Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Jorgen Randers

2052: Droht ein globaler Kollaps? - Essay

Der Bericht des Club of Rome, "Die Grenzen des Wachstums" ("GdW"),[1] stellte 1972 die Frage, ob auf unserem Planeten grenzenloses Wachstum möglich ist. In ihm wurden zwölf Zukunftsszenarien bis zum Jahr 2100 vorgestellt. Sechs negative Szenarien beschrieben diverse Arten des Zusammenbruchs, sechs positive verschiedene Grade nachhaltiger Entwicklung. Das Buch konnte jedoch nicht sagen, welches der Szenarien am wahrscheinlichsten sein würde, weil 1972 nicht genügend Informationen vorhanden waren.

Dieser Informationsmangel beschränkte den Bericht auf folgende Hauptaussagen:

1. Die Welt ist klein. Der ökologische Fußabdruck[2] der Menschheit kann nicht unendlich weiter wachsen; tatsächlich ist der Planet so klein, dass das Wachstum innerhalb der nächsten hundert Jahre zum Stillstand kommen wird.

2. Es besteht die Gefahr der Grenzüberziehung (overshoot). Die großen Regierungssysteme (Kapitalismus und Demokratie) werden sich als unfähig erweisen, das Wachstum des menschlichen Fußabdrucks zu stoppen, bevor er die Tragfähigkeit des Planeten übersteigt. Die Weltgemeinschaft wird zu spät reagieren. Das wird zur Grenzüberziehung führen, die einen Rückzug (durch gesteuerten Niedergang oder Zusammenbruch) auf die Ebene der Nachhaltigkeit unvermeidbar machen wird.

Zusammengefasst lautete die Botschaft von "GdW": Aufgrund verspäteter globaler Entscheidungen wird die Menschheit zulassen, dass ihr ökologischer Fußabdruck (Bevölkerung und Wirtschaft) größer wird, als es der kleine Planet Erde auf lange Sicht hin verträgt. Das Buch rief heftige Ablehnung hervor. Man glaubte (damals) nicht, die Menschen könnten so dumm sein und das Fortschreiten des Wachstums bis zur ökologischen Unverträglichkeit erlauben. Deshalb erschien auch die Drohung eines nachfolgenden Niedergangs – insbesondere die Idee eines "Zusammenbruchs" – irrelevant.

Die Weltgemeinschaft hat die Grenzen des Planeten überzogen

Heute – 40 Jahre später – wissen wir es besser. Wir wissen: Das Wachstum – der Weltbevölkerung und des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) wie des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit – schreitet unaufhörlich fort. Und wir wissen, was noch erstaunlicher ist, dass die globale Gesellschaft die Grenzen des Planeten überschritten hat. Wir leben heute in einer Weise, die nicht mehr über Generationen hinweg ohne große Probleme fortgesetzt werden kann. Den sichtbarsten Beweis dafür liefert das Klima. Die jährlichen CO2-Emissionen sind zweimal so hoch, als Wälder und Ozeane jährlich absorbieren können. Folglich sammelt sich CO2 in der Atmosphäre und die weltweite Durchschnittstemperatur steigt. Der Temperaturanstieg bewirkt zahlreiche Veränderungen, die das Leben zukünftiger Generationen erschweren werden.

Wohlgemerkt, die gegenwärtige Grenzüberziehung ist das Resultat langsamer globaler Entscheidungen. Bereits vor 25 Jahren schuf die Weltgemeinschaft den Weltklimarat der Vereinten Nationen – und hätten wir auf seinen Rat gehört, wären wir längst auf dem Weg, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Dies zu tun, ist sowohl technisch möglich wie auch überraschend kostengünstig. Nur ein bis zwei Prozent der Arbeitskraft und des Investitionskapitals müssten von "schmutzigen" in "saubere" Aktivitäten verlagert werden – zum Beispiel durch Weisungen an die Autoindustrie, statt Autos mit fossilem Brennstoffantrieb Elektroautos zu produzieren, oder an Energiekonzerne, die Versorgung auf Windrädern und Gas statt auf Kohle aufzubauen. Der Rückgang im Nettoeinkommen und Konsum bliebe dabei überschaubar.

