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Was wollen wir singen? Die Nachkriegs-Bundesrepublik auf der Suche nach einer Hymne

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Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? 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Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Was wollen wir singen? Die Nachkriegs-Bundesrepublik auf der Suche nach einer Hymne

Clemens Escher

/ 14 Minuten zu lesen

Nach ihrer Gründung hatte die Bundesrepublik keine von der Mehrheit ihrer Bürgerinnen und Bürger akzeptierte Nationalhymne. Im Gegenteil: Viele schickten eigene Vorschläge an die Regierenden in Bonn. Clemens Escher stellt exemplarisch an diesen und insbesondere an einem sehr drastischen Vorschlag die fragile Identität und unvollständige Demokratisierung der frühen Bundesrepublik dar.

Faksimile der dritten Strophe der von Hoffmann von Fallersleben 1841 handgeschriebenen Fassung von "Das Lied der Deutschen"

(© picture-alliance/dpa – Report, Foto: Peer Grimm)

"Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer, Bonn Sr. Excellenz! Erlaube beifolgend Deutschlandlied gefl. unterbreiten zu dürfen. Ergebenst!" Bürgerbriefe wie dieser, die zur Frage der Nationalhymne Stellung nahmen, waren in den Jahren 1949 bis 1952 keine Seltenheit. Ganz im Gegenteil: Waschkörbe voller Anregungen wurden in die Bundeshauptstadt geschickt. Nicht selten hatte der Absender die Muße gefunden, entweder neue Strophen auf Haydns populäre Tonfolge zu dichten oder zu einem neuen Text eine neue Melodie zu komponieren.

Hauptadressaten waren das Bundespräsidialamt, das Bundeskanzleramt, das Bundesministerium des Innern, der Parlamentarische Rat und der Deutsche Bundestag. Ein Handlungsbedarf war aus mehreren Gründen nicht zu leugnen. Das Grundgesetz schwieg sich bezüglich der Nationalhymne – im Unterschied zur Bundesflagge – aus, was durchaus auch als Zugeständnis an die Westalliierten zu deuten war, interpretierten diese doch das 1841 von Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland gedichtete Deutschlandlied als Ausdruck teutonischen Größenwahns. Jenes Lied war 1945 für die amerikanische Zone neben allerlei anderen Liedern und Symbolen verboten worden, hatten die Nationalsozialisten doch das Horst-Wessel-Lied als Präludium zur ersten Strophe des Deutschlandliedes singen lassen. In der verfassunggebenden Versammlung, dem Parlamentarischen Rat, behalf man sich auf Aufforderung seines Präsidenten Konrad Adenauer noch mit dem im 19. Jahrhundert in Studentenkreisen beliebten Lied "Ich hab mich ergeben / Mit Herz und mit Hand / Dir, Land voll Lieb‘ und Leben / Mein deutsches Vaterland!"

Eine neue Hymne muss her

Eine Verlegenheitslösung, die auf Dauer für die Bundesdeutschen nicht die sinnstiftenden Zeilen bilden konnte. Ein Lübecker Bürger schrieb selbstbewusst an die Ministerpräsidenten "der Bundes-Kanzlei" in Bonn: "Meinem Bekanntenkreis gefällt der oft falsch gedeutete Festgesang ‚Ich hab mich ergeben‘ nicht mehr." Viele gleichlautende Schreiben gingen in Bonn ein. Erschwerend kam hinzu, dass mit zunehmender staatlicher Selbstständigkeit der Bundesrepublik vermehrt offizielle Kontakte zum Ausland verbunden waren, etwa bei Sportveranstaltungen, die das Problem der fehlenden Hymne immer augenfälliger werden ließen, zumal der Oststaat mit dem Lied "Auferstanden aus Ruinen" von Johannes R. Becher mit einer Melodie von Hanns Eisler seine faktische Nationalhymne schon kreiert hatte. Selbst das unter französischem Einfluss formal unabhängige Saarland konnte seit 1950 eine eigene Hymne vorweisen.

