(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Manfred Liebel
Philip Meade
Iven Saadi

Brauchen Kinder ein Recht zu arbeiten? Kindheitskonzepte und Kinderarbeit

Positive Aspekte der Arbeit von Kindern

In der Forderung nach dem Recht zu arbeiten kristallisieren sich Einstellungen und Denkweisen, die bei arbeitenden Kindern weit verbreitet sind und schon manche Forscherinnen und Forscher, die sich mit Kinderarbeit befassen, überrascht haben. Wenn Kindern – im Süden wie im Norden – Gelegenheit gegeben wird, sich über ihre Arbeit und ihre Arbeitsauffassungen zu äußern, bewerten sie die Tatsache, dass sie arbeiten, meist positiv, oder sie erklären, dass sie gerne arbeiten würden, wenn sie Gelegenheit dazu fänden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Kinder mit der Arbeit immer bestimmte Vorstellungen und Erwartungen verbinden.

In einer Studie über die Bedeutungen, die Arbeit für Kinder in Deutschland hat,[6] hat sich gezeigt, dass Kinder nicht irgendeine Arbeit machen wollen, sondern erwarten, dass diese "freiwillig" ist, dass sie bei der Arbeit "selbstständig" sein können und für sie "Anerkennung" finden. Eine bevorzugte, wenn auch nicht ausschließliche Form der Anerkennung sehen sie in der angemessenen Bezahlung. Die eigene Arbeit nehmen die Kinder umso ernster und schätzen sie umso mehr, je deutlicher ihr Nutzen für andere ist, je eher sie erlaubt, die eigenen Kompetenzen einzubringen, und je mehr sie von den Erwachsenen im sozialen Umfeld gewürdigt wird. Sie wird nicht in Konkurrenz zur Schule gesehen, sondern als Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen, den eigenen Handlungsraum zu erweitern und unter Umständen zukunftsrelevante Kompetenzen zu erwerben, welche die Schule nicht vermittelt.

Nicht immer drücken die Kinder ihre Vorstellungen von Arbeit aus, indem sie ausdrücklich von Arbeit sprechen, sondern betonen, dass sie Geld verdienen, sich nützlich machen, ihrer Familie helfen oder neue Erfahrungen in der "Welt der Erwachsenen" machen wollen. Ein zehnjähriges Berliner Mädchen, das auf der Suche nach einem Job war, sagte zum Beispiel: "Ich hasse es, nur in der Klasse zu sein."[7] Obwohl die Gründe und Motive, die Kinder zum Arbeiten veranlassen, in den Ländern des Nordens und Südens sehr verschieden sind, sind ähnliche Erwägungen auch Kindern im Süden nicht fremd. So sagte ein 13-jähriger Junge aus Paraguay, der im April 2004 am zweiten Welttreffen der Bewegungen arbeitender Kinder in Berlin teilnahm: "Schule und Spiel sind für uns Kinder nicht genug." Und ergänzt: "Wir können arbeiten und gleichzeitig noch spielen und lernen. Das schließt sich nicht aus." Ein Kind, das durch überlange Arbeitszeiten oder aus anderen Gründen am Schulbesuch gehindert wird, hätte sich gewiss in anderer Weise geäußert. Aber auch bei solchen Kindern findet sich selten eine Ablehnung der Arbeit, sondern eher der Wunsch, nicht so lange oder hart arbeiten zu müssen, sich selbst die Arbeit aussuchen zu können. So sagte ein 14-jähriger Junge aus Argentinien, der seit seinem sechsten Lebensjahr als Straßenverkäufer Geld verdient, nicht die Tatsache, arbeiten zu müssen, sei für ihn und andere Kinder aus den Armenvierteln ein Problem: "Was mich belastet, ist, wenn ich unter schlechten Bedingungen arbeiten muss, keine Rechte habe und ausgebeutet werde."[8]

