Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Judith Schossböck

Letzte Menschen. Die Heldinnen und Helden des Weltuntergangs

Personale Einzigartigkeit in postapokalyptischen Szenarien

Im Zusammenhang mit der Frage der Charakteristik letzter Menschen wird oft die Frage nach deren Geschlecht aufgeworfen. Diese ist leicht beantwortet: Gemeinhin handelt es sich bei diesen Figuren, mit wenigen Ausnahmen, um männliche Protagonisten. Wenn Frauen vorkommen, so meist in Nebenrollen, häufig im Rahmen des Projekts des gemeinsamen Zusammenlebens von Mann und Frau. Judith Merills "Shadow on the Hearth" (1950) bietet eine der wenigen weiblichen Protagonistinnen[13] in der Figur einer Hausfrau. Diese hält sich aber von Expeditionen fern, führt den Haushalt und kümmert sich um ihre zwei Töchter. Bekannter ist Marlen Haushofers Roman "Die Wand", der durchaus feministische Aspekte reflektiert und die Innenperspektive der Figur ins Zentrum stellt. Das Subjekt hinter der Wand wurde in diesem Zusammenhang als Anti-Robinson gesehen, denn während Robinson seinen Gefährten Freitag in seiner Überlegenheit missioniert, steht die Frau gerade für die Abstinenz von Machtausübung.[14]

Häufig wird die genaue Herkunft der letzten Menschen nur angedeutet beziehungsweise erst im Laufe der Handlung genauer dargelegt. Wie sie vor der Katastrophe ihr Leben geführt haben, ist Teil der Auseinandersetzung der Figuren mit der eigenen Vorgeschichte – nicht selten auch mit den dunklen Stellen der eigenen Biografie. Inwieweit sind diese Figuren, die mit dem Überleben bestraft oder auserwählt werden, aber etwas Besonders – oder anders als die anderen? Handelt es sich bei der Darstellung von Katastrophenszenarien häufig um Wunschvorstellungen von zivilisationsmüden Individuen, die sich alles nur einbilden?

Ausgehend von der bereits festgestellten Fruchtbarkeit des Motivs für existenzielle Fragestellungen wird in der Folge der Frage nachgegangen, wie personale Einzigartigkeit in verschiedenen Werken verhandelt wird beziehungsweise sich Identität in einem vordergründig subjektleeren Raum konstituiert. Dabei werden Romane der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts herangezogen, die das Alleinsein eines Menschen nach einer Katastrophe behandeln. Relevant sind hier Arno Schmidts "Schwarze Spiegel" (1951), Marlen Haushofers "Die Wand" (1963), Herbert Rosendorfers "Großes Solo für Anton" (1976), "Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit" (ein 1990 in deutscher Übersetzung vorliegender Text des italienischen Autors Guido Morselli), Thomas Glavinics "Die Arbeit der Nacht" sowie der 2008 erschienene Roman "Der Tag, an dem die Sonne verschwand" von Jürgen Domian.[15]

Aufgrund der Möglichkeit, im postapokalyptischen Setting frühere Ordnungen zu ignorieren, bieten sich für die Protagonistinnen und Protagonisten Chancen für neue, unabhängige Identitätsentwürfe und neue Verortungen des Selbst in Bezug auf gesellschaftliche Mechanismen. Im Gegensatz dazu steht das Bestreben, an den alten Konzepten und Konventionen festzuhalten und damit die Aufrechterhaltung von Normalität zu fingieren. In diesem Spannungsfeld schlagen sich eigentlich alle Figuren herum, ebenso mit Konzepten wie Schicksal oder "Auserwähltheit". Handelt es sich bei den letzten Menschen um Auserwählte, die nur nichts von ihrer Disposition wissen?

Auch wenn auf den ersten Blick der/die letzte Überlebende eher zufällig das ist, was er oder sie eben ist, so zeigen sich bei genauerer Betrachtung Zusammenhänge zwischen den Charakteristika der Hauptfiguren und deren Bedeutung für das postapokalyptische Setting. Bereits vor der Katastrophe erkennbare Aspekte von Zivilisationskritik kommen oft im Gewand des Einzelgängertums daher. Häufig werden auch intellektuell überlegene Menschen dargestellt. So grenzen sich die Figuren in "Die Wand" und "Schwarze Spiegel" ganz bewusst von der Mehrheitsmeinung und damit symbolisch vom Rest der Menschheit ab. Auch das Ich in "Die Arbeit der Nacht" ist durch eine individuelle Form gesellschaftlicher Unfähigkeit gekennzeichnet:[16] Es kämpft gegen die Handlungen eines Alter Egos – was bereits vor dem Verschwinden der Menschheit angedeutet wird. Denn schon als Kind beschäftigte ihn die Wunschvorstellung, einmal ein Auserwählter sein zu dürfen, um beispielsweise eine Geiselnahme in der Bank zu überleben: "Er hatte sich gewünscht, vor allen Augen durch eine Gefahr gegangen zu sein. Die Auszeichnung zu tragen, eine harte Prüfung bestanden zu haben. Er hatte ein Überlebender sein wollen. Ein Auserwählter hatte er sein wollen. Der war er jetzt."[17]

