ambivalenten Einflüsse sind sie in ihren Einstellungen und ihrem Verhalten, mit Blick auf das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten, ein interessantes Untersuchungsobjekt für Fragen der Vergangenheitsaufarbeitung, der Ausprägung von Verhaltensweisen und der Entwicklung von politischen Präferenzen. Dabei ist direkt festzustellen, dass die Gruppe in Teilen durch Selbst- aber auch Fremdzuschreibungen als Generation wahrgenommen wird.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit Wendekinder inzwischen schon als Abgeordnete, also Funktionselite, in den ostdeutschen Landesparlamenten zu finden sind und wie sich ihre Zahl bei den Wahlen seit der Wiedervereinigung entwickelt hat. Dabei werden einige Besonderheiten der Volksvertretungen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen herausgestellt, und es wird auf das Konzept der Generation als Ordnungseinheit in der Wissenschaft eingegangen. Letztlich steht die Frage im Raum, inwieweit die Persönlichkeitsentwicklung der Wendekinder aus der doppelten Sozialisation heraus ein Mehrwert für Politik und Gesellschaft darstellen kann.

Mauerfall, Wahlen und Abgeordnetengenerationen

Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und dem „Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes zu dessen Geltungsbereich“ wurde 1990 ein beispielloser Eliten-, Institutionen- und Ressourcentransfer angestoßen, der bis in die Gegenwart die Gemüter beiderseits der ehemaligen Grenze bewegt. Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat, war hierbei wahrscheinlich die auffälligste Veränderung und unter anderem eine direkte Reaktion der Regierung Kohl auf die "Abstimmung mit den Füßen" durch die Ostdeutschen und deren Forderung: "Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr!"

Für viele Einwohnerinnen und Einwohner der DDR war mit dem Prozess der Wiedervereinigung aber auch eine Migrationserfahrung verbunden: Ohne dass sie sich räumlich-geografisch bewegten, materialisierte sich um sie herum ein neuer Staat. Exemplarisch hierfür ist die Auflösung der Bezirke und die (Wieder-)Einführung der Länder nach dem Beschluss der Volkskammer vom 22. Juli 1990, und damit einhergehend eine große Zahl von Wahlakten zur Neuordnung der Legislative und Exekutive der entstandenen Gebietskörperschaften. Außer der richtungsweisenden Wahl am 18. März zur letzten – der ersten freien – Volkskammer der DDR und der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl vom 2. Dezember 1990, fanden Kommunal- und Gemeindewahlen sowie noch fünf Landtagswahlen am 14. Oktober statt.

Seitdem ist über ein Vierteljahrhundert vergangen, und die ostdeutschen Landesparlamente haben inzwischen alle ihre sechste Legislaturperiode beendet. Von Anfang an waren dabei in der DDR sozialisierte Abgeordnete in der deutlichen Mehrheit. Etwas anders sieht es aus, wenn man die Regierungen betrachtet. Hier wurden, im Zuge des Elitentransfers, die administrative Seite, also Staatssekretäre, Abteilungs- und Referatsleiter sowie die Ministerriegen zu einem nennenswerten Teil durch Personal aus den westlichen Bundesländern gestellt. Von den damaligen Abgeordneten sind gegenwärtig nur noch wenige aktiv, aber insgesamt finden sich seit dieser ersten Kohorte Kontinuitäten in der Zusammensetzung der Landtage. So fand die Rekrutierung für die Landeslisten größtenteils mit "verwurzelten" Personen statt, die mehr als zehn Jahre in einem Bundesland lebten, oder dort geboren waren. Der Bildungsgrad war mit über 75 Prozent (Fach-)Hochschulabschlüssen ausgesprochen hoch.

