Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Sébastien Martineau

Antikoloniale Bewegungen in Afrika. Drei Beispiele

Die Popularität von Ferhat Abbas litt unter der politischen Blockade Frankreichs, und viele wandten sich Messali Hadj und seinem "integralen Nationalismus" zu. "Seine Partei, das Mouvement pour le triomphe des libertés démocratique (MTLD) (die Bewegung für den Sieg der demokratischen Freiheiten, S.M.), zählte nur einige Tausend Anhänger, erfreute sich aber einer nicht unbeträchtlichen Popularität unter Jugendlichen und algerischen Pfadfindern, ja sogar in den Gewerkschaften."[2] Die "Messalisten" zogen zunehmend den Mittelstand und die Intellektuellen an. Doch der MTLD war gespalten, und es war schließlich auch eine Abspaltung des Mouvement, aus welcher der Front de libération national (FLN) (Nationale Befreiungsfront) hervorging. Am 1. November 1954 brach der Aufstand aus. Der FLN zog nach und nach andere Bewegungen an und versammelte die Führung des MTLD, die Oulémas, die Gruppe um Ferhat Abbas sowie die algerische Kommunistische Partei um sich. "Einzig die Messalisten verharrten in einer entschlossenen Opposition, hatte doch Zaïm (so der Beiname von Messali Hadj, S.M.) die Bildung des FLN als persönlichen Affront empfunden."[3]

Acht Jahre später, im März 1962, war es dann auch der FLN, mit dem Frankreich die Verträge von Evian unterzeichnete, die den Weg in die Unabhängigkeit Algeriens bereiteten. Die Stellung der Europäer wurde an und für sich durch diese Verträge abgesichert. Aber in den folgenden Monaten veranlassten die veränderten Kräfteverhältnisse innerhalb der nationalistischen Bewegung sowie die blutigen Attentate der Organisation armée secrète (OAS) (Organisation der geheimen Armee) – einer undurchsichtigen Gruppe von Militärs, deren Ziel es war, Algerien als integralen Bestandteil Frankreichs zu erhalten – die Mehrzahl der Europäer zum Weggang. In dem nun zwischen den Nationalisten ausbrechenden Machtkampf konnte sich schließlich Ahmed Ben Bella (ein Veteran der MTLD von Messali Hadj, der beinahe die gesamten Kriegsjahre im Gefängnis verbracht hatte) mit seiner Groupe de Tlemcen gegen die provisorische Regierung durchsetzen, die 1958 gebildet worden war und sehr auf die internationale Anerkennung der algerischen Nationalbewegung hingewirkt hatte.

Im Juni 1962 wurde in Tripolis ein Programm formuliert. Auf politischer Ebene konnte sich die Option einer Einheitspartei durchsetzen. Auf wirtschaftlicher Ebene stellte das Programm laut Ferhat Abbas eine "schlecht verdaute Version des Marxismus" dar, so zitiert von der Historikerin Malika Rahal.[4] Es sah die Umverteilung von Land vor, eine symbolische Rolle für die Landbevölkerung und große Anstrengungen zur Industrialisierung. Ben Bella bestand darauf, dass das Programm Bezug auf den Islam – sein "Schlachtpferd" – nahm. Es folgten zudem Verstaatlichungen, nicht zuletzt der Mineralölwirtschaft. Das unabhängige Algerien gründete sich auf diesen ideologischen Fundamenten, ohne jemals seine wirtschaftlichen Verbindungen zum Westen, insbesondere zu Frankreich und den USA, zu lösen – ein Prozess, der durch das weitgehende Fehlen einer Elite erschwert wurde, die während des Krieges dezimiert worden war, vielfach durch die französische Armee, aber auch durch den FLN. Letzterer ist noch heute an der Macht – in einem Land, in dem die Armee eine zentrale Rolle spielt.

