Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Franz M. Wuketits

Apokalyptische Rhetorik als politisches Druckmittel - Essay

Apokalyptische Rhetorik

Zwar hat bislang keine auch noch so große Katastrophe zum Untergang der Menschheit, der Erde oder gar des Universums geführt – also zum Weltuntergang in des Wortes enger und eigentlicher Bedeutung –, aber den Predigern der Apokalypse bieten auch "kleine" Katastrophen stets Anlässe, den Weltuntergang zu verkünden. Die Rolle der Prediger und Seher haben heute weitgehend die Massenmedien übernommen, die uns im Halbstunden-Rhythmus über Katastrophen informieren (welche ja immerhin die Boten der ganz großen Katastrophe, der Apokalypse, sein könnten): Katastrophenbilder sind zum Dauerzustand geworden, vermitteln uns Erdbeben, Wirbelstürme und Waldgroßbrände, genauso aber auch Kriege beziehungsweise Bürgerkriege mit dem damit einhergehenden Flüchtlingselend. Und alles das hautnah. Diejenigen, die diese Bilder frei Haus geliefert bekommen, sind im Allgemeinen von den Katastrophen selbst nicht betroffen.[8] Sie können damit nur ihre Lust an Katastrophen befriedigen und sich in dem Bewusstsein, dass Katastrophen meistens doch weit weg stattfinden, beruhigt zurücklehnen.

Der Katastrophenjournalismus und die ihm innewohnende apokalyptische Rhetorik erfüllen so gesehen den Zweck, die Lust des Menschen auf Untergänge zu stillen. Da aber eine Katastrophe die andere jagt – und jede ist, wird sie in den Massenmedien entsprechend aufbereitet, so gut wie eine beliebige andere –, können sich Konsumenten von Katastrophenberichten (immer vorausgesetzt, sie sind selbst nicht die Betroffenen) stets der Hoffnung hingeben, dass ja alles nicht so schlimm sein könne, weil die Welt doch immer noch steht. Bei allen Berichten tritt nach einer gewissen Zeit ein Saturiertheitseffekt ein. Die Medienmacher wissen das sehr gut, so dass über ein und dieselbe Katastrophe nur so lang berichtet werden darf, wie die Berichte noch einigermaßen erschütternde Einzelheiten enthalten. Ist das nicht mehr der Fall, muss die nächste Katastrophe her – die im Regelfall nicht lang auf sich warten lässt.

Nicht lang auf sich warten lassen aber im Falle jeder Katastrophe Leute, die mahnend und warnend ihre Zeigefinger erheben. Das alte Muster von Schuld und Sühne spielt auch heute, in unserem angeblich aufgeklärten Zeitalter, eine bedeutende Rolle. Als der Hurrikan "Katrina" vor sieben Jahren in New Orleans wütete, fehlte es an Anspielungen nicht, dass diese Stadt mit ihrer Ausgelassenheit, Frivolität und Dekadenz Sodom und Gomorrha sehr nahe gewesen sei – näher jedenfalls als andere (amerikanische) Metropolen.[9] Nun ist hier nicht darüber zu diskutieren, inwieweit die Katastrophe von New Orleans – aus ganz banalen (geologischen, ozeanografischen und ökologischen) Gründen – eine hausgemachte war. Interessant ist im vorliegenden Zusammenhang, dass diese Katastrophe die apokalyptische Rhetorik beflügelte. Inzwischen wurde sie längst von anderen Katastrophenmeldungen verdrängt, die aber von der gleichen Rhetorik begleitet werden. Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, dass die Finanz- oder Eurokrise von Politikern ständig in apokalyptische Redewendungen gefasst wird. Selbst ein oberflächliches Durchblättern von Zeitungen oder das Hinhören bei Radiosendungen mit nur einem Ohr können nicht verschleiern, dass da ein apokalyptisches Szenario zusammengezimmert wird – falls, ja, falls sich nicht alles ändert, falls alle Menschen den Gürtel enger schnallen, die Griechen plötzlich ihre Steuern zahlen, die Deutschen zu immer größer werdenden Solidarabgaben bereit sind und so weiter, dann könnte es ja einen Ausweg aus der Krise geben … Selbstverständlich ist die Finanzkrise nicht auf eine Ebene mit Naturkatastrophen zu stellen. Aber was macht das schon für einen Unterschied! Eine Katastrophe ist und bleibt eine Katastrophe. Sie kann aber durch die Medien sozusagen vergrößert werden.

