Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Ehrenamt. vermittelt. Industriekultur. Didaktik-Workshop für Engagierte. | bpb.de

Ehrenamt. vermittelt. Industriekultur. Didaktik-Workshop für Engagierte. 17. bis 18. September 2025, Gräfenhainichen

Freddie Stebich Jonny Grünsch Helena Böhmová

/ 10 Minuten zu lesen

Die Tagung „Ehrenamt. vermittelt. Industriekultur. Didaktik-Workshop für Engagierte“ auf Ferropolis – Stadt aus Eisen zeigte, wie ehrenamtliches Engagement als Motor für die Vermittlung und Bewahrung regionaler Industriekultur wirkt – dabei aber zunehmend unter Erwartungsdruck und Herausforderungen des Generationswandels steht. Im Austausch wurden neue methodische und politische Weichen diskutiert, um die Zukunft der Industriekultur partizipativ und innovativ zu gestalten.

Teilnehmende der Veranstaltung bei der Besprechung der Workshopergebnisse im ehemaligen Kraftwerk in Zschornewitz am 18.09.2025. (© weframe)

Tag 1: Zwischen Baggern und Erinnerungen

Einstiege, Selbstverständnisse und Herausforderungen der Industriekulturvermittlung

Niklas Grigo (l.) und Hartmut Gawollek (r.), Gästeführer auf Ferropolis, geben eine gemeinsame Führung über das Gelände. (© weframe)

Mit einem kräftigen „Glück auf!“ begann die Tagung für die rund fünfzig Teilnehmenden mit einer Führung über das spektakuläre Ferropolis-Gelände. Die Gästeführer Niklas Grigo und Hartmut Gawollek erläuterten zwischen Baggern und Erinnerungslandschaften die Geschichte des Ortes, an dem seit Ende der 1950er Jahre Braunkohle für das Kraftwerk Zschornewitz gefördert wurde. Die Atmosphäre der Tagung war geprägt von persönlichen Anekdoten sowie einem lebendigen, teils kontroversen Austausch über Inhalte und Methoden.

Teilnehmende bei der Veranstaltungseröffnung. In der heutigen Orangerie auf Ferropolis fand das Hauptprogramm der Veranstaltung statt. (© weframe)

Nach der Führung eröffnete Christine Eckes von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) das Plenum. Die Abfrage eines Stimmungsbildes per Handzeichen ergab: Der Großteil der Teilnehmenden kam aufgrund der Lage des Veranstaltungsortes aus Sachsen-Anhalt und aus Sachsen, doch auch alle anderen Bundesländer – bis auf Hessen und das Saarland – waren bei der Tagung vertreten. In dieser regionalen Vielfalt zeigte sich die zentrale Bedeutung der Industriekultur sowie die Notwendigkeit einer überregionalen Vernetzung für das Ehrenamt.

In den anschließenden Grußworten hob Thies Schröder, Geschäftsführer von Ferropolis, die Transformation des Ortes hervor: Die Frage nach dem Umgang mit den Relikten der Kohleindustrie habe aus der Not eine gemeinsame Vision entstehen lassen. Simon Lengemann, Leiter des Referates „Aufsuchende Formate“ bei der bpb, betonte die Beziehung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Die industrielle Vergangenheit präge nicht nur technische, sondern auch soziale Entwicklungen, die bis in die Gegenwart hineinwirken und Weichen für die Zukunft stellen. Industriekultur erlaubt damit durch das in Beziehung setzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einen niedrigschwelligen Zugang zu politischer Bildung.

