Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Michael Tilly

Kurze Geschichte der Apokalyptik

Anfänge der Apokalyptik im antiken Judentum

Die Apokalyptik ist ein Krisenphänomen, denn sie stellte von Anfang an eine religiöse Reaktion auf gesellschaftliche und politische Umbrüche dar. Ihre Entstehung und Entwicklung sind unlösbar mit der griechischen Kolonisation und dem Vordringen des Hellenismus im östlichen Mittelmeerraum seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert v. Chr. verbunden. Von entscheidender und impulsgebender Bedeutung für die Entstehung der jüdischen Apokalyptik war der Versuch eines Teils der Tempelaristokratie, die Stadt Jerusalem mit Hilfe des Seleukidenherrschers Antiochos IV. im Jahre 167 v. Chr. gewaltsam in eine hellenistische Metropole zu verwandeln.[6] Als theologische Reaktion auf diese Krisenerfahrung und der sich aus dem Martyrium vieler Widerstand leistender Frommer ergebenden Theodizeefrage[7] erlangte die Geschichtskonzeption der Apokalyptik nun verstärkt die Funktion, die offene Frage nach der Macht und Gerechtigkeit Gottes zu beantworten und die jüdische Religionsgemeinschaft – beziehungsweise die eigene Gruppe als deren Idealbild – angesichts der als defizitär und krisenhaft erlebten Gegenwart zu stabilisieren. Auch unter der Regentschaft der jüdischen Hasmonäerdynastie im ausgehenden 2. und im 1. Jahrhundert v. Chr., denen von Seiten der jüdischen Frommen Machtstreben, Korruption und Opportunismus sowie mangelnde Traditionsbindung zur Last gelegt wurde, wirkte das Mentalitätsphänomen "Apokalyptik" fort.[8] Es gab allerdings niemals eine konturierte und homogene apokalyptische Bewegung (erst recht nicht die Gruppenbezeichnung "Apokalyptiker"), sondern nur unterschiedliche Zirkel und Gruppen, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten agierten. Diese heterogenen Trägerkreise der frühen jüdischen Apokalyptik lassen sich zudem weder in vereinheitlichender Weise soziokulturell einordnen noch als eine breite "volkstümliche" Bewegung definieren.[9]

Wichtigste Quelle für die Entstehung und Entwicklung der apokalyptischen Vorstellungswelt ist die religiöse Literatur des antiken Judentums, die den anhaltenden Konflikt von fremder Macht und eigener Ohnmacht beziehungsweise die wahrgenommene Bedrohung der religiösen Identität widerspiegelt.[10] Hier entwickelte sich seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. ein Repertoire von Formen und Motiven der Sammelgattung "Apokalypse".[11] Die apokalyptischen Schriften enthalten exklusive Offenbarungsmitteilungen eines transzendenten göttlichen Heilsplanes, Deutungen des Weltlaufs und Enthüllungen des Weltendes mittels Orakel, Epiphanie, Traumbild und ekstatischer Vision im Wachzustand. In der literarischen Apokalyptik offenbaren sich Verzweiflung, Rachefantasien, Sehnsüchte und Hoffnungen ihrer Autoren und Adressaten. Als ihre wichtigsten Themen begegnen die Hoffnung auf zukünftige Erlösung, Befreiung und nationale Restitution, eine Idealisierung der Vergangenheit und eine implizite Kritik an den Verhältnissen der Gegenwart.

In den apokalyptischen Schriften geht es um die Vermittlung von vergewissernden Offenbarungserfahrungen gerade in Krisensituationen, in denen theologische Interpretation durch die bekannten Modelle göttlichen Heilshandelns nicht mehr möglich erscheint. Ihre Verfasser knüpfen an die biblische Prophetie an. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass die Prophetie von der Vorstellung von der Geschichte als Ort des heilvollen Eingreifens Gottes ins Weltgeschehen überzeugt ist, während die Apokalyptik davon ausgeht, dass das Heil auf die heillose Geschichte allein von außen zuzukommen vermag, indem Gott ihr ein radikales Ende setzt. Neben der Prophetie rezipiert die apokalyptische Literatur auch Gedankengut der biblischen Weisheit; mit der Theodizeefrage behandelt sie ein wesentliches weisheitliches Problem. Jedoch ist die Weisheit vor allem am Aufbau der Welt interessiert, wohingegen die Apokalyptik nach der Zukunft der Welt fragt.

