(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Nicola Liebert

Der Kampf der ILO gegen Kinderarbeit: Eine Bestandsaufnahme

Regionale Unterschiede

Erfolge im Kampf gegen die Kinderarbeit wurden vor allem im asiatisch-pazifischen Raum sowie in Lateinamerika und der Karibik erzielt. Hingegen verzeichnen die Länder Afrikas südlich der Sahara, sowohl relativ als auch absolut gesehen, eine Zunahme.

In absoluten Zahlen gibt es im Raum Asien und Pazifik mit 114 Millionen nach wie vor die meisten arbeitenden Kinder, gefolgt von Afrika südlich der Sahara mit 65 Millionen und Lateinamerika/Karibik mit 14 Millionen. Betrachtet man jedoch die relativen Zahlen, bietet vor allem das subsaharische Afrika ein alarmierendes Bild. Jedes vierte Kind muss hier arbeiten, verglichen mit jedem achten Kind in der asiatisch-pazifischen Region und jedem zehnten in Lateinamerika und der Karibik. Zudem verrichten 15 Prozent aller Kinder in Afrika gefährliche Arbeiten gegenüber 5,6 Prozent im Raum Asien/Pazifik beziehungsweise 6,7 Prozent in Lateinamerika und der Karibik. (Vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version)

Um die Entwicklung im Zeitraum 2004 bis 2008 nachzuverfolgen, muss auf die weniger aussagekräftige Kategorie der Kinder in Beschäftigung zwischen 5 und 14 Jahren zurückgegriffen werden, da frühere Schätzungen weder die Kinderarbeit im engeren Sinn noch die schlimmsten Formen der Kinderarbeit in der Altersgruppe von 15 bis 17 Jahren erfassten. Diese Kategorie umfasst neben den oben beschriebenen Formen der Kinderarbeit auch erlaubte Arbeit im Umfang weniger Stunden pro Woche. Die Zahlen ergeben, dass sowohl absolut als auch relativ praktisch überall ein Rückgang der Beschäftigung von Kindern zu verzeichnen war – mit Ausnahme Afrikas südlich der Sahara. Dort stieg die Zahl der beschäftigten Kinder sogar steil an von 49 Millionen im Jahr 2004 auf 58 Millionen vier Jahre später. Ihr Anteil erhöhte sich von 25,4 auf 28,4 Prozent.

Die ILO engagiert sich deshalb in Afrika besonders stark gegen Kinderarbeit. Ein Beispiel dafür ist die 2002 ins Leben gerufene "International Cacao Initiative", ein breites Bündnis aus Schokoladenindustrie, Gewerkschaften, Kakaoproduzenten, Verbraucherverbänden und Nichtregierungsorganisationen gegen Kinderarbeit auf Kakaoplantagen. Hinzu kommt das ebenfalls von der ILO unterstützte Programm "West Africa Cocoa and Commercial Agriculture Project to Combat Hazardous and Exploitative Child Labour" (WACAP), das durch Aufklärung aller Beteiligten und Sensibilisierung der Bevölkerung zunächst ein Ausbreiten der Kinderarbeit in diesem Bereich verhindern will. Das Projekt bietet Kindern zudem die Möglichkeit des Schulbesuchs und fördert alternative Einkommensmöglichkeiten für die Eltern.

Was tun gegen Kinderarbeit?

Kinderarbeit ist kein naturgegebenes Phänomen, und meist ist es auch nicht die Armut per se, welche die Kinder von der Schule fern und in Kinderarbeit gefangen hält. Vielmehr zeigen zahlreiche Beispiele, dass es der politische Wille ist, der zählt. Regierungen haben Wahlmöglichkeiten, zum Beispiel was die Bereitstellung von Schulbildung und Sozialschutz anbelangt.

