Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Franz M. Wuketits

Apokalyptische Rhetorik als politisches Druckmittel - Essay

Ökodiktatur

In den 1960er Jahren machte sich, zunächst noch zaghaft und von den damaligen Politikern mit Argwohn betrachtet, die "ökologische Bewegung" bemerkbar, deren Botschaft sich auf die simple Formel reduzieren lässt: "Wir müssen auf unsere (natürliche) Umwelt Rücksicht nehmen." Man bemerkte damals, dass der Mensch die natürlichen Ressourcen auf verantwortungslose Weise ausbeutet und sich damit selbst den Boden unter seinen Füßen wegzieht. Den späteren ökonomischen Aufschwung von Ländern wie China – und vor allem China – konnte man damals nicht ahnen. Aber es wurde grundsätzlich deutlich, dass sich eine rasch expandierende Ökonomie mit der den Menschen umgebenden Natur nicht verträgt. Genutzt hat diese Einsicht in der Praxis bis heute nicht sehr viel, weil die Ökonomie – mit Konsumbereitschaft, Kaufkraft, Profit und Kapital – zum beinahe alles bestimmenden Faktor im Verhalten des Einzelmenschen und seiner Kollektive geworden ist. Ganz wirkungslos blieb die ökologische Bewegung allerdings nicht. Gelegentlich lässt sie sogar hohe Wellen schlagen. Nicht, dass man inzwischen die sehr komplexen Zusammenhänge in der Biosphäre wirklich begriffen hätte; bis es so weit ist, wird es noch dauern. Aber Ökoapostel sind ständig unterwegs, wiederum unterstützt von den Massenmedien dürfen sie verkünden, dass das Leben, das wir bisher geführt haben, uns ins Verderben führen wird und wir daher unser Handeln gründlich ändern müssten.

Dahinter steckt sogar – wer will es ernsthaft leugnen – mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Jedenfalls in den Industriegesellschaften leben wir in einem Zeitalter nie dagewesener Verschwendung natürlicher Ressourcen. Es ist zu bremsen, weil unbegrenztes (Wirtschafts-)Wachstum nun einmal eine Illusion ist. Aber wie so oft kann das Pendel schnell ins andere Extrem umschlagen. Daher warnte Ernst Ulrich von Weizsäcker (bereits vor über 20 Jahren!) ausdrücklich vor einer Ökodiktatur, die insbesondere bei knapper werdenden Ressourcen eine Gefahr darstelle.[16] Die Versuchung für den Staat, von oben festzulegen, was Bürger konsumieren dürfen, sei groß. Weizsäcker wörtlich: "Die Mangelwirtschaft in Krieg oder Nichtkrieg war schon immer der ideale Ansatzpunkt für Diktaturen. Die freiheitliche Demokratie umgekehrt konnte sich am leichtesten dort ausbreiten, wo es genug zu verteilen gab. Die ökologischen Sachzwänge, die uns, ob wir wollen oder nicht, in ein Jahrhundert der Umwelt hineinzwingen, wären ein geradezu idealer Vorwand für Staaten, Staatenbünde oder Wirtschaftsgiganten, eine Art Ökodiktatur zu errichten."[17]

Die Sparprogramme diverser Regierungen heute zeigen, wie das funktioniert. Zwar geht es dabei nicht um die Rettung unserer natürlichen Umwelt (um die sich Vertreter der Finanzwirtschaft und Finanzpolitik im Allgemeinen überhaupt nicht scheren), aber um ein apokalyptisches Szenario, das, wie realistisch oder unrealistisch es letztlich auch sein mag, der Politik die Legitimation liefert, von Bürgern Einschränkungen in ihrem Leben zu verlangen.

Schlussbemerkung

Apokalyptische Rhetorik ist aus der Politik schwer wegzudenken. Nichts vermag in ganzen Kollektiven von Menschen stärkere Emotionen wachzurufen und politischem Handeln bessere "Argumente" zu liefern als eine drohende Katastrophe. Und da das Weltgeschehen nun einmal von mehr oder weniger regelmäßig auftretenden Katastrophen begleitet wird, ist es einfach, Menschen fortgesetzt für politisch motivierte Katastrophenverhinderungen zu gewinnen. Als mündiger Bürger muss man die apokalyptische Rhetorik stets genau unter die Lupe nehmen und kritisch fragen, wie realistisch denn das eine oder andere Katastrophenszenario überhaupt ist. Oder wir halten es mit Thomas Bernhard: "Um Katastrophen braucht man sich eigentlich (…) nicht zu sorgen, die kommen schon. Aber vielleicht muß man sie heraufbeschwören, zeitweis, weil von selbst dauert’s zu lang."

Fußnoten

16.
Vgl. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Erdpolitik. Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum Jahrhundert der Umwelt, Darmstadt 1989.
17.
Ebd., S. 268.
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