Es stellt sich, vor dem Hintergrund von in der Bundesrepublik vorhandenen, unterschiedlichen regionalen politischen Kulturen, die Frage, inwieweit sich die ostdeutschen Landesparlamente eine spezifische Parlamentarierschaft erhalten haben, beziehungsweise welche Generation von in der DDR sozialisierten Personen gegenwärtig dominant vertreten ist. Für diese Untersuchung war die These forschungsleitend, dass gerade die sogenannten Wendekinder – etwa von Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre in der ehemaligen DDR Geborene – in diese Rolle hineindrängen, dabei durch ihre Biografie möglicherweise ein einmaliges Verhaltensweisen-Portfolio mitbringen und sich gleichzeitig ihre Eigenheiten wie regionale Spezifika erhalten.

Generationen der DDR und ihre Rolle im wiedervereinigten Deutschland

Die Einteilung von Bevölkerung nach Jahrgängen in bestimmte Generationen ist eine Vereinfachung der Wirklichkeit. Die Ordnungseinheit "Generation" wird bei der Betrachtung von Geschichte nicht nur in Deutschland häufig herangezogen, um Zäsuren unter anderem im 20. Jahrhundert zu analysieren. Die jüngere Forschung hat im Sinne einer umfassenden Dekonstruktion aber gezeigt, dass Generationen Ex-post-Erzählungen sind, die eine Art Stil beinhalten und in Deutungs- und Machtkämpfen in der Gesellschaft instrumentalisiert werden. Allerdings ermöglicht dieser Schritt, sozioökonomische, kulturelle und politische Einflüsse abzugrenzen und somit auftretende gesamtgesellschaftliche Dynamiken – beispielsweise die Friedliche Revolution von 1989 – personenbezogen und in der Ableitung hiervon für die Gesellschaft zu beschreiben.

Exemplarisch dafür sind die Generationen der ehemaligen DDR, von denen sich, je nach Zählung, vier bis fünf ausmachen lassen:

  • Aufbau-Generation (1925/30–1935/40)

  • funktionierende Generation (1935–1948)

  • integrierte Generation (1945/48–1959/61)

  • distanzierte/entgrenzte Generation (ca. 1960–1972/75)

  • Generation der Unberatenen/Wendekinder (1973/75–1984/85)

Unabhängig von der Bezeichnung ist die distanzierte beziehungsweise entgrenzte Generation diejenige, welche die Umwälzungen 1989 angeschoben hat.

Welche Rolle die Bevölkerung der DDR im wiedervereinigten Deutschland eingenommen hat, ist eine viel diskutierte Frage. Denn aus dem Enthusiasmus der Stasizentralenbesetzer, Bürgerbewegten und Demonstrierenden wäre eine sehr aktive Gestaltung des gemeinsamen Deutschlands ableitbar gewesen. Diese Dynamik wurde durch die Art und die Folgen des Einigungsprozesses jedoch ausgebremst, wenngleich dieser im Endergebnis als Erfolg zu bezeichnen ist. So zeigen die Berichte zum Stand der Einheit bei allen Defiziten auch das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten. Belegt ist außerdem, dass die Resteliten der DDR bei der Gestaltung der Einheit keine Rolle gespielt haben. Die ehemalige Spitze der Nomenklaturpyramide war delegitimiert und wurde zum Teil strafrechtlich verfolgt, einige Funktionäre der mittleren und unteren Ebene kamen in den ostdeutschen Bundesländern aber wieder in Funktionen.

Diese Zeitenwende, mit ihren Brüchen aber auch Kontinuitäten, ist beispielhaft in den biografischen Angaben der Datenhandbücher der Landtage nachzuvollziehen, nicht nur für die Abgeordneten der SED-Nachfolgepartei, sondern für praktisch alle Parlamentarier: Parteikarriere und Landtagsmandate als opportune – vielleicht alternativlose – Neuausrichtung des eigenen Lebens.

Im Zuge des Endes der sechsten Legislaturperiode in den ostdeutschen Ländern, zwischen 2014 und 2016, wird ein altersbedingter Generationenwechsel wahrscheinlicher. Dabei kommt die als Wendekinder bezeichnete Generation sukzessive in Verantwortung, wird Teil der Funktionselite. Für die Landtage und die politische Kultur kann damit ein neues Kapitel im Umgang mit der Vergangenheit beginnen.