Das Fachgespräch zwischen Anja Nixdorf-Munkwitz, Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes Industriekultur Sachsen e.V., und Juliane Tomann, Juniorprofessorin für Public History an der Universität Regensburg, beleuchtete die unterschiedlichen Ausgangspunkte von Industriekultur im Westen und Osten Deutschlands. Während im Westen institutionalisierte und stärker finanzierte Formen der Industriekultur entstanden, ist die ostdeutsche Erinnerungslandschaft von Brüchen, Ehrenamt und fragmentierten Strukturen geprägt. Juliane Tomann lieferte den Impuls, dass Industriekultur nicht nur eine romantische Kulisse, sondern auch ein transformatives Labor für gesellschaftliche Veränderung sein kann, aber dafür Kontroversen zulassen muss. Die Teilnehmenden äußerten in der anschließenden Diskussion offen die Überforderung durch zunehmende Aufgaben und die Suche nach angemessener Anerkennung und Förderung – zentrale Themen für die zukünftige Entwicklung der Ehrenamtskultur.

Zitat

Industriekultur ist nicht nur eine romantische Kulisse, sondern kann auch ein transformatives Labor für gesellschaftliche Veränderung sein, muss dafür aber Kontroversen zulassen.

Juliane Tomann, Juniorprofessorin für Public History

Workshopphase I – Information und Reflexion

Nach einer angeregten Mittagspause, die für persönlichen Austausch und die Diskussion von Vermittlungsperspektiven genutzt wurde, startete der erste Workshop-Block.

Martin Baumert (Deutsches Historisches Museum) beleuchtete in seinem Workshop die ostdeutsche Erinnerungslandschaft und ihre Herausforderungen im Spannungsfeld des demographischen Wandels, wachsender Demokratiefeindlichkeit und wirtschaftlichen Strukturbrüchen. Im Gespräch wurden neue Chancen durch die Erinnerung an Umweltzerstörung und den Wandel hin zu Naturschutz- und touristischen Naherholungsgebieten erörtert. Wichtige Potenziale für die Vermittlungsarbeit waren das Einbeziehen von Studierenden zur fachlichen Unterstützung aber auch zur Nachwuchsgewinnung. Außerdem betont wurde das Lernen auf Augenhöhe, aber auch eine klare Grenze gegenüber demokratiefeindlichen Positionen zu setzen, zum Beispiel durch das Haus- oder Vereinsrecht.

Im Workshop mit Annette Schneider-Reinhardt (Wissenschaftliche Referentin des Landschaftsverbandes Rheinland und Fachreferentin des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland) stand die Frage im Mittelpunkt, wie individuell und wie authentisch Geschichte vermittelt werden könne. Die Gruppenarbeit zeigte: Die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Zielgruppen – von Seniorinnen und Senioren über junge Erwachsene bis zu Migrantinnen und Migranten – stellen die Ehrenamtlichen vor immer neue Herausforderungen. Kontroversen über Erinnerung, Umwelt und gesellschaftliche Verantwortung wurden nicht ausgespart. Schneider-Reinhardt brachte es auf den Punkt: „Nur wer den eigenen Standpunkt reflektiert, kann authentisch und multiperspektivisch Geschichte vermitteln.“ In der Diskussion über Vermittlungsmethoden lag der Fokus auf dem Prinzip der Einbahnstraße: Lernen ist keine Einbahnstraße, sondern lebt vom Dialog.

Zitat

Nur wer den eigenen Standpunkt reflektiert, kann authentisch und multiperspektivisch Geschichte vermitteln.

Anette Schneider-Reinhardt, Wissenschaftliche Referentin des Landschaftsverbandes Rheinland und Fachreferentin des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland

Nadine Slomma (Forum Rathenau e.V.) stellte in ihrem Workshop das ABI LAB als einen außerschulischen Lernort vor. Außerschulische Lernorte sind diverse Räume, die eine Brücke zwischen schulischer Bildung und praktischer Anwendung beispielsweise in der Arbeitswelt oder an geschichtsträchtigen Orten schlagen. Dieser Austausch hat ein großes Potential, erfordert aber auch eine gute Organisation sowie die langfristig geplante Einbeziehung des Lehrpersonals. Methodisch bewährt hat sich vor allem der Peer-to-Peer Ansatz, durch den sich Schülerinnen und Schüler Themen gegenseitig vermitteln sowie praktische Vermittlungseinheiten durch die Mitarbeitenden vom Lernort direkt in der Schule anzubieten.