Theodor Heuss trieb derweil, gemeinsam mit seiner Frau Elly Heuss-Knapp, sein ganz persönliches Hymnenprojekt voran. 1950 bat Heuss den befreundeten Dichter Rudolf Alexander Schröder, eine neue Nationalhymne zu schaffen. Schröder galt als der Erneuerer des evangelischen Kirchenliedes. In der Koproduktion des Ehepaars Heuss mit Schröder wurde die Vaterlandsliebe mit den christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung verbunden. Bei der Neujahrsansprache zum Jahresende 1950 las der Bundespräsident den Text mit seiner sonoren Stimme vor, und anschließend wurde das Werk als Komposition Hermann Reutters uraufgeführt – es fiel bei den Deutschen durch. Sie griffen nun selbst zum Stift.

In der hymnenlosen Zeit der Bundesrepublik entstanden zwischen Spätsommer 1949 und Mai 1952 beinahe 2000 unaufgefordert eingesandte Vorschläge für eine neue Nationalhymne. In den Hymnenvorschlägen malte eine gefühlsstarke Gemeinschaft Panoramabilder einer vergangenen heilen Welt. Dort waren die Menschen nah bei Gott, dieser war nah bei den Deutschen. Der Kommunismus war fremd, die Memel aber noch deutsch und die Kleinfamilie Mann, Frau und Kind bildete den Kern der Gesellschaft. Der deutsche Wald war so geheimnisvoll und schön wie zu Eichendorffs Zeiten und die Rheinfrische suchte man auf, um sich vom fleißigen Tagwerk zu erholen. Bei allem Maß und aller Mitte herrschte noch im letzten Herrgottswinkel etwas, woran es der Realität fehlte: deutsche Weltgeltung. Auch der seit Johann Gottlieb Fichte zählebige Ursprungsmythos der Deutschen als naturwüchsig-idealistisches Urvolk von weltgeschichtlicher Bedeutung lebte in den Vorschlägen auf.

Mögen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main die "intellektuelle Gründung der Bundesrepublik" im Sinn gehabt und die Mütter und Väter der Verfassung das Werden der parlamentarischen Demokratie mit Herz und Hand begleitet haben – in den Köpfen der Deutschen herrschte die Rolle des leidenschaftlichen Antiquars vor, der unverdrossen historisch lange Linien zog und dabei das ganze Spektrum der romantischen Farbpalette nutzte, um Vergangenes in Gegenwärtiges hereinragen zu lassen. Ein Aufbau konnte von dieser Warte aus betrachtet semantisch nur als Wiederaufbau vorstellbar sein. Das Neonlicht der 1950er Jahre sollte nicht blenden: Bei der unintellektuellen Gründung der Bundesrepublik wurde auf alte Sinnstiftungsmuster zurückgegriffen, sie wurden in die manifeste Realität gedanklich verschleppt.

Nachkriegs-Antikommunismus

Auch Bedrohungsszenarien nahmen bei den Hymnenvorschlägen einen breiten Raum ein. Neben dem Primat einer Kriegsangst als solcher brach sich hier eine politische Grundhaltung des Antikommunismus Bahn. Präziser: die Furcht vor einer Invasion aus dem Osten. In der zeitgeschichtlichen Forschung wird in Bezug auf diese daher auch von einer Integrations- und Legitimationsideologie der frühen Bundesrepublik gesprochen, die in allen gesellschaftlichen Gruppen ihre Spuren hinterlassen habe. Für Axel Schildt manifestierte sich im Antikommunismus gleichsam die "Rahmenbedingung der politischen Kultur", Hans-Ulrich Wehler ordnete im letzten Band seiner Gesellschaftsgeschichte den Antikommunismus als eine "mächtige Zeitströmung" ein, an deren Evidenz angesichts der Diktaturerfahrungen mit den kommunistischen Regimen in Osteuropa kein Zweifel bestehen könne. Andreas Wirsching schreibt von einer "gewaltigen Macht" des antikommunistischen Denkens.

So unbestritten es ist, dass der bundesrepublikanische Antikommunismus ein "unübersehbares Kontinuitätselement zur NS-Zeit" in sich barg – man denke an die politische Ikonografie der 1950er Jahre – so wird man kaum leugnen können, dass es auch einen Antikommunismus gab, der eben nicht Säbelrasseln in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellte. Stattdessen betonte er zuvorderst die personale Würde des Menschen, Freiheitsrechte, Pluralismus und den Wert der parlamentarischen Demokratie gegenüber Zwangsherrschaft und dem absoluten Wahrheitsanspruch und Machtmonopol einer Partei. Altes und Neues standen auch hier noch lange Zeit in einem eigentümlichen ambivalenten Verhältnis nebeneinander, anders als es die entlastende Metapher einer "Stunde Null", aber auch die allzu simple Didaktik zahlreicher Anklageschriften an die Adresse der Bundesrepublik, glauben machen wollen.