Stattdessen haben wir 25 Jahre mit erfolglosen internationalen Verhandlungen verbracht – die sich auf die weltweiten Schadstoffemissionen kaum ausgewirkt haben. Diese stiegen kontinuierlich an – trotz der Tatsache, dass sie bereits seit Jahrzehnten ein tragfähiges Niveau überschreiten. Kaum zu glauben: Die CO2-Emissionen stiegen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stärker an als in jedem vorangegangenen Jahrzehnt!

"2052" – eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre

Wir wissen also, was in den ersten 40 Jahren der Szenarien von "GdW" geschah. Was wird nun in den kommenden 40 Jahren passieren? Meine Antwort auf diese Frage habe ich 2012 in dem Buch "2052 – eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre" als Bericht an den Club of Rome niedergeschrieben.[3]

Heute wissen wir weitaus mehr über die Welt und ihre Zukunft als noch im Jahr 1972. Deshalb erscheint es sinnvoll, das sichere Terrain von Analyseszenarien zu verlassen und eine Prognose anzustellen – eine auf Fakten aufbauende, wohlbegründete und in sich stimmige Voraussage darüber, was in der Zeit von 2012 bis 2052 passieren kann. Eine solche Vorhersage zeichnet kein Bild davon, was geschehen wird – sie beschreibt vielmehr, welche Entwicklung am wahrscheinlichsten ist. Selbstverständlich bleibt ein Bereich der Unsicherheit, der jedoch keinesfalls so weiträumig ist, als dass die Vorhersage inhaltsleer würde.

Die Prognose von "2052" setzt sich aus Einzelvorhersagen für fünf Regionen zusammen. Diese Regionen sind die USA, der Rest der industrialisierten Welt, China, die 14 größten Schwellenländer und der Rest der Welt (rund 140 Länder). Die Vorhersage stützt sich auf das aktualisierte World3-Modell,[4] das der Studie von "GdW" zugrunde lag. Sie basiert zudem auf der Annahme, dass die technologische Entwicklung in demselben Maße fortschreiten wird wie in den vergangenen 40 Jahren und dass fundamentale Werte und Präferenzen unverändert bleiben: Die Gesellschaft wird weiterhin wirtschaftliches Wachstum anstreben. Eine wichtige Veränderung wird es indes geben. Im Laufe der kommenden Jahrzehnte wird sich die menschliche Gesellschaft verstärkt einer Vielzahl von Problemen gegenübersehen: Ressourcenabbau, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Ungerechtigkeit, soziale Konflikte. Ich vermute, diesen Problemen wird schließlich mit wachsenden Investitionen begegnet werden – allerdings nicht, bevor sie verstärkt auftreten, sondern erst im Nachhinein, wenn Reparaturkosten unvermeidlich werden. So erwarte ich nicht, dass die USA im Voraus eine ernstzunehmende Summe zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen ausgeben; Reparaturkosten werden sie indes nicht vermeiden können, wenn Wirbelstürme erst ihre Städte verwüsten oder Gasvorkommen immer schwerer zugänglich sind. Die Nationen werden insgesamt erst auf unwiderlegbare Schadensbeweise reagieren.

Fußnoten

1.
Donella H. Meadows/Dennis L. Meadows/Jorgen Randers/William W Behrens, Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.
2.
Der ökologische Fußabdruck eines Menschen bemisst sich nach der Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um seinen Lebensstil und -standard (bei Fortsetzung derzeitiger Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen – inklusive der Flächen, die zur Nahrungsmittel- und Kleidungsproduktion, zur Bereitstellung von Energie sowie zur Entsorgung des von ihm erzeugten Mülls beziehungsweise zum Binden freigesetzten CO2 benötigt werden (Anm. d. Red.).
3.
Jorgen Randers, 2052. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre. Der neue Bericht an den Club of Rome, München 2012. Vgl. auch Grafik in der PDF-Version
4.
Das "World3-Modell" ist eine von Dennis L. Meadows und Jorgen Randers entwickelte Computersimulation zur Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Bevölkerung, industriellem Wachstum, Nahrungsmittelproduktion und anderen Faktoren und deren Einfluss auf mögliche Grenzen in den Ökosystemen der Erde (Anm. d. Red.).
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