Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Christian Hoffstadt

Über die Aktualität des Weltuntergangs

Seit der Mensch in der Lage ist, über seine Existenz, die Entstehung der Erde und des Universums nachzudenken, beschäftigt ihn zugleich auch der Gedanke an deren Zerstörung und möglichen Untergang. Die Apokalypse (griechisch: "Enthüllung", "Offenbarung") schildert im klassischen theologischen Sinne den Weltuntergang beziehungsweise das Ende der Menschheit und einen darauf folgenden Neuanfang. Moderne Weltuntergangsszenarien sind in dieser Hinsicht meist wesentlich düsterer: Ob in Literatur oder Film, ob in Nachrichten oder Dokumentationen über mögliche Großkatastrophen der Zukunft wird das unumstößliche Ende der Welt beziehungsweise der Zivilisation beschrieben.

Gerade im Jahr 2012 scheint das Thema Weltuntergang dabei besonders massenwirksam zu sein, was unter anderem daran liegen mag, dass der Maya-Kalender am 21. Dezember 2012 endet – und damit nach einem modernen Mythos auch das Ende der Welt eingeläutet wird.[1] Aber ungeachtet dessen, wie man zum Thema Weltuntergang steht, ob man aus religiösen beziehungsweise ideologischen Gründen daran glaubt oder aus rationalen Gründen in historischen Entwicklungen und Naturereignissen eine Ursache für einen möglichen Untergang der Welt sieht: Sicher ist, dass sich, rein naturwissenschaftlich betrachtet, spätestens in fünf Milliarden Jahren die Sonne ausdehnen und die Strahlung das Leben auf der Erde unmöglich machen wird. Das Leben des Menschen auf der Erde ist also nicht "unendlich", sondern begrenzt. Ob vorher Dinge passieren werden, die das Ende der Welt – oder in einem weicheren Sinne: das Ende der Welt, wie wir sie kannten – bedeuten, lässt sich nur schwer sagen.

Gerade im Jahr des "Maya-Weltuntergangs" befassen sich viele Medien mit dem Thema: von rein fiktionalen Büchern und Comics über Kinofilme und Fernsehserien bis hin zu Semi-Dokumentationen, die aufgrund naturwissenschaftlicher Kenntnisse beispielsweise das "Leben ohne Menschen" durchspielen. Aber es gibt es auch wissenschaftliche Publikationen, die sich mit globalen Gefahren auseinandersetzen, die das Ende der Menschheit bedeuten könnten.[2] Nicht zuletzt merkt man schon an dieser Bandbreite, dass die Beschäftigung mit dem Thema mal ernsthafter, mal unterhaltsamer ausfällt.[3]

Wenn man ein grobes Raster entwerfen sollte, um einigermaßen abzustecken, welche "Ursachen" für den möglichen Weltuntergang häufig vorkommen, lässt sich folgende Aufstellung vertreten:
  • Dritter Weltkrieg und andere Kriege "Mensch gegen Mensch" (Atomkrieg, Terrorismus und Ähnliches)
  • Globale Seuchen, Epidemien
  • Naturkatastrophen, von Menschenhand verursachte ökologische Katastrophen
  • Einfluss von außerhalb der Erde (beispielsweise Meteoreinschlag, "Sterben" der Sonne)
  • Invasion von Außerirdischen
  • Revolution der Maschinen/Cyborgs
  • Aussterben der Menschheit aus anderen Gründen (zum Beispiel Unfruchtbarkeit)
  • Mutationen/Monster verwüsten die Erde (zum Beispiel Zombies)
  • Religiös/Eschatologisch/Mythisch motivierte Untergänge der Menschheit/der Erde
  • Sozialer/Ökonomischer Untergang der Menschheit
Schon anhand dieser groben Auflistung zeigt sich, dass manche Weltuntergangsszenarien schon auf den ersten Blick unwahrscheinlich und rein fiktional erscheinen (Zombies, Aliens), andere jedoch wesentlich realistischer (Krieg, Naturkatastrophen). Ein "Weltuntergang" muss darüber hinaus nicht bedeuten, dass alle Menschen vernichtet werden – denkbar sind auch durchaus realistische Szenarien, in denen das "Ende der Welt, wie wir sie kannten" anbricht. So bieten beispielsweise Auswüchse des Spätkapitalismus wie Bank-, Finanz- und Wirtschaftskrisen Anlass zur Sorge um die künftige Beschaffenheit der Welt.

Die moderne Wissenschaft, soweit sie sich überhaupt mit dem Thema beschäftigt, versucht vorsichtig sachlich zu bleiben. Dennoch mehren sich auch von dieser Seite die warnenden Worte, die auf einen rapiden Wandel der Welt und Möglichkeiten des Untergangs bisheriger Arten des Lebens und Überlebens hindeuten: "Wir werden uns in den nächsten 100 Jahren in einem bisher noch kaum vorstellbaren Maß nicht nur mit Katastrophen, sondern auch mit Transformationen beschäftigen müssen."[4]

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, warum das Thema Weltuntergang so aktuell ist. Da ein Vergleich, ob in heutiger Zeit das apokalyptische Denken stärker ist als in früheren Zeiten, so nicht differenziert und objektiv zu leisten ist, werde ich in einer Rückschau einige wichtige Entwicklungslinien von den religiösen Ursprüngen bis zu modernen Medieninszenierungen aufzeigen, um am Ende erneut die Frage nach der Aktualität zu stellen.

