2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Stephan Lessenich

Der Sozialstaat als Erziehungsagentur

Formierung des Aktivbürgers

Der flexible Kapitalismus verlangt nach "neuen", veränderten, oder genauer: sich selbst verändernden, den veränderten Verhältnissen permanent anpassenden Subjekten. Flexibel sei der Mensch, selbstständig und unternehmerisch: So liest sich, in Kürzestform, das Handlungsanforderungsprofil der neuen, marktliberalen Wirtschaftsordnung an die – noch – arbeitnehmerisch sozialisierten Marktakteure.[23] Der moderne Kapitalismus, so hatte Weber treffend formuliert, zwingt dem Einzelnen die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf, "soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist".[24] Der (zumindest in seiner Selbstbeschreibung) moderne Kapitalismus der Gegenwart zeichnet sich vor allem anderen dadurch aus, dass sich in ihm Märkte ausweiten, ja tendenziell entgrenzen: Dem Handeln der Einzelnen werden nicht nur im wirtschaftlichen Handlungsbereich – und dort in verschärftem Maße –, sondern in immer weiteren, außerwirtschaftlichen Handlungsfeldern die Normen wirtschaftlichen Handelns aufgezwungen.

Auch diese erweiterte Subjektformierung in kapitalistischer Absicht aber vollzieht sich nicht "von selbst" – beziehungsweise nicht allein durch den bloßen Zwang der Marktkräfte und eine gesellschaftliche Kultur der Marktnähe (obwohl beide Faktoren, je für sich und im Zusammenspiel miteinander, durchaus wirkmächtig sind). Auch hier und heute hat vielmehr die moderne, sozialstaatlich verfasste Politik ihre – mal mehr, mal weniger sichtbare – Hand im Spiel gesellschaftlichen Handelns, erweist sich die zunehmende Ökonomisierung des Sozialen zugleich als eine Tendenz zu seiner effektiven Politisierung.[25]

Was vom flexiblen Marktsubjekt zumindest erwartet, im Zweifel aber gefordert oder auch erzwungen wird, ist der kreative Umgang – bis hin zum Zerstörerischen – mit seinem individuellen Arbeitsvermögen. Selbstkontrolle in der betrieblichen Arbeitsorganisation, Selbstökonomisierung mit Blick auf die Marktfähigkeit der eigenen Arbeitskraft, Selbstrationalisierung der Lebensführung im Sinne ihrer Ausrichtung an den durch Unternehmen und Märkte gesetzten Handlungsanforderungen: Dies sind die idealtypischen Handlungsmuster des flexibel-kapitalistischen "Arbeitskraftunternehmers".[26]

Das Bild dieser Sozialfigur, die mit ihr verbundenen Vorstellungen angemessenen und insofern "Erfolg versprechenden" Handelns in zunehmend vermarktlichten Handlungskontexten, bestimmt in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer stärker auch die Formen und Mechanismen sozialpolitischer Intervention.[27] Der Sozialstaat im beziehungsweise des flexiblen Kapitalismus wird mehr und mehr zu einem institutionellen Arrangement der "Erziehung zur Marktlichkeit": "In ihren zentralen Lebensäußerungen soll die einzelne Person sich auf die Befähigung zum Markt, auf die Beherrschung von Wettbewerbshandeln, auf die Einsicht in die Funktionsweise von Wettbewerb und die Legitimation des Marktes ausrichten."[28] Vom Ende der Frühverrentung und der Absenkung des Rentenniveaus bis hin zur Sicherstellung der (stets als "Frauenproblem" gerahmten) Vereinbarkeit von Kind und Karriere oder der Konditionierung von Sozialleistungen für Erwerbslose: "Aktivierende" Sozialpolitik sucht, nicht nur hierzulande und in einem vieldimensionalen Arrangement aus "positiven" und "negativen" Interventionen, jeden einzelnen Menschen zum funktionsfähigen Arbeitsmarktsubjekt werden zu lassen.[29]