Die Wendekinder als letzte DDR-Generation

Die letzte DDR-Generation weist in der Forschung die Besonderheit auf, dass sie für die Geschichte der DDR und damit ebenfalls deren Erforschung keine Rolle mehr spielt. Für die Zeit um 1990 wird sie zumeist nicht im Einzelnen betrachtet. Doch hat gerade sie die Sozialisierung in zwei politischen Systemen vorzuweisen. Erst seit 2013 ist sie Objekt einer gezielten Erforschung ihrer Geschichte, Verhaltensweisen, dominanten Typen und Vergemeinschaftungsformen.

Das erste Ergebnis ist die Einsicht in ihre Diversität. Darüber hinaus zeichnet sich ein gesellschaftlicher Aktivitätsgrad ab, der sie von der Generation ihrer Eltern unterscheidet. Damit können sie eine triangulierende Position, eine Vermittlerrolle zwischen der „alten“ Bundesrepublik und den älteren Ostdeutschen einnehmen.

Konkret gilt es, für die Generation der Wendekinder zu prüfen:

  • Welche Rolle spielten die Eltern im alten System?

  • Wie hat sich die doppelte Sozialisation auf ihre Persönlichkeitsentwicklung ausgewirkt?

  • Was war die Motivation der heutigen Abgeordneten, sich politisch zu engagieren?

  • Wie verläuft ihre Arbeit in den Parlamenten und wie werden sie wahrgenommen?

Diese Fragen sind in einem qualitativen Forschungsdesign für eine kleine Fallgruppe bereits 2014 erhoben worden. Dabei ist festzustellen, dass die "Wende", je nach Familienumfeld und Alter der Befragten, in ihrer Bedeutung für die Befragten variiert. Es zeichnet sich aber ab, dass bei der vorliegenden Fallgruppe die Prägekraft stark durch die Situation in der Schule, die Region des Aufwachsens und die Umstände nach der Wende beeinflusst wird. So lässt sich nach der Befragung grob eine Zweiteilung der Gruppen vornehmen:
Diejenigen, die den Bruch sehr bewusst wahrnehmen, weil sie, durch die veränderte Rolle von – unter anderem – der Staatsbürgerkunde-Lehrerinnen und -Lehrern, darauf gestoßen werden und dann in der Auseinandersetzung mit den Eltern und einem Ereignis, welches die Richtung im politischen Spektrum befördert, eine Politisierung erleben. Auseinandersetzung mit den Eltern ist dabei nicht konfliktiv gemeint und läuft eher entlang der Line: "Kind, du kannst dich engagieren, den Weg über Parteien teilen wir nicht, aber Hauptsache du machst etwas." Die zweite Gruppe war zu jung, um den Systemwechsel reflexiv und selbstständig im Alltag zu erleben. Das heißt nicht, dass es keine Veränderungen gab. Vielmehr wurden diese eher hingenommen und über die Alltagsentscheidungen der Eltern erfahren. Hier ermöglichen die neue Offenheit – die jetzt vorhandenen demokratischen Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten – eine Aktivität, die im alten System unterdrückt oder zumindest eingehegt worden wäre. Die Wende ist also als Katalysator für eine natürliche Politisierung zu interpretieren.

Insgesamt zeichnen sich zwei Haupteinflüsse für alle Abgeordneten ab: Erstens die eigene Familie und zweitens die durch diese gefilterten politischen Ereignisse. Letztere spielten bei den Älteren eine größere Rolle. Bei ihnen wird häufig die "alte" Systemerfahrung auch als Motivator für das eigene politische Engagement benannt.