Das Erfolgsrezept der Medienwelt liegt in der Maximierung von Emotionen und Erregungen, womit ein Höchstmaß an Spannung erzeugt wird – ein Funktionsmechanismus, an dem sich die Politik zunehmend orientiert.[10] Katastrophenszenarien sind in der Politik durchaus willkommen. Ein Politiker, der sich in eine Katastrophenregion begibt, vermittelt den Betroffenen den Eindruck des Mitempfindens, des Mitleidens, was wiederum medial inszeniert wird und dem Politiker zum Vorteil gereicht. Noch besser ist es freilich, wenn die Katastrophe erst gar nicht eintritt und ein bloßes Szenario bleibt, wenn ein Politiker sich damit brüsten kann, dass die drohende Katastrophe durch sein rasches Einschreiten – beispielsweise das Importverbot bestimmter Lebensmittel im Falle einer sich ankündigenden Epidemie – ausgeblieben sei. Dabei ist es unerheblich, wie groß die Gefahr tatsächlich war oder ob sie überhaupt bestand. Unter dem Einfluss der Massenmedien sind kollektive Ängste leicht zu schüren. Die apokalyptische Rhetorik hat aber auch eine entlastende Wirkung: Ganz gleich, wie chaotisch und unsicher sich diese Welt präsentiert, wird am Ende doch alles gut, wird es – wie in den alten Mythen – einen Neuanfang geben.[11] Das "absolute Ende von allem" will und kann sich doch kaum jemand wirklich vorstellen. Daher muss auch praktisch jeder Katastrophenfilm einige Menschen am Leben lassen, die einen Neubeginn wagen dürfen und die Chance erhalten, eine bessere Welt aufzubauen.

Katastrophenszenarien als politische Projekte

Durch apokalyptische Rhetorik aufgeblasene Katastrophenszenarien haben nicht zuletzt den Zweck, Freiheitsrechte der Bürger einzuschränken und die Macht der Regierungen zu stärken.[12] Weltuntergangsdrohungen sind Mittel zur Macht, wobei es unerheblich ist, welcher Grad an Wahrscheinlichkeit dem jeweiligen Horrorszenario zukommt, aus welcher Richtung eine reale oder auch nur eingebildete Gefahr gewittert wird. Stets finden sich genügend Menschen, die an jede auch noch so unwahrscheinliche oder absurde Schreckensvision glauben. Ihrer dürfen sich die jeweiligen Machthaber versichern, sie werden mithelfen, die drohende Katastrophe zu verhindern, indem sie jeden denunzieren, der durch sein Verhalten die Katastrophe vermeintlich mit bewirken könnte. Dieser höchst gefährliche Mechanismus ist aus Geschichte und Gegenwart hinreichend bekannt. Um bestimmte politische Projekte durchzusetzen, werden Schreckensszenarien konstruiert, beispielsweise eine ständige Terrorgefahr. Die Tatsache, dass es Terroranschläge immer wieder gegeben hat, lässt diese Gefahr natürlich auch für die Gegenwart und Zukunft realistisch erscheinen. Man kann sie aber auch künstlich hochschrauben. Und genau das geschieht heutzutage, so dass allerorten Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, Videokameras installiert und persönliche Daten gespeichert werden. Den Bürgern wird weisgemacht, dass sogar die Einengung ihrer Bewegungsfreiheit im Interesse ihrer eigenen Sicherheit (!) geschieht oder zu geschehen habe. Terroranschläge liefern – jedenfalls seit dem 11. September 2001 – Politikern und Gesetzgebern sehr gute Motive für die Ausweitung ihrer eigenen Macht bei gleichzeitiger Entmündigung der Bürger.