Der Topos, die Kultur Europas müsse vor dem sowjetischen Zugriff geschützt werden, ist ein oft wiederholtes Motiv in den Briefen. In einer kleinen Zahl an Schreiben geht diese Angst auch eine Verbindung mit dem Wunsch nach Exkulpation ein. Die Autoren behaupten, dass der Krieg notwendig gewesen sei, man aber mit seinen Verbrechen dennoch nicht in Verbindung gebracht werden könne. Die nach 1945 weit seltener bemühte biologistische Aufladung der Feindschaft gegenüber der Sowjetunion, mithin ein deutsches Spezifikum des Antikommunismus, hatte ihren Ausgangspunkt in der nationalsozialistischen Phantasmagorie eines verschwörerischen "Bolschewistischen Weltjudentums".

Nichts gelernt, nichts abgelegt

Ein besonders frappierendes Beispiel wurde dem Bundeskanzler Anfang Juli 1950, eine Woche nach Ausbruch des Korea-Krieges, in Form eines selbstverfassten Volksliedes "zur Hebung des Willens unseres so schwer geprüften deutschen Volkes" offeriert. Verfasst wurde es laut seines derzeit in Bremen-Oberneuland wohnhaften Urhebers Wilhelm Sieveking bereits in seinem Wohnort vor der Flucht, in Breslau. Das 10-strophige Werk trägt den Titel "O Deutschland, mein Deutschland" und sollte nach der Singweise des alten Soldatenlieds "O Straßburg" intoniert werden:

"O Deutschland, mein Deutschland, du wunderschönes Land, du
wurdest zur Ruine durch deiner Feinde Hand.
O Deutschland, mein Deutschland, du littest große Pein, dein Wille und dein
Streben konnten nicht edler sein.
O Deutschland, mein Deutschland, Du hattest großen Mut, Du
wolltest nur vernichten, die Pest in ihrer Brut.
O Deutschland, mein Deutschland, den Auftrag gab Dir Gott, er
schuf und liebt den Menschen nicht, damit er wird zum Spott.
O Deutschland, mein Deutschland, wie hat man dich verkannt,
die Welt kommt nicht zur Ruhe, seit sie sich so verrannt.
O Deutschland, mein Deutschland, die Welt verkennt‘ den Sinn,
nun führt der Weg zum Untergang, zum Kommunismus hin.
O Deutschland, mein Deutschland, gib keine Hoffnung auf, Du
mußt das Schicksal meistern und lenken seinen Lauf.
O Deutschland, mein Deutschland, trau deinem guten Stern, er
wird dich nicht verlassen, er ist dir nicht mehr fern.
O Deutschland, mein Deutschland die Welt blickt auf nach hier,
dein Mut und auch dein Können verschaffen Achtung dir.
Mein Deutschland, mein Deutschland, dein Schild ist blank und
rein, drum – einig – bleibe einig, Du wirst die Welt befrein."

In seinem Anschreiben gibt sich der Autor zuversichtlich, dass jenes Lied in den Deutschen ihre "Verantwortlichkeit für die Zukunft der weissen Rasse" wachrufen werde. Dieses sei eine existenzielle Frage, denn das "deutsche Volk steht im Ringen mit den slawischen Völkern, die ihren Einfluss und ihren Machtbereich weit nach Westen vorgeschoben haben, um dadurch die germanische Rasse zu schwächen oder sogar zu vernichten, ist doch die germanische Rasse das Bollwerk gegen die aus dem Osten kommende Pest, gegen den Kommunismus." Neben einer pervertierten Übernahme der Prädestinationslehre dreht sich in dieser Argumentation alles um die archaische Schlagkraft und blinde Wut der "minderwertigen Rasse(n)": "Die Fanatiker des Kommunismus kennen kein Unmöglich: Menschen und Völker, die sich der Ausbreitung des Weltkommunismus entgegen stellen, die nicht für diese Lehre zu gewinnen sind, gelten als ihre Feinde und werden nach dem Willen Moskaus erbarmungslos vernichtet, ausgerottet."