Auch die Ich-Erzählerin in "Die Wand" hat schon vor ihrer Abgeschiedenheit unter den Zuständen der Außenwelt gelitten: "Wären alle Menschen meiner Art gewesen, hätte es nie eine Wand gegeben, und der alte Mann müßte nicht versteinert vor seinem Brunnen liegen. Aber ich verstehe, warum die anderen immer in der Übermacht waren."[18]

Der Held in "Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit" stellt einen intellektuell gezeichneten Außenseiter dar. In der Nacht auf das Unglück wollte er sich in einer Höhle umbringen,[19] weil "das Negative das Positive überwog".[20] Der Protagonist leidet bereits länger an Paramnesie: der Erinnerung an nie gelebte Dinge. Weitere Eigenarten der Figur sind ein Geflecht von Neurosen (beispielsweise Pyrophobie oder Wiederholungszwang). Er beantwortet die Frage, ob er durch Zufall überlebt hat oder eine Art Auserwählter ist, selbst: "Ich werde zu dem Schluß kommen, daß ich der Auserwählte bin, wenn ich davon ausgehe, daß die Menschheit ihr Ende in der Nacht zum 2. Juni verdient hat und die ‚dissipatio‘ eine Strafe war. Ich werde zu dem Schluß kommen, dass ich der Ausgeschlossene bin, wenn ich davon ausgehe, daß es ein glorreiches Geheimnis gegeben hat, Aufnahme in das Empyreum, Angelisierung der Spezies und so weiter."[21]Schon vor dem Roman war dieser letzte Mensch entschlossen, den Freitod zu wählen, was nach der Katastrophe interessanterweise nicht mehr der Fall ist. Diese Figur sieht sich selbst als nicht integriert: "Gerade weil er Angst vor Menschen hat, schloss er sich schon zu Lebzeiten aus."[22]

Anton L. aus "Großes Solo für Anton" besitzt ebenfalls einige psychologische Eigenarten und leidet an diversen Zwängen: Waschzwang und Hypochondrie ersten Grades wechseln sich mit einem eigenartigen Verhältnis zur Sauberkeit ab, wenn er sich wiederholt ein halbes Jahr lang nicht wäscht.[23] Er fragt sich gleich zu Beginn: "Wer weiß, ob ich nicht wegen meines Geruches von der Katastrophe verschont geblieben bin, wer weiß."[24] Auf der anderen Seite ist Anton L. aber ein kluger Mensch – auch hier zeigt sich somit ein weiteres Beispiel für die häufige Zeichnung eines "intellektuellen Außenseiters". Bezeichnend für ihn ist aber neben der nicht vorhandenen Hygiene, dass er ein Gewohnheitsmensch ist und sich oft bei stereotypen Handlungen ertappt. Er weist seltsame Verhältnisse zu seinen Mitmenschen auf und erschießt Tiere emotionslos. Erwähnenswert ist auch sein Autoritätskomplex: Anton L. ist ein duckmäuserischer Finanzbeamter. Die Forschung spricht von einer "abwegigen psychischen Struktur des Anton L.", der sich durch eine "Unvereinbarkeit zwischen Selbst und Bewußtsein"[25] auszeichnet. Im Alltag bildet er sich auch allerhand ein, beispielsweise wenn er glaubt, in der ärgsten Sommerhitze mindestens acht Unterhemden und mehrere Pullover anhaben zu müssen.

