30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Ursula Lehmkuhl

Ambivalenzen der Modernisierung durch Kolonialismus

Modernisierung und kolonialer Widerstand

Um 1900 übte Europa in Asien und Afrika "in einem beispiellosen Maße koloniale Herrschaft, quasi-kolonialen Einfluss und eine Art von Hegemonie über die modernen Sektoren der Wirtschaft aus".[26] Allerdings gab es überall auch resistente Zonen und residuale Widerständigkeiten bis hin zum tatkräftig praktizierten Widerstand, der den Europäern insbesondere in Asien entgegengebracht wurde.[27] Eine besondere Rolle spielten dabei die Gelehrten oder Intellektuellen als sich öffentlich artikulierende Meinungsführer ihrer jeweiligen Gesellschaften. Viele befürworteten und unterstützten den durch die Kolonialherrschaft angestoßenen Modernisierungsprozess. Aber es gab auch Widerstand gegen die Kräfte der Verwestlichung – Widerstand, der auch zur Erfindung eigener Traditionen als Instrument der Selbstbehauptung gegen die Kräfte des europäischen Kolonialismus führte.[28] Dabei empfanden es chinesische Intellektuelle nicht als Widerspruch, gegen den westlichen Imperialismus zu agitieren und gleichzeitig die Übernahme westlicher Wissenschaft auf allen Gebieten zu empfehlen.[29]

Indische Gelehrte und Intellektuelle deckten in ihrem Selbstbehauptungskampf offensiv die Widersprüchlichkeiten der europäischen Zivilisationsrhetorik auf. Während die Kolonialmächte im Sinne der Ideen der europäischen Aufklärung die Gleichheit menschlicher Rechte und Pflichten postulierten, bestanden sie in ihrer Herrschaftspraxis auf der Institutionalisierung der Differenz. Vertreter der afrikanischen Bildungselite gingen – wie Kirsten Rüther in ihrem Beitrag "Globale Interaktion und regionale Differenzierung – gegenseitige Wahrnehmung zwischen ‚Europa‘ und ‚Afrika‘" auf dem Historikertag 2012 gezeigt hat – häufig mit subversiven und ironisierenden Strategien mit solchen Widersprüchen um.

Innovation und Entwicklung durch kulturellen Transfer

Bis in die 1990er Jahre hinein stand die Frage nach dem weltweiten Export europäischer Kultur im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Diese Perspektive hat sich unter dem Einfluss von Stimmen aus den ehemals kolonisierten Ländern und den Perspektiven der Postcolonial Studies verschoben. Auch das Bemühen um die Etablierung des neuen Ansatzes einer transnationalen Gesellschaftsgeschichte ging einher mit dem Postulat, die Geschichte Europas zu provinzialisieren. In dem Maße wie transfergeschichtliche Fragestellungen an Bedeutung gewonnen haben, rückte die Frage nach den Interaktionen zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden ins Blickfeld der Geschichtsschreibung. Das exportorientierte Einbahnstraßen-Modell wurde dabei zunächst durch eine Perspektive des fremden Blicks auf Europa abgelöst.[30]

Heute weisen Arbeiten zu Prozessen kultureller Übersetzung den Weg für die historische Erforschung der komplexen globalen Interaktions- und Austauschprozesse, die zu historischem Wandel der sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Kontextbedingungen aller Beteiligten beigetragen haben.[31] Dabei wird auch die machtpolitische Durchsetzung von Aneignungs- und Abwehrprozessen zwischen Gesellschaften und Kulturen in den Blick genommen.[32]

Die Verbreitung und der Transfer von Wissen (Ideen, Erfahrungen) zwischen unterschiedlichen räumlichen Einheiten bestimmt die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Entwicklung und Innovation ist nur durch ständigen kulturellen Kontakt und Austausch denkbar. Innovation ist im Wesentlichen das Resultat von Transfer-, Disseminations- und Übersetzungsprozessen.[33] Die Zirkulation von Ideen, die Konstituierung epistemischer Gemeinschaften, die internationale Verbreitung von Rechtsordnungen oder ideologischen Referenzsystemen, hierarchische oder horizontale, eher spontan organisierte Kommunikationslinien, Interpretationen, Re-Interpretationen, Missverständnisse und Mythen gehören zu den Mechanismen, die Wandel und Innovation auslösen und Gesellschaften transformieren.

Für die Analyse der Komplexität dieser Bewegungen und der sie begleitenden Lern- und Transferprozesse gilt es, die Perspektiven des interkulturellen Transfers und des interkulturellen Vergleichs sowie Diffusions- und Lerntheorien aufzugreifen und theoretisch weiterzuentwickeln. Anknüpfungspunkte hierfür bietet die Übersetzungsforschung, insbesondere die Konzepte der kulturellen und konzeptuellen Übersetzung.[34] Die Untersuchung der Ambivalenzen und der Dialektik von Kolonialismus und Fortschritt, Zivilisation, Modernisierung bedürfen eines analytischen Zugangs, der Machtasymmetrien, Missverständnisse, gescheiterte Kommunikation und fehlgeschlagene Transfers ebenso berücksichtigt wie die Reflexivität kulturellen Austausches und die Verflechtung von europäischer Geschichte und Kolonialgeschichte, durch welche die koloniale Erfahrung zu einem unhintergehbaren Element westlicher Alltagswelt geworden ist.

Fußnoten

26.
J. Osterhammel/N. P. Petersson (Anm. 19), S. 267.
27.
Vgl. N.P. Petersson (Anm. 6).
28.
Vgl. Eric Hobsbawm/Terence O. Ranger (eds.), The Invention of Tradition, Cambridge, MA 1983.
29.
Vgl. J. Osterhammel/N. P. Petersson (Anm. 19), S. 274f.
30.
Vgl. Bill Ashcroft et al. (eds.), The Empire Writes Back: Theory and Practice in Post-Colonial Literatures, London–New York 2002.
31.
Vgl. hierzu die Beiträge zum Themenheft "Übersetzung" der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft", 38 (2012) 2.
32.
Vgl. Doris Bachmann-Medick, Übersetzung als Medium interkultureller Kommunikation und Auseinandersetzung, in: Friedrich Jaeger/Jürgen Straub (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 2: Paradigmen und Disziplinen, Stuttgart–Weimar 2004, S. 449–465; dies., Introduction: The Translational Turn, in: Translation Studies, 2 (2009) 1, S. 2–16.
33.
Vgl. Rudolf Stichweh, Kultur, Wissen und die Theorien soziokultureller Evolution, in: Soziale Welt, 50 (1999), S. 459–470; Nico Stehr, The Fragility of Modern Societies: Knowledge and Risk in the Information Age, London 2001.
34.
Vgl. Simone Lässig, Übersetzungen in der Geschichte – Geschichte als Übersetzung?, in: Geschichte und Gesellschaft, 38 (2012) 2, S. 189–216; Doris Bachmann-Medick, Menschenrechte als Übersetzungsproblem, in: ebd., S. 331–359.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ursula Lehmkuhl für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.