Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Jürgen Zimmerer

Expansion und Herrschaft: Geschichte des europäischen und deutschen Kolonialismus

Tausendjähriges (Kolonial-)Reich

Allerdings war damit die Epoche des deutschen Kolonialismus noch nicht beendet. Nicht zuletzt aus Empörung über die "Kolonialschuldlüge" gewann die Kolonialbewegung Zulauf, wie sich in einer Vielzahl an Memoiren, Kolonialromanen oder Vorträgen zeigt. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verbanden nicht wenige die Hoffnung auf eine Wiedergewinnung der Kolonien. Für das neue Regime war dies jedoch von sekundärer Bedeutung. Vielmehr rückte der geografische Ort des deutschen Kolonialreiches vom Süden in den Osten, symbolisiert etwa im Schlagwort vom "Volk ohne Raum". Ursprünglich der Titel eines Romans mit Schauplatz im Südlichen Afrika, wurde es zum Schlagwort für die malthusianistischen und sozialdarwinistischen Ängste der Deutschen vor und während des "Dritten Reiches". Der gesuchte Raum wurde schließlich im Osten Europas gefunden, und mit dem Einmarsch in die Sowjetunion begann das noch kurzlebigere zweite deutsche Kolonialreich.[14]

Der zu errichtende Rassenstaat über Teile der Sowjetunion wies koloniale Herrschaftszüge auf, wie Aussagen etwa von Hitler belegen: "Der Kampf um die Hegemonie in der Welt wird für Europa durch den Besitz des russischen Raumes entschieden; er macht Europa zum blockadefestesten Ort der Welt. (…) Die slawischen Völker hingegen sind zu einem eigenen Leben nicht bestimmt. (…) Der russische Raum ist unser Indien, und wie die Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir diesen unseren Kolonialraum regieren. Den Ukrainern liefern wir Kopftücher, Glasketten als Schmuck und was sonst Kolonialvölker gefällt."[15] Was das bedeutete, spezifizierte er gegenüber dem Reichsminister Martin Bormann: "Die Slawen sollen für uns arbeiten. Soweit wir sie nicht brauchen, mögen sie sterben. Impfzwang und deutsche Gesundheitsfürsorge sind daher überflüssig. Die slawische Fruchtbarkeit ist unerwünscht. Sie mögen Präservative benutzen oder abtreiben, je mehr, desto besser. Bildung ist gefährlich. Es genügt, wenn sie bis 100 zählen können. Höchstens die Bildung, die uns brauchbare Handlanger schafft, ist zulässig. Jeder Gebildete ist ein künftiger Feind. Die Religion lassen wir ihnen als Ablenkungsmittel. An Verpflegung bekommen sie nur das Notwendigste. Wir sind die Herren, wir kommen zuerst."[16]

Die Neuordnung von Raum auf der Grundlage von "Rasse", zumal mit der Absicht, die lokale Bevölkerung durch eine neue ortsfremde "Herrenschicht" zu ergänzen oder teilweise auszutauschen, findet sich in allen europäischen Siedlerkolonien, auch wenn kaum irgendwo derart schnell und derart zielgerichtet vorgegangen worden ist wie das Deutsche Reich zuerst in Deutsch-Südwestafrika und nur eine Generation später im besetzten Osteuropa.

Bekanntlich dauerte das Tausendjährige (Kolonial-)Reich nur wenige Jahre. Mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg endete auch Deutschlands Kolonialgeschichte, zumindest als aktive Kolonialmacht. Mit der Vertreibung von Millionen Deutschen aus Osteuropa kam zudem ein Prozess zum Abschluss beziehungsweise wurde umgekehrt, der über Jahrhunderte im Zuge der "Ostkolonisation" Deutsche nach Osten geführt hatte. Dass imperiale Träumereien sowohl in Bezug auf Afrika als auch auf "den Osten" damit nicht endeten, steht ebenso auf einem anderen Blatt wie die Teilung Deutschlands, die beiden Teilstaaten nur ein eingeschränktes Maß an Souveränität zubilligte und zumindest den östlichen Teil in ein neues – sowjetisches – Imperium einfügte.

Auf den Ruinen der europäischen Kolonien sind mittlerweile neue Groß- und Hegemonialmächte entstanden, auch als (nicht intendierte) Konsequenz der europäischen Kolonialherrschaft. Wie weit diese wiederum zu Kolonialmächten werden, und welche Rolle die vormaligen Kolonialmächte in dieser "neuen" Weltordnung einnehmen werden, wird die Zukunft zeigen.

Fußnoten

14.
Vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin u.a. 2011; Shelley Baranowski: Nazi Empire. German Colonialism and Imperialism from Bismarck to Hitler, Cambridge, MA 2011.
15.
Am 17.9.1941, zit. nach: Monologe im Führerhauptquartier, herausgegeben und kommentiert von Werner Jochmann, Hamburg 1980, S. 60–64.
16.
Zit. nach: Ernst Piper, Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 529.
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