Samuel Maharero war in den frühen Jahren deutscher Kolonialherrschaft eine ambivalente Persönlichkeit zwischen Kollaboration und Widerstand. Im Juni 1904 führte er die Herero in den Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika (heute
Deutsch-Südwestafrika
Deutsch-Südwestafrika – das heutige Namibia – war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie. Die Kolonialherrschaft war von Gewalt geprägt, die 1904 in den Völkermorden an Herero und Nama gipfelte und bis heute Spuren hinterlässt. 1915 wurde die Kolonie von alliierten Truppen, darunter südafrikanische, erobert. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland die Kolonie, die unter südafrikanisches Mandat gestellt wurde. Erst 1990 wurde Namibia unabhängig.
Zusammenarbeit mit der Kolonialmacht
Maharero wusste aber, seine guten Beziehungen zur Mission und zu den deutschen Kolonialbehörden zu nutzen, und mit Unterstützung des Reichskommissars Curt von Francois gelang es ihm, von den Deutschen und Teilen der Herero als Nachfolger seines Vaters anerkannt zu werden. Die eigentlichen Anwärter auf die Nachfolge Mahereros und deren Anhänger konnten nur mit militärischer Unterstützung durch die deutsche Kolonialmacht abgewehrt werden. Francois‘ Nachfolger Theodor Leutwein wusste Mahareros Abhängigkeit von deutscher Unterstützung auszunutzen. Als Gegenleistung für die deutsche Unterstützung musste er der Errichtung einer deutschen Garnison in Okahandja zustimmen, wodurch er die Hauptstadt des Herero-Landes unter Kontrolle der deutschen Kolonialmacht brachte. Darüber hinaus stellte Maherero Soldaten für den Kampf gegen andere afrikanische Führer und unterstützte den Verkauf von immer mehr Herero-Land an deutsche Siedler. Durch seine enge Beziehung mit Leutwein sicherte Maherero seine Position innerhalb des kolonialen Unrechtsstaates.
Verlust an Land und Vieh
Im Dezember 1894 schloss Leutwein mit Samuel Maharero einen Vertrag über die Festlegung der südlichen Grenze des Hererolandes. Die Bedingungen solcher Verträge in der kolonialen Situation waren in der Regel von ungleichen Machtverhältnissen geprägt. So hatte auch dieser Vertrag schwerwiegende Folgen für die Ovaherero und markierte den Beginn ihres Verlustes an Land und Vieh. 1896/1897 erreichte die Rinderpest das Land und vernichtete innerhalb von sechs Monaten zwei Drittel der Viehbestände der Herero. Für diese bedeutete das nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe, sondern auch eine gesellschaftliche, da Rinderbesitz mit sozialem Status und politischem Einfluss verbunden war. Macht und Einfluss der Chiefs wurden entscheidend geschwächt. In der Folge mussten sich darüber hinaus immer mehr Hereros in Lohnarbeit bei Deutschen verdingen. Nach der Epidemie schwächten Dürren, Heuschreckenplagen und Ernteausfälle die Herero-Gesellschaft weiter. Ihres Reichtums an Vieh beraubt, durch die Aktivitäten von Samuel Maharero und Theodor Leutwein geschwächt und immer weiter in die Verschuldung getrieben, versuchten einige Ovaherero-Häuptlinge, ihre Verluste durch Raubzüge, den Export von Arbeitskräften und den Verkauf von Land auszugleichen.
Aufstand gegen die Kolonialmacht
Zunehmende Probleme – wie Übergriffe deutscher Bauern, wirtschaftliche Schwierigkeiten und Schädlingsbefall sowie die Aneignung von Herero-Land für den Bau von Eisenbahnen – führten zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Maherero und Leutwein. Verärgert über die massive körperliche Gewalt, die deutsche Siedler und Kolonialverwalter, die die Herero als billige Arbeitskräfte für den Anbau von Baumwolle und andere Exportgütern betrachteten, ausübten, plante Maharero zusammen mit den anderen Führern der Herero heimlich den gewaltsamen Widerstand gegen die deutsche Kolonialmacht, obwohl er sich der schlechten Aussichten bewusst war. In einem berühmten Brief an Hendrik Witbooi, den Chief der Nama, versuchte Maharero, Allianzen mit den anderen Gruppen zu schließen, und rief aus: „Lasst uns kämpfend sterben!“
Die ersten Angriffe des Aufstands, die am 12. Januar 1904 begannen, kamen für die deutsche Seite überraschend und führten zur Ermordung von 123 Personen, zumeist deutschen Landbesitzern. Maharero hatte seinen Truppen befohlen, Buren, Engländer, Missionare und andere nicht-deutsche Weiße nicht zu verletzen. Auch in den folgenden Tagen griffen die Herero Postämter und Militärstationen an und töteten dabei Soldaten. Missionaren in Waterberg und einer kleinen Anzahl deutscher Frauen und Kinder gewährte Maharero hingegen freie Fahrt nach Okahandja.
Völkermord
Nach diesem Verlust wurde Leutwein als militärischer Führer durch Lothar von Trotha ersetzt, der 14.000 Soldaten mitbrachte und ein Kopfgeld von 5.000 Mark für die Gefangennahme von Maharero aussetzte. In der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904 wurden die Herero von den Kolonialtruppen vernichtend geschlagen und die verbliebenen Hereros (einschließlich Frauen, Kindern und Alten) in die Wüsten der Omaheke-Region vertrieben. Das Gebiet wurde abgeriegelt, Wasserstellen wurden besetzt. Von Trotha besiegelte den Völkermord an den Herero mit den Worten: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu Ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“. Zehntausende Hereros verdursteten, verhungerten oder starben an Krankheiten. Diejenigen, die sich ergeben wollten, wurden erschossen. Nachdem der Vernichtungsbefehl von Berlin widerrufen worden war, wurden die gefangenen Überlebenden in Konzentrationslager gebracht. Tausende starben hier durch Zwangsarbeit und schlechte Haftbedingungen. Insgesamt kamen Schätzungen zufolge etwa 80 Prozent der Herero um, bei den sich ebenfalls erhebenden Nama war es etwa die Hälfte ihrer Bevölkerung.
Maharero gelang es, rund 1.500 Angehörige seines Volkes in das britische Protektorat Bechuanaland (heute Botsuana) zu führen. Er starb im März 1923 nach einem längeren Magenkrebsleiden. Bis zu seinem Tod blieb er Anführer der Herero im Exil. Am 23. August 1923 wurde sein Leichnam in seine Heimatstadt Okahandja, Namibia, zurückgebracht und feierlich an der Seite seiner Vorfahren beigesetzt – ein Ereignis, das die Herero noch heute am Herero-Tag feiern. Sein Andenken wird durch einen Granitgrabstein mit seinem Namen und seinem Porträt auf der Platte geehrt.