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(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Jürgen Bönig

Zur Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland und Europa

Anfänge schulischer Bildung

Im ersten preußischen Regulativ zur Kinderarbeit ging es hauptsächlich um das Verhältnis von Erwerbsarbeit und schulischer Erziehung. Das Regulativ bestimmte, dass niemand "vor zurückgelegtem neunten Lebensjahr" in einer Fabrik oder bei Berg-, Hütten- und Pochwerken zu einer regelmäßigen Beschäftigung angenommen werden durfte. Das Verbot wurde auf 16 Jahre ausgedehnt, wenn ein Kind keinen schulischen Nachweis vorlegen konnte, dass es "seine Muttersprache geläufig lesen kann und einen Anfang im Schreiben gemacht hat". Auch für Kinder, die "noch nicht einen dreijährigen regelmäßigen Schulunterricht genossen" hatten, galt das verlängerte Verbot. Ausnahmen davon waren möglich, wenn "die Fabrikherren durch Errichtung und Unterhaltung von Fabrikschulen den Unterricht der jungen Arbeiter sichern".[4] Fabrikschulen des Unternehmens selbst, die diesen Unterricht anboten, waren in den Folgejahrzehnten heftig umstritten, weil die Schulinspektoren feststellten, dass die Erwerbsarbeit der Kinder im Vordergrund stand und nicht der Unterricht.

Ein Ergänzungsgesetz von 1853, das 1869 in die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes und 1878 in die Gewerbeordnung des Deutschen Reiches übernommen wurde, hob die Altersgrenze auf zwölf Jahre an und beschränkte die erlaubte Höchstarbeitszeit auf zunächst zehn Stunden, später auf sechs Stunden für Kinder ab zwölf Jahren. Wohlgemerkt, all das galt für Kinderarbeit in Fabriken – ein Kinderschutzgesetz für Heimarbeit gab es im Deutschen Reich erst 1903 und ein Verbot der Kinderarbeit in der Landwirtschaft in der Bundesrepublik erst 1960.[5]

Ein gesetzliches Verbot der Kinderarbeit bedeutet natürlich nicht, dass sich alle daran gehalten hätten. Nach dem Regulativ von 1839 waren die nächsten Jahrzehnte bestimmt von der Auseinandersetzung um die mangelnde Kontrolle des Verbotes in den Fabriken und von Klagen, dass die Altersgrenze zu niedrig sei und Kinderarbeit den Schulunterricht erheblich beeinträchtige. Die Lehrer stellten fest, dass die Kinder vor und nach dem Schulunterricht und in den Ferien arbeiten mussten und häufig zu erschöpft und müde waren, um dem Unterricht zu folgen oder mit Freude erfolgreich zu lernen.

Tatsächlich besuchten in den 1870er Jahren 90 Prozent der Schulpflichtigen in Preußen die Schule, 1880 waren es fast 100 Prozent. Als die Schulpflicht durchgesetzt war und Kinder nicht mehr in großem Ausmaß in der Industrie arbeiteten, wichen die Fabrikanten auf Heimarbeit aus. Verlags- und Heimarbeit in der Familie schloss immer auch die Kinder ein, die vor und nach der Schule mithalfen – und diese Form der Kinderarbeit ließ sich noch viel schwieriger kontrollieren als die Arbeit in einer zentralisierten Fabrik. (Vgl. Foto in der PDF-Version)

Als nach einer ersten Phase der Industrialisierung 1872 die Volksschule als allgemeine öffentliche Staatsanstalt Gestalt annahm, wurden die Schulpflicht und die Einschränkung ausgedehnter Kinderarbeit verbindlicher. Die Lehrer der Volksschulen registrierten aber bis über die Jahrhundertwende hinaus, dass Schulkinder durch Erwerbsarbeit vor und nach der Schule und an schulfreien Tagen zum Familienunterhalt beitragen mussten. Zahlreiche Erinnerungen an die Kindheit von Arbeiterinnen und Arbeitern um 1900 durchzieht wie ein roter Faden der Wunsch: "Einmal ausschlafen können!"[6]

Facharbeit und Berufsschule

Aus dieser Erfahrung heraus beteiligten sich die Lehrer der Volksschulen um die Jahrhundertwende an Erhebungen über die Lage ihrer Schülerinnen und Schüler. Dies unternahmen sie teilweise auch gegen ausdrückliches Verbot, wie etwa in Österreich, dessen Regierung offenbar über die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit ihrer Schutzgesetzgebung gar nichts wissen wollte. Der Druck der Arbeiterbewegung, aber ebenso von Lehrern und Industriellen, die schulisch ausgebildete Arbeiter brauchten, führte 1903 im Deutschen Reich zu einer Altersgrenze von zehn Jahren bei Heimarbeit.