Ein bloßes gesetzliches Verbot kann weder ausreichend, noch zielführend für die Abschaffung der Kinderarbeit sein. Die meisten Kinder arbeiten schließlich, weil es für ihr eigenes Überleben oder das der Familie notwendig ist. Dies kann so weit reichen, dass Familien mitunter einzelne ihrer Kinder an Menschenhändler verkaufen. Es liegt auf der Hand, dass Verbote keine Antwort auf ein derartiges Elend sind. Ein weiteres nicht durch Verbote zu behebendes Problem ist, dass den Kindern oft keine Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die nicht eingeschulten Kinder aber drohen als "Arbeitskräftereservoir" wahrgenommen zu werden.[9]

In ihrem globalen Bericht "Das Ende der Kinderarbeit: Zum Greifen nah" von 2006 stellt die ILO daher fest, dass die Beseitigung der Kinderarbeit und die Verringerung der Armut Hand in Hand gehen. Dazu gehört auch die Bereitstellung eines sozialen Basisschutzes, der die Verelendung von Familien verhindert. Eine entsprechende Empfehlung hat die Internationale Arbeitskonferenz, die Vollversammlung der ILO, im Juni 2012 verabschiedet. Im Bericht "Das Vorgehen gegen Kinderarbeit forcieren" von 2010 heißt es: "Wir werden die Kinderarbeit ohne universelle Bildung nicht beseitigen können, und wir werden umgekehrt nicht sicherstellen können, dass jedes Kind in die Schule geht, wenn wir die Kinderarbeit nicht beseitigen, vor allem ihre schlimmsten Formen."[10]

Bei diesen Problemen setzt das Programm der ILO zur Abschaffung der Kinderarbeit (IPEC) an, welches das Wohlergehen der Kinder und ihrer Familien in den Mittelpunkt stellt. Die Erfahrungen in zahlreichen Ländern zeigen, dass neben der Armutsbekämpfung insbesondere Bildungsangebote und die Bekämpfung von HIV/AIDS – damit die Kinder nicht für erkrankte oder verstorbene Elternteile einspringen müssen – Länder an den Punkt bringen können, an dem die Beseitigung der Kinderarbeit realistisch erscheint.

Was die Bekämpfung der Kinderarbeit in der Praxis jedoch so schwierig macht, sind zum einen überkommene politische und gesellschaftliche Strukturen, zum anderen wirkt Kinderarbeit in vielen Ländern selbstverstärkend. Wo Kinderarbeit ein Teil der Überlebensstrategie armer Familien ist, vergrößert dies das Angebot von billigen Arbeitskräften, was die Löhne weiter drückt. Die Familien sehen dadurch eine noch größere Notwendigkeit, die Kinder zum Arbeiten statt zur Schule zu schicken. Die mangelnde Ausbildung trägt weiter dazu bei, dass die Löhne niedrig bleiben. Der Ausbruch aus diesem Teufelskreis kann jedoch gelingen durch eine mehrgleisige Strategie, die Armutsbekämpfung und flächendeckende (Grund-)Schulbildung in den Mittelpunkt stellt. Die Erfolge einer solchen Strategie sollen im Folgenden zwei Fallbeispiele veranschaulichen.

Erfolgsmodelle

In Brasilien, wo Kinderarbeit lange als normaler Bestandteil des Arbeitsmarkts erschien, nahm die Regierung nach dem Ende der Militärdiktatur 1985 den Kampf dagegen auf. So führte die neue Verfassung eine achtjährige Schulpflicht ein (inzwischen auf neun Jahre verlängert), und das 1990 verabschiedete Kinder- und Jugendschutzgesetz schreibt unter anderem das Recht auf Bildung fest. 1992 trat Brasilien als eines der ersten Länder dem ILO-Programm zur Abschaffung der Kinderarbeit bei.

Einen großen Beitrag zum Erfolg dürfte ein 1996 aufgelegtes Cash-Transfer-Programm zur Abschaffung der Kinderarbeit, das "Programa de Erradicação do Trabalho Infantil", geleistet haben, das sich auf den ländlichen Raum konzentriert und Kindern unter anderem Angebote für die Nachschulzeit macht. Ergänzt wurde es durch eine stärkere Überprüfung der Gesetze gegen Kinderarbeit durch mobile Arbeitsinspektionseinheiten. Das Programm kann als Vorläufer der sehr viel weiter reichenden "Bolsa família" gelten, des 2003 eingeführten Sozialprogramms der brasilianischen Regierung zur Bekämpfung von Hunger und Armut, in dessen Rahmen arme Familien finanzielle Unterstützung erhalten – jedoch nur, wenn sie ihre Kinder in die Schule schicken und impfen lassen.

