(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Manfred Liebel
Philip Meade
Iven Saadi

Brauchen Kinder ein Recht zu arbeiten? Kindheitskonzepte und Kinderarbeit

Schutz in die eigenen Hände nehmen

Das Recht zu arbeiten ist nicht nur ein wirtschaftliches Recht, das die gleichberechtigte Teilhabe der Kinder an der Gesellschaft fördert, sondern dient auch dem Schutz der arbeitenden Kinder vor Ausbeutung. Ihm liegt allerdings eine Vorstellung von Schutz zugrunde, die nicht – wie bisher üblich – auf Vermeidung oder Abschottung von gefährdenden Situationen ("Schutz vor …"), sondern auf deren Bewältigung durch aktives Handeln der direkt Betroffenen ("Schutz durch …") beruht. Darin liegen gewiss Risiken. So ließe sich fragen, ob die Kinder immer in der Lage sind, die in einer bestimmten Arbeit liegenden Gefährdungen zu beurteilen, ihr "bestes Interesse" zu erkennen oder – zum Beispiel bei den Verlockungen des Geldverdienens – zwischen kurz- und langfristigen Interessen zu unterscheiden. Auch ist fraglich, ob sie die nötige Handlungsmacht besitzen, um sich unzumutbaren Arbeitsbedingungen zu widersetzen und die nötigen Änderungen zu erreichen.

Aber es wäre kurzschlüssig anzunehmen, das Vermeidungskonzept von Schutz, das dem Bild einer Käseglocke entspricht, die über die Kinder gestülpt wird, sei frei von Risiken. Es droht nicht nur die Abhängigkeit der Kinder auf Kosten ihrer Freiheits- und Partizipationsrechte zu verfestigen und ihnen zu erschweren, die nötigen Kompetenzen für situationsangemessenes Handeln zu entwickeln, sondern ist auch blind und unflexibel gegenüber den je besonderen Lebensbedingungen der Kinder und den kulturspezifischen Positionierungen von Kindern in der jeweiligen Gesellschaft. Es schüttet gleichsam das Kind mit dem Bade aus und macht es unmöglich, auszuloten, in welchen Zusammenhängen die Arbeit der Kinder verortet ist, was die Arbeit für sie bedeutet und welche Rolle sie selbst in der konkreten Situation zu ihrem eigenen Schutz spielen können. Mehr noch, im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung trägt das Vermeidungskonzept dazu bei, die Kinder überhaupt erst in den Zustand der "Hilflosigkeit" zu versetzen, der als Beleg für das "Schutzbedürfnis" dient.[14]

Wird dagegen Kindern das Recht zu arbeiten erst einmal eingeräumt, könnten sie sich besser vor Gefährdungen schützen oder Verbesserungen ihrer Situation erreichen, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme rechtlicher Mittel. Regelungen könnten die Rahmenbedingungen für die den Kindern zugänglichen Arbeiten festlegen, zum Beispiel maximale Arbeitszeit, paralleler Schulbesuch oder Schutz- und Mitwirkungsrechte am Arbeitsplatz. Außerdem könnten den arbeitswilligen Kindern Arbeitsgelegenheiten vermittelt werden, die gleichermaßen diesen Regelungen und den Wünschen der Kinder entsprechen.[15] Dies wäre auch im Rahmen öffentlicher Einrichtungen oder mit Blick auf neue Formen solidarischen und gemeinnützigen Wirtschaftens denkbar.[16] Es könnte damit sogar ein Beitrag zur Reduzierung der Kinderarmut geleistet werden.[17]

Bislang "ungeschriebenes" Recht

Das Recht zu arbeiten ist bisher in keinem nationalstaatlichen Gesetz und keinem internationalen Übereinkommen, das sich auf Kinder bezieht, vorgesehen. Das ihm entsprechende, in der UN-Charta der Menschenrechte von 1948 und vielen Verfassungen verankerte Recht auf die freie Wahl des Arbeitsplatzes, das mitunter durch das "Recht auf Arbeit" verstärkt wird, enthält zwar in der Regel keine explizite Altersbegrenzung, wird aber de facto nur auf Erwachsene bezogen.[18] Doch die Überlegung, wie das Recht zu arbeiten auch für Kinder zum Zuge kommen könnte, ist nicht zwingend an kodifiziertes Recht gebunden. Wie alle Menschenrechte kann auch das Recht zu arbeiten vor jeder formalen Kodifizierung in staatlichen Gesetzen oder zwischenstaatlichen Übereinkommen Geltung beanspruchen. Es erhält seine Legitimität, indem es in wachsendem Maße und in organisierter Weise von Kindern selbst artikuliert wird.