In dem Workshop „Mehr als Materie“ von Andreas Claus (Freundeskreis Technisches Denkmal Brikettfabrik LOUISE Domsdorf e. V.) ging es um die emotionale Bedeutung von Objekten, welche die Teilnehmenden selber erproben konnten: Zu Beginn erhielten alle ein Kohlebrikett und teilten eine damit verbundene Erinnerung oder Assoziation. Danach wurde die Brikettfabrik durch den Film „Glück auf, Louise“ als lebendiges Denkmal vorgestellt. Im letzten Teil konnten die Teilnehmenden durch ein Rollenspiel Empathie mit diversen Perspektiven, z.B. von Arbeitenden, Anwohnenden oder Aktivisten, auf Industriekultur einnehmen. Diese praktische Übung führte zu einem regen Austausch darüber, was authentische Erfahrungen und Gefühle sind und welche Rolle sie für die Vermittlungsarbeit spielen, insbesondere im Zuge des Verlustes der Erfahrungsgeneration. Nach einer kurzen Kaffeepause folgte der zweite Workshop-Block.

Workshopphase II – Reflexion & Methodik I

Zitat

Die Kunst des Gästeführers ist es, herauszufinden, was die Gäste wirklich wollen.

Hartmut Gawollek, ehemaliger Bergmann und Gästeführer auf Ferropolis

Im Workshop „Eine Führung gestalten“ teilten die Gästeführer Niklas Grigo und Hartmut Gawollek Erfahrungswissen zu Dramaturgie, Beziehungsarbeit und gezielter Ansprache der Besuchenden. Die Herausforderungen reichen von der richtigen Gruppengröße über die Integration von Zeitzeugen bis hin zum Umgang mit schwierigen Themen. Hier wurde spürbar, dass Authentizität, Empathie und im Idealfall auch ein wenig Humor der Schlüssel zum Gelingen sind.

Im parallel stattfindenden Workshop „Gegenwartsbezug in der Industriekulturvermittlung“ von Madita Flohe und Lilli Isabel Förster (Forum Rathenau e.V.) wurde Geschichte als ein fortlaufender kollektiver Lernprozess verstanden – stets im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher Ausdeutung. Die Referentinnen stellten hierzu ihr Interner Link: Methodenportfolio vor, das genau diesen Lernprozess unterstützt. In Kleingruppen konnten die Teilnehmenden anschließend vier dieser Methoden praktisch erproben: Sie erstellten Objektbiografien, entwickelten in einer Zukunftswerkstatt Visionen und arbeiteten sich von dort zurück in die Gegenwart, übten mit Perspektivenkarten den bewussten Blickwechsel oder verhandelten in einer Dilemmadiskussion Ziel- und Wertekonflikte. Im Abschlussgespräch wurden die Potenziale und Grenzen dieser Methoden lebhaft diskutiert. Das vorgestellte Portfolio bietet eine wertvolle Ressource für einen aktiven, beteiligungsorientierten Museumsbetrieb, allerdings ist nicht jede Methode überall einsetzbar. Eine Frage, die sich aus der Diskussion ergab, war: „Wie kann ich Besucher, die eine bestimmte Vorstellung von Industriekultur haben, dazu bewegen, solche neuen Methoden auszuprobieren?“

Bertram Weisshaar (M.) erklärt seine Vermittlungsmethoden. Die Teilnehmenden erproben diese in der ehemaligen Schaltwarte des alten Kraftwerkes auf Ferropolis. (© weframe)

Der Workshop „Mehr als tausend Worte“ mit Bertram Weisshaar (Atelier Latent & Akademie LandPartie) erkundete, wie Orte durch Wahrnehmung, Bewegung und Gespräch neu verstanden werden können. Ausgangspunkt war die Methode der Spaziergangswissenschaft, bei der die Teilnehmenden durch Beobachtung und Bewegung in einem Ausstellungsraum von Ferropolis Themen und Fragen entwickelten. Im anschließenden Austausch wurden unterschiedliche Vermittlungsansätze in Museen gegenübergestellt – etwa, ob ein Raum beführt werden sollte oder ob es besser sei, wenn Besuchende ihn selbst erkunden.

