30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Ursula Lehmkuhl

Ambivalenzen der Modernisierung durch Kolonialismus

Postkoloniale Kritik am Modernisierungsparadigma

Die Idee der Moderne beziehungsweise der Modernisierung und ihre Stellung in der soziologischen Theoriebildung ist im Rahmen der Debatten, die unter dem Stichwort des Postkolonialismus geführt werden, einer fundamentalen Kritik unterzogen worden. Sozialwissenschaftliche Theorien der Moderne beziehungsweise der Modernisierung seien fundamental eurozentristisch und beruhten auf mindestens zwei falschen Annahmen, nämlich des fundamentalen Bruchs der Moderne mit früheren, traditionalen Organisationsformen und der Differenz Europas zum Rest der Welt.[14]

Diese Kritik hat den analytischen Blick auf koloniale Widerständigkeiten gegen europäische Modernisierungsversuche geöffnet und darauf aufmerksam gemacht, dass Impulse aus dem Westen in der nicht-westlichen Welt nicht allein zu bloßen Imitaten einer hegemonialen Zivilisation geführt haben, sondern als Ausfluss jeweils spezifischer Aneignungs- und Abwehrprozesse auch zu spezifischen Ausprägungen von Modernität in den unterschiedlichen Kolonialregionen.[15]

Schließlich wurden auch Modernisierungsprozesse in den Blick genommen, die unabhängig von der europäischen kolonialen Präsenz gleichsam als indigene Form der Modernisierung ausgelöst durch nicht-koloniale Formen des Kulturkontakts verliefen. So wurden etwa in den asiatischen Gesellschaften die Natur- und Ingenieurwissenschaften des Westens nicht nur als Instrumente der Fremdherrschaft betrachtet, sondern als universale kognitive Werkzeuge adaptiert.

Während sich Forschungsarbeiten in den 1970er Jahren insbesondere auf die ökonomischen Folgen der Modernisierung von Industrie, Finanzwesen und Handel konzentrierten, widmeten sich die Forschungsbeiträge der 1990er und 2000er Jahre vor allem kulturellen Themen. Ohne dass dies hier in der notwendigen Differenziertheit ausgebreitet werden kann, bleibt festzuhalten, dass die gegenwärtige kolonialgeschichtliche Forschung durch konkurrierende Vorstellungen von Modernität geprägt ist. Zum einen erscheint Modernität in traditioneller Weise als Ergebnis objektiver, universaler Prozesse.

Demgegenüber hat sich insbesondere im Kontext der kulturwissenschaftlich geprägten Forschung ein Verständnis von Modernität etabliert, welches diese im Bereich des Imaginären ansiedelt. Ein solcher politik- und ökonomiefreier Begriff von Modernität läuft allerdings Gefahr, zentrale Aspekte der kolonialen Lebenswelt auszublenden. Gerade auch die auf Zivilisierung und Modernisierung zielenden Interventionen europäischer Kolonialmächte waren durchzogen von Machtfragen, von Fragen des Rechts und der Verteilung materieller Lebenschancen in den kolonialen Gesellschaften.

Modernisierung ohne Kolonialismus

Kolonialismus bezeichnet ein System der wirtschaftlichen und politischen Herrschaft eines Staates über Regionen außerhalb seiner eigenen Grenzen. Kolonialismus ist geprägt durch das Bemühen der Kolonialmächte, neue Siedlungs- und Wirtschaftsräume zu erschließen und ihre Machtbasis auszuweiten. Kolonialismus stellt insofern eine erste Stufe der Globalisierung unter europäischen Vorzeichen dar.[16] Europa, so lautet die zentrale These von Jürgen Osterhammel, war für zwei oder drei Jahrhunderte in einem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Sinne die primäre weltordnende Kraft. Es war das Zentrum globaler Ordnung.[17] Spätestens um 1900 war Europa als "Westen" oder "westliche Zivilisation" im Bewusstsein nicht-europäischer Eliten omnipräsent.[18]

Europa, der Westen oder westliche Zivilisation entwickelten sich so – auch unabhängig von den Ambitionen und Interventionen europäischer Kolonialmächte – in vielerlei Hinsicht zum Vorbild. Wir können im 19. Jahrhundert insbesondere in Indien, Japan und China, aber auch in Russland eine Europäisierung der elitären Lebenswelten beobachten. China und Japan stehen dabei als Beispiele für Modernisierung außereuropäischer Kulturstaaten ohne Kolonialismus, einfach durch Übernahme und Weiterverarbeitung der westlichen Technik, westlicher materieller und intellektueller Errungenschaften. Wesentliche Impulse zur Modernisierung gingen von den Asiaten und Afrikanern selbst aus. In allen Fällen führte die Europäisierung elitärer Lebenswelten zu einer Vergrößerung der kulturellen Kluft zwischen den Besitzenden und Gebildeten und dem niederen Volk. Sinnstiftungsangebote ließen sich in den dörflichen beziehungsweise bäuerlichen Alltag nicht integrieren und führten zu Widerstand gegen die Zumutungen der Moderne.