Die "12 Rechte" zum Beispiel, die im Gründungsdokument der Afrikanischen Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher (MAEJT)[19] formuliert sind, entsprechen zwar teilweise sinngemäß einigen Artikeln der UN-Kinderrechtskonvention, sie sind in dieser Form aber in keinem "offiziellen" Rechtsdokument enthalten. Ein Beispiel ist das "Recht im Dorf zu bleiben". Im Unterschied zu staatlichen und zwischenstaatlichen Rechtsdokumenten zeichnen sich diese Rechte dadurch aus, dass sie konkret auf die Lebenssituationen und Interessenlagen der arbeitenden Kinder bezogen sind, die sie formuliert haben oder die durch die Kinderbewegung repräsentiert werden. Die afrikanische Kinderbewegung macht in allen Ländern, in denen sie präsent ist, in regelmäßigen Abständen eine Bestandsaufnahme über das Ausmaß, in dem ihre "12 Rechte" erfüllt werden, und verteilt entsprechende Noten an die verantwortlichen Erwachsenen und Regierungen.[20]

Eine besondere Relevanz erhält das Recht zu arbeiten dadurch, dass es zur Durchsetzung auch anderer Kinderrechte entscheidend beitragen kann. Der fundamentale Neubeginn, den die UN-Kinderrechtskonvention verspricht, indem sie den Kindern das Recht auf eine menschenwürdige Gegenwart und eine selbstbestimmte soziale Identität zugesteht, bleibt ohne nennenswerte Folgen, solange die Kinder faktisch vom Wohlwollen der Erwachsenen abhängig bleiben. Erst wenn sie auf legale Weise wirtschaftlich tätig sein und gegebenenfalls über eigenes Einkommen verfügen können, können die Kinder damit rechnen, die nötige Unabhängigkeit und das soziale Gewicht zu erlangen, um selbst ihre Rechte in der Gesellschaft durchzusetzen.[21]

In den Erklärungen der Kinderbewegungen wird das Recht zu arbeiten nicht auf irgendeine Arbeit bezogen, sondern es wird immer wieder betont, dass es sich um eine "Arbeit in Würde", eine "leichte" oder "nicht zu schwere Arbeit", eine Arbeit, die den "Fähigkeiten angemessen" ist, handeln soll.[22] Dies könnte auf den ersten Blick so verstanden werden, dass die Kinder für sich nur ein eingeschränktes Recht auf "kinderspezifische" Arbeit beanspruchen. Aus dem Zusammenhang geht jedoch hervor, dass nicht das Lebensalter zum Kriterium der Angemessenheit gemacht wird, sondern die Wahrung der menschlichen Würde. Im Verständnis der Kinderbewegungen zielt das Recht zu arbeiten darauf ab, eine "möglichst gute" Arbeit zu erlangen und jeder Art von Ausbeutung und Entwürdigung in der Arbeit aktiv zu begegnen. Es enthält somit einen "utopischen Überschuss", der über die in der kapitalistischen Gesellschaft dominierende Form der Lohnarbeit hinausweist. Überdies beanspruchen die Kinder, selbst entscheiden zu können, ob die zu erlangende Arbeit den von ihnen selbst bestimmten Kriterien entspricht.

