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2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Jutta Hartmann

Institutionen, die unsere Existenz bestimmen: Heteronormativität und Schule

Dynamisches Verständnis von Identität

Die aktuellen Gender Studies vertreten demgegenüber ein prozessuales Identitätsverständnis und weisen Vorstellungen von einer Identität zurück, die zu suchen und zu finden ist, wie ein Gegenstand, den man verloren hat. Insbesondere psychoanalytische Ansätze nehmen Instabilitäten und Diskontinuitäten, Brüche und Widersprüchlichkeiten in den Blick. Diese Debatten erhellen, wie über den gesellschaftlichen Imperativ der Heterosexualität ein Zwang zur Vereindeutigung innerpsychischer Ambivalenzen transportiert wird und starre Identitäten als Hinweis auf verleugnete Identifizierungen gelesen werden können. In Abgrenzung zu klassisch psychoanalytischen Ansätzen, die Identifizierung gleichgeschlechtlich und Begehren gegengeschlechtlich konzipieren, vertritt Judith Butler die These, dass wir letztlich nicht in der Lage sind, in Fragen der Identifikation und des Begehrens nach einem Entweder-oder-Prinzip zu funktionieren.

Was mag nun unterstützen, das zu leben, was dem Imperativ nicht folgt? Für Carola Emcke war es der Musikunterricht, der ihr ein Hören zwischen den Tönen und eine analytische Lust ermöglichte, ein differenziertes Denken und eine Sprache, die sie auf ihr Begehren zu übertragen versteht: "Warum hatte uns das niemand erklärt, dass sich für manche das Begehren so wandeln kann wie eine Tonart, dass anfängliche Lust sich öffnen kann hin zu einer anderen, und, manchmal, wieder zu einer anderen? Warum sagt das heute niemand? Warum wird das Spielerische, Leichte, Dynamische aus der Sexualität genommen, warum sind die Klangfarben, die Tonarten der Lust als so statisch, abgegrenzt, einseitig gedacht, warum sind die Modulationen verschwunden aus dem Denken über das Begehren?"[28]

Emcke nimmt das Fließende, das sich im Laufe des Lebens Verändernde von Geschlechtlichsein und Begehren in den Blick. Aus ihrer Erfahrung heraus stellt sie die fixierenden Begrifflichkeiten infrage und die mit ihnen nahegelegten, zumeist linearen Entwicklungserzählungen. Denn der Imperativ geradliniger Lebensgeschichten führt häufig dazu, dass die eigenen Widersprüche und Ambivalenzen eingeebnet oder eindimensional erklärt werden: "Dass ich Handball spielte, scheint nachträglich immer einleuchtender zu sein, als dass ich klassische Musik liebte, dass ich mich die ganzen ersten Jahre immer in Männer verliebte, noch dazu glücklich, wischt sich aus der späteren Perspektive von außen leicht aus."[29]

Identität als dynamisch zu begreifen, fordert bezogen auf die Kategorie Sexualität heraus, die Prozesshaftigkeit sexueller Identität auch mit Blick auf das zu sehen, was gemeinhin als gegebene sexuelle Orientierung gilt. Hetero-, Homo- oder Bisexualität sind Menschen nicht wesenhaft, sondern werden von diesen in komplexen Prozessen sexueller Bildung – mit Butler gesprochen über "Improvisationen im Rahmen des Zwangs" – hervorgebracht. Ein solches Identitätsverständnis fordert Pädagogik heraus, dem Perspektivenwechsel zu folgen: weg von einer identitätszentrierten Orientierung an Identitätssuche und -stärkung hin zu einer Auseinandersetzung mit dem konstruierten Charakter von Identitäten und zu einer Ausarbeitung und Gestaltung der eigenen Identität, die bisherige Grenzen befragt, ausdehnt oder auch überschreitet.