Abenddialog u. a. mit dem Vorstand des neugegründeten Bundesverband Industriekultur e.V. in der Orangerie. V.l.n.r.: Anja Nixdorf-Munkwitz, John Platini, Thomas Fischer (Netzwerk Industriekultur Sachsen-Anhalt und Moderation), Enrico Schilling, Julia Ackerschott. (© weframe)

Am Abend diskutierte ein Podium aus Ehrenamtlichen, Netzwerkern und Fachleuten, darunter Anja Nixdorf-Munkwitz (Vorsitzende Landesverband Industriekultur Sachsen), John Palatini (Landesheimatbund Sachsen-Anhalt), Enrico Schilling (Oberbürgermeister Gräfenhainichen) und Dr. Julia Ackerschott (Geschäftsführerin Bundesverband Industriekultur Deutschland), die zentrale Rolle von Ehrenamt, Wandel und politischer Unterstützung. Die Positionen in der Debatte steckten die Pole ab, zwischen denen sich Industriekultur befindet, und boten damit eine Orientierungshilfe für die Tagung: Zeitlich schlug das Gespräch eine Brücke von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft, und räumlich ging es sowohl um lokal spezifische als auch länderübergreifende, universelle Themen. Im anschließenden Publikumsgespräch forderten die Teilnehmenden aktiv ein, diese komplexe Vielfalt ernst zu nehmen und Industriekultur aus allen Perspektiven zu beleuchten: „Wir haben viel über Generationenwechsel, Vergangenheit und Zukunft gesprochen. Was ist mit dem interkulturellen Austausch und globalen Themen?“

Aus diesem Spannungsfeld kristallisierten sich der gemeinsame Wunsch nach institutioneller Stärkung, gezielter Vernetzung und klarer Finanzierung, aber auch die Sorge um schwindende Ressourcen, einen drohenden Generationsbruch und den Verlust einer demokratischen Öffentlichkeit heraus. Mit Nachdruck wurde deutlich: „Engagement verwirklicht einen und ist das Sinnvollste und Präventivste gegen den Rechtsruck“ (Tagungsteilnehmer). Dem Bundesverband kommt demnach eine Schlüsselfunktion zu, Wissen und Erfahrungen überregional und generationenübergreifend weiterzugeben.

Zitat

Wir haben viel über Generationenwechsel, Vergangenheit und Zukunft gesprochen. Was ist mit dem interkulturellen Austausch und globalen Themen?

Tagungsteilnehmer

Tag 2: Wandel gestalten – Perspektiven für ein lebendiges Erbe

Methoden, Netzwerke und Zukunftsstrategien

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Grußwort von Rainer Robra, Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt. Er würdigte die breite ehrenamtliche Basis und betonte die Schlüsselrolle des Austauschs über Generationen hinweg. Das anschließende Stimmungsbild zeigte: Viele Ehrenamtliche arbeiten in verschiedenen Kontexten, oft mit Erwachsenen und Schulklassen. Der Generationenwechsel bleibt jedoch für die meisten eine ungelöste Herausforderung.