Ein anderes Beispiel ist der Klimawandel. Massenmedien und Politiker – diese wahrscheinlich unter dem Einfluss der ersteren – haben längst beschlossen, dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern, wenn wir keine Maßnahmen dagegen setzen. Daher wird "Klimapolitik" betrieben, die sich dem "Klimaschutz" widmet und als äußeres Kennzeichen die Veranstaltung aufwendiger "Klimakonferenzen" anzubieten hat – mehr aber schon nicht. Doch verschiedene Slogans dringen längst in unsere Alltagswelt ein, so etwa, dass wir etwas für "unser Klima" tun müssten. Als ob das Klima uns gehörte! Ohne hier zu weit auszuholen, bleibt nur darauf hinzuweisen, dass das Klima in der Erdgeschichte keine Konstante darstellt, sondern sich fortgesetzt gewandelt hat. Es gab Kalt- und Warmzeiten, gewaltige Klimakatastrophen, die wahrscheinlich unzählige Pflanzen- und Tierarten ausgelöscht haben. Und Wetterextreme, beträchtliche Temperaturschwankungen, entsprechen auch über kürzere Zeiträume durchaus der Normalität. Ist man aber einmal von der drohenden Klimakatastrophe überzeugt, kann praktisch jedes beliebige regionale Wettergeschehen als Vorbote dieser (globalen!) Katastrophe gedeutet werden. In den vergangenen hundert Jahren ist die Durchschnittstemperatur auf der Erde um etwas weniger als einen Grad Celsius gestiegen. Das ist zunächst einmal alles. Dass aber das Klima stärker variiert als in den vergangenen 50 oder auch in den vergangenen 200 Jahren, konnte nicht festgestellt werden.[13] Als problematisch erweist sich auch die inzwischen meist stillschweigend akzeptierte Annahme, dass der Klimawandel auf anthropogene Ursachen zurückzuführen, der Mensch also ein "Klimasünder" sei.

Es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass der Mensch mit seinen Flugzeugen, Autos und Industrieanlagen Unmengen an Schadstoffen in die Atmosphäre entsendet, wofür es in der ganzen Erdgeschichte keinen Präzedenzfall gibt. Ebenso wenig ist daran zu zweifeln, dass der Mensch in den modernen Industriegesellschaften mehr Energie verbraucht (und verschwendet) als irgendein anderes Lebewesen vor oder neben ihm. Aber daraus lässt sich – rein wissenschaftstheoretisch gesehen – noch nicht zwingend folgern, dass der Mensch dabei ist, eine Klimakatastrophe zu verursachen. Im Mittelalter gab es eine über Jahrhunderte andauernde Warmzeit, die dazu führte, dass in der Umgebung von Köln Feigen wuchsen und reiften und der Weinanbau an Elbe und Saale an Fläche gewann.[14] Für diese klimatische Verschiebung konnten ja schwerlich Menschen verantwortlich sein. Selbstverständlich sind solche den heutigen Klimawandel – sofern er überhaupt in großem Stil stattfindet – relativierende Überlegungen für die Massenmedien und Politiker, die die Welt zu retten vorgeben, uninteressant und eigentlich störend. Wo keine Bedrohung besteht, dort braucht man auch keine Maßnahmen zu ergreifen und kann sich daher nicht in Szene setzen. Der Lust auf Weltuntergänge kommen ganz andere Szenarien weit besser entgegen, so vor allem die Vorstellung eines dramatischen Temperaturanstiegs in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten, die große Regionen der Erde unbewohnbar machen und gewaltige Migrationswellen (mit entsprechenden menschlichen Katastrophen) auslösen werden.[15]

Mögliche zukünftige Klimakatastrophen sollen nicht verharmlost werden. In der Tat sind verschiedene Szenarien in diesem Zusammenhang denkbar, selbst wenn sich der Mensch dabei tatsächlich als "unschuldig" erweisen könnte. Aber wer kann wirklich voraussagen, was sich in den nächsten Jahrhunderten abspielen wird?! Die Adepten der Apokalypse allein scheinen alles besser zu wissen und liefern den Medien und der Politik willkommene "Argumente" für eine apokalyptische Rhetorik, die den Einzelnen einschüchtern und zu Veränderungen seines Verhaltens zwingen soll.

Fußnoten

8.
Vgl. Rüdiger Görner, Endzeiten, Untergänge und andere Apokalypsen. Literarische "Endspiele", in: Universitas, 66 (2011), S. 5–13.
9.
Siehe beispielsweise Erich Follath et al., Wenn alle Dämme brechen, in: Der Spiegel, Nr. 36 vom 5.9.2005, S. 114ff.
10.
Vgl. Farah Dustdar, Demokratie und die Macht der Gefühle, in: APuZ, (2008) 44–45, S. 32–38.
11.
Siehe auch Michael Shermer, The end is always nigh, in: New Scientist vom 4.6.2011, S. 30–31.
12.
Vgl. F.M. Wuketits, Nemesis (Anm. 1), S. 192ff.
13.
Vgl. Reinhard Böhm, Mehr Naturkatastrophen durch Klimawandel?, in: Historische Sozialkunde, 3 (2011), S. 4–12.
14.
Vgl. Josef H. Reichholf, Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends, Frankfurt/M. 2007.
15.
Vgl. Hazel Muir, Thermogeddon: When the earth gets too warm for humans, in: New Scientist vom 23.10.2010, S. 36–39.
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