Schutzkonzepte können die Lage arbeitender Kinder verschlechtern

Die Forderung nach einem Recht zu arbeiten entstand aus der Erfahrung arbeitender Kinder, dass bisherige Konzepte und Maßnahmen, die ihrem Schutz vor Ausbeutung dienen sollten, nicht oder selten dazu beigetragen haben, ihre Lage tatsächlich zu verbessern. Mehr noch, sie machten vielfach die Erfahrung, dass das in den meisten nationalen Gesetzen und in der ILO-Konvention 138 ("Mindestalter") kodifizierte Verbot der Kinderarbeit immer dann, wenn es in Maßnahmen umgesetzt wird, ihre Lage sogar kompliziert und verschlechtert. Zum Beispiel macht es den Kindern unmöglich, sich am Arbeitsplatz auf Rechte zu berufen. Selbst die ILO-Konvention 182, die spezifischer auf die Bekämpfung der "schlimmsten Formen" der Kinderarbeit abzielt, erwies sich in der Praxis als ein Instrument, das für viele arbeitende Kinder mehr Probleme schafft als löst. Sie diente in vielen Fällen sogar dazu, die Verfolgung und Vertreibung arbeitender Kinder von ihren Arbeitsplätzen zu legitimieren, wobei willkürlich – ohne die Kinder und ihre Familien zu konsultieren – definiert wurde, was als "schlimmste Formen" von Kinderarbeit zu gelten habe.

Ein Grund für die negativen Auswirkungen liegt darin, dass all diese zum Schutz vor Ausbeutung gedachten Regelungen und Maßnahmen die Arbeit der Kinder nur unter dem Aspekt betrachten, dass sie ihnen schadet, ohne die Gründe und Motive in Erwägung zu ziehen, welche die Kinder zum Arbeiten veranlassen. Da sie auf der Ideologie basieren, dass Arbeit für Kinder prinzipiell schlecht und Kinder für Arbeit prinzipiell ungeeignet seien, können sie sich auf die näheren Lebensumstände und die Sichtweisen und Empfindungen der Kinder nicht einlassen. Die Kinder werden nur als Opfer oder Objekte gesehen, denen geholfen werden muss, nicht aber als Subjekte, die sich eigene Gedanken über ihre Situation machen und zur Lösung ihrer Probleme beitragen können und wollen.

Die Vorannahmen über die Schädlichkeit der Kinderarbeit erschweren es, gegenteilige empirische Forschungsergebnisse und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen anzuerkennen. Deutlich wird dies etwa an der Behandlung der Frage, wie sich die Arbeit und die Bildung von Kindern zueinander verhalten. Ohne Zweifel wird die Arbeit von Kindern oft unter Bedingungen ausgeübt, die ihre Bildungsmöglichkeiten beschneiden. Untersuchungen über diese Beziehung haben allerdings ergeben, dass Arbeit vielen Kindern einen Zugang zu schulischer und nichtschulischer Bildung überhaupt erst ermöglicht. Mit ihrem Einkommen leisten sich die Kinder so zum Beispiel Schulmaterialien, Anfahrtskosten, Schulgebühren oder eine einigermaßen regelmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln – unabdingbar für Konzentrations- und Lernfähigkeit. Ebenfalls wurde festgestellt, dass unter bestimmten Umständen Kinder und Jugendliche, die neben der Schule einer Arbeit nachgehen, bessere Bildungserfolge erzielen als ihre nicht arbeitenden Altersgenossen.[9] Zudem können Kinder sich durch ihre Arbeit Wissen und Kompetenzen aneignen, die ihre gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche Teilhabe stärken.[10] In der Debatte wird schließlich meist ausgeblendet, dass auch die Institution Schule Kinderrechtsverletzungen unter anderem in Form von Gewalt, Diskriminierung und übermäßigem Leistungsdruck bedeuten kann.[11]

