Ein Blick in den Zuschauerraum beim Eröffnungsvortrag von Oberst i.G. Reinhold Janke, Abteilungsleiter Zentrum Innere Führung

25.2.2020

Eröffnungsvorträge: 30 Jahre Deutsche Einheit - 30 Jahre Armee der Einheit

Der bpb-Präsident Thomas Krüger sprach bei seinem Eröffnungsvortrag auch von ehrverletzenden Aussagen und Umgangsweisen im Zuge der Auflösung der Nationalen Volksarmee.Der bpb-Präsident Thomas Krüger sprach bei seinem Eröffnungsvortrag auch von ehrverletzenden Aussagen und Umgangsweisen im Zuge der Auflösung der Nationalen Volksarmee. (© bpb, BILDKRAFTWERK/Zöhre Kurc)

30 Jahre Deutsche Einheit

Zum Einstieg zitierte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, den letzten Tagesbefehl des Ministers für Abrüstung und Verteidigung der DDR, Rainer Eppelmann: "Mit dem 2. Oktober (1990) 24:00 Uhr hört nach dem Willen unseres Volkes die Deutsche Demokratische Republik auf zu bestehen, aber nicht ihre Menschen." Dies betraf entsprechend auch die Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA). Krüger hatte seine 18-monatige Wehrdienstzeit dort abgeleistet – jene Zeit habe ihn aufgewühlt und politisch geprägt, bis hin zu einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber dem politischen System der DDR. Er erinnerte an zwei Wesensmerkmale von Diktaturen, der Angsterzeugung und der Schaffung einprägsamer Feindbilder – und damit an die "Imperialisten", "Kriegstreiber" und "Klassenfeinde", wie sie in den Schriften der NVA vorkamen. Das Plansoll der Staatssicherheit von einem Spitzel pro Kasernenstube ließ sich kaum erfüllen; dafür gab es damals schon Probleme mit Rechtsextremismus.

Die Grenzöffnung am 9. November 1989 sorgte auch für ein großes Aufatmen in der NVA: Für die Demonstration am 4. November waren ganze Regimenter in Bereitschaft gesetzt worden – mit dem blutigen Beispiel Chinas vor Augen fürchteten nicht nur Wehrpflichtige den Einsatz massiver militärischer Mittel. Die erste freie und geheime Volkskammerwahl im März 1990 bildete auch die Basis für die Eingliederung der NVA in die Bundeswehr. Krüger verwies dann aber auch auf den ernüchternden Verlauf der Einheit: So sei die Bundeswehr um 10 Prozent reduziert worden, doch nur 10 Prozent der NVA-Soldaten seien in die neuen Streitkräfte übernommen worden, darunter kein einziger General. Die ehrverletzende Reduzierung der Dienstränge um ein bis zwei Stufen wurde ebenso adressiert wie die so salopp wie erniedrigend "Buschzulage" genannten finanziellen Anreize für Soldaten aus Westdeutschland, wenn sie in den Osten gingen. Bei der Kommandoübergabe in Strausberg wurde nur die bundesdeutsche Hymne gespielt, und die Besuchenden erhielten zwar die Reden der westlichen Vertreter ausgehändigt, nicht aber diejenige des scheidenden DDR-Ministers Eppelmann. Auf der Habenseite war hingegen unter anderem eine schnelle Durchmischung und somit vollzogene Einheit durch die bewusst an heimatfernen Standorten eingesetzten Wehrpflichtigen zu konstatieren.

30 Jahre Armee der Einheit

Oberst i.G. Reinhold Janke, Abteilungsleiter im Zentrum Innere Führung, betrachtet die "Armee der Einheit" als einen gelungenen Integrationsprozess angesichts der vielfältigen Herausforderungen der Zeit.Oberst i.G. Reinhold Janke, Abteilungsleiter im Zentrum Innere Führung, betrachtet die "Armee der Einheit" als einen gelungenen Integrationsprozess angesichts der vielfältigen Herausforderungen der Zeit. (© bpb, BILDKRAFTWERK/Zöhre Kurc)

Oberst i.G. Reinhold Janke, Abteilungsleiter im Zentrum Innere Führung, erinnerte daran, dass erst mit den Gesprächen zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow am 16. Juli 1990 Klarheit über die Bündniszugehörigkeit des vereinten deutschen Staates hergestellt wurde – das "Zwei-Armeen-Modell" des letzten DDR-Verteidigungsministers Eppelmann wurde damit chancenlos. Zum Beitritt der DDR umfasste die Bundeswehr 584.900 (davon 89.900 vorläufig von der NVA übernommene) Soldaten und 230.000 Zivilbedienstete (davon 47.000 aus der NVA). Davor war die NVA durch das Angebot des freiwilligen Ausscheidens, die Verkürzung der Wehrdienstzeit, aber auch die Entlassungen aller "Politoffiziere", Generale und Admirale sowie weiblichen Soldaten (außer den Sanitätsoffizieren), sofern letztere das Angebot zur Weiterbeschäftigung als zivile Mitarbeiter der NVA ausschlugen, auf fast die Hälfte reduziert worden. 1.500 NVA-Truppenteile in 2.350 Liegenschaften gingen in den Bestand der Bundeswehr über. Fast alle Objekte befanden sich im sanierungsbedürftigen Zustand. Zudem hatten Umweltfragen in der NVA keine Rolle gespielt: Mehr als 63.000 Tonnen Gefahrenstoffe mussten entsorgt werden, darunter allein 4.500 Tonnen hochgiftigen flüssigen Raketentreibstoffs. Hinzu kamen viele fahrlässig gelagerte schwach radioaktive Versorgungsartikel.

Als sehr gut ausgestattete Armee verfügte die NVA über große Mengen an Material, darunter mehr als 1,3 Millionen Handfeuerwaffen und 304.000 Tonnen Munition. Die Inventarisierung, Übernahme und Abrüstung gingen generell gut vonstatten. Oft entsprach das Material aber nicht den für die Bundeswehr verpflichtenden NATO-Standards und musste zudem aufgrund von Auflagen des KSE-Vertrags (Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa) reduziert werden. Was an übernommenem Material in gutem Zustand war, wurde somit in der Regel nicht benötigt, Benötigtes hingegen war nicht in gutem Zustand. Hieraus ergaben sich Entsorgungskosten von ca. 720 Millionen heutiger Euros.

Die Armee der Einheit war keine Synthese zweier gleichberechtigter Partner, was auch nie vorgesehen war. Der mit der Organisation betraute Generalleutnant Jörg Schönbohm konstatierte damals, die Bundeswehr käme nicht "als Sieger zu Besiegten, sondern von Deutschen zu Deutschen", was aber nicht von allen beherzigt wurde. In der Tat waren die Mentalitäten auf beiden Seiten überaus verschieden. Die Berufssoldaten der NVA konnten sich dann für eine zweijährige Probezeit als Soldat auf Zeit entscheiden, was 50 Prozent der Offiziere und 90 der Unteroffiziere annahmen. Mit den Unterlagen mussten auch Selbstauskünfte eingereicht werden – 500 Offiziere und 900 Unteroffiziere wurden aufgrund von Falschangaben entlassen. Nichtsdestotrotz war die "Armee der Einheit" ein gelungener Integrationsprozess in erstaunlich kurzer Zeit – und damit "ein Vorbild für die deutsche Gesellschaft", wie es Bundespräsident Dr. Wolfgang Schäuble in seiner Rede vom 12. November 2019 ausdrückte.

Dokumentation: Martin Bayer


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