2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Jutta Hartmann

Institutionen, die unsere Existenz bestimmen: Heteronormativität und Schule

Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in der Schule

Schule stellt einen sozialen Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche in einer lebensgeschichtlich bedeutsamen Phase dar und hat beachtlichen Anteil an deren Persönlichkeitsentwicklung, einschließlich ihres geschlechtlichen und sexuellen Selbstverständnisses. Im Kontext Schule sind Themen wie Geschlecht, Sexualität und Lebensformen für alle Anwesenden virulent und bedeutsam im Hinblick darauf, wie das eigene Selbst verstanden, Zugehörigkeiten gesichert und wie Beziehungen zu und Perspektiven auf andere Menschen entwickelt werden (können). Eine eigene Haltung zur Vielfalt an Lebensweisen zu entwickeln, aber auch die eigene Geschlechtlichkeit und das eigene Begehren gestaltend hervorzubringen und zu leben sowie die eigene familiale Lebensform anerkannt zu erfahren, ist abhängig von konkreten Aussagen wie von heimlichen Botschaften im Kontext Schule; das heißt davon, welche Verhaltensmuster und Normen selbstverständlich vorgelebt, welche Selbstverständnisse nahe gelegt, welches Wissen über Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten und Eigenschaften den Kindern und Jugendlichen eröffnet werden. Die in diesen Bereichen entfaltete Wirkkraft ist in der Regel nicht Teil der offiziellen Bildungsinhalte, sondern erfolgt wie nebenbei. Es ist wichtig, die Macht des "heimlichen Lehrplans" zu erkennen, um seine Einflüsse beurteilen und gegebenenfalls verändern zu können.

Berechtigt ist daher zu fragen, in welcher Weise Schule Heteronormativität als Norm reproduziert, wie sie sich gleichzeitig vielleicht aber auch als ein Ort auszeichnen mag, an dem die Vielfalt möglicher geschlechtlicher und sexueller Selbstverständnisse in gleichwertiger und gleichberechtigter Art und Weise Eingang findet sowie eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen erfolgt: Haben alle Kinder und Jugendliche die gleichen Chancen, ihre (familiale) Lebensweisen in der Schule wiederzufinden? Wie beeinflusst Schule darüber die Entwicklung und soziale Haltung von Kindern und Jugendlichen? Welche Bedingungen schafft Schule dafür, vielfältige Lebensweisen als Wert wie auch Horizont eigener Lebensgestaltung zu begreifen?

Schulbücher haben den Auftrag, Gleichstellung zu befördern. Sie sollten auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft sein und dürfen nicht diskriminieren. Eine aktuelle Studie hat untersucht, inwiefern deutschsprachige Schulbücher diesem Auftrag mit Blick auf die Vielfalt von Geschlecht und Sexualität gerecht werden, welche Normen sie vermitteln und wie Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* dargestellt werden.[15] Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich in heutigen Schulbüchern zwar keine direkte Abwertung von nicht-genderkonformem Verhalten mehr findet, doch die untersuchten Bücher aus den Fächern Englisch, Biologie und Geschichte für die Sekundarstufe I eine heteronormative Ausrichtung aufweisen.

Ernüchternd sind die Ergebnisse mit Blick darauf, wie ungebrochen die Alltagstheorie heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit in den Schulbüchern reproduziert und wie selten gendertheoretisches Wissen aufgegriffen und umgesetzt wird. So konstruieren Englischbücher über das Aussehen der Personen mittels stereotyper Bilder "wie lange Haare bei Mädchen und kurze Haare bei Jungen"[16] Geschlecht in binärer Weise. In Geschichtsbüchern wird Homosexualität, wenn überhaupt, dann beiläufig vor allem im Kontext von deren Verfolgung im Nationalsozialismus aufgegriffen. Biologiebücher thematisieren Homo- und Bisexualität zwar, doch erfahren die Schüler_innen nichts über Trans* und Inter* und sind Definitionen von Geschlechtsverkehr nur einer normativ verengten heterosexuellen Praktik vorbehalten, die selbst der Heterosexualität nicht gerecht zu werden vermag. Gleichzeitig fehlen Homo- und Bisexualität in Alltagsdarstellungen: "Alle Paare oder Flirts entsprechen der heterosexuellen Norm. Kinder mit zwei Müttern oder Vätern"[17] kommen nicht vor. Damit vermitteln Schulbücher ein verzerrtes Bild sozialer Wirklichkeit und finden Kinder und Jugendliche, deren Lebensweise nicht den heteronormativen Erwartungen entsprechen, sich und ihre Erfahrungen nicht wieder.