Kamerun: Ein vergessener Krieg

Togo und Kamerun nahmen einen besonderen Platz unter den französischen Gebieten ein. Die beiden Länder, frühere deutsche Kolonien, waren zu einem Teil Frankreich und zum anderen Teil Großbritannien überantwortet worden, zunächst in Form eines "Mandats" des Völkerbundes, dann als Treuhandgebiet der Vereinten Nationen – ein System, das ausdrücklich darauf zielte, die Entwicklung dieser Gebiete in Richtung Selbstverwaltung oder Unabhängigkeit zu fördern. "Das Dokument des Völkerbundes anempfahl besonders die territoriale Integrität Kameruns, die Freilassung und Gleichstellung der Sklaven, das Verbot der Zwangsarbeit,[5] den Respekt vor dem Grundbesitz der einheimischen Bevölkerung",[6] wie Pauline Isabelle Ngo Nyouma, eine Forscherin im Bereich Gender Studies, zeigt. "Das wachsende Bewusstsein und der Wille, von den Rechten zu profitieren, die ihnen dieser Sonderstatus verlieh, trugen zur Herausbildung eines nationalen Geistes in Kamerun bei." Nun sah sich die Nationalbewegung aber einer starken Repression ausgesetzt; zunächst von Seiten der französischen Armee, dann von den Truppen des unabhängigen Kameruns, die durch Frankreich unterstützt wurden – ein Konflikt, der wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielt und stets im Schatten der Kolonialkriege in Indochina und Algerien stand.

Der Romanautor und Essayist Mongo Béti war einer der ersten Autoren, der in seinem Werk "Main basse sur le Cameroun" (Beschlagnahme des Kamerun),[7] das bei seinem Erscheinen 1972 in Frankreich verboten wurde, über diese Ereignisse berichtete. Als eines der ersten Anzeichen für eine Mobilisierung macht er die Gründung der Union des syndicats confédérés du Cameroun (USCC), die der mitgliederstärksten französischen Gewerkschaft CGT nahestand, im Dezember 1944 in Duala aus. Dieses Gewerkschaftsbündnis "sah sich sofort einer sehr heftigen Kampagne des aus Europa stammenden katholischen Klerus ausgesetzt, die – angesichts seiner seinerzeit übergroßen Mehrheit – quasi missionarische Züge trug". Verschiedene nationalistische Führer verdienten sich ihre Sporen innerhalb der USCC. Aber ein wirklicher Meilenstein war im April 1948 die Gründung einer politischen Massenpartei, der Union des populations du Cameroun (UPC) (Union der Völker Kameruns). An ihrer Spitze stand Ruben Um Nyobé, der fortan den Nationalismus Kameruns verkörperte. Der junge Beamte, der Erfahrungen in der Gewerkschaftsarbeit bei der USCC gesammelt hatte und durch den Marxismus geprägt war, bereiste das Land, um für die Idee eines "Kameruns durch die Kameruner, für die Kameruner" zu werben. Er verurteilte die Macht der Kolonialisten und das Los, das den Einheimischen beschieden war. Mit Um Nyobé an der Spitze entfaltete sich die UPC, um schließlich zur wichtigsten politischen Kraft im Land zu werden.

Die Partei fand ihre Anhängerschaft insbesondere unter der ständig wachsenden städtischen Bevölkerung Kameruns. Die vorrangigen Ziele der Partei waren klar: sozialer und ökonomischer Fortschritt für alle Kameruner, die Wiedervereinigung beider Landesteile und die Unabhängigkeit – durch Gewaltlosigkeit. 1949 sandten der UPC angeschlossene Organisationen erste Petitionen an die Vereinten Nationen, in denen die Unabhängigkeit Kameruns gefordert wurde. Im Dezember 1952 wurde Um Nyobé eingeladen, vor dem Treuhandrat der Vereinten Nationen zu sprechen – ein historischer Akt für viele Kameruner. Um Nyobé forderte dort die sofortige Wiedervereinigung mit dem Norden des Landes unter britischer Vormundschaft und die Unabhängigkeit binnen zehn Jahren.

Um den wachsenden Einfluss der UPC zu bekämpfen, wurde eine Konkurrenzpartei gegründet, der Bloc démocratique camerounais (BDC) (Demokratischer Block Kameruns), der die von Frankreich befürwortete Assimilierung unterstützte. Im April und im Mai 1955 wuchs die Spannung zwischen den Anhängern beider Gruppierungen mit einem Schlage. Gewalttätigkeiten brachen aus. Die Repression der Kolonialverwaltung erfolgte mit harter Gewalt. "Man sah, wie die Truppe Afrikaner mit einer Art von sadistischer Gewalt niedermetzelte, sodass noch heute niemand die Zahl der Toten auch nur annähernd schätzen kann."[8] Die UPC wurde im Juli 1955 von der französischen Verwaltung verboten. Ihre Führer gingen in den Untergrund oder ins Exil. Um Nyobé, der sich in seiner Heimatregion versteckte, versuchte gleichwohl, eine Aufhebung des Verbots zu erreichen, um an den Wahlen im November 1956 teilzunehmen; aber die französische Verwaltung ließ sich Zeit, und der Anführer der UPC entschied sich für einen Boykott der Wahl.

