2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Familiale Einflussfaktoren auf delinquentes Verhalten Jugendlicher

Präventionsmaßnahmen

Wenn über Prävention und Intervention gesprochen wird, ist vorab zu klären, ob diese von ihrer Intention lobenswerten Maßnahmen auch immer die erwünschten Effekte zeitigen. Denn in bestimmten Konstellationen können Interventionen sogar Gewalt steigern.[17] Insbesondere bei sogenannten high-risk youths, Jugendliche mit einem hohen Gefährdungspotenzial, können Gruppentrainingsmaßnahmen eher kontraproduktive Effekte entfalten, wenn diese Jugendlichen in einem postpubertären Alter sind. Zurückgeführt wird dieser Effekt auf negative Verstärker, die von der Peergroup ausgehen: Der Einfluss Gleichaltriger war dabei etwa neun Mal stärker als beispielsweise der von Erwachsenen. Die höhere Dichte der negativen Einflüsse durch Gleichaltrige unterminierte auch den von Erwachsenen ausgehenden positiven Einfluss.

Um die generelle Wirksamkeit von Interventionsmaßnahmen einschätzen zu können, muss die Zielgruppe im Vorhinein spezifiziert werden. Dabei sind universelle Ansätze (also jene, die beispielsweise alle Jugendlichen, alle Kinder oder alle Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichten etc. in den Fokus der Prävention nehmen) weniger effektiv als selektive Ansätze, die eher bei jenen Gruppen ansetzen, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, das unerwünschte Verhalten auszubilden.

Methodisch ist bei allen Präventionsprogrammen das Problem der Effektivitätsmessung eine Herausforderung: Denn mit Prävention sind stets Maßnahmen gemeint, die vorbeugend wirken sollen und letztlich die Ausbildung beziehungsweise die Ausprägung eines unerwünschten Ereignisses oder eines unerwünschten Persönlichkeitsmerkmales (wie der Aggression oder der antisozialen Persönlichkeit) verhindern sollen. Erfolg ist deshalb schwer nachzuweisen, weil es darum geht, etwas nicht Vorhandenes, nicht Ausgebildetes oder die Unterdrückung eines solchen Merkmales direkt an das Wirken einer Maßnahme zu binden. Denn es ist ja nicht der Normalfall, dass sich solche Merkmale immer ausbilden, da ja auch unabhängig von Präventionsmaßnahmen eine Vielzahl von Menschen ohne antisoziale Tendenzen aufwächst.

Darüber hinaus sollten Programme, die gezielt Kompetenzen fördern, auch nachweisen können, dass diese Entwicklung keine natürliche Veränderung ist, sondern Kompetenzzuwächsen durch die Intervention geschuldet ist. Und es sollte gezeigt werden können, dass die im Programm erlernten Verhaltensweisen einen Transfer zulassen oder tatsächlich auch transferiert werden. Konkret heißt das, dass diese im alltäglichen Handeln zum Einsatz kommen; so etwa, wenn das Kind während der Maßnahme eine Reduzierung seiner Gewalttätigkeit zeigte, sich diese auch später in seinem Alltag wiederfinden lässt und nicht auf die spezifische Trainingssituation begrenzt war.

Gewaltprävention: Eine übergreifende Aufgabe

Jenseits dieser methodischen Anforderungen ist zu erwähnen, dass Gewaltpräventionsprogramme sich nicht nur auf das Individuum beziehungsweise auf die Familie beschränken dürfen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein müssen und den erweiterten sozialen Kontext (wie die Rolle der Gemeinde, die Rolle der Medien, Attraktivität des Quartiers, gesellschaftliche Notlagen) in den Blick nehmen müssen.

