Dossierbild Years of Change 2021

29.11.2021 | Von:
Rumena Buzarovska

1991 und 30 Jahre danach

Es fühlt sich seltsam an, darüber zu schrei­ben, wie die Dinge vor dreißig Jahren waren und wie sie jetzt sind, denn da ist immer diese Angst, wie eine Art überlebende Laborratte betrachtet zu werden. Ich bin keine überlebende Laborrat­te, denken Sie bitte daran, wenn Sie dies hier lesen! Und denken Sie vielleicht auch darüber nach, woher dieses Gefühl kommen könnte. Nachdem ich das klargestellt habe: Was soll ich dazu sagen, wie es heute ist, nach dem Zerfall? Nicht besonders gut. War es damals besser? Das glaube ich nicht. Die Lage ist heute vermutlich besser denn je zuvor. Doch sie ist definitiv nicht gut genug.

Ich schreibe diese Zeilen in einer Zeit, in der die Menschen um mich herum krank sind oder sterben. Ein Freund von mir rief gerade an, um mir zu erzählen, dass sein älterer Vater mit Corona im Krankenhaus liege. Er sagte, die Klinik sei unterbesetzt, es seien keine Ärzte da, die ihm etwas über den Zustand und die Art der Therapie seines Vaters hätten sagen können. Er sagte mir, er hätte versucht, ihn zu füttern, aber sein Vater konnte nichts mehr bei sich behalten, weil er vom Essen ständig husten musste. Seine Bettwäsche war schmutzig. Mein Freund bat um frische Laken, und die Pflegekraft sagte ihm, er solle einfach die weniger verdreckten Laken ei­nes anderen Patienten nehmen, der vorher da war. Daraufhin hat mein Freund das ganze Kran­kenhaus durchforstet, bis er schließlich saubere Laken gefunden hat.

Jedes Mal, wenn mir jemand so eine Ge­schichte erzählt, sehe ich, was alles falsch läuft mit diesem System, in dem wir leben, das im Grunde eine Fortsetzung der kulturellen und politischen Traditionen von vor dreißig Jahren ist. Ja, ich weiß, wir leben in Zeiten einer welt­weiten Pandemie, und ich möchte die Leistungen unseres unter­bezahlten medizini­schen Personals auch gar nicht unterschät­zen. Aber das Personal ist eben immer noch genau das: unterbe­zahlt. Wahrscheinlich ist so ziemlich jede und jeder hier unterbezahlt, und die allgemeine unterschwellige Botschaft dahinter lautet: "Sei doch froh, dass du Arbeit hast!" Dahinter steht die Vorstellung, dass Arbeit gegeben wird und dass jemand dich dazu bringen muss, sie zu tun, und wenn niemand dich zwingt, deine Arbeit zu tun, ist es völlig akzeptabel, dass du deine Arbeit eben nicht tust. Es wird sogar als Plus­punkt angesehen, wenn jemand in der Tradition unseres Volkshelden, dem "Listigen Peyo", alter­native, grausame und unethische Wege findet, das System auszutricksen, um sich Vorteile zu verschaffen - sich und seiner Familie (ah ja, die Familie ist hier immer noch das Ein und Alles, allerdings nur die eigene Familie. Die Familien anderer Leute sind unwichtig). Meines Erachtens nach beruht dieses abträgliche und destruktive Verhalten auf einer ganz einfachen Logik, die da lautet: "Das System respektiert mich nicht, also respektiere ich das System nicht"

Ich weiß, dass das fast überall auf der Welt so ist, und doch sind die Hässlichkeit und Un­menschlichkeit autoritärer, patriarchaler Tra­ditionen hier während der Pandemie vielleicht noch einmal besonders deutlich in Erscheinung getreten. Erstens herrscht hier insgesamt eine enorme Respektlosigkeit gegenüber den Bür­ger*innen, was zu einer Geringschätzung ihres Lebens insgesamt führt. So gab es etwa zu Be­ginn der Pandemie das erdrückende Narrativ, die Menschen wären Tiere, die nicht in der Lage seien, selbst zu denken und daher die starke Hand eines entschlossenen Führers bräuchten, der sie in die richtige Richtung führen könne, zum Wohle aller (vor allem aber ihrer heiligen Familien). Dieses Narrativ wird nicht nur von der Regierung aufrechterhalten, die selbst davon profitiert. Es ist ein Narrativ, das im Denken der Menschen tief verankert ist und auf Traditionen zurückgeht, die - und hier kommen wir zum Thema - schon vor dreißig Jahren höchst prä­sent waren. Unzählige Male habe ich gehört, wie der Vergangenheit hinterhergetrauert wurde, wie das jugonostalgische Klagelied angestimmt wurde: Ach, hätten wir doch nur einen starken Führer, der alles wieder in Ordnung bringt! Wir sind solche Bestien, solche Barbaren, dass un­sere einzige Hoffnung ein brutaler Mann ist, der uns maßregeln kann.

Dieses Narrativ schmerzt mich. Es ist mei­ner Meinung nach maßgeblich daran beteiligt, dass die Dinge schieflaufen und dass die Lage jetzt so schlecht ist, wie sie ist. Dass die Leute um mich herum krank sind und sterben und verzweifeln. Die­ses Narrativ beruht auf einem autoritären und zutiefst patriarchalen Ideal, demzufolge die Menschen wie kleine Kinder zu behandeln sind, die Strenge brauchen und Disziplin, und das sie lehrt, dass ihr Wille irrelevant ist, unzu­träglich, unwissend, unerfahren und manchmal sogar dumm. Und das wiederum ist der Nährbo­den für eine immense Verantwortungslosigkeit Die individuelle Verantwortungslosigkeit des einzelnen Bürgers (der Ihnen schmutzige Bett­wäsche gibt) ergibt sich zum einen aus einem Mangel an Anweisungen und zum anderen aus einem Mangel an erkennbarer Verantwortlich­keit der regierenden (Männer).

Dennoch sehe ich inmitten von alledem auch Hoffnung. Es gibt eine Entwicklung hin zu mehr Solidarität und Offenheit, eine zunehmen­de Bereitschaft, alte Wunden zu öffnen und sich alten Traumata zustellen. Und meinem Eindruck nach sind Frauen die treibenden Kräfte in die­sem neuen Erwachen, da sie sich dessen sehr bewusst sind, dass das autoritäre, patriarchale Modell des Regierens, das darauf beruht, dass die Bürger*innen manipuliert, missbraucht, re­spektlos behandelt und herumkommandiert werden, unvereinbar ist mit dem weiblichen Prinzip, das für die Förderung von Kooperation, Empathie und Vertrauen steht.

Aus dem Englischen von Anke Mai


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