The Years of Change 2020

25.5.2020

Vorwort

Die Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet zwischen 2019 und 2021 in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse den Programmschwerpunkt "The Years of Change 1989–1991. Mittel-, Ost- und Südosteuropa 30 Jahre danach". Wir verstehen unser Programm als eine Einladung zur Vermessung der Zeit und des Raumes, zum Nachdenken über Topoi, Akteure, Positionen, Ideen und Praktiken. Wir fragen, wie die anni mirabiles in die Gegenwart hineinwirken. Wie sind all die Revolutionen nach 1989 zu bewerten, bei denen sich die Massen für Menschenrechte und demokratische Ordnung eingesetzt haben? Wie lassen sich die viele Erfahrungen des Widerstands, des Undergrounds und politischen Engagements für die Wiederherstellung des Vertrauens in Demokratien nutzen? Wir betrachten dabei Literatur als Kommunikationsmittel, sensible Zeitzeugin der Gegenwart und Seismographin der Zukunft, die die politische Bildung mit ungewöhnlichen Perspektiven, Brüchen und Bildwelten bereichert, die aufhorchen lässt, Leerstellen füllt und neue Fragen aufwirft. Wir haben Autoren und Autorinnen, Journalisten und Journalistinnen sowie Experten und Expertinnen eingeladen, kurze Texte zum Thema "1989 und 30 Jahre danach" zu schreiben. Es wurden keine weiteren Grenzen gesetzt. Aus dieser künstlerischen Freiheit ist ein Panorama an Texten, Genres, Formaten und Sprachen entstanden, die unterschiedlicher nicht sein können und die subjektiv, poetisch und scharfsinnig sind.

In ihrem programmatischen Kurzessay lässt die europäische Intellektuelle Maria Todorova über drei Jahrzehnte Revue passieren und stellt verbittert fest, dass die errungene Freiheit für Intellektuelle ambivalent geworden ist. Im Ergebnis erscheint die Emanzipation bedeutungslos. Dubravka Stojanovič erinnert sich an die traumatischen Ereignisse, den grenzlosen Nationalismus und die Forderungen nach Homogenität im zerfallenden Jugoslawien und stellt fest, dass die Kriege dort nicht vorbei sind – sie dauern in den Köpfen weiter an. Sofi Oksanen reflektiert über ihre Kindheit, die Willkür des totalitären Systems und die erzwungene Zerrissenheit ihrer Familie: ihre Großmutter mütterlicherseits lebte in Estland hinter dem Eisernen Vorhang. Wladimir Kaminer blickt humorvoll auf seine ehemalige Heimat, die dem Größenwahn verfallen war. Der litauische Schriftsteller Rimantas Kmita erinnert sich an die Singende Revolution im Baltikum, an ihre Folgen und den Zweifel an der Freiheit. Vaiva Grainités Text schlägt einen Bogen von der Mangelwirtschaft bis zur globalisierten und digitalisierten Welt – am Beispiel einer Kiwi. Die Leipziger Aktivistin von Fridays for Future Sophia Salzberger erklärt in ihrem Text, warum es ihr wichtig ist, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Oana Popescu-Zamfir würdigt die Errungenschaften der Gesellschaften nach der Wende und mahnt dennoch, sich mit den aufsteigenden Nationalismen und der sozialen Entfremdung kritisch zu befassen. In einem persönlichen Abriss beschäftigt sich Dalia Bankauskaité mit der Frage, was die 1989 errungene Freiheit für die Generation ihrer Kinder bedeutet. Dmitri Teperik befasst sich mit Erinnerungen, die für die Widerstandskraft von Gesellschaften notwendig sind. Der amerikanisch-britische Sprach- und Literaturwissenschaftler Rory Finnin ruft uns die Rückkehr des krimtatarischen Volkes in ihre historische Heimat – die Krim – ins Gedächtnis, beschreibt eine fragile Situation der Krimtataren nach der Annexion durch die Russische Föderation und appelliert an Europa, wach zu bleiben und den vergessenen Peripherien Aufmerksamkeit zu schenken. Mindaugas Ubartas aus Litauen und Florian Marcus aus Estland, Experten für Digitalisierung, schreiben eine Ode auf die neuesten technologischen Entwicklungen und nennen die Vorteile der Digitalisierung für die Bürger/-innen. Aiga Irmeja aus Lettland beschäftigt sich mit der Frage, welche Folgen die globalisierte Digitalisierung für kleine Sprachen hat, wenn Algorithmen der Tech-Giganten nur auf die größten Sprachen der Welt ausgelegt sind. Martin Müller schließt die Publikation mit der Erinnerung an die Wende ab und stellt sich die Frage, welche Bedeutung dieses Ereignis für einen Siebenjährigen im tiefen Westen Deutschlands haben konnte.

Wir danken allen Autoren und Autorinnen, Übersetzern und Übersetzerinnen für die Unterstützung und wünschen Ihnen anregende Gedanken beim Lesen.

Thomas Krüger
Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung


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