The Years of Change 2020

25.5.2020 | Von:
Vaiva Grainytė

Kiwi-Assoziationen

Als ich zum ersten Mal eine Kiwi probierte, befand sich mein Heimatland – Litauen – noch hinter dem Eisernen Vorhang, doch mit dem sich drehenden Wind kamen nicht nur exotische Früchte, sondern auch die Auflösung der Grenzen. Das unbekannte haarige Wesen wurde von meinem Großvater mit einem Messer geschlachtet und in vier Stücke zerteilt: einen Bissen für jede*n. Dieses aufregende Ritual fand irgendwo in der kleinen Stadt Weißwasser in Ostdeutschland statt, also im Ausland, denn meine Mutter, die dort als Dolmetscherin im Heizkraftwerk der Gemeinde Boxberg arbeitete, hatte einen Einladungsbrief – ein äußerst kostbares Dokument – geschrieben, mit dem wir – ich und meine Großeltern – die Erlaubnis hatten, die verbotene Grenze zu überschreiten und sie zu besuchen. Während Großmutter mit ihrem alten Schiguli die Straßen entlang heizte, verlief die letzte Etappe unserer Reise im Schneckentempo. Hätte man die Länge der Autoschlange an der polnisch-deutschen Grenze in die Maßeinheit einer Fünfjährigen übersetzen können, dann wäre es die Menge an Haribo-Gummibärchen gewesen, die 15 Packungen fassen. Angesichts dieser Mengen – Verkaufsregale, die vor Süßigkeiten überquollen – und der Verfügbarkeit von Gummibärchen, hochglänzenden Tafeln Schokolade und bunten Kaugummis schwirrte mir der Kopf. (Das einzige, was in den Geschäften meines Heimatlandes glänzte, waren wahrscheinlich die Deckel von Kefir-Flaschen aus Glas – runde Folienstücke). Komischerweise erlebte ich diesen kindlichen Konsum-Schwindelanfall an einem Ort, der nicht einmal als Westen galt.

Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Eisernen Vorhangs füllten sich auch bei uns die Regale mit Dingen, und damit erfüllte sich langsam meine Sehnsucht nach Quantität. Im Haushalt herrschten nun Kunststoff und Schwämme, die dazu da waren, die klebrigen Rückstände von allen möglichen Getränkepulvern auf Tischoberflächen aufzusaugen (einen Topf mit einkochenden selbstgepflückten Kirschen zu bewachen wurde als Zeitverschwendung und unnötige Pflicht angesehen). Das Frühstück bestand aus Fischstäbchen oder Krabbenstäbchen, die für Freiheit und Emanzipation standen. Das Vegeta-Würzpulver wurde überall eingesetzt, so dass bald jedes Gericht gleich schmeckte und sogar Kinder an Nierensteinen litten. Das heißt, niemand machte mehr Obst und Gemüse oder eigene Essiggurken ein, denn so wie der Markenname Tempo verhieß – die Einwegtücher, die die Taschentücher ersetzt hatten –, ging es temporeich voran.

Diese Geschwindigkeit befreite Telefone von ihren Kabeln und machte sie nach und nach zu Verlängerungen unserer Hände, wie Lebewesen, die rund um die Uhr mit uns verwachsen sind. Enzyklopädien – diese schwergewichtigen Informationskörper – kamen in Antiquariate oder Second-Hand-Buchläden, um dort eine etwas romantische Vergangenheit zu bezeugen, als Menschen noch Zeit zu blättern hatten.

Mein Telefon kann mir ein Bild von einem Schiguli zeigen, das Datum des Zusammenbruchs der UdSSR aufrufen, mir den Weg zu den Fabriken, in denen Gummibärchen hergestellt werden, aufzeigen, und die Nährstoffe der chinesischen Stachelbeere auflisten. Ich kann nicht nur auf die Informationen zugreifen, sondern sogar auf eine echte Beere – immer, wenn ich Appetit auf etwas Saures habe, in unbegrenzter Menge, ein Vitaminrausch. Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich irgendwo an der Ostküste Kanadas. Ich habe gerade ein geschäftliches Gespräch über WhatsApp geführt, auf meinem Weg zum Supermarkt, um Bio-Kiwis zu kaufen. Ich weiß, dass die Person an der Kasse mich fragen wird, wie es mir geht, und einen Witz machen wird. Ich bin eine 35-jährige Litauerin, was bedeutet, dass meine Gesichtsmuskeln bei Bedarf zwischen West und Ost navigieren können. Je nach Adressat*in und dem geographischen Gebiet, in dem ich mich gerade befinde, kann ich lächeln, Smalltalk über das Wetter führen oder einen ehrlich starren Gesichtsausdruck mit einer eher osteuropäisch stummen Schroffheit an den Tag legen. Eine solche dem Eisernen Vorhang ganz ähnliche Spaltung der Gesichtsmuskeln, oder besser gesagt – psychische Labilität –, spiegelt den Verlauf der Veränderungen wider, die sich in meine Körpersprache eingeschrieben haben. Mittlerweile lässt sich nicht mehr so leicht über das Wetter sprechen. War es vor nicht allzu langer Zeit noch ein neutrales Thema, um Höflichkeit zu demonstrieren, ist das Wetter heute mehr als bloße Meteorologie. Es hat mit Geschwindigkeit, Mobilität, Kraftwerken, Mutterschaft, Politik, Quantitäten sowie der Marke des Telefons und des Messers zu tun, die ich in die Google-Suche eingebe, bzw. womit ich meine (Bio-) Kiwi aufschneide; unaufgeregt.


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