Die Wirkkraft von Schulbüchern ist nicht zu unterschätzen. Der ihnen anhaftende Nimbus von Wahrheit befördert ihre Funktion, gesellschaftliches Wissen und soziale Ordnungen hervorzubringen. Auch wenn die Erinnerung von Carola Emcke "Das war uns ja nicht einmal als Möglichkeit erschienen, dass auch Jungs hätten Jungs und Mädchen hätten Mädchen mögen können"[18] für Jugendliche heute so nicht mehr zutreffen mag, erweist sich das Schweigen in der Schule heute nicht als aufgehoben, sondern vielmehr nur als verschoben. Zu hinterfragende normative Eingrenzungen wie Auslassungen kennzeichnen auch drei Jahrzehnte später die Realität schulischer Erziehung.

Die Ergebnisse zweier Untersuchungen zu Einstellungen und Werthaltungen bei Schüler_innen mögen unter anderem eine Wirkung entsprechender Sozialisationserfahrungen dokumentieren. Zum einen stellen beide Studien eine Diskrepanz zwischen aufgeschlossenen kognitiven Einstellungen der Befragten einerseits und den von ihnen zu gleichgeschlechtlichen Orientierungen geäußerten Verhaltensweisen und affektiven Reaktionen andererseits fest.[19]Eine Mehrheit der befragten Berliner Schüler_innen der Sekundarstufe I befürwortet die Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Paaren, gibt aber gleichzeitig auch an, homophobe Schimpfwörter verwendet und sich über nicht geschlechtskonformes Verhalten lustig gemacht zu haben.[20] Zum anderen trafen Forscher_innen vielfach "auf biologistische, traditionelle und religiöse Erklärungsansätze", auf durchgängig "egalitär- und dekonstruktivistisch-orientierte Einstellungsausprägungen" der Schüler_innen demgegenüber "nur vereinzelt".[21]

Auch die Erkenntnisse der internationalen Studie "School is out?! Erfahrungen von Kindern aus Regenbogenfamilien in der Schule"[22] lassen sich zugleich als Bestandteil wie Effekt von Sozialisationserfahrungen interpretieren. Sie zeigen, dass zwar keine der in Deutschland interviewten Schüler_innen angibt, aufgrund ihrer familiären Lebensformen körperliche Gewalt erfahren zu haben, deutlich sichtbar werden jedoch "Erfahrungen und Befürchtungen von Diskreditierung und Ausgrenzung auf verbaler und nonverbaler Ebene durch Peers und Pädagog_innen".[23] Von den befragten Schüler_innen als unangenehm bis diskriminierend empfunden werden unter anderem heteronormative Vorurteile sowie die Auslassung ihrer Familien- und Lebensformen in Unterrichtsmaterialien und als Unterrichtsthema.[24] Sie fühlen sich als "nicht-normal" markiert, was nicht nur sie als "Gruppe von Abweichenden" hervorbringt, sondern vielmehr die Norm selbst reproduziert.

Eine besondere sozialisatorische Wirkkraft liegt auf der Ebene des direkten sozialen Kontakts. Die Ergebnisse der Studie zu Wissen, Einstellungen und Verhalten von Schüler_innen und Lehrkräften an Berliner Schulen gegenüber Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen belegen den Einfluss von Inhalten, Lehrkräften und Schulkultur auf Einstellungen und Verhalten der Schüler_innen: "Wenn Lehrkräfte oder Schulleiter/innen mit gutem Beispiel vorangehen, geht dies mit aufgeschlosseneren Einstellungen sowie mehr unterstützendem und weniger diskriminierendem Verhalten der Schüler/innen einher. Positive Wirkungen entstehen durch offen schwul, lesbisch oder bisexuell lebende Lehrkräfte; ein Schulleitbild, das sich klar gegen Mobbing und Ausgrenzung positioniert; Lehrkräfte, die sich nicht über lesbische, schwule oder nicht geschlechtskonforme Schüler/innen lustig machen; eine Thematisierung sexueller Vielfalt in möglichst vielen Jahrgängen und Fächern."[25]

