(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Nicola Liebert

Der Kampf der ILO gegen Kinderarbeit: Eine Bestandsaufnahme

In welchen Bereichen Kinder arbeiten

Die meisten Kinderarbeiter finden sich in der Landwirtschaft (60 Prozent), gefolgt von 26 Prozent im Dienstleistungsbereich und nur 7 Prozent in der Industrie (der restliche Anteil ist nicht näher bestimmbar). Während in der industriellen Produktion vor allem Jungen beschäftigt sind, stellen Mädchen die Mehrheit der im Dienstleistungssektor arbeitenden Kinder.

Viele von ihnen müssen als Haushaltshilfen schuften, meist ohne Bezahlung und von der Öffentlichkeit weggesperrt. Sie putzen, waschen und bügeln, helfen beim Einkaufen und Kochen und beaufsichtigen die Kinder ihrer Arbeitgeber. Weil die Arbeit im Privaten stattfindet, liegen kaum verlässliche Zahlen über das Ausmaß vor. Die ILO nennt in ihrem jüngsten Report Schätzungen, wonach beispielsweise in Indonesien 688.000 Kinder unter 18 Jahren als Haushaltshilfen arbeiten und rund 175.000 in Mittelamerika. In Guatemala sollen allein 38.000 Kinder zwischen 5 und 7 Jahren in Privathaushalten arbeiten.

In zahlreichen Kulturen ist diese Form der Kinderarbeit nach wie vor sozial akzeptiert und gilt vor allem für Mädchen als eine sinnvolle Vorbereitung auf künftige Aufgaben als verheiratete Frau und als gute Alternative zu anderen Arbeiten. Ignoriert werden dabei die Gefahren dieser Arbeit: lange Arbeitszeiten und unzureichende Nahrung, das Tragen schwerer Lasten, der Umgang mit potenziell gefährlichen Chemikalien, mit Feuer und scharfen Messern oder Beilen und dazu noch allzu häufig Misshandlungen und sexueller Missbrauch.

Dieses mangelnde Bewusstsein für die Probleme ist auch ein Grund dafür, dass viele Staaten kaum oder keine Maßnahmen gegen diese Art der Kinderarbeit ergreifen. Die Verabschiedung des ILO-Übereinkommens 189 über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte im Juni 2011 könnte hier ein erster wichtiger Schritt sein, da die Staatengemeinschaft damit erstmals anerkannt hat, dass auch Hausangestellte Arbeitnehmer sind und die gleichen Rechte haben. Umgekehrt haben auch die Arbeitgeber entsprechende Pflichten, und dazu gehört der Verzicht auf Kinderarbeit.

Es lässt sich generell beobachten, dass Kinder besonders häufig im informellen Sektor arbeiten, nicht nur in Privathaushalten. Dieser Sektor ist nicht nur riesig – in Lateinamerika und Afrika macht er über 50 Prozent der Beschäftigung aus, in Asien sogar 78 Prozent –, sondern er wächst auch noch. Viele Staaten, die die ILO-Übereinkommen gegen Kinderarbeit ratifiziert haben, haben ihre Gesetze zur Umsetzung dieser Normen jedoch darauf nicht abgestimmt. Diesem Problem will die ILO künftig mehr Aufmerksamkeit schenken.[7]

Welche Möglichkeiten zum Gegensteuern bestehen, zeigt unter anderem ein Beispiel aus Bangladesch. In der Hauptstadt Dhaka wird inzwischen auch der informelle Sektor von den normalen Arbeitsinspektoren abgedeckt. Arbeitgeber, die Kinder nicht von gefährlichen Arbeiten abziehen, müssen nun mit dem Entzug ihrer Lizenz rechnen.

Kinderarbeit auf dem Land

Kinderarbeit ist besonders häufig dort anzutreffen, wo Armut, Analphabetismus und eine geringe Schuldichte sowie ein geringer gewerkschaftlicher Organisationsgrad vorherrschen, und diese Charakteristiken treffen ganz besonders auf ländliche Gebiete zu. Es ist also kein Wunder, dass gerade hier so viele Kinder arbeiten – auf 129 Millionen schätzt die ILO ihre Zahl. In Brasilien beispielsweise sind rund 20 Prozent der Kinderarbeiter im ländlichen Raum tätig und nur 3,7 Prozent im städtischen.

