Dossierbild Years of Change 2021

29.11.2021 | Von:
Christian Neef

Christian Neef

Wenn ich die Zeit vor dreißig Jahren mit der heutigen Lage Russlands vergleiche, ertappe ich mich mitunter bei dem Gedanken: Es ist fast alles wieder wie früher, in der UdSSR. Die Einparteienherrschaft ist zum autoritären Präsidialregime mutiert, die Wirtschaft weiter bar jeder Innovation, die Zivilgesellschaft zum Schweigen gebracht, das Land schaut statt nach vorn nur zurück. Lediglich außenpolitisch gibt es einen Unterschied: Die Sowjetunion hatte sich in ihrer Endphase dem Westen geöffnet, Russland praktiziert heute das Gegenteil.

Mir fallen dann Malta ein und das Gipfeltreffen von Michail Gorbatschow und George Bush senior im Dezember 1989, wenige Wochen nach dem Mauerfall. Es war ein Ereignis, das optimistisch stimmte: Bush und Gorbatschow erklärten den Kalten Krieg für beendet.

Doch schon die Kulisse des Gipfels schien anzukündigen, dass uns noch andere Ereignisse bevorstünden: Einen solchen Sturm, wie er damals über Malta tobte, hatte ich noch nie erlebt. Der Wind türmte die Wellen in der Marsaxlokk Bay, wo die “USS Belknap“ und der sowjetische Lenkwaffenkreuzer “Slawa“ lagen, so hoch, dass sich die beiden Präsidenten auf das sicherere Kreuzfahrtschiff “Maxim Gorki“ retteten. Das Treffen wurde zum Seasick Summit, zum Gipfel der Seekranken.

Die Fernschreiber spuckten in jenen Tagen Eilmeldungen aus, die von den Vorgängen in Berlin und Prag berichteten. Zugleich häuften sich die Hiobsbotschaften aus Moskau: Die Konservativen in Gorbatschows Partei nahmen die Umbrüche in Ost- und Mitteleuropa als Beleg für den Irrweg seiner Politik, die Sowjetunion taumelte von einem Stimmungstief ins andere. Litauen hatte sich als erste Unionsrepublik zum souveränen Staat erklärt, und aus der Kommunistischen Partei hagelte es Forderungen nach einem Stopp der Demokratisierung. Als dann am 25. Februar 1990 in Moskau 600.000 Menschen auf die Straße gingen, um einen politischen Dialog und wirkliche Reformen zu verlangen, reichte es: Spezialeinheiten der Miliz sperrten den Weg ins Stadtzentrum ab, die führenden Zeitungen diffamierten den Volkswillen als “destruktiv“, und auf Betriebsversammlungen wurde beschlossen, den Lockrufen zu Massendemonstrationen nicht mehr zu folgen. Gorbatschow setzte zwar durch, dass die Kommunistische Partei ihren Machtanspruch aufgab, aber sie blieb eine zentralistische Avantgarde-Partei. Noch ein gutes Jahr verging bis zum Putsch von 1991 und bis zu jenem Dezembertag, an dem Gorbatschow sein Amt aufgab. Nur sechs Tage später löste sich die Sowjetunion auf.

Ich hatte im Moskauer Präsidenten-Hotel Gorbatschows Rücktrittserklärung miterlebt. 2011 traf ich ihn erneut und fragte ihn, warum er nie den Posten des Parteichefs aufgegeben und frei vom Zwang der Staatspartei regiert habe. “Ich bin mit neunzehn in die KPdSU eingetreten“, antwortete er, “ich sollte den Laden nun sprengen? Heute weiß ich: Ich hätte es tun sollen.“

Dreißig Jahre später scheint es, als hätten sich die Hoffnungen der damaligen Parteihardliner erfüllt: Das Volk ist noch immer von politischer Mitsprache ausgeschlossen und die Wirtschaft ineffizient wie eh und je. Dass Putin trotzdem besser dasteht als seinerzeit Gorbatschow, hat vor allem mit seiner Skrupellosigkeit zu tun und mit einem anderem Umstand: Zu Gorbatschows Zeiten lag der Ölpreis fast konstant unter 30 Dollar pro Barrel, 1986 stürzte er sogar ab auf neun Dollar – heute schwankt er um die 70 Dollar. Putin kann Russlands Bevölkerung auch ohne Reformen ruhigstellen.

Dass das Land in mancherlei Hinsicht wieder dort ist, wo Gorbatschow einst begann, verdeutlicht eine Nachricht ganz besonders. In einem Referendum sollen die Moskauer noch dieses Jahr entscheiden, was für ein Denkmal auf der Lubjanka aufgestellt werden soll – dem Platz vor dem Sitz der russischen Staatssicherheit. 1991 hatten Demonstranten die dort einst stehende Bronzeskulptur des Geheimdienstgründers Felix Dscherschinski vom Sockel gestürzt, dem Erschaffer der bolschewistischen Konzentrationslager.

Dreißig Jahre später befinden sich nun Zar Iwan III., Großfürst Alexander Newski sowie Ex-KGB-Chef Juri Andropow in der engeren Auswahl – und erneut Felix Dscherschinski!

Als es 1989 in einem Wettbewerb um die Zukunft des Lenin-Mausoleums vor dem Kreml ging, gefiel mir einer der Entwürfe besonders. Unmittelbar vor dem Mausoleum öffnete sich die Erde und gab den Blick frei in einen Krater, der einer umgestürzten Pyramide glich: ein Spiegelbild des Mausoleums, doch nicht wie dieses aus rotem Granit und Labrador, sondern in schwarzen Stein gehauen. Das Negativ sollte vor Lenins Nachfolger Stalin warnen und an die Millionen seiner Opfer erinnern.

Undenkbar, dass so etwas unter Putin noch machbar wäre.


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