Der Ausbau und die Investitionen in erneuerbare Energien schreitet weltweit voran. Trotzdem ist die Wirtschaft nach wie vor fossilbasiert. Warum die globale Energiewende vorankommt, wo sie stockt und welche Interessen eine Rolle spielen.
Erneuerbare Energien werden zu einem immer wichtigeren Teil des globalen Energiesystems. Nach Angaben der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) waren 2025 nahezu 86 Prozent der weltweit neu installierten Kraftwerksleistung erneuerbar. Solar- und Windkraft sind seit Jahren die am schnellsten wachsenden Energiequellen. Auch bei den Investitionen hat sich das Verhältnis verschoben: Seit 2016 fließt jährlich mehr Geld in saubere Energien als in fossile Energieträger. 2026 sollen es nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) rund 2,2 Billionen US-Dollar werden, gegenüber etwa 1,2 Billionen für Öl, Gas und Kohle. Angestoßen wurde dieser Anstieg durch Konjunkturprogramme nach der Corona-Pandemie; inzwischen sind Versorgungssicherheit und Industriepolitik oft wichtigere Treiber als der Klimaschutz. Rund 70 Prozent der zusätzlichen Investitionen zwischen 2020 und 2025 entfielen auf Länder, die fossile Energieträger importieren, vor allem China, Europa und Indien.
IRENA und IEA
Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien, kurz IRENA, wurde 2009 durch 75 Staaten gegründet. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Mitgliedsstaaten beim Ausbau Erneuerbarer Energien zu beraten und zu unterstützen. Dazu zählt auch der jährliche Bericht „World Energy Transitions Outlook“, der den aktuellen Stand der globalen Energiewende wiedergibt. Deutschland war einer der Gründungsstaaten. Mittlerweile gibt es 168 Mitgliedsstaaten.
Die Internationale Energieagentur, kurz IEA, wurde 1974 als Reaktion auf die Ölkrise gegründet und ist für die internationale Krisenvorsorge zuständig. Heute befasst sie sich zunehmend mit erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Klimaschutz. Zudem sammelt sie globale Energiedaten und fördert die internationale Zusammenarbeit in der Energiepolitik.
Trotzdem ist die globale Wirtschaft nach wie vor fossilbasiert. Öl bleibt die größte Einzelquelle und deckt etwa ein Drittel des weltweiten Bedarfs; zusammen mit Kohle und Gas kommen die fossilen Energieträger 2025 auf 86 Prozent der globalen Primärenergieversorgung. Erneuerbare Energien liegen dagegen bei 8,6 Prozent. Mehr noch: Es wird derzeit mehr fossile Energie verbraucht als je zuvor. Der weltweite Energiebedarf steigt weiter, getrieben vor allem durch Asien. Die Erneuerbaren wachsen zwar am stärksten, haben die Fossilen aber längst noch nicht verdrängt. Entsprechend fällt die Emissionsbilanz aus: 2025 erreichte der weltweite Ausstoß von fossilem Kohlendioxid einen neuen Höchstwert.
Ungleiche Fortschritte
Je nach Sektor schreitet die Energiewende sehr unterschiedlich voran. Die größten Fortschritte sind im Stromsektor zu sehen, wo 2025 erneuerbare Energien rund ein Drittel der globalen Stromerzeugung ausmachten. Allerdings sind die regionalen Unterschiede stark ausgeprägt.
Im Straßenverkehr hat der Wandel später eingesetzt, beschleunigt sich aber. In China war 2025 gut jeder zweite Neuwagen elektrisch oder Plug-in-Hybrid; in Norwegen erreichen Elektroautos einen Anteil von nahezu 99 Prozent an den Neuzulassungen. Anderswo bremsen höhere Anschaffungspreise, fehlende Ladeinfrastruktur, begrenzte Netzkapazitäten und politische Kurswechsel wie in den USA den Umstieg. Zudem erneuert sich der Bestand nur langsam: Fahrzeuge bleiben oft über ein Jahrzehnt im Einsatz, in der Zweitverwendung häufig als Gebrauchtwagen in ärmeren Ländern. In anderen Sektoren hat der Umbau kaum begonnen. Industrielle Hochtemperaturwärme, etwa für die Herstellung von Stahl, Zement oder Glas, wird weiterhin überwiegend aus Kohle und Gas erzeugt. Auch Luft- und Seeverkehr sowie Gebäudewärme bleiben überwiegend fossil. Die Landwirtschaft ist ein Sonderfall, weil ihre Klimawirkung weniger vom Energieeinsatz als von Methanemissionen aus der Tierhaltung und Lachgas aus Böden herrührt.
