Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Jorgen Randers

2052: Droht ein globaler Kollaps? - Essay

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen?

Dies wird nicht das Ende des Kapitalismus sein. Entgegen meinem Wunsch nach Modifizierung des "reinen" Kapitalismus – durch Regulierung und Internalisierung externer Kosten – glaube ich nicht, dass demokratische Mehrheiten sich jemals für ausreichend hohe Kohlenstoffsteuern entscheiden werden, um die Emissionen zu reduzieren – auch nicht für Regeln, die Spritfresser oder Geschäfts- beziehungsweise Tourismusflüge verbieten. Einige Änderungen wird es indes geben, wenn auch nicht ausreichende, um dem Kapitalismus insgesamt ein Ende zu setzen.

Doch es wird das Ende des Wachstums sein. Das Welt-BIP wird sich bis 2052 verlangsamen und vor 2100 einen Höchststand erreichen. Das Wohlergehen wird sich steigern lassen, nicht aber die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Das durchschnittliche Nettoeinkommen wird vor 2052 zu schrumpfen beginnen.

Auch wird es nicht das Ende der langsamen Prozesse demokratischer Entscheidungen bedeuten – wegen der zahlreichen Interessenkonflikte in der modernen, dicht bevölkerten und stark beanspruchten Welt. Je demokratischer die Gesellschaften, desto mehr Interessengruppen müssen gehört werden und umso länger dauern Entscheidungsprozesse für alles, was eine Mehrzahl von Menschen betrifft. Diese Tendenz wird durch höhere Bildung und Einkommen verstärkt und bedeutend zur Drosselung der Wachstumsraten in den entwickelten Volkswirtschaften beitragen.

Aber es wird das Ende des Generationenfriedens einläuten. Die Jungen werden es weder weiterhin als selbstverständlich betrachten, für die üppigen Renten zu zahlen, die wir (die Alten) uns zugesichert haben – noch für die aufgelaufenen Staatsschulden, um den Konsumlevel über dem der Inlandsproduktion zu halten. Dabei werden sie sich ein Zuhause wie das ihrer Eltern nicht mehr leisten können. Die Jungen werden einfach den gemeinsamen Tisch verlassen. Renten werden nicht vollends bezahlt, Schulden nicht zurückgezahlt werden; vieles wird abgeschrieben werden müssen. In einer demokratischen Gesellschaft, in der die Mehrheit regiert, können Rentner und Gläubiger nur wenig dagegen tun. Man mag sich fragen, wie die jungen Amerikaner mit dem Schuldenberg gegenüber den (jungen) Chinesen umgehen werden – der von ihren Eltern angehäuft wurde, damit sie das konsumieren können, was die ältere Generation der Chinesen für schlechte Zeiten auf die hohe Kante gelegt hat. Ich glaube in diesem Zusammenhang nicht an Krieg – aber an eine Neuordnung von Schulden. Doch es wird nur wenig Harmonie zwischen den Generationen bleiben.

Und schließlich wird es das Ende eines stabilen Klimas bedeuten. Es sei denn, es kommt im Laufe der kommenden Jahrzehnte zu dramatischen und außergewöhnlichen Aktionen, um die Treibhausgasemissionen zu verringern. Doch ich glaube, das wird nicht geschehen, denn es werden sich keine Klimakatastrophen solchen Ausmaßes ereignen, durch die sich demokratische Gesellschaften zum Handeln genötigt sähen.

Fünf Ratschläge für weltweite Maßnahmen

Was könnte getan werden, um meine traurigen Voraussagen zu vermeiden? Vor allem fünf Ratschläge seien genannt:

1. Drosselung des Bevölkerungswachstums: Bringen Sie weniger Kinder zur Welt – besonders in den reichen Ländern, wo jedes Kind einen höheren ökologischen Fußabdruck hat. Konkret bedeutet das, die (stillschweigende) geburtenfördernde Haltung aufzugeben, die in modernen Gesellschaften – armen wie reichen – bis heute vorherrscht. Grundsätzlich bedeutet dies die Einladung an Frauen, dem Beruf vor weiteren Kindern den Vorzug zu geben. Es bedeutet zu akzeptieren, dass der größer werdenden Zahl alter Menschen weniger mit Immigration gedient ist als vielmehr mit der Anhebung des Renteneintrittsalters. Es bedeutet zu verstehen: Wenn der gesellschaftliche Anteil alter Menschen steigt, nimmt der Anteil der Jungen ab, sodass die Gesamtbelastung für Jung und Alt – die sich die 15- bis 65-Jährigen teilen – de facto relativ konstant bleibt. Die arbeitenden Altersgruppen werden für die alten aufkommen – nicht zusätzlich, sondern anstelle der jungen.

2. Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks: Beseitigen Sie die Treibhausgasemissionen durch Kohle, Öl und Gas – und zwar zuerst in den reichen Ländern. Der einfachste Weg besteht darin, in den reichen Ländern die Nutzung von Kohle, Öl und Gas zu verbieten. Praktisch ließe sich dies über eine Kohlenstoffsteuer von hundert Euro pro Tonne ausgestoßenen CO2 sowie einen steuerlichen Grenzausgleich erzielen, um Verlagerungen von CO2-Emissionen zu reduzieren. Politisch erscheint es jedoch unmöglich, eine solche Steuer einzuführen, da Wähler gegen den sprunghaften Anstieg ihrer Stromrechnung kurzfristig Widerstand leisten. Deshalb bedeutet die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks heute die Akzeptanz der Öffentlichkeit für ein begrenztes Opfer zu erwirken, um für unsere Enkel eine bessere Lebensgrundlage zu schaffen. Es bedeutet, Wähler dazu zu bringen, etwas höhere Lebenshaltungskosten zu akzeptieren – und politische Unterstützung dafür zu erringen, das Konsumwachstum zu drosseln, um mehr Spielraum für Wachstum in langfristigen Investitionsbereichen zu gewinnen.

3. Hilfe und saubere Energie für die Armen: Bauen Sie in den armen Ländern von den reichen Staaten zu finanzierende klimafreundliche Energiesysteme auf. Konkret bedeutet das: Die reichen Länder übernehmen die Initiative, erwirken die Zustimmung der Empfängerländer und finanzieren in den armen Regionen klimafreundliche Energiesysteme. Diese sollten auf erneuerbaren Wasser-, Wind-, Solar- und Biomasseressourcen basieren und bei Verbrennungseinheiten für fossile Brennstoffe wahrscheinlich durch Nachrüstungen zur Kohlenstoffbindung und -speicherung ergänzt werden. Solche Energiesysteme würden sowohl die Schadstoffemissionen als auch das Leid mindern. Grundsätzlich bedeutet diese Empfehlung, die politische Unterstützung für eine Neuorientierung der bestehenden Entwicklungsfonds zu erlangen.

4. Ende der Kurzsichtigkeit: Etablieren Sie überstaatliche Institutionen, um den einzelnen Ländern bei der Umsetzung einer Politik im Dienste unserer Enkel zu helfen. Konkret erfordert dies, in bestimmten Angelegenheiten Entscheidungsbefugnisse an weise, schnelle und mächtige Einheiten – jenseits der laufenden Kontrolle durch nationale Parlamente und ihre Wähler – zu delegieren. Ein gutes Modell dafür sind die Zentralbanken, wie sie in den meisten zivilisierten Ländern bestehen; sie entscheiden über die Höhe der verfügbaren Geldmenge – ohne dauernde demokratische Einmischung. Eine "Weltklimabank" – befugt, die Höhe der maximalen Treibhausgasemissionen eines jeden Mitgliedslandes festzulegen sowie Rat (und vorzugsweise finanzielle Mittel) zur Verfügung zu stellen, um diese Grenzen zu erreichen – könnte dieses Kunststück zu Wege bringen. Sie ließe sich auf den Schultern des Weltklimagipfels errichten.

5. Neue Ziele für reiche Gesellschaften: Streben Sie verstärkt nach einem Wohlergehen in einer Welt ohne Wachstum. Jenseits einer gewissen Stufe führt ein höheres Einkommen nicht zu erhöhtem Wohlergehen – jedenfalls, solange niemand da ist, mit dem man sich vergleichen kann. Gehaltserhöhungen könnten in Zukunft gestoppt werden, und die allgemeine Aufmerksamkeit sich stattdessen auf die Erhöhung des Wohlergehens in den Grenzen eines festen Jahreseinkommens richten. Eine Verlagerung von Einkommensverbesserungen hin zur Verbesserung des Wohlergehens leuchtet erst recht für eine Zukunft ein, in der das Pro-Kopf-Einkommen stabil bleiben wird – trotz fortgesetzter Versuche in den reichen Ländern, Wirtschaftswachstum zu erzielen.

Meiner Erwartung nach werden wir allerdings nicht erleben, dass demokratische Entscheidungen das Einkommenswachstum stoppen werden. Was sie indes herbeiführen könnten, ist eine Reduzierung der jährlichen Arbeitsstunden. Ein kürzeres Arbeitsjahr könnte durch die schrittweise Erhöhung von Urlaubstagen schmackhaft gemacht werden. Das würde das Einkommenswachstum reduzieren und dazu motivieren, in Zukunft verstärkt ein erhöhtes Wohlergehen anzustreben – ein ganz natürliches Ziel, sobald Menschen mehr Freizeit und weniger Geld haben.

Werden die reichen Länder diesen fünf Empfehlungen folgen? Ich glaube eher nicht – jedenfalls nicht über das in "2052" angenommene Maß hinaus.

Werden wir einen "globalen Kollaps" erleben?