Um eine Rechtfertigungsschrift für Kriegsverbrechen und Massenmord handelt es sich hier augenscheinlich nicht, sie würde bereits an dem Fehlen jeglichen Unrechtsbewusstseins scheitern. Im Gegenteil: Die Motive und deren praktischer Vollzug der nationalen Sendung hätten "nicht edler sein" können, wie es im Lied heißt, galt es doch, die "Pest in ihrer Brut" auszurotten. Auch wenn Wilhelm Sieveking das allzu verräterische Attribut "jüdisch" kein einziges Mal verwendet und er sich sogar die 1950 längst noch nicht obsolet gewordenen Begriffe "Bolschewismus" oder "Bolschewist" konsequent verkneift, ist die Herkunft seines völkisch-monomanischen Weltbildes doch offensichtlich: In Alfred Rosenbergs 1922 erstmals veröffentlichter Schrift "Pest in Russland! Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer" finden sich – bis in Wortgleichungen hinein – dieselben Muster und eine ebenso gelagerte Gottesoffenbarung in der Rassenseele. Der Autor versucht auch erst gar nicht, den wahren Charakter des Russlandfeldzuges, der als Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg geplant und durchgeführt wurde, zu verschleiern. Gerade in ihrer Wandelbarkeit und Austauschbarkeit – gegen einen "jüdischen Bolschewismus", heute gegen die "slawischen Untermenschen" – zeigte sich die wesenshafte Mimikry nationalsozialistischer Kriegspropaganda.

Das erzwungene, abrupte Ende der von höchster Stelle aufgetragenen deutschen Mission gen Osten ist für den Briefschreiber mehr als nur ein betrüblicher Reim, vielmehr ein schwerwiegender geschichtlicher Fehler: "Dem muss die übrige Welt, insbesondere das in erster Linie bedrohte deutsche Volk, mit allen Kräften entgegen treten. Wir müssen endlich handeln, endlich endlich handeln dürfen." Die dreimalige Wiederholung und zweimalige Unterstreichung des Wortes "endlich" lassen erahnen, dass nur der abermalige Angriff auf östliches Territorium für Wilhelm Sieveking auch jetzt noch eine tragfähige Lösung darstellt. Beim Werk der Germanisierung des Ostens und der Auslöschung des kommunistischen Weltgeistes gilt ihm zufolge der permanente Kriegszustand. Aus jener Warte sind die Jahre 1945 bis 1950 lediglich eine vom Ausland aufgezwungene widernatürliche Pause des deutschen Waffenganges. Das Volk der Deutschen, der "Prellbock gegen den Kommunismus", wie es im Anschreiben weiter heißt, sei törichterweise fünf Jahre in den Wartesaal der Geschichte verbannt, anstatt – ob nun allein oder im Verbund mit den Westmächten – dem Kommunismus den Garaus zu machen und in Moskau einzumarschieren.

Weitaus verstörender ist jedoch das Selbstverständnis Wilhelm Sievekings, damit noch immer ein und derselben Staatsdoktrin zu gehorchen. In völliger Verkennung des politischen Systems und der demokratischen Verfasstheit der Bundesrepublik, gerade so, als ob der Ungeist des Ministeriums für Propaganda und Volksaufklärung sich am Bonner Rheinufer niedergelassen hätte, wird zum Abschluss des Briefes der Bundesregierung ein Angebot unterbreitet:

"Eine weitgehende und schnelle Verbreitung dieses Liedes ist notwendig […]. Ich will das Gedicht auf Postkarte drucken lassen und bitte Sie, hochverehrter Herr Bundeskanzler, geben auch Sie Anweisung, dass diese Karten von der Bundesregierung sowie die Landesregierungen vertrieben werden, damit ist eine schnelle und weitgehende Verbreitung gesichert."

Eine aktenkundige Reaktion des Kanzleramtes oder Bundesinnenministeriums – und sei es in Form einer unpersönlichen Absage – war nicht zu finden. Der Briefschreiber hatte anscheinend deutlich überreizt und gar den Grad des bundesrepublikanischen Minimalkonsenses, der integrativ angelegt und daher gar nicht so schrecklich schmal war, verlassen.