Die Statistik bietet einen eindrucksvollen Beleg des Erfolgs dieser Strategie: Die Erwerbsquote von Kindern der Altersgruppe von 10 bis 17 Jahren ging nach Angaben des brasilianischen Arbeitsministeriums zwischen 1992 und 2004 um mehr als ein Drittel zurück. Die Kinderarbeitsquote in der Altersgruppe von 5 bis 15 Jahren halbierte sich annähernd von 13,6 Prozent auf 7,3 Prozent im Jahr 2005.[11] Mit an Bedingungen geknüpften Einkommenshilfen erzielten übrigens auch Indonesien und die Philippinen Erfolge im Kampf gegen die Kinderarbeit.

Vor allem auf Bildung setzte auch der südindische Staat Kerala im Kampf gegen Kinderarbeit. Kerala ist für den Rest Indiens zu einem Modell für die Förderung der sozialen Entwicklung geworden, indem es eine Landreform, Ernährungssicherheit, Bildung und Gesundheit zu vorrangigen Anliegen machte.

Schon Anfang der 1960er Jahre gab der Staat 35 Prozent seines Budgets für Bildung aus, erheblich mehr als reichere Staaten, und förderte bewusst den Schulbesuch von Mädchen. Die Folge war, dass Anfang der 1970er Jahre die Erwerbsquote von Kindern in Kerala 1,9 Prozent betrug gegenüber der gesamtindischen Quote von 7,1 Prozent.[12] Zudem hat Kerala inzwischen die universelle Alphabetisierung erreicht, die wiederum eine Voraussetzung für die politische Mobilisierung für soziale Ziele ist.

Gerade in Indien ist hier jedoch noch viel zu tun. Die Herausforderungen dort sind so groß wie in kaum einem anderen Land der Welt: Fast eine halbe Milliarde Kinder leben in Indien; das Land ist jedoch weit vom Ziel der universellen Schulbildung entfernt. Hier drängt sich der Vergleich mit China geradezu auf: Während China seit 1979 mehr Menschen aus der Armut herausgeführt hat als jedes andere Land und die meisten seiner Kinder eine Grundschule besuchen, hat sich dieses Ziel in Indien als unerreichbar erwiesen. Wie anders als durch politisches Engagement und eine klare Prioritätensetzung lässt sich diese Diskrepanz erklären?

Die Beispiele Brasiliens und Keralas zeigen, dass der Kampf gegen Kinderarbeit gewonnen werden kann. Sie zeigen auch, dass der entscheidende Faktor dabei der politische Wille ist, den Kampf überhaupt erst aufzunehmen.

"Die Herausforderung besteht darin, den politischen Willen zu mobilisieren, Kindern in den nationalen Haushalten und Entwicklungsanstrengungen Vorrang einzuräumen", schrieb die ILO in ihrem globalen Bericht 2010. "Es gibt keinen Grund und auch keine Entschuldigung dafür, dass die eingegangenen Verpflichtungen im Zuge der globalen Wirtschafts- und Beschäftigungskrise sich wandelnden Prioritäten zum Opfer fallen."[13]

Fußnoten

9.
Vgl. National Commission on Enterprises in the Unorganized Sector, Report on conditions of work and promotion of livelihoods in the unorganized sector, New Delhi 2007, S. 101.
10.
ILO 2010 (Anm. 2), S. XV.
11.
Vgl. ebd., S. 23.
12.
Vgl. Myron Weiner, The Child and the State in India: Child Labor and Education Policy in Comparative Perspective, Princeton 1991, S. 175.
13.
ILO 2010 (Anm. 2), S. XIII.
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