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(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Jürgen Bönig

Zur Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland und Europa

Veränderung der Gesellschaft – Veränderung der Kindheit

Man sollte sich die Zeit, als die meisten Menschen für Naturalien und nicht für Geld arbeiteten, nachträglich nicht allzu romantisch vorstellen. Die Gesellschaft war durch persönliche Abhängigkeitsverhältnisse, patriarchalische Gewalt und Mangel bestimmt. Die Gewissheit, zu einem bestimmten Stand zu gehören und das diesem Zustehende zu bekommen, war erkauft durch die Schranken und Fesseln der Standesgebote. Und längst nicht allen konnte die feudale Gesellschaft sicheres Einkommen, Unterkommen und Stand garantieren. Dies galt insbesondere gegen Ende der Epoche hin, als Erwerbsfreiheit und Geldwirtschaft die ständischen Beschränkungen aufzulösen begannen. Erbteilung, Überführung der Feudallasten in sogenannte Ablösungen (Geldzahlungen) und neu aufkommende Gewerbezweige mit neuen wirtschaftlichen Chancen für die Grundbesitzer verwehrten immer mehr Menschen den Lebensunterhalt auf dem Lande und zwangen sie dazu, in Lohnarbeit auf dem Lande oder in der Stadt ihr Geld zu verdienen.[3]

Zur Zeit der Bauernbefreiung in Preußen, ein langwieriger Prozess, der im Wesentlichen zwischen 1830 und 1859 stattfand, hatte beispielsweise die Hälfte der auf dem Land Lebenden keinen Grundbesitz mehr und musste sich anderen Erwerbsquellen zuwenden oder in der Landarbeit verdingen. Das vom Staat geförderte Manufakturwesen kam ohne die Kinder gar nicht aus. In den Armen-, Zucht- und Waisenhäusern, welche die Nöte der Dorf- und Stadtarmut zu lindern versuchten, stand die Erziehung zu Fleiß und Erwerbstätigkeit im Mittelpunkt. Dort sollten Kinder durch Arbeit und strenge Regeln lernen, von eigener Anstrengung und Arbeit zu leben und nicht von Almosen.

Am Ende bestand die preußische Bauernbefreiung aus der Ablösung der feudalen Lasten in Geld, sodass alle Beteiligten dazu gezwungen waren und zugleich die Freiheit hatten, ihre Produkte auf den Markt zu bringen. Dies markierte den Übergang von einem persönlichen Arbeitsverhältnis zu einer Arbeit gegen Lohn für die ganze Familie – einschließlich der Kinder.

In den neuen Verhältnissen mit Gewerbe- und Vertragsfreiheit wurde nun nicht mehr zusammen für ein Naturalergebnis gearbeitet, von dem ein Teil abgeliefert werden musste. Es wurde kein Produkt hergestellt, das notfalls selbst genutzt und verzehrt werden konnte, sondern eines, um damit Geld zu verdienen – ein Arbeitsergebnis, dessen Herstellung, Bearbeitung und Preis ein anderer bestimmte, der damit ebenfalls Geld verdienen wollte. In diesen Gesellschaftsverhältnissen gewann Kinderarbeit eine neue strategische Qualität. Sie diente dem Druck auf den Lohn der Erwachsenen, die selbst kaum Möglichkeiten hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Kinderarbeit im Fabriksystem

In der entstehenden Industrie und im Gewerbe wurden Kinder für verschiedenste Aufgaben eingesetzt – beim Raddrehen an Maschinen, an Spinnmaschinen, beim Töpfern, Kleiderrupfen, im Bergbau als Grubenpferdeführer, Kohlenschlepper, Lorenzieher und Öffner für Wettertüren. Schilderungen und Abbildungen dieser Kinderarbeit kamen nun vermehrt an die Öffentlichkeit, nicht weil es vorher keine Kinderarbeit gab, sondern weil die neuen Erwerbszweige und -methoden den Grundbesitzern und traditionellen Gewerbetreibenden ein Dorn im Auge waren. Sie versorgten die einschlägigen Untersuchungskommissionen in England, das in der Industrialisierung voranging, mit Zeugenaussagen, Bildern und entsprechenden moralischen Bewertungen, die dann Eingang fanden in zahlreiche Publikationen, unter anderem in Karl Marx’ "Das Kapital".