Die Institution Schule zeigt sich als ein widersprüchlicher Ort. Zum einen vermittelt sie über Geschlechter- und Sexualitätssozialisation gesellschaftlich tradiertes, den aktuellen Fachdebatten jedoch nicht mehr entsprechendes Wissen und reproduziert die heterosexuelle Matrix. Zum anderen ist Schule aber auch ein Ort, an dem viele Lehrende dem Anspruch folgen, aufgeklärt, reflektiert und kritisch überkommenen Ordnungen entgegenzuwirken und neue Erfahrungen zu ermöglichen, in denen andere Perspektiven auf- und kritische Positionen eingenommen werden können. Dieser Intention entsprechend sind in den vergangenen Jahrzehnten lesbische und schwule Lebensweisen als Thema in der Schule aufgegriffen worden. Doch unterscheiden sich die damit verbundenen Konzepte in Anspruch, Tiefe und Wirkung. Häufig wirkt Heteronormativität auch hier. Dies etwa in der Form, dass zunächst vermeintlich ganz allgemein über Lebensformen und Sexualität gesprochen und dann zusätzlich noch das Thema Homosexualität aufgegriffen und damit letztlich die Dualität von Norm und Abweichung reproduziert wird. Zweifelsohne ist durch das Benennen von Homo- und Bisexualität im Vergleich zu früher ein Fortschritt erzielt. Doch belegen die oben benannten widersprüchlichen Reaktionen der Schüler_innen, dass diese Lebensweisen einen zugestandenen Platz bislang vorwiegend als Abweichung, nicht jedoch als Selbstverständlichkeit erhalten haben.

Wodurch läuft eine solche Thematisierung sexueller Vielfalt Gefahr, Macht- und Dominanzverhältnisse eher zu bestärken als abzubauen? In die Begriffe Homo- und Bisexualität ist der Verweis auf die Norm Heterosexualität, auf die Trennung zwischen Norm und Abweichung eingeschrieben. Entsprechende Konzepte sichern – in der Regel ebenso unbeabsichtigt wie unbesehen – die Norm, arbeiten der Institution Heterosexualität zumindest dann zu, wenn bestimmte Fragen nicht aufgeworfen werden. Dazu gehören, wie Vorstellungen von Normalität und Abweichung zustande kommen, welche sozialen Gruppen und Institutionen an deren Konstruktion beteiligt sind oder wie Normen gesellschaftlich – in unterschiedlicher Weise – verbindlich gemacht werden.[26]

Zentral scheint folglich zu sein, wie die Thematisierung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt erfolgt, aber auch, was weiterhin verstellt bleibt. Denn mit der bloßen Benennung einer Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen ist noch nichts über das zugrunde liegende Identitätsverständnis gesagt. Viele Konzepte verharren in einer Dichotomie von gleich- und gegengeschlechtlichen Lebensweisen, die durch ein Verständnis sexueller Orientierung fundiert sind, das Gunter Schmid als "eingelassen in Stahl und Beton" bezeichnet.[27]

Fußnoten

15.
Ebd., S. 77.
16.
Ebd., S. 79.
17.
C. Emcke (Anm. 1), S. 23.
18.
Vgl. Ulrich Klocke, Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen: Ausgewählte Ergebnisse aus der Befragung, Berlin 2012.
19.
Sarah Huch/Dirk Krüger, "Jeder sollte lieben dürfen, wen er lieben will." – Einstellungen und Werthaltungen von SchülerInnen zur sexuellen Orientierung unter Gender-Aspekten, in: Dirk Krüger et al. (Hrsg.), Erkenntnisweg Biologiedidaktik 7, Berlin 2008, S. 49f.
20.
Vgl. Uli Streib-Brzic/Christiane Quadflieg (Hrsg.), School is Out?! Vergleichende Studie "Erfahrungen von Kindern aus Regenbogenfamilien in der Schule" durchgeführt in Deutschland, Schweden und Slowenien. Teilstudie Deutschland, Berlin 2011.
21.
Ebd., S. 32.
22.
Vgl. ebd., S. 22.
23.
U. Klocke (Anm. 18), S. 10.
24.
Vgl. Johannes Stehr, Normalität und Abweichung, in: Albert Scherr (Hrsg.), Soziologische Basics. Eine Einführung für Pädagogen und Pädagoginnen, Wiesbaden 2006, S. 130–134.
25.
Gunter Schmid, Das Verschwinden der Sexualmoral, Hamburg 1996, S. 115.
26.
C. Emcke (Anm. 1), S. 210f.
27.
Ebd., S. 97.
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