Biblische Ursprünge

Die wohl bekannteste Darstellung der Apokalypse, die christliche Johannes-Offenbarung, zeigt eine metaphorische Zukunftsschau, in der der Kampf des Guten mit dem Bösen mit dem Sieg des Guten, mit dem Neuanfang der Menschheit, endet.[5]

Die imposante Darstellung des Jüngsten Gerichts in der Bibel zeigt einen Gott, der dem Menschen die Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen gelassen hat. Das Übermaß an Sünde und Verfall bestraft er jedoch mit aller Härte und schafft somit einen Moment der Katharsis, der Reinigung, indem er nicht die gesamte Menschheit vernichtet, sondern eine geläuterte Menschheit auf den Weg bringt.

Die Prophezeiung "die Zeit ist nahe" (das heißt die Zeit der kommenden Apokalpyse), die in der Johannes-Offenbarung kundgetan wird, wird im religiösen Sinne kaum noch vertreten. Dennoch gibt es Sekten, die stark auf die beständige Prophezeiung des kommenden Endes fokussiert sind; die Zeugen Jehovas etwa, die vor allem Ende der 1990er Jahre mediales Interesse erweckten, bevor Scientology größere Aufmerksamkeit zuteil wurde, propagierten das nahende Ende und die Errettung weniger dafür Bestimmter. Man kann in dieser Form der Religion deutlich Züge einer Apokalyptik erkennen, die bestimmte soziale Gruppen als neue gefallene Engel (von der "großen Hure" der Jetzt-Zeit ist beispielsweise die Rede), die Zeugen selbst jedoch als Auserwählte darstellt.

Abseits dieser religiösen Deutungen und Glaubenssysteme zeigt sich jedoch auch ein großer Bereich von semi-religiöser Apokalyptik oder von Endzeitvisionen, der uns im Alltag kaum mehr bewusst ist, jedoch auf ähnliche Sinnstiftungsstrukturen zurückgreift. So gehört die Rede von der "Rache der Natur(gewalten)" sicherlich in einen semi-religiösen Bereich der Neoapokalyptik, denn der Mensch sühnt nun seine Verbrechen vor einer Art pantheistischem Naturgott. Klimawandel, Tsunamis, Orkane, Vulkanausbrüche oder Energiekrisen werden zur Strafe des Menschen für sein ungebührliches Verhalten. In diesen Randbereich, der teilweise noch religiöse Züge trägt, gehören auch die Endzeitvisionen diverser Sekten – besonders medienwirksam um die vergangene Jahrtausendwende, für die der totale Blackout aller Computer und das Versagen des modernen Lebensumfeldes vorausgesagt wurde –, die im Extremfall in der Vorwegnahme der Auslöschung durch Massenselbstmord mancher Gruppierungen endeten. Man kann hier aus wirkungsästhetischer beziehungsweise psychologischer Sicht durchaus kathartische Momente erkennen: Die Auslöschung des unwürdigen Menschen reinigt die Erde, die Auslöschung des Körpers die Seele. Das Leben des modernen Individuums wird hier also einem eschatologischen Kontext unterworfen, vehement mit den letzten Dingen konfrontiert, das Leben maßgeblich am kommenden Tod gemessen. Der Mensch ist eine Figur auf dem Schachbrett Gottes.

Ein Blick in die Religionsgeschichte zeigt, dass das Thema "Weltuntergang" weit vor Christentum und Antikem Judentum schon um 1900 v. Chr. im Alten Ägypten thematisiert wurde.[6] Anfang und Ende wurden hier als ständig gegenwärtig, Chaos und Schöpfung als sich ausgleichende Kräfte gedacht – verglichen hierzu muten moderne Konzepte des Weltuntergangs eher als Einbahnstraße an, die von Ordnung unweigerlich in das Chaos, in den endgültigen Untergang führt. "Als Gegenentwurf zur weit verzweigten säkularen Apokalyptik unserer Zeit, die ohne Hoffnung auf Erlösung das Ende nahen sieht und dabei sogar eine gewisse Lust am Weltuntergang verspürt, erstarre christliche Apokalyptik nicht in Katastrophenangst, sondern sei der Gebärangst vergleichbar durch Hoffnung auf eine bessere Zukunft gekennzeichnet."[7]

Fußnoten

1.
Siehe dazu auch den Beitrag von Alex Gertschen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. Nick Bostrom/Milan Circovic (eds.), Global Catastrophic Risks, Oxford–New York 2008. Dieser naturwissenschaftlich orientierte Sammelband versammelt Beiträge von Vertretern verschiedener Disziplinen über globale Gefahren wie Naturkatastrophen (Vulkane, Meteoriten, Supernovae, Klimawandel), Seuchen, Künstliche Intelligenz, social collapse, Nuklearkrieg, Nuklearterrorismus, Biotechnologie und Nanotechnologie, Totalitarismus.
3.
Eine Übersicht über ganz verschiedene Endzeitszenarien bieten diese beiden Webseiten, die sich jeweils unterschiedlich ernst nehmen: http://www.armageddononline.org« und http://www.exitmundi.nl« (21.11.2012).
4.
Wolfgang Schmidbauer, Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen, Hamburg 2012, S. 8.
5.
Siehe dazu auch den Beitrag von Michael Tilly in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Bernd U. Schipper, Endzeitszenarien im Alten Orient, in: ders./Georg Plasger (Hrsg.), Apokalyptik und kein Ende?, Göttingen 2007, S. 11–30, hier: S. 28.
7.
Bernd Kollmann, Zwischen Trost und Drohung – Apokalyptik im Neuen Testament, in: B.U. Schipper/G. Plasger (Anm. 6), S. 51–73, hier: S. 52f.
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