Kinderarbeit erschien vielfach als notwendig, als angemessener Einsatz körperlich kleiner Arbeiter, weil die Flöze und Gänge niedrig waren, der Platz unter den Maschinen beschränkt, die Nische hinter den Wettertüren winzig. Aber die allmähliche Durchsetzung eines Verbots der Kinderarbeit in den Fabriken zeigt, dass nicht die technischen Bedingungen über den Einsatz der Kinder entschieden, sondern deren geringer Preis. (Vgl. Abbildungen in der PDF-Version)

Bekannt sind die Abbildungen der Spinnmaschinen aus England, unter denen Kinder die herabfallenden Fasern fortschaffen. Im Museum of Science and Industry in Manchester lässt sich an bewegten Maschinen nachvollziehen, welchen Gefahren diese Kinder ausgesetzt waren: Beim Vorlauf der transmissionsgetriebenen Maschinengestelle, bei denen der Vorfaden durch Drehen gesponnen wurde, krochen sie unter die ausgespannten Fäden, fegten die ölverschmierten Baumwollfasern zusammen und mussten sich sehr beeilen, darunter wieder herauszukommen, weil in zwei bis drei Sekunden die Spulenreihe zurückfuhr und den gesponnen Faden aufwickelte. Schafften sie es nicht, wurden sie zwischen heranrasender Maschinenreihe und Maschinengestell zerquetscht – ein Grund, warum für diese Tätigkeit vor allem Waisenkinder eingesetzt worden sein sollen. Dies waren meist Kinder, für deren Unterhalt die Eltern nicht mehr aufkommen konnten und die deshalb gegen Zahlung von Geld in Armen- und Waisenhäuser gegeben wurden – also nicht immer Waisen im eigentlichen Sinne.

Doch nicht nur die niederkonkurrierten Gewerbetreibenden schürten die Empörung gegen die Kinderarbeit, auch die entstehende bürgerliche Aufklärungsbewegung und die Arbeiterbewegung wollten die Konkurrenz durch niedrig bezahlte Arbeitskräfte einschränken. Auf diesen Prozess reagierte der Staat mit einer bis zum Ende des 19. Jahrhunderts charakteristischen Kombination aus moderater Gewerbeeinschränkung und gleichzeitiger Unterdrückung derjenigen Handwerker-, Gewerbetreibenden- und Arbeiterorganisationen, die den Schutz ihrer Interessen in Selbstorganisation übernehmen wollten. Der Staat fürchtete so sehr, dass Untertanen und Bürger sich organisierten, dass er den Schutz des Arbeiternachwuchses vor der physischen Ruinierung durch Einzelunternehmer selbst übernahm – allerdings in äußerst zögerlicher Weise.

Eine Rolle spielte dabei, welche Zeit und welche Bedingungen die Kinder brauchten, um für die neu entstehende Gesellschaft zu lernen und mit dem Erlernten in Zukunft Arbeit zu bekommen. Im 18. und 19. Jahrhundert musste ein Kind bedeutend mehr lernen als in den Jahrhunderten zuvor. Lesen und Schreiben war nicht mehr auf höhere Kreise beschränkt. Die sich explosionsartig ausbreitende Lesekultur des 18. Jahrhunderts zeigt, dass rasch viel mehr Menschen lesen konnten.

Abschaffungsargument soldatische Untauglichkeit

Ein Argument, das den Staat auf seine Schutzaufgabe hinwies, hatte eine besondere Wirkung: nämlich die Erfahrung, dass zu frühe und intensive Fabrikarbeit die Menschen derart zerstörte, dass sie nicht mehr als Soldaten taugten. Sowohl in England als auch in Preußen war der Anteil für den Militärdienst Untauglicher in den industriellen Provinzen höher als in den ländlichen Bezirken. Dieser Unterschied war sicher nicht nur durch die krankmachende Arbeit bedingt, sondern ebenso durch die schlechten Wohn- und Ernährungsverhältnisse.

Ausgehend von der Auseinandersetzung in England ist die Arbeit von Kindern in Fabriken zunehmend eingeschränkt worden, beispielsweise in Preußen durch das Regulativ vom 9. März 1839 durch Friedrich Wilhelm III. (1770–1840). In der Vorbereitung dieses Regulativs wies der federführende preußische Generalleutnant Wilhelm von Horn nachdrücklich auf die Gefahr der Zerstörung der Rekrutierungsgrundlage der Armee hin.

Schaut man sich das entstandene Regulativ an, so stellt sich heraus, dass die soldatische Untauglichkeit zwar ein gutes politisches Argument, aber nicht der eigentliche Grund für das staatliche Handeln war. Der entstehende Nationalstaat hatte nämlich ein Loyalitätsproblem, dem der Schulunterricht unter staatlicher Kontrolle abhelfen sollte. Bisherige Reichsformen hatten immer auf die Gefolgschaft der Bevölkerung gegenüber den Landbesitzern und einer schwachen übergeordneten Regierungsinstanz gebaut. Mit der Entstehung des Nationalstaates musste dieser auch dafür sorgen, dass die Loyalität vor allem dem Staat und nicht mehr (nur) dem Grundherrn galt.

Fußnoten

3.
Vgl. Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Bd. 1, Frankfurt/M. 1987.
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