Cornelia Junge (l.) und Barbara Ritter (r.) stellen Methoden und unterschiedliche Zielgruppenansprachen des Rhein-Neckar-Industriekultur e.V. vor. (© weframe)

Danach folgte der Vortrag Interner Link: Methodenmix in der Industriekulturvermittlung“ mit anschließendem Austausch mit Barbara Ritter und Cornelia Junge (beide Rhein-Neckar-Industriekultur e.V.). In ihrem Input wurde deutlich, wie vielseitig und innovativ Industriekulturvermittlung heute gestaltet werden kann: Von Fotoausstellungen und Industriehafenrundwegen, Stadtteilspaziergängen und Zeitzeugeninterviews reichen die Angebote bis zu digitalen Routenplanern, Open-Source-Websites und barrierearmen Medien. Beliebte Formate wie das Kneipenquiz – „Je weniger Sie wissen, desto mehr lernen Sie an diesem Abend dazu.“ – sowie Spezialtouren für verschiedene Zielgruppen machen die Vermittlung niedrigschwellig und inklusiv. Dabei zeigt sich: Es sind die Netzwerke und Kooperationen mit Kulturinstitutionen, Museen, Archiven und Firmen, die eine große Reichweite und bleibende Sichtbarkeit ermöglichen.

Workshopphase III – Methodik II

Anschließend folgte der dritte Workshop-Teil. In einer weiteren Praxiseinheit des Workshops „Eine Führung gestalten“ führten Niklas Grigo und Hartmut Gawollek die Teilnehmenden entlang ausgewählter Objekte durch Ferropolis. Besonders eindrucksvoll war der Besuch auf dem Bagger „Medusa“: Ein Gefühl für die Dimension industrieller Arbeit und Geschichte wurde spürbar. „Die Stimme ist unser Instrument, und ihr müsst mit dem Herzen dabei sein“, motivierte Grigo die Teilnehmenden, ihren persönlichen Zugang zur Geschichte zu vertreten.

Denis Berndt, Institut für Generationenforschung, präsentiert Studienergebnisse über die Generation Z, die für das Gelingen des Generationenwechsels in Vereinen von Bedeutung sind. (© weframe)

Im Workshop „Den Generationenwechsel meistern“ von Denis Berndt (Institut für Generationenforschung), ging es darum, wie der Generationenwechsel in Institutionen der Industriekultur gemeistert werden kann. Der Workshop begann mit einem Austausch darüber, welche Generationenkonflikte die Teilnehmenden selber erleben; zum Beispiel die Schwierigkeit, dass die Menschen, die sich für Industrie begeistern, immer älter werden; oder für junge Menschen, in älteren Organisationen Fuß zu fassen. Dadurch wurde klar, dass mehrere parallele Generationenwechsel die Industriekultur vor eine Herausforderung stellen: Nicht nur die Generation Z kommt hinzu, sondern auch die Erlebnisgeneration altert. Denis Berndt stellte diese Entwicklung in den Kontext gesamtgesellschaftlicher Veränderungen wie dem demographischen Wandel oder Digitalisierung und lud ein, den Alltag aus der Sicht von Generation Z zu betrachten, in dem soziale Medien eine allgegenwärtige Rolle spielen. Es gehe aber nicht nur darum, immer mehr digitale Methoden zu schaffen, denn Industriekultur könne für ein jüngeres Publikum besonders durch den Reiz des Analogen attraktiv sein.

Der Workshop „Sammeln oder nicht?“ mit Christian Rau und Dierk Hoffmann (beide Institut für Zeitgeschichte, IfZ) beschäftigte sich mit Fragen des Sammelns, Kategorisierens und Bewertens unterschiedlicher Materialien sowie deren Erhaltung und Zugänglichkeit in Archiven und Museen. Diskutiert wurde, wie entschieden wird, was bewahrenswert ist, und wie sich der Begriff der „Quelle“ im Laufe der Zeit gewandelt hat – von schriftlichen Dokumenten hin zu Objekten wie den Ferropolis-Baggern, die ebenfalls historische Aussagekraft besitzen. Durch diesen Wandel verändere sich auch die Archivarbeit, was einerseits die Bedeutung von „Hobby“-Sammlungen stärkt, aber auch zu Herausforderungen im Austausch mit professionellen Institutionen führt. Ein zentraler Punkt war die (Nicht-)Zugänglichkeit verschiedener Archive (Bund, Länder, Unternehmen) und die damit verbundenen Herausforderungen für ehrenamtlich Tätige.

