Das Thema Flucht und Migration ist Gegenstand intensiver öffentlicher Diskussionen. Entsprechend widmet sich auch die Kommunikations- und Medienforschung seit über zwanzig Jahren verstärkt diesem Themenkomplex und der Rolle, die Medien dabei spielen. Der Fokus der meisten Arbeiten
Der vorliegende Beitrag gibt einen Einblick in diese Forschung. Er liefert keinen vollständigen Überblick, sondern bündelt ausgewählte Studien und ordnet sie entlang von drei zentralen Fragen:
Was wird in Bildern von Flucht und Migration sichtbar gemacht?
Wie werden diese Bilder ästhetisch gestaltet und aus welcher Perspektive werden Flucht und Migration gezeigt?
Wer produziert solche Bilder in welchen Kontexten und welche Rolle spielen dabei journalistische Medien, Organisationen oder Selbstrepräsentationen über soziale Medien?
Dabei ist entscheidend, dass Medienbilder nicht einfach illustrieren oder Texte bebildern. Sie sind an der Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt und machen Flucht und Migration auf eine je spezifische Weise sichtbar. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Herstellung von Deutungen über Geflüchtete und Migrationsbewegungen, indem sie bestimmte Motive, Erzählweisen und Blickregime hervorheben – und andere ausblenden.
Bildinhalte: Was sehen wir?
Bei der Analyse von Bildern, die Flucht und Migration thematisieren, spielt es zunächst eine wichtige Rolle in den Blick zu nehmen, was überhaupt gezeigt wird. Verschiedene deutschsprachige und internationale Studien haben wiederkehrende Inhalte und Motive beschrieben, die wiederum bestimmte Deutungen von Flucht und Migration produzieren.
Eine inhaltsanalytische Studie etwa hat 500 Nachrichtenfotos aus zehn reichweitenstarken Online-Medien in Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien für den Zeitraum 2013 bis September 2017 zum Thema Flucht und Migration untersucht.
In der Studie wird ferner herausgearbeitet, inwiefern diese Bildmotive wiederum bestimmte Deutungsmuster nahelegen. In den analysierten Medien werden Geflüchtete am häufigsten als ‚Opfer‘ inszeniert, also als Schutzsuchende in Notlagen. Daneben finden sich auch viele Deutungsmuster, die Geflüchtete etwa in würdevollen Porträts, in Alltags- und Ankunftssituationen oder als handlungsfähige Personen zeigen. Weniger häufig, aber deutlich präsent, sind Bilder, die Migration in negativer Weise als ‚Belastung‘ oder ‚Bedrohung‘ rahmen.
Interessant an der Untersuchung ist auch der Vergleich zwischen Ländern und über einen längeren Zeitraum. Für deutsche Medien (Online-Ausgaben von Der Spiegel und Süddeutsche Zeitung) wird sichtbar, dass sie Geflüchtete im europäischen Vergleich seltener positiv darstellen und etwas häufiger als ‚Belastung‘ rahmen.
Eine Inhaltsanalyse der Text- und Bildberichterstattung zu Flucht und Migration in sechs deutschen Leitmedien (FAZ, SZ, Bild, Tagesschau, ZDF heute, RTL Aktuell) für den Zeitraum von Februar 2016 bis Dezember 2020 liefert vergleichbare Ergebnisse.
Die Ergebnisse der beiden Studien bestätigen, was bereits zahlreiche Untersuchungen zur Flucht- und Migrationsberichterstattung in verschiedenen Ländern zeigen: Es dominieren zwei konkurrierende Deutungsmuster: Risiko/Bedrohung und Schutz/Opfer. Gleichzeitig verengen diese beiden vieldiskutierten Deutungsmuster auch das Bild. Denn Geflüchtete werden beispielsweise auch im Kontext von Ordnung und Kontrolle (Registrierung, Zäune, Polizei), als Projektionsfläche für europäische Selbstbilder von Humanität (‚Willkommenskultur‘) oder als handlungsfähige Subjekte in Porträts visualisiert.
Gestaltung und Blickregime: Wie wird gezeigt und aus welcher Position?
Neben den Bildinhalten ist entscheidend, wie diese Bilder gestaltet sind und aus welcher Perspektive wir sie zu sehen bekommen. Die gewählten Einstellungsgrößen, Kameraperspektiven, Farben, Lichtführungen, Bildkompositionen, Narrationen oder Bild-Text-Beziehungen sind von entscheidender Bedeutung dafür, ob Geflüchtete beispielsweise als anonyme Masse, als Schutzbedürftige oder als handelnde Subjekte erscheinen.
Grenzzaun zwischen Griechenland und Mazedonien im nördlichen griechischen Grenzort Idomeni (Aufnahmedatum: 22. März 2016). (© picture-alliance/AP, Darko Vojinovic)
Grenzzaun zwischen Griechenland und Mazedonien im nördlichen griechischen Grenzort Idomeni (Aufnahmedatum: 22. März 2016). (© picture-alliance/AP, Darko Vojinovic)
Eine Studie zu global zirkulierenden World Press Fotos von geflüchteten Kindern aus dem Jahr 2016 zeigt, wie Bildinhalte und fotographische Techniken wie Bildkomposition, Lichtführung und Farbe bestimmte Deutungen nahelegen, etwa durch widersprüchliche Bildkombinationen. Ein Beispiel hierfür ist die Darstellung verletzlicher Kinderkörper vor oder inmitten von Grenz- und Sicherheitsinfrastrukturen. Die ästhetischen Gestaltungsstrategien lenken den Blick auf das archetypische Bild des unschuldigen, schutzbedürftigen Kindes. Solche Bilder können bei den Betrachtenden Mitleid sowie ein Gefühl moralischer Dringlichkeit hervorrufen.
