Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Sébastien Martineau

Antikoloniale Bewegungen in Afrika. Drei Beispiele

Ghana: Accra als Hauptstadt des Panafrikanismus

Die Goldküste, das spätere Ghana, stellt aus mehreren Gründen einen Sonderfall im britischen Weltreich dar. "Das Land, über 40 Jahre wichtigster Kakaoproduzent der Welt, besaß eine vielseitige, prosperierende Landwirtschaft. Von allen afrikanischen Kolonien verfügte es über das fortschrittlichste Bildungssystem und das größte Reservoir an gut ausgebildeten Arbeitskräften", wie der Historiker Martin Meredith beschrieb.[11] Überdies, so merkt Ibrahima Thioub an,[12] war der britischen Präsenz eine Form der politischen Organisation vorausgegangen, das Königreich Ashanti. Der Protest gegen die mit der Kolonialisierung verbundenen Ungerechtigkeiten hat in diesem Land eine verhältnismäßig lange Tradition. Aber er verfestigte sich im Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Dies zeigte sich insbesondere am gewerkschaftlichen Engagement: Zwischen 1940 und 1945 ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in der Goldküste von 900 auf 6000 gestiegen.[13]

Die britische Verwaltung erkannte die Notwendigkeit verfassungsrechtlicher Reformen, deren Reichweite sie zu begrenzen wünschte. Sie glaubte zu wissen, mit wem sie zu regieren habe: mit der Intelligenzia des Landes, den Großbauern, Händlern, Anwälten. Letztere wurden seit 1947 von einer eigenen Partei vertreten, der United Gold Coast Convention. Sie forderten eine schnellstmögliche Selbstverwaltung[14] und zeigten sich kritisch gegenüber den traditionellen Oberhäuptern und ihrer Macht, die den freien Handel behinderten.

Die Parteiführung entschied, einen Mann anzuwerben, der sich hauptamtlich dem Aufbau dieser neuen Bewegung widmen konnte. Sie wandten sich an Kwame Nkrumah, der gerade zwölf Jahre im Ausland verbracht hatte. In den USA hatte er Wirtschaft, Theologie, Philosophie und Soziologie studiert und auch seine Leidenschaft für die panafrikanischen Theorien entdeckt. In London hatte er sich erstmals stärker politisch engagiert. Nkrumah, "ein bemerkenswerter Agitator und Organisator",[15] nahm bald die Geschicke der United Gold Coast Convention in die Hand und tat alles dafür, um die Popularität der Partei zu erhöhen. Aber der Versuch war nicht von langer Dauer. 1949 beschloss Nkrumah, eine eigene Gruppierung zu gründen, die Convention People’s Party (CPP). Nun war "Selbstregierung jetzt!" das erklärte Ziel, was dennoch keinen Bruch mit Großbritannien bedeutete. Er stützte sich insbesondere auf Jugendgruppen und Zeitungen. Seine Reden begeisterten rasch die Gewerkschaften, entlassene Soldaten oder kleine Einzelhändler. Die CPP "kanalisierte das Trachten der Bevölkerung, indem sie die legale Agitation mit den von Gandhi angewandten Mitteln des Streiks und Boykotts verband. Nach einer Phase der Unterdrückung, besonders während der Streiks im Februar 1948 und im Januar 1950, und wiederholten Verhaftungen Nkrumahs musste London einen verfassungsgebenden Prozess einleiten, weil die Wahlen von 1951 den repräsentativen Charakter der CPP bescheinigt hatten."[16]

Tatsächlich wurden Wahlen abgehalten, erstmals nach dem direkten Wahlrecht. Nkrumah verbüßte da eine dreijährige Gefängnisstrafe. Die CPP erzielte einen großen Erfolg, und die britische Verwaltung stimmte zu, ihn vorzeitig zu entlassen und zum neuen "Führer der Regierungsgeschäfte", dann zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Die Tatsache, dass ein Schwarzer an die Spitze der Regierung aufrückte, löste auf dem afrikanischen Kontinent förmlich einen Schock aus, zumal er sich auf den Marxismus berief. Er strebte danach, Ghana zu einem industrialisierten, geeinigten und sozialistischen Land zu entwickeln – ein Modell, das sich nach seinem Willen sodann über ganz Afrika ausbreiten sollte.

Aber vorläufig unterstützten die neuen Institutionen in der Goldküste weiterhin den britischen Gouverneur, der weiterhin die Hand über Polizei, Justiz, Militär und Diplomatisches Corps hielt. Im Juli 1953 wandte sich Nkrumah an das Parlament, um die unverzügliche Selbstverwaltung zu fordern. 1954 wurde abermals eine neue Verfassung angenommen. Diesmal setzte sich die Regierung ausschließlich aus Afrikanern zusammen. Der Nimbus von Kwame Nkrumah in der Goldküste erreichte einen Höhepunkt. Aber er stieß nicht auf einhellige Zustimmung, auch in seiner eigenen Partei nicht; er sah sich mit Austritten konfrontiert. Überdies gefährdete der Verfall der Weltmarktpreise für Kakao den wirtschaftlichen Wohlstand und den sozialen Frieden. Die CPP errang 1956 dennoch einen klaren Wahlsieg. Am 6. März 1957 wurde Ghana zu einem unabhängigen Staat innerhalb des Commonwealth, mit Nkrumah als Ministerpräsident und der Königin von Großbritannien als Monarchin.[17] 1958 organisierte er, getreu seinem panafrikanischen Ideal, die erste Konferenz der unabhängigen Staaten Afrikas. Aber sein Traum einer afrikanischen Einheit ging nicht in Erfüllung. Die neuen politischen Führer auf dem Kontinent schienen sich an ihre Macht zu gewöhnen und fanden die Idee eines vereinten Afrikas plötzlich weit weniger verlockend. Im Innern verspielte Nkrumah innerhalb weniger Jahre seine enorme Popularität. Er ließ andere Parteien verbieten und sich zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen. Seine Politik der gezielten Förderung wurde durch die Konjunkturabschwächung und insbesondere den Verfall der Kakaopreise behindert. 1966, als er sich auf einer Auslandsreise befand, wurde er durch einen Militärputsch gestürzt; ghanaischen Boden hat er nie wieder betreten.

Alles in allem erlagen Afrikas politische Führer in der postkolonialen Periode häufig der Versuchung, ein autoritäres Regime zu errichten. Sie schoben das Argument vor, einen starken Staat schaffen zu müssen, der wenig oder gar keinen Platz für politische Opposition ließ. Nur wenige Länder auf dem Kontinent erlebten keinen Staatsstreich – und das Thema bleibt aktuell, wie die Beispiele Mali und Guinea-Bissau in diesem Jahr zeigen.

Fußnoten

11.
Martin Meredith, The State of Africa, London 2005, S. 22.
12.
So in einem Gespräch mit dem Verfasser.
13.
Vgl. B. Droz (Anm. 1), S. 80.
14.
Vgl. M. Meredith (Anm. 11), S. 17f.
15.
B. Droz (Anm. 1), S. 231.
16.
Ebd.
17.
Nach einem Referendum wurde das Land 1960 zur Republik, mit Nkrumah als Präsident.
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