Über die notwendigen Technologien für die Klimaneutralität gibt es unterschiedliche Meinungen. Dass Wind- und Solarenergie eine tragende Rolle spielen werden, ist in der Fachwelt weitgehend Konsens: Praktisch alle Szenarien, von denen der IEA bis zu den Energieausblicken großer Ölkonzerne, sehen sie als Rückgrat der künftigen Stromversorgung. Über die Rolle der Kernenergie gehen die Einschätzungen dagegen weit auseinander: Befürworterinnen und Befürworter verweisen auf ihre verlässliche, emissionsarme Stromerzeugung, Kritikerinnern und Kritiker auf hohe Kosten, lange Bauzeiten, erhebliche Sicherheitsrisiken und die ungelöste Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle. Umstritten ist auch die Abscheidung und Speicherung von CO₂ (Carbon Capture and Storage, CCS). Aus Sicht ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer ist sie unverzichtbar, um schwer vermeidbare Emissionen etwa aus der Zementherstellung abzufangen. Gegnerinnen und Gegner befürchten jedoch, dass sie eingesetzt wird, um fossilen Kraftwerken und der Gasförderung eine Zukunft zu geben. Letztlich gibt es keinen Konsens, Interner Link: welche Rolle emissionsarmer Wasserstoff zukünftig spielen wird: ob als breit einsetzbare Lösung für mehrere schwer zu dekarbonisierende Sektoren oder eher, wegen seiner hohen Kosten und geringen Effizienz, als Nischenlösung für bestimmte industrielle Anwendungen.
Potenziale und Hindernisse
Die Energiewende hat ein immenses Wachstumspotenzial, denn erneuerbare Energien sind vielerorts schlicht die günstigste Form der Stromerzeugung. Zwischen 2010 und 2024 sanken die Stromgestehungskosten für Solarenergie um rund 90 Prozent und für Onshore-Windenergie um etwa 70 Prozent. Deshalb werden Wind- und Solaranlagen auch dort ausgebaut, wo Klimaschutz politisch nur eine begrenzte Rolle spielt. In Pakistan installieren Haushalte und Unternehmen in großem Stil günstige Solarmodule aus China, weil Netzstrom teuer und unzuverlässig geworden ist. In Texas, das keine eigenen Klimaziele verfolgt, wächst die erneuerbare Stromerzeugung so stark wie in keinem anderen US-Bundesstaat. Treiber sind die landesweit am schnellsten steigende Stromnachfrage (durch Rechenzentren, Elektrifizierung, neue Industrie und Bevölkerungswachstum), reichlich Wind und Sonne sowie ein liberalisierter Strommarkt mit schnellen Genehmigungen. Inzwischen erfasst der Preisverfall auch die Batteriespeicher. Sie werden benötigt, um Schwankungen von Wind- und Solarstrom auszugleichen und das Netz zu stabilisieren. Noch 2020 lagen die Preise bei über 180 US-Dollar je Megawattstunde, bis 2025 sanken sie auf unter 80 US-Dollar. Batteriespeicher sind damit die aktuell am schnellsten wachsende Technologie im Stromsektor.
Derzeit gewinnt eine weitere Dimension der erneuerbaren Energien an Bedeutung, und zwar ihr Beitrag zur Versorgungssicherheit. Interner Link: Wiederkehrende geopolitische Krisen und starke Preisschwankungen haben die Abhängigkeit von fossilen Importen als wirtschaftliches Risiko sichtbar gemacht. Auch gegenüber den Folgen des Klimawandels erweisen sich Wind- und Solaranlagen als robuster. Atomkraftwerke und andere Wärmekraftwerke benötigen große Mengen Wasser zur Kühlung und müssen daher in Hitze- und Dürreperioden häufig ihre Leistung drosseln. Wasserkraft ist von verlässlichen Niederschlägen und Abflussmengen abhängig. Allerdings schafft die Energiewende selbst neue Abhängigkeiten, etwa bei kritischen Rohstoffen und bei Technologieimporten, vor allem aus China.