Frühere Einbildungen oder Ängste werden auch in "Die Wand" thematisiert: "Als Kind hatte ich immer unter der närrischen Angst gelitten, daß alles, was ich sah, verschwand, sobald ich ihm den Rücken kehrte."[26] Die Katastrophe kann also als Erfüllung eines unbewussten Wunsches und sogar als Idylle gelesen werden. Auch für Lorenz aus "Der Tag, an dem die Sonne verschwand" ist die Frage des Auserwähltseins relevant: "Und vor allem weiß ich nicht, warum ich noch lebe, warum gerade ich verschont wurde. Ich hatte doch an jenem Nachmittag gar nichts Außergewöhnliches getan, was mich auf wundersame Weise hätte schützen können. (…) Oder bin ich der letzte Mensch?"[27]Der Protagonist gilt allgemein als durchschnittlich. Er fragt sich, was die erlebte Katastrophe mit seinen "kleinen Lebensverfehlungen" zu tun haben könnte und kommt zu dem Schluss, dass es absurd wäre, dass Gott ihn auserwählt hätte: "Ich will mir klarmachen, dass die Weltkatastrophe, in die ich hineingeraten bin, nichts mit meiner individuellen Vergangenheit zu tun hat."[28]

Letztlich kann die Katastrophe in allen Fällen als Zwischenstatus zwischen Wunschvision und Wahnvorstellung gelesen werden, wobei die Katastrophe meist als Befreiung und als Grundlage einer neuen Existenz fungiert. Diese letzten Menschen zeichnen sich durch eine Abgrenzung von der bestehenden Ordnung aus, wobei sich verdrängte Anteile der eigenen Persönlichkeit zeigen können. Wesentliche Faktoren sind dabei "irrationale Kräfte im eigenen Wesen",[29] die suggerieren, dass die Protagonisten und Protagonistinnen an den sie gefährdenden Extremsituationen nicht unbeteiligt sind und der Grund der Katastrophe irgendwie doch in den Figuren aufzuspüren ist.

Letzte Menschen sind also häufig intellektuelle Einzelgängerinnen und Einzelgänger beziehungsweise sehen sich in irgendeiner Weise als außerhalb der Gesellschaft stehend. Die "Entzivilisierung der Gesellschaft" im postapokalyptischen Setting schafft dabei Möglichkeiten für alternative Identitätsentwürfe.

Letzte Menschen – oder doch nicht?

Der letzte Mensch muss sich seiner selbst vergewissern. Er ist dabei nicht selten von einer Angst gegenüber dem mehr oder weniger bekannten "Anderen" und Misstrauen gegenüber möglichen weiteren Menschen geprägt. Interessant ist auch, dass meist an irgendeiner Stelle im Roman doch noch das andere Geschlecht auftaucht. Dahinter steckt unter Umständen die alte Vorstellung, dass nur ein Paar die Welt retten kann – dass es vielleicht also durch Liebe gelingen kann, den Untergang abzuwenden.

Die Angst, schlussendlich doch noch auf den anderen zu treffen, drückt sich beispielsweise durch Bewaffnung aus: Jonas führt in "Die Arbeit der Nacht" dauerhaft eine Pumpgun mit sich.[30] Auch die Kommunikation der letzten Menschen ist tendenziell durch Gewalt gekennzeichnet, das Motiv des Kampfes damit eng verbunden.[31] Dies drückt sich aus in Kämpfen von Alter Egos (beispielsweise in "Die Arbeit der Nacht"), als Duell (etwa in "Großes Solo für Anton", siehe die kriegerische Formation der Hunde) oder durch Bewaffnung ("Schwarze Spiegel"[32]). Zu einem Höhepunkt kriegerischer Auseinandersetzung kommt es in "Die Wand": Als eines Tages ein zweiter Überlebender auftaucht, der den Jungstier und den Hund der Frau ermordet, rächt sie sich und erschießt ihn mit einem Jagdgewehr. Hier wird insbesondere die männlich gezeichnete Figur als Aggressor friedlichen Lebens erfasst.[33] Die Ich-Erzählerin grenzt sich von diesem symbolischen "Anderen", aber auch einem möglichen Paarungsverhalten und damit der Menschheit an sich ab. Auch Tiere können das Andere symbolisieren. Das Tierhafte in "Großes Solo für Anton" ist in der Figur des Anton L. dargestellt: Er frisst lebendige Fasane, ohne sie zu rupfen, spuckt die Knochen aus und spricht mit einem Hasen. Ohne Tiere kommt vordergründig nur "Die Arbeit der Nacht" aus, doch Jonas, der sich fragt, warum ihn diese so beschäftigen, sieht sich letztlich ebenfalls mit einer tierhaften Projektion seiner Ängste konfrontiert: einer Erscheinung eines Wolfsviehs, das ihn in seinen Träumen heimsucht. Jonas kommuniziert in "Die Arbeit der Nacht" darüber hinaus mit ihm bewussten Anteilen seines Ichs, aber auch mit seinem Alter Ego, dem Schläfer. Der Übergang in wahnhafte Ausprägungen dieser Selbst-Konfrontation ist fließend.