Aber Inhalt und auch Dauer der Schulzeit mussten sich ändern und damit das Schutzalter der Kinder. Ein bisschen Lesen, Schreiben, Rechnen und Gehorsam reichte nicht mehr aus für eine fachlich qualifizierte Anstellung in Industrie und Gewerbe: Durch die neue Arbeitsteilung in den Betrieben kamen schriftliche Anweisungen, präzise mathematische Vorgaben und Zeichnungen vermehrt zum Einsatz. Entsprechend musste die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen den Erfordernissen der Zeit angepasst werden. Die neue Berufsgruppe der Ingenieure hatte begonnen, Maschinen und Anlagen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu erforschen, und die "wissenschaftliche Betriebsführung" setzte die Ergebnisse dieser Forschung in Arbeitsanweisungen um, die das handwerkliche Wissen der Facharbeiter ergänzten und erweiterten.

Die Reform der gewerblichen Bildung, die in Deutschland mit dem Namen Georg Kerschensteiner (1854–1932) verbunden ist, machte die Ausbildung durch Arbeit, die Lehre, zum Gegenstand pädagogischer Bemühungen. Nach der Revolution von 1918/1919, im gemeinsam von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragenen dualen Ausbildungssystem, wurde ein Tag in der Woche für die Berufsschule reserviert. Die Lehre durch die Arbeit im Betrieb sollte ergänzt, erweitert und durch in der Schule erworbene theoretische Kenntnisse fundiert werden, um Facharbeiter auszubilden, die nicht nur über betriebsspezifische Kenntnisse verfügten, sondern den dauernden Veränderungen des Berufes gewachsen waren.

Schluss

Als Anfang des 20. Jahrhunderts in den industrialisierten Ländern Verbote der Kinderarbeit erlassen worden waren, lebte und arbeitete die große Mehrheit der Weltbevölkerung noch auf dem Land. Viele Menschen waren erst am Rande vom Markt berührt und ernährten sich von dem, was sie anbauten. Heute lebt ein Großteil der Weltbevölkerung in Städten und kann den Lebensunterhalt nicht mehr selbst pflanzen und ernten, sondern muss ihn durch Erwerbsarbeit verdienen.[7]

Dieser Wechsel von der Selbstversorger- zur Erwerbsarbeit führte im 18. und 19. Jahrhundert zu einer Ausdehnung der Kinderarbeit, die deren Gesundheit und Existenz gefährdete. Im Unterschied zur Situation im 19. Jahrhundert sind heute die Rechte der Menschen global anerkannt – und das heißt auch die Rechte der Kinder auf eine Entwicklung, die nicht durch ausbeuterische Arbeit verhindert, blockiert oder vereitelt werden darf.

Darum, wie und was Kinder für ihr späteres Leben lernen sollten, gab es im 19. Jahrhundert einen heftigen Kampf, der an die Stelle persönlicher Bevormundung Schutzrechte für Kinder setzte, damit Lernen erfolgreich sein konnte. Diese Schutzrechte und das Verbot der Kinderarbeit forderten nicht nur die Arbeiter und deren Organisationen ein, um sich gegen billige Konkurrenz zu wehren und die Zukunft ihrer Kinder zu sichern.

Staat, Industrie und Gewerbe entwickelten ebenfalls in einem sehr zögerlichen Prozess ein Interesse am lebenslangen Erhalt der Arbeitskraft und an einer schulischen Ausbildung der Mehrheit der Bevölkerung, um diese umfassend auf das Arbeitsleben vorzubereiten. Berufsausbildung musste loyale und arbeitsfähige Staatsbürger hervorbringen, durfte nicht betrieblich verengt sein, um Betriebswechsel zu ermöglichen, und Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, die ein Leben lang den Veränderungen der Arbeit in Industrie und Gewerbe nachfolgen konnten. Ein Verschleiß der Menschen durch zu frühe Erwerbsarbeit entsprach nicht diesen langfristigen Zielen.

Als Ergebnis des Kampfes um das Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit in Europa sollte heute jedem Beteiligten weltweit bewusst sein, dass es Unrecht ist, Kindern eine zukunftzerstörende Erwerbsarbeit aufzuzwingen.

Fußnoten

4.
Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken, 9.3.1839, zit. nach: www.zeitspurensuche.de/02/kinder2.htm#1839 (20.9.2012).
5.
In der DDR war Kinderarbeit seit der Gründungsverfassung vom Oktober 1949 offiziell verboten. Arbeit von Jugendlichen in der Ausbildung und im polytechnischen Unterricht spielte gemäß der marxistischen Auffassung aber eine persönlichkeitsformende Rolle und hatte beim Ernteeinsatz und in der Produktion auch eine wichtige ökonomische Funktion.
6.
Vgl. Ingrid Peikert, "… manchmal ein leises Weh". Die Arbeit im Leben proletarischer Kinder, in: Wolfgang Ruppert, Die Arbeiter. Lebensformen, Alltag und Kultur von der Frühindustrialisierung bis zum "Wirtschaftswunder", München 1986, S. 206–214.
7.
Vgl. Eric J.E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München–Wien 1995.
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