Ein weiteres Potenzial und eine der wichtigsten Komponenten der Energiewende ist die Elektrifizierung. Sie kann den Gesamtenergiebedarf senken, weil elektrische Anwendungen weit weniger Energie durch Umwandlung verlieren. Ein Verbrennungsmotor gibt rund drei Viertel der eingesetzten fossilen Energie als Abwärme ab, ein Elektromotor setzt den weit überwiegenden Teil in Bewegung um.
Es gibt aber auch verschiedene Faktoren, die den Umbau bremsen. Kapital ist einer der wichtigsten, denn die Energiewende ist mit hohen Anfangsinvestitionen verbunden. Das ist selbst für wohlhabende Volkswirtschaften eine Hürde. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission erfordern die europäischen Energie- und Klimaziele nahezu eine Verdreifachung der Investitionen im Energiesektor. Lagen die jährlichen Investitionen zwischen 2011 und 2021 im Durchschnitt bei 240 Milliarden Euro, so müssten sie zwischen 2026 und 2030 rund 660 Milliarden und ab 2031 etwa 695 Milliarden erreichen. Der Bedarf verteilt sich dabei auf Erzeugung, Energieeffizienz und Netzinfrastruktur. Entscheidend ist dabei das Investitionsklima, denn mit öffentlichen Mitteln allein lässt sich eine Lücke dieser Größenordnung nicht schließen; der weit überwiegende Teil muss aus privatem Kapital kommen.
Wenn schon in der EU die Finanzierung zum Engpass wird, gilt dies umso mehr für Länder mit höheren Kapitalkosten. Die besten Standorte für erneuerbare Energien liegen vielfach im Globalen Süden. Dort sind die Finanzierungskosten jedoch deutlich höher, was viele Projekte unfinanzierbar macht. Auf die Schwellen- und Entwicklungsländer, davon China ausgenommen, entfallen nur rund 15 Prozent der weltweiten Investitionen in saubere Energie, obwohl dort ein Großteil der Weltbevölkerung lebt.
Netze und Genehmigungen. Wind- und Solarstrom fallen aufgrund der Wetterverhältnisse unregelmäßig an, was neue Anforderungen an den Netzbetrieb stellt. Dazu gehören Speicher, flexible Verbraucher (z.B. durch E-Autos und Wärmepumpen), sowie deutlich mehr Prognose und Steuerung als bisher. Hinzu kommt, dass die Anlagen oft fernab der Verbrauchszentren stehen und der Strombedarf durch die Elektrifizierung steigt. Deshalb müssen sowohl die Übertragungsnetze zwischen den Regionen als auch die Verteilnetze vor Ort ausgebaut werden. Insgesamt müssen die Investitionen in Netze und Speicher erheblich steigen. Außerdem bremsen administrative Hindernisse wie Warteschlangen beim Netzanschluss und langsame Genehmigungsverfahren den Ausbau. Sowohl in der EU als auch in den USA sind Wartezeiten von mehreren Jahren keine Seltenheit. Eine eigene Herausforderung sind sogenannte Dunkelflauten, also mehrtägige Phasen mit wenig Wind und Sonne. Sie werden bislang meist durch Kohle- und Gaskraftwerke überbrückt; letztere könnten künftig mit Wasserstoff betrieben werden.
Etablierte Interessen und fossile Subventionen. Öl- und Gaskonzerne haben in vielen Ländern eine tragende wirtschaftliche Rolle und versuchen sich diese in politischen Entscheidungsprozessen zu Nutze zu machen. Da eine schnellere Energiewende mit wirtschaftlichen Risiken für die Branche einhergeht, bestehen Interessenskonflikte hinsichtlich der Ausgestaltung und des Tempos klimapolitischer Maßnahmen. Eine große Rolle spielen auch direkte Subventionen für Kraftstoffe, Erdgas, Kohle und Strom, die sich 2024 weltweit auf rund 725 Milliarden US-Dollar beliefen. Sie halten fossile Energie künstlich günstig und schwächen den Anreiz, auf klimafreundliche Alternativen umzusteigen. Vielerorts hängt daran auch die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien. Der Abbau solcher Subventionen wird für Unternehmen wie Haushalte sofort spürbar und ist deshalb politisch schwer durchzusetzen.