Auch sind Präventionsprogramme, die Gewalt im Kindesalter einzudämmen versuchen, besonders dann wirksam, wenn sie bei den Eltern beziehungsweise an deren Erziehungskompetenzen ansetzen. So konnte beispielsweise bei aggressiv-verhaltensauffälligen vierjährigen Kindergartenkindern (also einer selektiven Gruppe) mittels eines Elterntrainings und durch Einsatz von Familienhelfern das auffällige Verhalten deutlich reduziert werden. Die Effekte blieben auch nach einem Jahr stabil.[18]

Im Allgemeinen wird bei jüngeren Kindern von einer kindzentrierten Sicht eher abgeraten; favorisiert werden familienzentrierte Maßnahmen. Denn in dieser Phase hat die Familie noch den stärksten Einfluss auf das kindliche Verhalten. Jedoch erweisen sich Elterntrainings allein als wenig wirksam, wenn Familien mehrfachen Belastungen und Risiken ausgesetzt sind (etwa Partnerschaftsprobleme, psychische Auffälligkeiten, soziale Isolation, sozioökonomische Benachteiligungen). Unter diesen Bedingungen ist nur mit mäßigen Erfolgen zu rechnen. Hier sind therapeutische sowie konkrete Verbesserungen der Lebenslage von Familien anzustreben.

Interventionsprogramme gegen jugendliche Gewaltbelastungen versprechen eher dann Erfolge, wenn sie recht früh beginnen (etwa in der Altersphase von der 3. bis 5. Klasse, in der sich das problematische Verhalten noch nicht verfestigt hat); und wenn sie im Training so durchgeführt werden, dass riskante (gefährdete) und nicht-riskante Jugendliche in einer Gruppe zusammen sind, also nicht nur eine "Behandlung" von "Gefährdeten" erfolgt. Ein "Mix" von "antisozialen" und "prosozialen" Jugendlichen scheint eher hilfreich zu sein.

Im Allgemeinen scheinen Trainings zur Förderung sozialer Kompetenzen Erfolg versprechend zu sein: Jugendliche, die an solchen Programmen teilnahmen, zeigten weniger antisoziale Verhaltensweisen. Dabei war zu beobachten, dass nach dem Training die kognitiven Fähigkeiten deutlich zunahmen und die Trainings auch vier bis sechs Monate nach der Maßnahme noch ihre Wirkung zeigten. Die "harten Daten des antisozialen Verhaltens, also das sichtbare Verhalten," nahmen hingegen nach der Maßnahme nur tendenziell ab.[19]

Für die Interventionsforschung gilt als ein zentrales Prinzip, dass frühe Interventionen nur dann erfolgreich sind, wenn sie an die Familie beziehungsweise die familialen Werte und die Verwirklichung dieser Werte in Alltagsroutinen anknüpfen, hierbei also auch spezifische kulturelle Einflussfaktoren berücksichtigen.

Mit Blick auf Familien mit Zuwanderungsgeschichte heißt das, dass Interventionsmaßnahmen und Trainingsprogramme an deren alltagsweltliche Überzeugungen anschlussfähig sein sowie sprachliche und kulturelle Sensibilität zeigen müssen, wenn sie Effekte bei den betroffenen Kindern und Familien bewirken sollen.[20]

Letztlich sind die Voraussetzungen für die Integration neuer Werte und Überzeugungen (wie etwa des Prinzips der Gewaltfreiheit) in die eigene Wertestruktur von Angeboten und Anforderungen in einem von dem Einzelnen akzeptierten sozialen Milieu abhängig. Lediglich von außen verordnete Anweisungen haben hingegen eher geringe Auswirkungen auf die intrinsische Motivation oder auf ein auf Überzeugungen basierendes Handeln.

Fußnoten

17.
Vgl. Thomas J. Dishion/Joan McCord/François Poulin, When interventions harm, in: American Psychologist, 54 (1990) 9, S. 755–764.
18.
Vgl. Ulrike Lehmkuhl/Gerd Lehmkuhl/Manfred Döpfner, Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen. Frühe Verhaltensindikatoren, Verlauf und Interventionsansätze, in: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, (2002) 45, S. 984–991.
19.
Mario Gollwitzer, Ansätze zur Primär- und Sekundärprävention aggressiven Verhaltens bei Kindern und Jugendlichen, in: ders. et al. (Hrsg.), Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen, Göttingen 2007.
20.
Vgl. Michael J. Guralnick, International perspectives on early intervention: A search for common ground, in: Journal of Early Intervention, (2008) 30, S. 90–101.
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