Doch das Deutschlandlied? Die DDR als Argument

Wiederholt wurde in den Schreiben und Vorschlägen für eine neue Hymne der relativen Eingängigkeit der DDR-Hymne das Wort geredet. Weil die Eislersche in F-Dur und d-Moll gehaltene Komposition verstärkt durch ihre Verwandtschaft zum Deutschlandlied einen attraktiven Spannungsbogen aufzubauen imstande war, lautete die Schlussfolgerung der Heuss-Kritiker, müsse man dem etwas Markanteres entgegenstellen als die Reuttersche Vertonung. Und was konnte dafür besser geeignet sein als das Deutschlandlied?

Ein Heimkehrer aus russischer Gefangenschaft, Rudolf Mossner aus Erlangen, berichtete dem Bundespräsidenten von seinen Erfahrungen mit den Hymnen der DDR und der Sowjetunion:

"Die Ostzone z.B. lässt bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit eine sehr gekonnte Hymne ertönen. Die Russen haben eine ausgezeichnete Hymne, die wir uns jeden Tag bis zum Erbrechen anhören mussten und ebenso oft mussten wir ihren Spott über das Lied: ‚Ich hab mich ergeben‘, das in der Bu. Rep. häufig als Ersatz für eine Hymne gespielt wird, anhören."

Zwar empfand Mossner das Studentenlied als schön und getragen, es ärgerte ihn aber eine Spottreaktion aus dem Osten: "Na, ja, sagten sie. Das ist schon das Richtige für Westdeutschland."

Die Warnung vor einer stupiden "Nachmacherei" der Bundesrepublik angesichts des östlichen Hymnencoups entbehrte nicht einer gewissen Logik. Aber auch die SED-Initiative für eine neue Hymne war anfangs wohl nur eine Reaktion auf diesbezügliche Äußerungen im Parlamentarischen Rat. Fraglos wurde sie dann aber sehr rasch, am Ende fast schon übereilt, vom Politbüro vorangetrieben, mit einer ungleich größeren Zielstrebigkeit als im Westen. Dies geschah aber auch mit Mitteln, die einer Erziehungsdiktatur nun einmal zur Verfügung stehen.

DDR : BRD – 1 : 0?

Genau in diesem Punkte ist daher auch der Gedanke reizvoll, ob nicht die Erfahrung der DDR-Führung aus dem Hymnenwettkampf – nämlich den Westen in Verlegenheit gebracht und unter dem Gesichtspunkt musikalischer Innovation im Grunde über ihn obsiegt zu haben – diese erst dazu verleitete, eine ähnliche Führungsrolle des Oststaats bezüglich des Musikgeschmacks junger Menschen generell zu beanspruchen. Gerade die in der DDR-Hymne explizit angesprochene deutsche Jugend sollte nach dem Willen der Partei mit neuen sozialistischen Liedern für den Arbeiter- und Bauernstaat eingenommen werden. Für Walter Ulbricht war dieses Vorhaben Chefsache. Doch das Lebensgefühl der Jugendlichen sollte schon bald im Vierviertel-Takt des Rock’n’Roll schlagen. Diesen kulturellen Wandel hat der Volkskundler Kaspar Maase zutreffend als "Amerikanisierung von unten" bezeichnet. Rhythmisch-sexualisierte Hüftschwünge im Stil von Elvis Presley und elektronische Riffs und Beats seiner amerikanischen und britischen Epigonen ließen Ulbrichts Wandlitzer Spießertraum einer deutschen, fröhlichen, gesunden, sauberen und nicht zuletzt sozialistischen Sangesbewegung wie Seifenblasen zerplatzen. Das anfängliche Interesse des Staats- und Parteichefs kehrte sich schlussendlich in repressive Resignation um: "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nun kopieren müssen? Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah, und wie das alles heißt, sollte man doch Schluß machen!"