Geopolitische Verschiebungen und neue Risiken
Die Energiewende verschiebt die geopolitischen Gewichte. China hat sich bei sauberen Technologien an die Spitze gesetzt: Das Land dominiert die Herstellung von Solarmodulen, Batterien und Elektrofahrzeugen; auch bei Windkraftanlagen und Elektrolyseuren, die es für die Produktion von Wasserstoff braucht, hält es die größten Marktanteile. Bei der Verarbeitung kritischer Rohstoffe wie Seltenen Erden, Lithium, Kobalt und Graphit liegt der Schwerpunkt ebenfalls in China. Diese wiederum sind für die Herstellung von E-Auto-Batterien oder von Permanentmagneten in vielen Windkraftanlagen notwendig.
Beim Ausbau im eigenen Land ist der Vorsprung ähnlich deutlich. Rund 1.200 Gigawatt Photovoltaik und 640 Gigawatt Windkraft sind in China installiert, zusammen etwa die Hälfte der weltweiten Wind- und Solarkapazität. Allein 2025 nahm China nahezu 370 Gigawatt Photovoltaik und 117 Gigawatt Windkraft in Betrieb. Dabei baut China allerdings weiterhin Kohlekraftwerke: 2025 gingen 78 Gigawatt neue Kohlekapazität ans Netz, so viel wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.
Westliche Regierungen sehen in Chinas Führungsrolle ein Risiko. Die USA versuchen, die chinesische Position vor allem mit Zöllen und Technologiebeschränkungen zu schwächen. Die EU setzt in erster Linie darauf, eine eigene Cleantech-Industrie aufzubauen. Nach dem Externer Link: Net-Zero Industry Act sollen bis 2030 mindestens 40 Prozent der jährlich in der EU benötigten sauberen Technologien aus eigener Fertigung stammen. Hinzu kommen gezielte Eingriffe in einzelnen Bereichen, etwa Ausgleichszölle von bis zu 35,3 Prozent auf Elektroautos aus China.
Mit der Energiewende entstehen auch neue Möglichkeiten, wirtschaftliche Verflechtung als Druckmittel einzusetzen. Wer die Lieferketten sauberer Technologien kontrolliert, könnte die Ausfuhr kritischer Rohstoffe oder Komponenten beschränken. Allerdings wirkt eine Unterbrechung der Technologielieferungen langsamer als bei Öl und Gas, da sie vor allem künftige Projekte trifft. Zudem produziert Chinas Cleantech-Industrie in erheblichem Umfang für den Export und ist auf offene Märkte angewiesen.
Hinzu kommen Sicherheitsrisiken auf der technischen Ebene. Wechselrichter in Solaranlagen, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur sind digital vernetzt und lassen sich aus der Ferne warten, konfigurieren oder auch abschalten. Zugleich übermitteln diese Anlagen laufend Betriebsdaten, oft an die Server der Hersteller – Daten, die Rückschlüsse auf kritische Infrastruktur erlauben. Je stärker das Energiesystem elektrifiziert und vernetzt ist, desto mehr Angriffspunkte bietet es für Cyberattacken. In der Abhängigkeit von China liegt ein Paradox. Durch gezielte staatliche Förderung seiner Cleantech-Industrie hat China eine Massenproduktion in riesigem Maßstab aufgebaut. Das hat die Kosten für Photovoltaik, Windkraft und Batterien drastisch gesenkt und dadurch den Ausbau erneuerbarer Energien weltweit erheblich beschleunigt. Wer diese Abhängigkeit verringern will, steht daher vor einem Zielkonflikt: Alternativen zu chinesischer Technik sind derzeit meist teurer. Je nach gewählter Strategie, etwa der Diversifizierung der Lieferländer oder dem Aufbau eigener Fertigung, kann der Umbau langsamer oder kostspieliger werden.