Vom wirtschaftlichen Handlungsfeld greift diese Politik schrittweise auch auf andere gesellschaftliche Lebensbereiche, vom Erwerbssystem auch auf das Vor- und Nacherwerbsleben aus und über: die frühkindliche Erziehung wird zu einem prioritären Gegenstand einer langfristigen Sozialpolitik der Produktivkraftproduktion, die Jugendhilfe zum Ort der institutionellen Einübung in den marktzentrierten "Gebrauch der eigenen Kräfte"[30], die Nacherwerbsphase zum Bezugspunkt aktivistischer Anrufungen im Sinne der Ausweitung der produktiven Lebenszeit,[31] "lebenslanges Lernen" zur geradezu selbstverständlichen Auf- und Anforderung an jeden Einzelnen und jede Einzelne (und damit an "uns alle") – und wo die inhaltlichen wie zeitlichen Grenzen zwischen Arbeit und "Leben" (beziehungsweise "Nicht-Arbeit") verlaufen, dürfte mittlerweile kaum jemandem noch klar sein (und soll dies wohl auch nicht mehr)[32]. Der "Arbeitnehmer" hat als Sozialnorm ausgedient, das flexible, nach dem Pfadfinderprinzip agierende Marktsubjekt – "Allzeit bereit", "Selbst ist das Selbst", "Suche Deinen Weg!" – ist das neue gesellschaftliche Rollenmodell.

Die neue Sozialpolitik der Aktivierung ist an der Etablierung und Institutionalisierung entsprechender Handlungsorientierungen maßgeblich beteiligt. In ihrem programmatischen Kern ist sie als eine "neue politische Pädagogik der Menschen-Führung"[33] zu verstehen: Jeder Mensch ist Hüter eines Humankapitalschatzes, jeder Bürger ein Träger von produktiven Potenzialen – und alle sind sie gehalten, diese Schätze zu heben und ihre Potenziale zu entfalten. Nichts und niemand (ob nun high oder low potential) soll unverwertet bleiben, alles muss raus – auf den Markt des Arbeitslebens und der Lebensarbeit, der Arbeit am Leben und eines Lebens für die Arbeit. Und für den flexibel-kapitalistischen Sozialstaat ist diese ökonomische Sozialisation des Aktivbürgers zugleich ein Akt seiner politischen Re-Sozialisierung, denn die aktive Ausübung von selbststeuerndem und eigenverantwortlichem Handeln auf Märkten ist zugleich immer auch – so der sozialpolitische Lehr- und Lernauftrag – eine soziale Tat im Sinne der "mikropolitischen" Verantwortungsübernahme für das Gemeinwohl.[34]

Sozialpolitische Erziehungsillusionen

Der moderne Sozialstaat ist eine gesellschaftliche Erziehungsagentur. Seit den Anfängen der kapitalistischen Wirtschaftsformation ist er eine aktive Instanz der Sozialisierung der Subjekte im Sinne der kapitalistischen Handlungsrationalität. In seiner neuen, jüngsten Gestalt als "aktivierender" Sozialstaat spielt er eine zentrale Rolle bei der politischen Produktion und Reproduktion von dem flexiblen Kapitalismus angepassten, kontextangemessen handelnden Aktivbürgern als ökonomisch-soziale Produktivsubjekte. Wohlgemerkt: Es ist dies nicht im Sinne einer bloßen, direktiven, autoritativen Formierung der Menschen von "oben" gemeint und zu verstehen, sondern einer komplexen Wechselwirkungskonstellation ineinandergreifender Prozesse wirtschaftlichen und sozialen, kulturellen und institutionellen Wandels. Und auch der – gar nicht so geheime – Lehrplan des aktivierenden Sozialstaats setzt sich nicht nach Art des Nürnberger Trichters durch, sondern wird in einem ebenso komplexen, interaktiven und letztlich unkalkulierbaren Prozess der institutionellen Strukturierung alltäglicher Handlungspraktiken und deren Rückwirkung auf die institutionalisierten Handlungskontexte vermittelt. Letztlich gilt also auch hier das Marxsche Diktum, dass die Menschen "ihre" Geschichte machen (und sie machen müssen) – aber eben unter vorgefundenen, sprich ihrerseits von Menschen gemachten, Bedingungen. Nur so, in dieser immerwährenden Vermittlungsschleife von sozialen Handlungen und sozialen Strukturen, lässt sich die institutionelle Konstitution von Subjekten in modernen Gesellschaften denken.[35]