Wendekinder in den ostdeutschen Landtagen: eine Bestandsaufnahme

Von 1990 bis zu den Landtagswahlen im Jahr 2014 (siehe Tabelle), gab es insgesamt 138 Mitglieder in den Landtagen, die ihrem Geburtsdatum nach als Wendekinder bezeichnet werden können. In dieser Gruppe sind 46 Frauen vertreten, ihr Anteil beträgt also genau ein Drittel. Betrachtet man die einzelnen Länder, fällt auf, dass die Anzahl der Wendekinder von Land zu Land stark schwankt. Der Trend ist seit 1990 jedoch überall klar ansteigend. Die Breite der Varianz beispielsweise zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen ist dabei groß. So liegt im sächsischen Landtag der Anteil der Wendekinder inzwischen über 35 Prozent, während es im Magdeburger Landtag in der sechsten Legislaturperiode gerade einmal rund 14 Prozent waren.

Tabelle: Entwicklung des Anteils der Wendekinder unter den Abgeordneten seit 1990 bis zur 6. Legislaturperiode
* Die Summe entspricht der Addition aller Sitze für die sechste Legislaturperiode.
** Gesamtzahl inklusive "West"-Wendekinder. (© Koschkar, Lettrari und Nestler, Grüne Wendekinder (Anm. 2))

Nicht überraschend ist, dass es erst seit 2002 eine nennenswerte Anzahl an Wendekindern in die Landtage geschafft hat. Bei einem maximalen Alter von 17 Jahren 1990 und bei einer "normalen" Politisierung und Parteikarriere, wären 25–30 Jahre immer noch ein junges Eintrittsalter. Das erklärt, dass vor der Jahrtausendwende lediglich zwei Wendekinder in ostdeutschen Landesparlamenten saßen.

Im Verhältnis der Generationen der ehemaligen DDR zueinander ergibt sich ein sehr ähnliches Bild, welches sich aber im Detail unterscheidet. Die beiden Länder Brandenburg und Sachsen eignen sich für eine genauere Betrachtung besonders gut, weil in dem einen das linke (SPD/PDS-Linkspartei) und dem anderen das bürgerlich-konservative (CDU) Lager seit 1990 dominant ist. Es gab also keine übermäßigen Schwankungen (in den Mandatszahlen) für die jeweiligen Parteien seit der ersten Landtagswahl. Auf dieser Basis konnte eine gezielte Rekrutierungsarbeit und damit Listenbesetzung durchgeführt werden. In beiden Fällen ist die funktionierende Generation 1990 mit über 50 Prozent in der Mehrheit. Altersbedingt sinkt dieser Anteil, wie auch der der wenigen zwischen 1925 und 1935 geborenen Angehörigen der Aufbau-Generation, schrittweise ab.

Grafik 1: Abgeordnetenentwicklung nach Generationen in Brandenburg (© Koschkar, Lettrari und Nestler, Grüne Wendekinder (Anm. 2))

Die integrierte Generation ist von Anfang an mit etwa 20 Prozent vertreten. Interessant ist, dass deren Anteil zwar wächst, aber nach der Legislaturperiode 1990 bisher keine Gruppe mehr die absolute Mehrheit erreicht hat. Mit der entgrenzten- und der Wendekinder-Generation kommt im wahrsten Sinne der Nachwuchs in der zweiten Hälfte der Graphen dazu.

Grafik 2: Abgeordnetenentwicklung nach Generationen in Sachsen (© Koschkar, Lettrari und Nestler, Grüne Wendekinder (Anm. 2))

Die nach 1984/85 Geborenen stellen bisher noch keinen größeren Anteil der Landtagsabgeordneten. Allerdings wird bei den nächsten Wahlen 2019 und 2021 zu beobachten sein, ob die Beteiligung von Wendekindern in den Legislativen der Bundesländer ihren Höhepunkt bereits erreicht hat und ob die Verteilung im Ländervergleich so disparat bleibt.