Eine gemeinsame neue alte Hymne

Für die Widersprüchlichkeit des deutschen Nachkriegs-Patriotismus benutzt Konrad H. Jarausch den paradoxen Begriff der "postnationalen Nation". Der Abschied von der Nation nach 1945 war ohnehin nur zögerlich. Vor allem aber war er nicht endgültig. Die Bundesrepublik, zunächst als Provisorium gegründet, schien bis 1989 auf dem besten Wege zum Definitivum. Heiß und kalt erwischt wurden die westdeutschen Eliten, doch nicht nur diese, als 1989/1990 der Nationalstaat – gewiss in seiner gezähmten Variante und mit europäischer Perspektive, aber eben doch nationalstaatlich orientiert – über Nacht wieder die politische Agenda beherrschte. Auf den Straßen Osteuropas erklangen Analogien zu Einigkeit und Recht und Freiheit übersetzt in die Forderungen nach Demokratie, Marktwirtschaft und nationalstaatlicher Souveränität. Der Völkerfrühling des Jahres 1989 konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwischen West- und Ostdeutschland Entfremdungsprozesse stattgefunden hatten.

Abermals stand die Frage nach der Hymne des nun vereinigten Deutschlands an. Ein Hymnenstreit fand diesmal nicht statt, sieht man von den Misstönen und Pfiffen am Rande einer Veranstaltung am Schöneberger Rathaus am 10. November 1989 ab. Der Vorschlag, Brechts Kinderhymne als Nationalhymne einzusetzen, war lediglich eine intellektuelle Wolkenschieberei für das Feuilleton von das Deutschlandlied ablehnenden Nörglern ohne politisches Mandat. Ein Bürger der untergehenden DDR schickte im Juli 1990 an den "Ausschuss für die deutsche Einheit" der Volkskammer den Versuch einer Synthese:

"Einigkeit und Recht und Freiheit
Und der Zukunft zugewandt
Danach lasst uns alle streben
Dienend unser’m Vaterland."

Wie vierzig Jahre zuvor die Vorschläge in Bonn, bekam auch dieser Brief lediglich den verwaltungsmäßigen Todeskuss in Form eines Z. d. A.-Vermerkes ("Zu den Akten").

Es war ein Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Bundespräsidenten Theodor Heuss, der 1952 schließlich die Rechtsgrundlage – so umstritten dieser Rechtsakt unter Juristen auch war und ist – für die neue alte Nationalhymne bildete. Rund 39 Jahre später wiederholte sich die Geschichte mit einem kleinen, aber feinen Unterschied. Diesmal ergriff der Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Initiative und schickte am 19. August 1991 – zehn Monate nach der deutschen Einheit – Bundeskanzler Helmut Kohl einen Brief mit der Feststellung: "Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben ist die Nationalhymne für das deutsche Volk." Der Kanzler der Einheit durfte zwei Tage später lediglich seine Zustimmung geben.

Zitierweise: Clemens Escher, Was wollen wir singen? Die Nachkriegs-Bundesrepublik auf der Suche nach einer Hymne, in: Deutschland Archiv, 9.5.2017, www.bpb.de/247935

Fussnoten

Fußnoten

  1. Georg Wehrle an Konrad Adenauer vom 10. November 1952, BArchK, B 136/479.

  2. Zitiert nach: Joachim Burkhard Richter und Hans Ferdinand Maßmann, Altdeutscher Patriotismus im 19. Jahrhundert, Berlin u. a. 1992, S. 114.

  3. Gustav Gratz an die Ministerpräsidenten der Bundes-Kanzlei vom 10. Oktober 1949, BArchK, B 106/2667.

  4. Grundlagenforschung zur DDR-Hymne: Heike Amos, Auferstanden aus Ruinen, Berlin 1997.

  5. Clemens Albrecht u. a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt a. M. u. a. 1999.

  6. So bei Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung, Bonn 19915, S. 251 und S. 255.

  7. Axel Schildt und Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte, München 2009, S. 142.

  8. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949–1990, Studienausgabe München 2008, S. 405.

  9. Andreas Wirsching, Antikommunismus als Querschnittsphänomen politischer Kultur 1917 1945, in: Stefan Creuzberger und Dierk Hoffmann (Hg.), "Geistige Gefahr" und "Immunisierung der Gesellschaft". Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik, München 2014, S. 15 28, hier S. 15.

  10. Ulrich Herbert, Liberalisierung als Lernprozess in: ders. (Hg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945–1980, Göttingen 2002, S. 7 49, hier S. 33.