In einem Punkt waren sich die Reformer, die eine Modernisierung der bestehenden Sozialordnungen anstrebten, allerdings relativ einig. Europa beziehungsweise der Westen hatten Vorbildcharakter im Hinblick auf die verhältnismäßig günstige Stellung der Frau in der Familie. Der Westen wurde zum Maßstab für den Kampf gegen Misshandlung, Frauenhandel, Zwangsverheiratung oder die chinesische Sitte des Fußbindens. Auch das öffentliche Unterrichtswesen vor allem Deutschlands und Frankreichs fand Anerkennung und Nachahmung im Asien der Jahrhundertwende, insbesondere in Japan.[19]

Japan ist ohne Zweifel als ein Sonderfall der Europäisierung elitärer Lebenswelten herauszustellen. Die Triebkräfte der Meiji-Restauration (ab 1868) spielten gekonnt mit dem Modernisierungsbaukasten und wählten aus der vorhandenen Musterkollektion von Modernitätselementen jene Elemente aus, die dem politischen Ziel der Integration Japans in den Westen am zuträglichsten waren, unabhängig davon, ob diese Elemente gesellschaftlich vermittelbar waren. Während Japan dabei auch auf die USA blickte, orientierten sich Indiens Modernisierungsbestrebungen ganz am britischen Vorbild.[20]

Die Südasienforschung hat seit den 1960er Jahren auf die Dialektik der Modernisierung traditionaler Gesellschaften hingewiesen. Dabei wurde herausgearbeitet, dass die Grenzen zwischen modernen und traditionellen Gesellschaften weniger eindeutig sind, als gewöhnlich angenommen.[21] So hat etwa Christopher Bayly in seiner Untersuchung sozialer Kommunikation in Indien gezeigt, dass die vorkoloniale gesellschaftliche Kommunikation in vielerlei Hinsicht bereits modern gewesen sei. Öffentliche Debatten wurden durch die Herausgabe und Nutzung von Zeitungen angeregt und gesteuert. Es gab Bibliotheken und Archive, die als einheimische Informationssysteme öffentliches Handeln strukturierten.[22] Konfrontiert mit der Fremdherrschaft, die zur Rechtfertigung des Kolonialismus auf europäische Errungenschaften in Wissenschaft und Technik rekurrierten, waren die Inder allerdings gezwungen, ihre eigene Modernität zu konstruieren. Südasiatische Modernität war ein komplexes Produkt der Interaktion zwischen einheimischen und europäischen Informationssystemen.[23] Anders als in Japan und China, trat Modernität in Indien nicht primär als technologische Entwicklung in Erscheinung, sondern übersetzte sich hier in eine teilweise militante Züge annehmende zivilisatorische Weltanschauung.[24]

Die Einführung moderner Elemente wie etwa Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Kanalisation war in Afrika hingegen häufig nur Nebenprodukt der wirtschaftlichen Ausbeutung oder unumgänglicher Schutz der herrschenden weißen Kolonialoligarchie (wie Krankenhäuser, Seuchenbekämpfung). Ansätze zur eigenständigen Modernisierung wurden in Afrika von Kolonialmächten häufig im Keim erstickt.[25]

Fußnoten

14.
Vgl. Gurminder K. Bhambra, Rethinking Modernity: Postcolonialism and the Sociological Imagination, New York 2007.
15.
Vgl. Jürgen Osterhammel, Ex-zentrische Geschichte. Außenansichten europäischer Modernität, in: Jahrbuch des Wissenschaftskollegs zu Berlin, Berlin 2002, S. 297.
16.
Vgl. ders./Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, München 2003.
17.
Vgl. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009.
18.
Vgl. ders., Fremdbeschreibungen: Spuren von "Okzidentalismus" vor 1930, in: Lutz Raphael (Hrsg.), Theorien und Experimente der Moderne, Köln–Weimar–Wien 2012, S. 303.
19.
Vgl. ders./Niels P. Petersson, Ostasiens Jahrhundertwende. Unterwerfung und Erneuerung in west-östlichen Sichtweisen, in: Geschichte und Gesellschaft, 18 (2000), Sonderheft: Das Neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900, S. 265–306.
20.
Vgl. J. Osterhammel (Anm. 15), S. 313.
21.
Vgl. Lloyd I. Rudolph/Susanne Hoeber Rudolph, The Modernity of Tradition: Political Development in India, Chicago 1967.
22.
Vgl. Christopher A. Bayly, Empire and Information: Intelligence Gathering and Social Communication in India, 1780–1870, Cambridge, MA–New York 1996.
23.
Vgl. Lynn Zastoupil, Englische Erziehung und indische Modernität, in: Geschichte und Gesellschaft, 28 (2002) 1, S. 12.
24.
Vgl. J. Osterhammel (Anm. 15), S. 312.
25.
Vgl. Julia Tischler, Resisting Modernisation?, in: Comparativ, 21 (2011) 1, S. 60–75.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ursula Lehmkuhl für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.