Nicht nur konzentriert sich die Mehrheit der arbeitenden Kinder in der Landwirtschaft, auch zählen diese Arbeiten oft zu den gefährlichen. Neben Bergwerken und dem Baugewerbe ist die Landwirtschaft einer der drei unfallträchtigsten Wirtschaftssektoren. Umso gefährlicher ist die Arbeit dort für Kinder, etwa wenn sie mit scharfen Mäh- und Schneidewerkzeugen hantieren, mit großen Tieren umgehen oder Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind. In Bangladesch etwa werden jeden Tag durchschnittlich 50 Kinder durch landwirtschaftliche Maschinen verletzt.[8]

Mehr als zwei Drittel der betroffenen Kinder auf dem Land arbeiten als unbezahlte Arbeitskräfte in der Familie. Wenn es um Mitarbeit auf dem eigenen Hof oder das Hüten des eigenen Viehs geht, kann dies durchaus auch einen positiven Beitrag leisten zur Weitergabe von Wissen an Kinder und zu ihrer eigenen Ernährungssicherheit. Daher muss unbedingt unterschieden werden zwischen solchen leichten Tätigkeiten auf der einen Seite und Kinderarbeit, welche die Kinder vom Schulbesuch abhält und sie zudem oft großen Gefahren aussetzt.

2007 hat die ILO ein Bündnis mit fünf internationalen Agrarorganisationen geschlossen, darunter die Internationale Vereinigung der Agrarproduzenten (IFAP) und der Dachverband der Agrargewerkschaften (IUF), um Strategien und Projekte gemeinsam mit den jeweiligen nationalen Behörden und Organisationen zu erarbeiten und umzusetzen. Dazu gehören insbesondere Gesetze zum Schutz der Kinder, die Schaffung besserer Einkommensmöglichkeiten und die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit auf dem Land sowie der Ausbau von Schulen und die Ermöglichung des Schulbesuchs.

Schlimmste Formen von Kinderarbeit

Neben der Arbeit in Privathaushalten sind Mädchen überdurchschnittlich häufig von sexueller Ausbeutung betroffen, sei es in der Prostitution, auch im Sextourismus, sei es im Bereich Pornografie. Auch wenn Zahlen wegen der Illegalität sehr vage sind, geht aus ILO-Schätzungen aus dem Jahr 2000 hervor, dass weltweit davon 1,8 Millionen Kinder betroffen sein dürften. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF ging 2006 von 2 Millionen aus. Vor allem auch Mädchen, die bereits in anderen Formen der Kinderarbeit gefangen sind, insbesondere als Hausangestellte, Straßenverkäuferinnen und Müllsammlerinnen, sind stark gefährdet. Der Kampf gegen Kinderprostitution und -pornografie muss daher Hand in Hand gehen mit dem Kampf gegen jegliche Art der Kinderarbeit.

Der wahrscheinlich schlimmsten aller Formen der Kinderarbeit sind Zehntausende von Jungen und auch Mädchen ausgesetzt, die in bewaffneten Konflikten in mindestens 17 Ländern der Welt eingesetzt werden. Bei weitem nicht alle von ihnen sind Kindersoldaten im engeren Sinne, viele arbeiten als Träger, Boten, Spione, Köche oder Zwangsprostituierte. Ein Zusatzprotokoll zum UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes verbietet ausdrücklich die Rekrutierung von Kindern unter 18 Jahren für Armeen und bewaffnete Gruppen. Und das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs stuft die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren sogar als Kriegsverbrechen ein.

Das ILO-Programm zur Bekämpfung der Kinderarbeit hat in Ländern Zentralafrikas, in Kolumbien, auf Sri Lanka und den Philippinen Projekte für die Reintegration betroffener Kinder eingerichtet. Doch darf darüber nicht vergessen werden, dass sich generell Kriege und andere Konflikte in einer Weise verheerend auf das ökonomische und soziale Umfeld der Kinder auswirken, was die Wahrscheinlichkeit für Kinderarbeit stark ansteigen lässt.

Fußnoten

7.
Vgl. ILO, General Survey on the fundamental Conventions concerning rights at work in light of the ILO Declaration on Social Justice for a Fair Globalization, 2008. Conference Paper, International Labour Conference, 101st Session, Geneva 2012, S. 153.
8.
Vgl. ILO, World Day Against Child Labour 12 June 2007. An Overview of Child Labour in Agriculture, Geneva 2007.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Nicola Liebert für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.