Ausblick

Die von den Kindern vorgenommenen Spezifizierungen haben besonderes Gewicht in einer gesellschaftlichen Situation, in der die Arbeitsverhältnisse weltweit "dereguliert" und "flexibilisiert" werden und immer mehr Menschen zugemutet wird, sich mit einer "prekären Arbeit" zu begnügen. Entgegen einem gängigen Vorurteil ist es die erklärte Absicht der Kinder, sich nicht als billige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt vereinnahmen zu lassen. Ihnen ist bewusst, mit Menschen anderen Alters, die auf ihre Arbeitskraft angewiesen sind, in einem Boot zu sitzen. Umgekehrt bestehen sie aber auch darauf, nicht unter bloßem Verweis auf ihr geringeres Lebensalter von einer gesellschaftlichen Praxis ausgeschlossen zu werden, die für "erwachsene" Menschen als Ausweis eines menschenwürdigen Daseins gilt.

Nach dem Verständnis der Kinderbewegungen ist das von ihnen geforderte Recht zu arbeiten keinesfalls auf Lohnarbeit beschränkt, sondern bezieht sich auf alle für das menschliche Leben bedeutsamen Tätigkeiten. In ihm drückt sich letztlich das Verlangen aus, nicht auf eine begrenzte und vom Wohlwollen der Erwachsenen abhängige "Kindheit" reduziert zu werden, sondern in gleichberechtigter Weise am Kampf um eine bessere Welt für alle teilzuhaben.

Fußnoten

14.
Vgl. Manfred Liebel, Kinder und Gerechtigkeit. Über Kinderrechte neu nachdenken, Weinheim–Basel 2012, S. 72ff.
15.
Wie wichtig statt eines generellen Verbots rechtliche Regulierungen wären, zeigt sich auch daran, dass Kinder immer häufiger im Medienbereich und Showbusiness einer Arbeit nachgehen. Zu ersten Versuchen, eine solche Regulierung in Deutschland zu finden, vgl. Melanie Garbas, Kinderarbeit in den Medien – Zwischen Schutzanspruch, Interessenwahrung und Selbstverwirklichung, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4 (2009) 1, S. 91–105.
16.
Vgl. Manfred Liebel, Arbeitende Kinder in der Solidarischen Ökonomie, in: Europäischer Masterstudiengang "Gemeinwesenentwicklung, Quartiermanagement und Lokale Ökonomie" an der Hochschule München (Hrsg.), Gemeinwesen gestalten – Lernen für eine nachhaltige Entwicklung, Neu-Ulm 2009, S. 141–156.
17.
Siehe hierzu etwa den Beitrag von Barbara Küppers in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
18.
Zur Anwendung auf Kinder und einer entsprechenden Reform des internationalen Arbeitsrechts vgl. Karl Hanson, Arbeitende Kinder und ihre Rechte. Ein Denkanstoß, in: Manfred Liebel/Ina Nnaji/Anne Wihstutz (Hrsg.), Kinder. Arbeit. Menschenwürde. Internationale Beiträge zu den Rechten arbeitender Kinder, Frankfurt/M.–London 2008, S. 249–271.
19.
Vgl. Die arbeitenden Kinder und Jugendlichen Afrikas organisieren sich. Eine Dokumentation, in: Manfred Liebel/Bernd Overwien/Albert Recknagel (Hrsg.), Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M.–London 1999, S. 69–88.
20.
In Bolivien hat die Bewegung arbeitender Kinder mit ähnlichen Intentionen sogar einen Gesetzentwurf ausgearbeitet. Vgl. Manfred Liebel, Mutiges Novum. Bolivien: Arbeitende Kinder formulieren ein Gesetz für ihre eigenen Rechte, in: Ila – Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e.V., (2011) 345, S. 44–46.
21.
Dies wurde schon in den 1970er Jahren in einer Schrift des US-amerikanischen Children’s Liberation Movement hervorgehoben: Richard Farson, Menschenrechte für Kinder. Die letzte Minderheit, München 1975.
22.
Vgl. Manfred Liebel/Ina Nnaji/Anne Wihstutz, Arbeitende Kinder und die Würde (in) der Arbeit, in: dies. (Anm. 18), S. 391–428; Deklarationen auf der Internetseite des ProNATs e.V.: http://www.pronats.de/materialien/deklarationen/« (21.9.2012).
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