Vergleichbare apokalyptische Vorstellungen und Motive begegnen auch in benachbarten und zeitgenössischen Kulturen und Religionen. Es ist anzunehmen, dass es während des bereits lange Zeit andauernden und engen Kontaktes (seit dem babylonischen Exil fanden persische Traditionen Eingang in das jüdische Denken; während nahezu des gesamten 3. Jahrhunderts v. Chr. war Palästina ununterbrochen ägyptisch beherrscht) zu einem Transfer von Formen und Inhalten kam, die kennzeichnend wurden für die apokalyptische Vorstellungswelt des antiken Judentums.[12]

Rezeption der Apokalyptik im frühen Christentum

Das Christentum hat wesentliche Traditionen aus dem vielgestaltigen antiken Judentum übernommen. Die christliche Bekenntnisbildung rezipierte Formen und Inhalte des jüdischen apokalyptischen Schrifttums; die christliche Literatur schrieb ihr komplexes eschatologisches Symbolsystem fort. Die Heilsbedeutung von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi wurde mittels der Eschatologie der jüdischen Tradition – nämlich der biblischen Prophetie, der Weisheit und der Apokalyptik – entfaltet und begreifbar gemacht.[13] Gerade die Zukunftshoffnungen des Neuen Testaments speisen sich aus den – nun als christliche Offenbarungsquelle betrachteten – prophetischen Überlieferungen der hebräischen Heiligen Schriften (zum Beispiel Jes 7; Dan 12) und ihrer Fortschreibung und Deutung in der jüdischen apokalyptischen Literatur. Dabei begegnen durchweg traditionelle jüdische Zukunfts- und Gegenwartsaussagen, insbesondere über das kommende beziehungsweise anbrechende Reich Gottes.

Die zu den Grundlagen des frühchristlichen Glaubens gehörende Erwartung des nahen Endes der Welt und die im Glauben an die Auferstehung Jesu aus Nazareth begründete Verheißung einer allgemeinen Auferstehung der Toten als Voraussetzung eines vergeltenden Endgerichts nehmen zentrale apokalyptische Motive auf. Bereits der urchristliche Osterglaube beruht auf Grunderfahrungen im Erscheinungsmodus der Vision. Die Präsenz des totgeglaubten Jesus in visionären Erscheinungen seiner Anhänger, wie sie die Liste in 1. Kor 15,3 ff. aufzählt und wie sie sich in den Erscheinungsberichten der Evangelien widerspiegeln (Mt 28; Lk 24; Joh 20f.; vgl. Mk 16,9–20), lösten den Glauben an die Auferweckung Jesu als endzeitliche Machttat Gottes aus. Diese österlichen Erscheinungen des Auferstandenen wurden mittels traditioneller apokalyptischer Vorstellungen und Bilder als das entscheidende Zeichen der anbrechenden Endzeit und im Horizont einer zu erwartenden allgemeinen Totenerweckung gedeutet (1. Kor 15,20).[14]

Die ersten Christen hofften auf ihre endzeitliche Erlösung als die von Gott exklusiv erwählte Gemeinde. Sie lebten in der enthusiastischen Überzeugung, angesichts des nahen Weltgerichtes in exklusiver Weise das wahre Gottesvolk Israel der Endzeit zu repräsentieren, das allein aus diesem Gericht herausgenommen und verschont wird. Begabungen wie die Kraft zur Heilung von Kranken und die Macht über alle gottfeindlichen Mächte – von der jüdischen Apokalyptik als Zeichen des anbrechenden Weltendes erwartet – wurden in den frühchristlichen Gemeinden als bereits gegenwärtig verwirklicht geglaubt und von christlichen Autoren später auch in der Jesustradition verankert. Der entscheidende Unterschied zwischen der jüdischen und der frühchristlichen Apokalyptik besteht jedoch darin, dass im Christentum die entscheidende Heilswende nicht als ein zukünftiges beziehungsweise außergeschichtliches Hoffnungsgut, sondern als ein bereits stattgefundenes beziehungsweise geschichtliches Impulsereignis betrachtet wurde. Die weitere christliche Bekenntnisbildung bis in die Gegenwart hinein beruht auf dieser grundlegenden Transformation. Hiervon völlig unabhängig diente das Mentalitätsphänomen "Apokalyptik" in der Geschichte des Christentums immer wieder dazu, konkrete Krisensituationen mittels endzeitlicher Szenarien zu deuten und zu bewältigen.[15]