Was bedeutet dies aber für den Auftritt des Sozialstaats als "erziehungsberechtigte" oder jedenfalls – gegenwärtig im Sinne des Aktivbürgers als Produktivsubjekt – erziehungsbeabsichtigende gesellschaftliche Institution? Zum einen, dass man ihm analytisch nur gerecht wird, wenn man ihn auch in seiner basalen Sozialisations- und Erziehungsfunktion ernst nimmt: Mit einer mal mehr (Riester-Rente), mal weniger (Hartz-Gesetze) sanften Pädagogik der Marktvergesellschaftung trägt der Sozialstaat in seiner gegenwärtigen Gestalt zur marktgerechten Selbsterziehung der Leute und damit zur sozialen Praxis des alltäglich-subjektiven doing capitalism bei. Zum anderen lässt diese spezifische Perspektive auf den Sozialstaat zugleich auch die sozialen Grenzen seiner Intervention erkennen: Ob und wie die Menschen den institutionellen Erziehungsauftrag in ihrem Handeln annehmen und ausführen, abwandeln oder abweisen, ist keineswegs durch eine schicksalsvolle Macht vorgegeben und vorherbestimmt, sondern eine empirisch offene Frage des sozialen Alltagsgeschehens. Insofern ist nicht einmal auszuschließen, dass die selbsterklärt Erziehungsberechtigten am Ende von den zu Erziehenden erzogen werden.

Fußnoten

23.
Vgl. Luc Boltanski/Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003; Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.
24.
M. Weber (Anm. 7).
25.
Vgl. S. Lessenich (Anm. 11), S. 113ff.; grundsätzlich dazu auch: Michael Th. Greven, Die politische Gesellschaft, Opladen 1999.
26.
Vgl. G.G. Voß/H. J. Pongratz (Anm. 15).
27.
Vgl. Stephan Lessenich, "Aktivierender" Sozialstaat. Eine politisch-soziologische Zwischenbilanz, in: Reinhard Bispinck et al. (Hrsg.), Sozialpolitik und Sozialstaat, Wiesbaden 2012, S. 41–53.
28.
Frank Nullmeier, Vermarktlichung des Sozialstaats, in: WSI-Mitteilungen, 57 (2004) 9, S. 497.
29.
Vgl. Claire Annesley, Lisbon and social Europe: towards a European "adult worker model" welfare system, in: Journal of European Social Policy, 17 (2007) 3, S. 195–205.
30.
Fabian Kessl, Der Gebrauch der eigenen Kräfte. Eine Gouvernementalität sozialer Arbeit, Weinheim 2005.
31.
Vgl. Silke van Dyk et al., Vom "verdienten Ruhestand" zum "Alterskraftunternehmer"? Bilder des Alter(n)s im gesellschaftlichen Wandel nach dem Systemumbruch, in: Heinrich Best/Everhard Holtmann (Hrsg.), Aufbruch der entsicherten Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 2012, S. 369–387.
32.
Vgl. Karin Gottschall/G. Günter Voß (Hrsg.), Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag, München 2003.
33.
Ulrich Brieler, "Erfahrungstiere" und "Industriesoldaten": Marx und Foucault über das historische Denken, das Subjekt und die Geschichte der Gegenwart, in: Jürgen Martschukat (Hrsg.), Geschichte schreiben mit Foucault, Frankfurt/M.–New York 2002, S. 74.
34.
Vgl. Stephan Lessenich, Krise des Sozialen?, in: APuZ, (2009) 52, S. 28–34.
35.
Vgl. Anthony Giddens, Die Konstitution der Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 1988, S. 35.
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