Zunächst: Was ist ein Kollaps? Ich definiere ihn hier als "einen unbeabsichtigten, unaufhaltsamen Niedergang des gesellschaftlichen Wohlergehens". Ich benutze das Wort "Niedergang", weil der Rückgang des Wohlergehens anhalten wird, sobald Gegenmaßnahmen stark genug greifen. In dem Sinne handelt es sich bei einem Kollaps um den Niedergang von einer Stufe des Wohlergehens zu einer tieferliegenden.

"2052" sagt einen Rückgang im Wohlergehen der Menschen noch vor Mitte des 21. Jahrhunderts voraus – und zwar für die meisten Regionen. Das verfügbare Einkommen wird stagnieren oder sich verringern, zunehmend unberechenbare Wetterverhältnisse werden Probleme hervorrufen – desgleichen Verteilungsungerechtigkeit. Die natürliche wie die kulturelle Umwelt werden vermehrt Schaden nehmen und so noch weniger Behaglichkeit bieten. In einigen Regionen werden die neuen Probleme allerdings durch rasches Einkommenswachstum übertüncht werden. Soziale Spannungen, Unruhen und Regionalkriege werden weiterhin ausbrechen – ähnlich wie heute und auch aus ähnlichen Gründen – und durch Klimamigration noch verstärkt werden. Ich glaube nicht, dass diese regionalen Konflikte in Weltkriege münden, die der Welt ein Ende bereiten. Die Situation wird wie heute sein – wo die Kriege in Afghanistan und Syrien das Leben anderswo nicht stören.

Doch das durch die Kluft zwischen Erwartung und Realität entstehende Gefühl einer Krise wird sich ausbreiten. Dieses Gefühl einer drohenden Katastrophe wird hin und wieder gemildert werden – durch sporadische Fortschritte in Gestalt gelungener Anpassungen: Deiche, die tatsächlich den Flutwellen standhalten, Regenwasserkanäle, die heftige Niederschläge erfolgreich auffangen, neue Pflanzenarten, die trotz häufigerer Dürre wachsen. Solche Erfolge werden die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sprießen lassen. Auch werden die Menschen sich an den Wohlstandsverlust (das heißt an höhere Preise) gewöhnen, der durch neue protektionistische Handelsbeschränkungen hervorgerufen wird. Und sie werden die virtuelle Welt als Ersatz für die reale zunehmend akzeptieren.

Schließlich wird die explodierende Ungerechtigkeit in der Einkommens- und Arbeitsverteilung in friedlicher (und in einigen Fällen gewaltsamer) Weise auf den Prüfstand kommen. Ich glaube nicht, dass die unterprivilegierten Schichten der reichen Länder den gegenwärtigen Trend noch lange Zeit akzeptieren werden. Sie werden agieren und diese potenzielle Bombe durch erzwungene Umverteilung entschärfen.

Alles in allem werden, wie ich glaube, die nächsten 40 Jahre nicht als globaler Zusammenbruch erlebt werden, weil die genannten Auswirkungen den öffentlichen Widerspruch im Zaum halten werden. Einige unglückliche Regionen können dennoch zusammenbrechen – und die Aussichten für die Welt in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sind noch weniger verheißend.

Bedenken Sie jedoch: Andere Analytiker sind pessimistischer. Sie halten das weltweit vernetzte System für instabiler als ich. Ein Grund für meinen Optimismus liegt darin, dass die reichen Länder meiner Ansicht nach überraschend bereitwillig den Wohlstandsverlust akzeptieren werden, solange er alle trifft. Wenn bestimmte Güter und Dienstleistungen nicht länger verfügbar sind, herrscht nach ökonomischen Gesichtspunkten eine Krise, aber nicht unbedingt in der Realität. Die meisten Menschen gewöhnen sich einfach daran, dieses oder jenes nicht mehr zu haben. Eine echte Krise entsteht nur dann, wenn die Armen sich ein Minimum an Nahrung, Kleidung und Wohnung nicht mehr leisten können. Doch die armen Länder sind es gewohnt zu verlieren und können kaum etwas daran ändern.

Deshalb werden 2052 einige (die heutigen Eliten) meinen, ihre Welt sei zusammengebrochen oder habe zumindest an Glanz verloren. Andere (die neuen und alten Mittelschichten) werden sagen, ihre Welt sei dabei zusammenzubrechen. Eine weitere große Gruppe (darunter viele Chinesen) wird angeben, die vergangenen 40 Jahre seien sehr gut gewesen, und wird weiterhin Fortschritte erwarten. Und viele Arme werden beklagen, dass ihr Einkommen zwar gering gestiegen ist, sie dafür aber neue Probleme ganz anderer Größenordnung haben. Die großen Anpassungsanstrengungen, die im Gange sein werden, werden für Hoffnung sorgen. Ungeachtet dessen werden die meisten eine Verschlechterung der Verhältnisse in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts befürchten.

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