Deutschland und die EU: Klimavorreiter unter Druck
Interner Link: Die Europäische Union war der erste Wirtschaftsraum, der sich rechtlich zur Klimaneutralität verpflichtet hat. Das Ziel, diese bis 2050 zu erreichen, ist im Europäischen Klimagesetz von 2021 verankert. Ebenso die verbindlichen Zwischenziele von 55 Prozent Emissionsminderung bis 2030 und 90 Prozent bis 2040. Seit 1990 hat die EU ihre Treibhausgasemissionen um mehr als 37 Prozent gesenkt, während ihre Wirtschaftsleistung um 71 Prozent gewachsen ist. Der EU-Emissionshandel ist das größte Kohlenstoffmarktsystem der Welt. Mit dem CO₂-Grenzausgleich CBAM dehnt die EU den europäischen CO₂-Preis erstmals auf Importe aus, und sie arbeitet an grünen Leitmärkten für Stahl und Zement. Über den Zugang zum Binnenmarkt wirken europäische Standards damit weit über die Union hinaus.
Innenpolitisch ist die Lage jedoch schwieriger geworden. Energiepreise und Versorgungssicherheit sind weiterhin zentrale Themen, der Klimaschutz ist dagegen etwas in den Hintergrund gerückt. Die Strompreise für energieintensive Industrien liegen in der EU etwa doppelt so hoch wie in den USA und stellen damit einen realen Wettbewerbsnachteil dar. Allerdings ist dieser Umstand in erheblichem Maß auf die Abhängigkeit von importiertem Gas zurückzuführen. Dekarbonisierung ist deshalb nicht nur eine vorübergehende Belastung der Wettbewerbsfähigkeit, bedingt durch hohe Investitionskosten, sondern auch ein Mittel, die Resilienz der Industriestandorte langfristig zu erhöhen.
Selbst wenn der Umbau in der EU gelingt, reicht das nicht aus, um das Klima zu stabilisieren. Auf die EU entfallen heute weniger als sechs Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Historisch haben jedoch die Industrieländer, insbesondere die USA und die europäischen Staaten, einen großen Teil der bisherigen Emissionen verursacht. In der internationalen Klimapolitik gilt daher der Grundsatz „gemeinsamer, aber unterschiedlicher Verantwortung“. Was daraus konkret folgt – etwa für die Unterstützung von Schwellen- und Entwicklungsländern bei ihrer Energiewende – ist umstritten. Zugleich verschieben sich die Gewichte: China ist heute mit Abstand der größte Emittent, Indien bereits der drittgrößte nach den USA. Wie die Pflichten und Kosten des Klimaschutzes zwischen alten und neuen großen Emittenten verteilt werden sollen, gehört daher zu den zentralen Streitfragen der globalen Klimapolitik.
Warum der Wandel nicht linear verläuft
Die Energiewende verläuft nicht linear, sondern ist von mehreren Faktoren und Widersprüchen geprägt. Die politische Unterstützung ist nicht konstant. In Europa konkurriert Klimapolitik derzeit mit industrieller Resilienz sowie Sicherheits- und Verteidigungsfragen um Mittel und politische Aufmerksamkeit. Parteien, die ambitionierte Klimapolitik kritisch sehen, haben in mehreren europäischen Ländern deutlich an Zuspruch gewonnen. In den USA ist der Inflation Reduction Act (IRA) von 2022 ein Beispiel für eine politische Kehrtwende. Der IRA setzte ursprünglich auf umfangreiche Steuergutschriften, um eine wettbewerbsfähige heimische Cleantech-Industrie aufzubauen. Seit 2025 baut die Trump-Administration die Förderung sauberer Energien ab und gibt Öl, Gas und Kohle den Vorrang. Der Ausbau erneuerbarer Energien läuft dennoch weiter, getragen von sinkenden Kosten, steigender Stromnachfrage und der Politik einzelner Bundesstaaten. Mehr als 90 Prozent der 2025 neu installierten Kraftwerkskapazität in den USA entfielen auf Solar, Wind und Batteriespeicher.
Auch geopolitische Krisen wirken widersprüchlich. Kurzfristig rücken sie die (fossile) Versorgungssicherheit in den Vordergrund; auf längere Sicht können sie die Energiewende beschleunigen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 sicherte sich Europa in großer Eile Flüssiggas, mit langfristigen Verträgen und neuen Terminals. Als die Straße von Hormus im Februar 2026 weitgehend blockiert wurde, fielen große Mengen Flüssiggas aus. Viele Länder, vor allem in Asien, setzen seither wieder stärker auf Kohle. Gleichzeitig machen solche Krisen die Risiken fossiler Importabhängigkeit sichtbar: Nach 2022 beschleunigte sich der Ausbau erneuerbarer Energien in Europa deutlich, und auch die Hormus-Krise dürfte nach Einschätzung von IEA-Chef Fatih Birol erneuerbaren Energien, der Kernenergie und der Elektrifizierung deutlichen Auftrieb geben.