  11. In den letzten zehn Jahren erscheinen vermehrt Broschüren und Bücher zu dieser Thematik, in denen Rassenhass und Judenvernichtung scheinbar nahtlos in den Nachkriegskommunismus über- und aufgehen. Vor allem aber fehlt es hier an definitorischer Klarheit, was unter "Antikommunismus" genau verstanden werden sollte. So wird allzu schnell jede Kritik an Stalinismus und SED-Diktatur unter dem Rubrum Antikommunismus subsummiert und gleichzeitig abqualifiziert. Dafür steht u. a. Wolfgang Wippermann, Heilige Hetzjagd. Eine Ideologiegeschichte des Antikommunismus, Berlin 2012.

  12. Wilhelm Sieveking an Konrad Adenauer vom 3. Juli 1950, BArchK, B 106/2668.

  13. Zu dem Lied "O Straßburg" vgl. auch: Philip V. Bohlman, Landscape – Region – Nation – Reich, in: Celia Applegate und Pamela Potter (Hg.), Music and German National Identity, Chicago 2002, S. 105 127, hier S. 120.

  14. Wilhelm Sieveking an Konrad Adenauer (Anm. 12).

  15. Ebd.

  16. Ebd.

  17. Ebd.

  18. Alfred Rosenberg, Pest in Russland! Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer, München 1922, erschien in mehreren Auflagen bis 1944.

  19. Dazu: Ernst Piper, Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 207 212.

  20. Vgl. Sönke Neitzel und Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Bonn 2011, S. 145 185; zu der Gattung Feldpostbriefe zuletzt: Sven Oliver Müller, Deutsche Soldaten und ihre Feinde, Frankfurt a. M. 2007, S. 128 229.

  21. Wilhelm Sieveking an Konrad Adenauer (Anm. 12).

  22. Ebd.

  23. Wilhelm Sieveking an Konrad Adenauer (Anm. 12).

  24. Rudolf Mossner an Theodor Heuss vom 20. Juli 1950, BArchK, B 122/64.

  25. Ebd.

  26. So auch die Vermutung von Amos, Auferstanden aus Ruinen (Anm. 4), S. 108, Anmerkung 273.

  27. Kaspar Maase, Amerikanisierung von unten. Demonstrative Vulgarität und kulturelle Hegemonie in der Bundesrepublik der 50er Jahre, in: Alf Lüdtke u. a. (Hg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 1996, S. 291–313; ausführliche Studie dazu: ders., BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992.

  28. Walter Ulbricht auf dem XI. Plenum des ZK der SED 1965. Zitiert nach: Heiner Stahl, Skizze einer Stadtgeschichte des Klangs, in: Uta Andrea Balbier und Christiane Rösch (Hg.), Umworbener Klassenfeind, Berlin 2006, S. 247 260, hier S. 255.

  29. Vgl. Konrad H. Jarausch, Die Postnationale Nation. Zum Identitätswandel der Deutschen 1945–1995, in: Historicum 14 (1995), Frühling, S. 30 35; ebenso ders., Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945 1955, München 2004, S. 66.

  30. Für die Berufsgruppe der Historiker siehe: Hans-Peter Schwarz, Mit gestopften Trompeten. Die Wiedervereinigung Deutschlands aus der Sicht westdeutscher Historiker, in: GWU 44 (1993), S. 683 704.

  31. Die Kinderhymne ist ein Gedicht von Bertolt Brecht ("Anmut sparet nicht noch Mühe") aus dem Jahr 1950. Brecht hatte es als eine Art Gegenentwurf zur bundesdeutschen Nationalhymne entworfen.

  32. Ulrich Hahne an die Volkskammer der DDR vom 29. Juli 1990, BArchB, DA 1 16643/a.

  33. Der Briefwechsel Weizsäcker-Kohl. Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 27. August 1991, Nr. 89, S. 713.

  34. Ebd.; zum ganzen Vorgang siehe: Hartmut Weber, Wir vom Bundesarchiv, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. November 2003.

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Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Von ihm erscheint in diesen Tagen im Verlag Ferdinand Schöningh ein Buch zum Thema: Clemens Escher, "Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!" Die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne 1949–1952, Paderborn 2017.