Wendekinder sind in der quantitativen Betrachtung also zunächst Teil einer natürlichen oder normalen Entwicklung. Mit Blick auf die eingangs gestellte Frage kann gesagt werden, dass Wendekinder in der Generationenfolge sukzessive ihren Platz in den Parlamenten einnehmen. Dabei ist der Unterschied zwischen den ostdeutschen Ländern zum Teil sehr groß. Allerdings haben sich nach den Landtagswahlen von 2016 in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, deren Parlamente am Ende der sechsten Legislaturperiode die hinteren Plätze belegten, bereits Veränderungen ergeben. Im Magdeburger Landtag sitzen seitdem 26,44 Prozent Wendekinder und im Schweriner Schloss 21,13 Prozent. Ersteres ist ein Anstieg, der – im Vergleich zu den anderen Ländern – zu erwarten war. Im nordöstlichen Bundesland ist die Entwicklung (kaum zwei Prozentpunkte) eher unterdurchschnittlich. Die Veränderung des Parteienwettbewerbs durch die Alternative für Deutschland (AfD) kann hierfür eine Ursache sein. Diese rekrutiert in einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche Abgeordnete für ihre Listen. Wie ihre Wählerschaft, ist auch die Zusammensetzung der Partei im Werden.

Wendekinder als neue Funktionselite: Regionale Spezifika bleiben in der Politik erhalten

Anhand der Auswertung der Datenhandbücher der Landtage lässt sich bestätigen, dass die Landesparlamente sich ihre regionale, zumindest ostdeutsche, "Belegschaft" erhalten haben. In Hinsicht auf den Umgang mit der Geschichte der DDR ist dies nicht hoch genug zu bewerten, denn 1990 wäre auch eine "Verwestlichung" der regionalen Funktionselite – wie sie auf der Regierungsebene stattgefunden hat und zum Teil noch anhält – denkbar gewesen. Es kann jedoch festgestellt werden, dass die Nachgeborenen, also von beiden politischen Systemen beeinflussten Generationen, sich die regionalen Spezifika (Verwurzelung, Bildungsgrad) in der Politik erhalten. Der Grad der Aktivierungsfähigkeit für den Nachwuchs, zumindest für die Landesebene, steht in Betrachtung der Zahlen zunächst nicht in Frage.

Abschließend bleibt zu sagen, dass der demografische Wandel und der damit verbundene zwangsläufige Generationenwechsel auch in den parlamentarischen Funktionseliten als Chance für das weitere Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten zu verstehen ist. Hier wird in den ostdeutschen Landtagen das politische Personal unter anderem für den Bundestag und die Bundesregierung ausgebildet. Die Beispiele Manuela Schwesig (SPD, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Benjamin-Immanuel Hoff (Die LINKE, Chef der Staatskanzlei und Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten in Thüringen), Anja Siegesmund (Bündnis 90/Die Grünen, Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz in Thüringen), Mathias Brodkorb (SPD, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern bis 2016), Diana Golze (Die LINKE, Arbeits- und Sozialministerin in Brandenburg), Sebastian Gemkow (CDU, Staatsminister der Justiz in Sachsen) und Martin Dulig (SPD, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr in Sachsen) sind ein Beleg hierfür.

Dieser Wandel ist auch abseits des Konzepts der Wendekinder gültig, allerdings erhält er durch ihr Aufkommen eine historische Dimension. Dank ihres Engagements in der Politik und ihrer besonderen Sozialisation in zwei politischen Systemen werden die Wendekinder als aktive Eliten durch ihre Rolle als Vermittler zwischen der "alten" Bundesrepublik und der DDR das Zusammenwachsen zwischen "West" und "Ost" weiter voranbringen können. Dies ist mit Blick auf die Herausforderung für die deutsche Gesellschaft seit dem Herbst 2015 durch Geflüchtete, Zuwanderung und Integration auf der einen Seite und die rechtspopulistische AfD und die Haltungen, die sie kanalisiert, auf der anderen Seite, geradezu existenziell geworden. Denn nur ein innerlich geeintes Deutschland kann seine Rolle in Europa und der Welt ausfüllen.

Zitierweise: Christian Nestler, Wendekinder in den ostdeutschen Landtagen, in: Deutschland Archiv, 23.11.2016, Link: www.bpb.de/237302