In einer eigenen Studie zu Bildern von Flucht, Migration und Integration in sechs deutschsprachigen Printmedien (Bild, FAZ, Spiegel, Stern, SZ, taz) wurden verschiedene Bildgattungen (Fotografien, Infografiken, Illustrationen) ereignisbezogen (2013, 2015) untersucht.
Von der griechischen Küstenwache veröffentlichtes Foto, das ein Fischereifahrzeug mit Migranten in internationalen Gewässern südwestlich des Peloponnes zeigt (Aufnahmedatum: 14.06.2023). (© picture-alliance, ANE / Eurokinissi)
Von der griechischen Küstenwache veröffentlichtes Foto, das ein Fischereifahrzeug mit Migranten in internationalen Gewässern südwestlich des Peloponnes zeigt (Aufnahmedatum: 14.06.2023). (© picture-alliance, ANE / Eurokinissi)
Für bewegte Bilder zeigt die Kulturwissenschaftlerin Brigitta Kuster anhand dokumentarischer Film- und Fernsehproduktionen, dass diese mit ähnlichen Motiven arbeiten (Grenzorte und Grenzanlagen, Boote und Lastwagen, Meer und Wellen) und Menschen häufig als große Gruppe (‚Masse‘) oder als erschöpfte, hilfsbedürftige Personen sichtbar werden lassen. Die Inszenierung des dokumentarischen Migrationsfilms ähnelt in einigen Aspekten einem Fernseh-Drama in Echtzeit (‚fast live‘), das Spannung erzeugt und die Betroffenen zu Nebenfiguren macht. Gleichzeitig wird ‚Nähe‘ über Off-Kommentare, Mitleidsappelle oder Infrarot- oder versteckte Kameras hergestellt, die Authentizität suggerieren.
Diese Beispiele veranschaulichen, dass es nicht nur die Bildinhalte an sich sind, die bestimmte Deutungsmuster und Wahrnehmungen von Flucht und Migration entstehen lassen, sondern auch deren ästhetische Gestaltung. Kameraarbeit, Licht, Farbe, Komposition, Bild-Text-Kombinationen oder Narration und Dramaturgie strukturieren, ob Geflüchtete als bedrohliche Masse, als hilfsbedürftige Opfer, als Objekte von Kontrolle oder als individuelle Akteur*innen erscheinen. Diese Darstellungsweisen sind dabei keine zufälligen Entscheidungen einzelner Akteur*innen, sondern folgen wiederkehrenden Darstellungskonventionen. Wer an diesen visuellen Routinen mitwirkt und entscheiden kann, welche Bilder überhaupt produziert, ausgewählt und verbreitet werden, ist daher zentral für die Frage, welche Perspektiven auf Flucht und Migration in der Öffentlichkeit sichtbar werden.
Bildproduktion: Wer macht in welchem Kontext sichtbar?
Wer Bilder von Flucht und Migration produziert und zirkulieren lässt, wirkt daran mit, welche Bilder sichtbar werden. Die Forschung reflektiert dabei, wer überhaupt welche Bilder in welchen Kontexten sichtbar machen kann – und wer nicht.
Medien prägen als Organisationen und Institutionen (Redaktionen, Bildagenturen, NGOs, Presse etc.), was von Flucht und Migration sichtbar wird. Sie entscheiden darüber, welche dieser Bilder in welche Öffentlichkeiten gelangen und wie sie gerahmt werden. Die vergleichende Forschung zeigt, dass sich Unterschiede bei der Bildauswahl auf die redaktionellen Linien der Medien zurückführen lassen.
Bisher wurde der Fokus auf Bilder gelegt, die über Geflüchtete produziert werden (durch Redaktionen, Agenturen etc.). Wenden wir uns nun der Frage zu, wer welche Bilder in welchem Kontext sichtbar macht. Strukturell liegt die Repräsentationsmacht bei Redaktionen, großen Medienhäusern und bei (internationalen) Bildagenturen. Sie liefern standardisierte Bildangebote, wählen aus und setzen damit den visuellen Deutungsrahmen.
Die Kultursoziologin Andrea Průchová Hrůzová hat dies empirisch für Online-Medien in Tschechien, der Slowakei, Polen und Ungarn (2015-2016) untersucht. In dem von ihr analysierten Sample enthielt kein einziges Bild eine Aufnahme, die von Geflüchteten selbst stammt.
Die Forschung hat sich bisher nur vereinzelt mit Bildproduktionen aus Perspektive der Migrierenden selbst befasst.
Die Unternehmen, die hinter den Plattformen stehen, betonen wiederholt, dass es sich bei Sozialen Medien wie Instagram oder TikTok um einen neutralen Raum zum Teilen von Inhalten handelt. Forschungsarbeiten zu Social-Media-Kommunikation hingegen zeigen – indem sie technische, ökonomische und regulierende Elemente, welche die Inhalte prägen, untersuchen –, dass Algorithmen, Hashtags, Sichtbarkeitsökonomien, Nutzungsbedingungen, Community-Regeln oder Plattformarchitekturen darüber mitentscheiden, welche Bilder zirkulieren. Aus dieser Sicht sind auch Selbstrepräsentationen und Medienpraktiken von Geflüchteten als positionierte, interessengeleitete und medial geprägte Bildpraktiken zu verstehen, die eingebettet sind in Plattformlogiken, Publikumsadressierungen, Community-Normen etc. Sie sind nicht einfach ein ‚Korrektiv von außen‘, sondern eine weitere Form von Bildmacht und Öffentlichkeit, mit spezifischen Ein- und Ausschlüssen, Grenzen und Plattformzwängen.