Zitat
Die erneuerbaren Energien werden besonders von dieser Krise profitieren. In Europa hat sich der jährliche Ausbau der regenerativen Energien schon nach Russlands Invasion der Ukraine verdreifacht.
Hinzu kommt, dass die Nachfrage sprunghaft wachsen kann. Künstliche Intelligenz (KI) ist dabei einer der wichtigsten Faktoren, der sowohl fossilen als auch sauberen Zubau vorantreiben kann. Rechenzentren verbrauchten 2025 weltweit etwa so viel Strom wie ganz Deutschland erzeugt. In den USA entfielen 4,9 Prozent des gesamten Stromverbrauchs auf sie, in Europa insgesamt 1,9 Prozent. In einzelnen Ländern sind die Anteile aber erheblich größer. In Irland beanspruchten Rechenzentren 2025 bereits 23 Prozent des gemessenen Stromverbrauchs. In den USA setzen Betreiber verstärkt auf Gaskraftwerke, weil diese die konstant hohe Last von Rechenzentren zuverlässig decken können. Gleichzeitig sind Technologiekonzerne weltweit die wichtigsten Abnehmer von Ökostrom: Sie schlossen 2025 rund 40 Prozent aller langfristigen Lieferverträge, mit denen Unternehmen erneuerbaren Strom einkaufen. Zudem ist die Branche inzwischen ein wichtiger Treiber für neue Kernkraftwerke und Geothermieprojekte.
Unmittelbar spürbar ist bislang vor allem der enorme Ressourcenbedarf der Rechenzentren: Neben Strom benötigen sie große Mengen Wasser zur Kühlung, viel Fläche sowie Rohstoffe für Chips und Server. Ob KI die Energiewende unterm Strich voranbringt, bleibt offen. Einerseits könnte sie helfen, erneuerbare Energien in das Netz zu integrieren – etwa durch bessere Prognosen der Einspeisung und ein intelligenteres Lastmanagement. Andererseits könnte sie ebenso die Produktivität der Öl- und Gasförderung deutlich erhöhen. Öl- und Gaskonzerne setzen KI bereits ein, um geologische und seismische Daten auszuwerten und aussichtsreiche Bohrstellen zu finden. Externer Link: Eine Modellstudie kam 2026 zu dem Ergebnis, dass die zusätzlichen Emissionen aus einer produktiveren Öl- und Gasförderung die Einsparungen durch die Erneuerbaren übersteigen.
Fazit
Die Energiewende beschleunigt sich, verläuft aber ungleichmäßig und verändert dabei mehr als das Energiesystem. Sie verschiebt wirtschaftliche und politische Gewichte und wird selbst von geopolitischen Ereignissen getrieben. Global sinken die CO₂-Emissionen bislang noch nicht, in einigen Regionen wie der EU dagegen bereits deutlich. Für eine weltweite Trendwende reicht der Zubau von Wind- und Solarkapazität nicht aus. Erforderlich sind Elektrifizierung überall, wo dies möglich ist, der Ausbau der Netzinfrastruktur, Lösungen für Stahl, Chemie, Luft- und Seeverkehr, Verfahren für unvermeidbare Emissionen, mehr Kreislaufwirtschaft sowie die Senkung von Methan- und Lachgasemissionen aus der Landwirtschaft. Der Umbau bewegt sich dabei in mehreren Spannungsverhältnissen zugleich: kurzfristige Kosten gegen langfristige Preisrisiken, technologische Souveränität gegen schnellen und günstigen Ausbau, Klimaschutz gegen konkurrierende politische Prioritäten sowie die Verantwortung der Industriestaaten gegen den Entwicklungsbedarf in Ländern des Globalen Südens.
Dr. Yana Zabanova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am RIFS Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Geopolitik und Geoökonomie der globalen Energiewende, die Energie- und Klimapolitik der EU sowie die Entwicklung sauberer Energien im postsowjetischen Eurasien.