Zitat

Sage mir, wo du wohnst, und ich sage dir, welche Stellung du im Kraftwerk hast.

Martina Schön, ehemalige Kraftwerkerin und Ortsbürgermeisterin

Beim gemeinsamen Ausflug zum ehemaligen Kraftwerk Zschornewitz als letztes Programmhighlight wurden Dimension und Identität industriellen Erbes greifbar: von der einstigen Stromversorgung Berlins über die 22 Kühltürme bis hin zur Sprengung, die Emotionen und Verluste in Erinnerung rief. „Sage mir, wo du wohnst, und ich sage dir, welche Stellung du im Kraftwerk hast.“ (Martina Schön, ehemalige Kraftwerkerin und Ortsbürgermeisterin) Diese soziale Topografie zeigte, wie eng Industriekultur mit Lebenswelten verknüpft ist.

In der Abschlussreflexion kristallisierte sich heraus, dass emotionale Zugänge, Geschichten und Dialogarbeit essentielle Bausteine der Vermittlung sind. Ehrenamt braucht aber Entlastung, Anerkennung und Ressourcen, sonst drohen Überforderung und Wissensabbruch. Hier eröffnete sich der Wunsch nach einem weiteren Austausch über Fördermöglichkeiten. Die Frage, wie Wissen für nächste Generationen gesichert und zugänglich gemacht werden kann, führte zu Plädoyers für digitale Lösungswege, neue Vernetzungsformate und die stärkere Aktivierung junger Zielgruppen. Die Feedbacks reichten von methodischer Kompetenz bis zu neuen Stammtisch- und Austauschformaten. Einigkeit herrschte in der Überzeugung, dass Industriekultur Orte der Begegnung, des Dialogs und der gesellschaftlichen Verhandlung bleiben müssen. Allerdings blieb die Frage offen, was Authentizität in der Industriekultur von morgen bedeuten wird.

Zitat

Transformation gab es schon immer. Industriekultur ist Mahnmal dafür – und Lernort für morgen.

Tagungsteilnehmer

Abschließend wurde deutlich: Transformation, Ambivalenz und die Notwendigkeit neuer Vermittlungsmethoden durchziehen alle Handlungsfelder der Industriekultur. Der Appell an die Politik, mehr Ressourcen, Entlastung und Anerkennung für das Ehrenamt bereitzustellen, bleibt ebenso dringlich wie der Auftrag, regionale Identitäten zu stärken, multiperspektivische Ansätze auszubauen und partizipative Strukturen weiterzuentwickeln.

Aus diesem Resümee lässt sich eine komplexe Verflechtung ablesen, die sich auch im Verlauf der gesamten Tagung widerspiegelte: Der niedrigschwellige Zugang zu politischer Bildung über das Thema Industriekultur steht im Spannungsverhältnis zu den hohen Anforderungen, die besonders in Zeiten gesellschaftlichen Wandels an ehrenamtliches Engagement gestellt werden.

Wie die zwei Tage eindrucksvoll gezeigt haben, sollten diese Spannungen jedoch nicht umgangen werden – sie sind Teil des Erbes von Industriekultur selbst. Sie fordern heraus, regen an und elektrisieren das Ehrenamt. Oder, wie ein Teilnehmer es treffend formulierte: „Transformation gab es schon immer. Industriekultur ist Mahnmal dafür – und Lernort für morgen.“

Weiterführende Informationen als PDF-Downloads:

Fussnoten

Weitere Inhalte

Projektkoordination Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Wittenberg & freiberuflicher politischer Bildner

Doktorant am Seminar für Ethnologie MLU, Klimagerechtigkeit und Strukturwandel

Doktorantin am Seminar für Ethnologie MLU, Industriekultur und Strukturwandel