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2010, die auf der umfassenden Sichtung und Evaluation bestehender Forschungsergebnisse beruht, wird denn auch die These, dass Arbeit und Bildung im Leben von Kindern unvereinbar seien, verworfen. Stattdessen wird im Hinblick auf eine Verwirklichung des Rechts auf Bildung empfohlen, die in der Arbeit von Kindern enthaltenen (Bildungs-)Potenziale zu stärken und mit einer gründlichen Reform der Bildungssysteme zu verbinden.[12]

Ansätze, die auf die Abschaffung von Kinderarbeit zielen, vernachlässigen oftmals die kulturellen Zusammenhänge, in denen Kinder aufwachsen. In vielen Gesellschaften bestehen Vorstellungen von "Kindheit" und "Arbeit", denen zufolge die Arbeit der Kinder nicht als Makel gilt, sondern als Beitrag zu einer "geteilten Verantwortung", die Anerkennung verdient. Gewiss besteht die Gefahr, dass unter Bedingungen materieller Not die Kinder bloß als Arbeitskraft gesehen und instrumentalisiert werden und wenig Rücksicht auf ihre Bedürfnisse und Rechte genommen wird. Aber diesen Gefahren ist nur zu begegnen, wenn die Arbeit der Kinder nicht generell abgewertet wird, sondern die Kritik an den Arbeitsbedingungen der Kinder mit der Anerkennung ihrer Arbeitsleistung verknüpft wird. Eine solche Anerkennung wird durch das mit der bürgerlichen Gesellschaft entstandene Kindheitsideal erschwert, welches die Kinder vom gesellschaftlichen Leben trennt, sie in vermeintlich ihrem kindlichen Wesen entsprechenden Schutz- und Schonräumen "verinselt" und auf eine Schul- und Erziehungskindheit reduziert.[13]

Fußnoten

6.
Vgl. Beatrice Hungerland et al., Bedeutungen der Arbeit von Kindern in Deutschland. Wege zu partizipativer Autonomie?, in: Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 14 (2005) 2, S. 77–93.
7.
Zit. nach: "Bin 10, suche Arbeit!", Film von Silvia Kaiser, ZDF, 2006.
8.
Alle Kinderäußerungen zit. nach: Manfred Liebel, Kinderrechte – aus Kindersicht. Wie Kinder weltweit zu ihrem Recht kommen, Berlin 2009, S. 84.
9.
Vgl. Jeylan T. Mortimer, Working and Growing Up in America, Cambridge, MA 2003, S. 187.
10.
Vgl. Michael Bourdillon et al., Rights and Wrongs of Children’s Work, New Brunswick–London 2010, S. 102, S. 129–132; Charlotte Büchner/Gert G. Wagner, Eine empirische Bestandsaufnahme außerfamiliärer und außerschulischer Bildungs- und Lernwelten. Ergänzungen und vertiefende Analysen an den 12. Kinder- und Jugendbericht, DIW Research Notes 11/2006, S. 29, S. 32.
11.
Vgl. Ulf Preuss-Lausitz, Kinder zwischen Selbständigkeit und Zwang. Widersprüche in der Schule, in: ders. et al. (Hrsg.), Selbständigkeit für Kinder – die große Freiheit? Kindheit zwischen pädagogischen Zugeständnissen und gesellschaftlichen Zumutungen, Weinheim–Basel 1990, S. 54–68; Erich Ribolits, Bildung ohne Wert. Wider die Humankapitalisierung des Menschen, Wien 2009.
12.
Vgl. M. Bourdillon et al. (Anm. 10), S. 108–132.
13.
Vgl. Johanna Mierendorff/Renate Kränzl-Nagl, Kindheit im Wandel – Annäherung an ein komplexes Phänomen, in: SWS-Rundschau, 47 (2007) 1, S. 5–28; Helga Zeiher, Ambivalenzen und Widersprüche der Institutionalisierung von Kindheit, in: Michael-Sebastian Honig (Hrsg.), Ordnungen der Kindheit, Weinheim–München 2009, S. 103–126.
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