Herausforderungen einer Diversity Education

In Zeiten expandierender Gesamt- und Ganztagsschulen verbringen Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in der staatlichen Sozialisationsinstanz Schule. Immer mehr Menschen erkennen, dass Schule dabei nicht nur als Stätte der Wissensvermittlung gesehen, sondern ganz bewusst auch als ein Ort ausgebaut werden muss, der an den Lebensrealitäten der Kinder und Jugendlichen ansetzt und der diesen unter den Nägeln brennende Fragen angemessen aufgreift. Ein verantwortlicher Umgang mit den zuvor erörterten Fragen und Erkenntnissen fordert alle an Schule Beteiligten auf, sich mit Geschlecht und Sexualität als identitätsstiftende und Gesellschaft strukturierende Kategorien auseinanderzusetzen, ihr Wissen zu erweitern, die eigene bisherige Haltung zu reflektieren, weiterzuentwickeln und einen kompetenten Umgang mit den damit verbundenen pädagogischen Herausforderungen zu entwickeln.

In den vergangenen Jahren wird mit Blick auf die Heterogenität der Schüler_innen in den Klassen vermehrt eine Diversity Education empfohlen. Diese zielt auf Sensibilität und Reflexivität hinsichtlich der Wirkung von sozialen Differenzierungen, von Ungleichheitsverhältnissen und Diskriminierungspraktiken mit deren sozialstrukturellen Bedingungen. Geschlecht und Sexualität stellen zwei zentrale Differenzkategorien im Rahmen dieses umfassenden Konzepts dar, dem es um demokratisches Lernen, Diskriminierungsfreiheit, sozialen Zusammenhalt und um verhandelbare Werte und Normen geht. Nicht immer sind in Ansätzen von Diversity Education jedoch kritische Fragen zu Identität und Macht, zu Konstruktion und Dekonstruktion von Differenzen aufgenommen.

Um Dynamisierungen in der Triade Geschlecht-Sexualität-Lebensform aufzugreifen – Momente also, die vorherrschende Grenzen und Normalitätsvorstellungen in Bewegung bringen – und diese gleichzeitig mit zu ermöglichen, habe ich den Begriff "vielfältige Lebensweisen" in die pädagogische Diskussion eingeführt und empfehle diesen auch zur Profilierung von Zugängen einer Diversity Education. Der Begriff versucht Uneindeutigkeiten begrifflich zu fassen und kritisch Einspruch zu erheben gegen die Tendenz zur Vereindeutigung von Identitäten und zur Reproduktion starrer Machtverhältnisse. Um die Struktur von Normalität und Abweichung weder zu wiederholen, noch zu verleugnen, setzt ein solcher Zugang bei der gelebten Vielfalt selbst an und hat über das Reflektieren kategorialer Grenzen und Machtverhältnisse daran Teil, an deren Verschiebung zu arbeiten. Wenn es gut läuft, erfahren alle Beteiligten, was sein kann, was sein soll und wie Handlungsspielräume beweglich gehalten werden.

Nicht nur Sozialisationsinstanz, vielmehr auch Bildungsort zu sein, fordert Schule heraus, Reflexionsprozesse über die weitgehend unreflektiert transportierten Normen zu initiieren – gerade auch über die, die sie selbst wie selbstverständlich mitträgt. Für Jürgen Habermas beinhaltet Sozialisation bereits eine sukzessive Emanzipation gegenüber Zuschreibungen. Das Moment von Befreiung und Kritik sehe ich deutlicher im klassischen Verständnis von Bildung auf- und in kritischer Bildungstheorie gegenüber der Übernahme vorgegebener Werte und Normen sowie dem reinen Erwerb von Qualifikationen hervorgehoben.

Die Erzählung von Carolin Emcke lässt sich so gesehen als eine Bildungsgeschichte lesen. Sie dokumentiert einen Umgang mit Sozialisationserfahrungen, der diese kritisch reflektieren und überschreiten und dabei Neues entstehen zu lassen versteht – ein Vermögen, das sich als wertvoller erweisen mag als einfache Integration und bloßes Wissen: Offenheit und die Fähigkeit zur Transformation bestehender Selbst- und Weltverständnisse.

Fußnoten

28.
Vgl. Jutta Hartmann, Vielfältige Lebensweisen. Dynamisierungen in der Triade Geschlecht-Sexualität-Lebensform. Kritisch-dekonstruktive Perspektiven für die Pädagogik, Opladen 2002.
29.
Vgl. Jürgen Habermas, Kultur und Kritik, Frankfurt/M. 1973, S. 118–194.
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