Um Nyobé, der dem bewaffneten Kampf noch immer zurückhaltend gegenüberstand, wurde von einigen Mitgliedern seiner Bewegung in dieser Frage überholt: Am Vorabend der Wahlen ermordeten Aufständische zwei von den kolonialen Siedlern unterstützte Kandidaten. Der bewaffnete Kampf begann zwar, aber die Nationalisten verfügten über wenig Mittel. Im Übrigen blieb ein großer Teil der Bevölkerung für Politik wenig empfänglich: "Ethnischer und sozialer Partikularismus, archaische Mentalitäten, extreme geografische Zersplitterung, Ignoranz und Mittellosigkeit – all dies trug dazu bei, die ländlichen Massen von der Politik fernzuhalten, das heißt sicherlich 80 Prozent der Bevölkerung."[9]

Um Nyobé wurde am 13. September 1958 im Untergrund getötet. Einige Monate später, nachdem es Frankreich gelungen war, ihm genehme politische Führer durchzusetzen, gewährte es Kamerun die Unabhängigkeit,[10] de facto am 1. Januar 1960. Aus dem Exil in Guinea lehnten die dahin verbannten Führer der UPC diese Scheinunabhängigkeit Kameruns ab, die nur gegen die Zusicherung gewährt worden war, den Zugriff Frankreichs auf die kamerunische Politik und Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Der Kampf dauerte mehr als zehn Jahre. Die Regierung Kameruns, das über keine eigene Armee verfügte, stützte sich zumindest bis zum Jahr 1964 auf die französische Armee. Wie in Algerien wurde die Bevölkerung zwangsumgesiedelt, um die Hilfsnetze der Rebellen zu kappen. Die Führer der UPC wurden einer nach dem anderen ausgeschaltet: Felix Moumié starb im November 1960 in Genf, wahrscheinlich vergiftet; Ernest Ouandié wurde 1971 erschossen. Im Unterschied zu den algerischen Nationalisten ist es ihnen niemals gelungen, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf ihren – lange Zeit friedlichen – Kampf und die gewalttätige Unterdrückung zu lenken. Es war schließlich ein Mitglied des Bloc démocratique camerounais, der an die Macht gelangte: Ahmadou Ahidjo. Er blieb mehr als 20 Jahre lang Präsident und setzte ein überaus autoritäres Regime durch, das keine Möglichkeit der politischen Opposition ließ.

Fußnoten

2.
Vgl. ebd., S. 203.
3.
Vgl. ebd., S. 207.
4.
In der Radiosendung "La Marche de l’histoire", France Inter, 19.3.2012, online: http://www.franceinter.fr/emission-la-marche-de-l-histoire-la-prise-du-pouvoir-par-le-fln-en-1962« (1.10.2012).
5.
Zwangsarbeit unterscheidet sich von der Sklaverei dadurch, dass der Arbeiter formell frei bleibt und nicht als "Eigentum" gilt. Zwangsarbeit wurde besonders in den rohstoffreichen Kolonien mangels Infrastruktur sehr häufig für den Warentransport genutzt. Bezogen auf die französischen Kolonien wurde sie offiziell 1946 durch das Houphouët-Boigny-Gesetz abgeschafft.
6.
Pauline Isabelle Ngo Nyouma, Beteiligung der Frauen an den nationalen Befreiungskämpfen und Frauenförderung in Afrika: Vergleichende Analyse von Kamerun und Mosambik, online: http://www.ceafri.net/site/spip.php?article202« (1.10.2012).
7.
Mongo Béti, Main basse sur le Cameroun, Paris 1972.
8.
Vgl. ebd., S. 27.
9.
Ebd., S. 63.
10.
Dies betrifft den Teil unter französischer Vormundschaft. 1961 wurde das britische Kamerun nach einem Referendum in zwei Teile getrennt: Der Norden wurde Nigeria angegliedert, der Süden Kamerun.
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