Als die bekannteste Quelle und wichtigste Inspiration der christlichen Zukunftserwartungen und ihrer visionären Bilder und Vorstellungsgehalte gilt die neutestamentliche Johannesoffenbarung.[16] Sie enthält eine Interpretation der eigenen Zeitgeschichte im Horizont des Übergeschichtlichen, das in zahlreichen der jüdischen apokalyptischen Literatur entlehnten Bildern und Motiven zum Ausdruck kommt. Ihr Autor wandte sich mit einem immensen Autoritätsanspruch gegen die Anpassung der jungen Kirche an die pagane (heidnische) Alltagskultur im Osten des römischen Imperiums und an die religiöse Staatsideologie seiner Zeit, wobei er mittels überbordender Metaphorik und Symbolik das ihn umgebende Weltgeschehen als Endgeschehen deutete. Im Hintergrund stand wohl keine aktuelle gewaltsame Christenverfolgung, sondern eine provozierte Entscheidungssituation im Loyalitätskonflikt zwischen den kleinasiatischen christlichen Gemeinden und dem römischen Staat während der letzten Regierungsjahre des Kaisers Domitian (reg. 81–96 n. Chr.). Ihr Verfasser wollte weniger eine von außen bedrängte Gemeinde trösten, als vielmehr eine binnenchristliche Verständigung über das – von ihm favorisierte – distanzierte Verhältnis gegenüber der paganen Mehrheitsgesellschaft provozieren.[17]

Fußnoten

6.
Vgl. Elias Bickermann, Der Gott der Makkabäer, Berlin 1937; Thomas Fischer, Seleukiden und Makkabäer, Bochum 1980; Daniel J. Harrington, The Maccabean Revolt, Wilmington 1988; Ernst Haag, Das hellenistische Zeitalter, Stuttgart 2003, S. 73–80.
7.
Die "Theodizeefrage" problematisiert die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt.
8.
Vgl. Andreas Bedenbender, Der Gott der Welt tritt auf den Sinai, Berlin 2000.
9.
Vgl. Anathea E. Portier-Young, Apocalypse against Empire. Theologies of Resistance in Early Judaism, Grand Rapids, MI–Cambridge 2011.
10.
Zu nennen sind beispielsweise das biblische Buch Daniel, das äthiopische Henochbuch, die jüdischen Sibyllinen, das Jubiläenbuch, das syrische Baruchbuch und das 4. Buch Esra.
11.
Vgl. Stephan Beyerle, Von der Löwengrube ins himmlische Jerusalem: Erwägungen zur jüdischen Apokalyptik, in: Glaube und Lernen, 14 (1999), S. 23–34; Michael Tilly, Art. Apokalyptische Literatur/Apokalypse V. Judaistisch, in: Oda Wischmeyer (Hrsg.), Lexikon der Bibelhermeneutik, Berlin–New York 2009, S. 30f.
12.
Vgl. David Hellholm (ed.), Apocalypticism in the Mediterranean World and the Near East, Tübingen 1989.
13.
Vgl. Kurt Erlemann, Naherwartung und Parusieverzögerung im Neuen Testament, Tübingen–Basel 1995; Michael Becker/Markus Öhler (Hrsg.), Apokalyptik als Herausforderung neutestamentlicher Theologie, Tübingen 2006.
14.
Vgl. Peter Wolff, Die frühe nachösterliche Verkündigung des Reiches Gottes, Göttingen 1999.
15.
Vgl. Ulrich H.J. Körtner, Art. Apokalyptische Literatur/Apokalypse IV. Systematisch-theologisch, in: O. Wischmeyer (Anm. 11), S. 30.
16.
Als aktuelle wissenschaftliche Kommentare zur Johannesoffenbarung vgl. David E. Aune, Revelation 1–5, Nashville u.a. 1997; Gregory K. Beale, The Book of Revelation, Grand Rapids, MI 1999; Akira Satake, Die Offenbarung des Johannes, Göttingen 2008. Zur Geschichte der neueren Forschung vgl. Otto Böcher, Die Johannesapokalypse, Darmstadt 19984.
17.
Vgl. A. Satake (Anm. 16), S. 49f.
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