Durch das Fehlen gesellschaftlicher Projektionsflächen sind die Protagonistinnen und Protagonisten mit neuen Identitätsentwürfen konfrontiert. So lernt Lorenz in "Der Tag, an dem die Sonne verschwand" beispielsweise in der Einsamkeit, sich "moralisch korrekt" zu verhalten und wandelt sich als Ich deutlich. Auch das Ich aus "Die Wand" ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine parabelhafte Lesart, in der sich das Ich im postapokalyptischen Raum völlig neu entwickelt. Und Jonas in "Die Arbeit der Nacht" steht für eine sich radikal transformierende Identität: Er verändert sich im Laufe des Romans vom gesellschaftlich geformten Stadtmenschen zu einer Art Wolfsvieh.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass das Motiv des letzten Menschen besonders dafür geeignet ist, individuelle und gesellschaftliche Krisen – oder auch Exzesse unserer Lebensform[34] – zu benennen und sie für uns nachvollziehbar zu machen. Katastrophen als Ereignisse, die den Lauf der Dinge jäh unterbrechen, machen diese Auseinandersetzung anstrengend, aber rütteln das Individuum auf, machen seine gesellschaftlichen Bezüge fassbar und helfen bei ontologischen Einsichten. Bei der Vorstellung vom letzten Menschen geht es daher hauptsächlich um die Konfrontation mit unserem eigenen Selbst, die wir anhand der Extremsituation der dargestellten Hauptfiguren mit all ihren Eigenheiten gerne nacherleben. In diesem Sinne: Sind wir nicht alle ein bisschen auserwählt, uns mit dem Weltuntergang zu beschäftigen?

Fußnoten

13.
Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang auch der Text "Z wie Zacharias" von Robert C. O’Brien, in dem die 16-jährige Ann die Hauptfigur ist.
14.
Vgl. Konstanze Fliedl, Die melancholische Insel, in: Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Instituts des Landes Oberösterreich, 35 (1986) 1/2, S. 35–51.
15.
Arno Schmidt, Schwarze Spiegel, in: ders., Leviathan und Schwarze Spiegel, Frankfurt/M. 2005, S. 41–141 (Erstausgabe 1951); Marlen Haushofer, Die Wand, München 2004 (Erstausgabe 1963); Herbert Rosendorfer, Großes Solo für Anton, Zürich 1981 (Erstausgabe 1976); Guido Morselli, Dissipatio humanis generis oder Die Einsamkeit, Frankfurt/M. 1993 (italienische Originalausgabe 1977); Thomas Glavinic, Die Arbeit der Nacht, München–Wien 2006; Jürgen Domian, Der Tag, an dem die Sonne verschwand, München 2008.
16.
Vgl. Helmut Gollner, Thomas Glavinics Welt-Literatur. Anmerkungen zu einem Erzähler, in: Literatur und Kritik, 36 (2001) 355/356, S. 51–56, hier: S. 54.
17.
T. Glavinic (Anm. 15), S. 94.
18.
M. Haushofer (Anm. 15), S. 147.
19.
Auch die Heldin in "Die Wand" stellte sich vor, wie sie sich zum Sterben in eine Höhle zurückziehen wollte, um nie gefunden zu werden. Vgl. ebd., S. 95.
20.
G. Morselli (Anm. 15), S. 17.
21.
Ebd., S. 88.
22.
Ebd., S. 149. Vgl. Wolfram Schütte, Die verschwundene Menschheit. Die "schwarze Luzidität" von Guido Morsellis letztem Roman, in: Frankfurter Rundschau vom 2.6.1990, Wochenendbeilage "Zeit und Bild", S. 4.
23.
Vgl. H. Rosendorfer (Anm. 15), S. 11.
24.
Ebd., S. 13.
25.
Bruno Weder, Herbert Rosendorfer – sein erzählerisches Werk, München 1978, S. 6.
26.
M. Haushofer (Anm. 15), S. 170.
27.
J. Domian (Anm. 15), S. 27.
28.
Ebd., S. 114.
29.
James Berger, After the End. Representations of Post-Apocalypse, Minneapolis 1999, S. 99.
30.
Vgl. Andreas Breitenstein, Die letzte Welt. Thomas Glavinics grandioser Endzeitroman "Die Arbeit der Nacht", in: Neue Zürcher Zeitung vom 15.8.2006, S. 23.
31.
Vgl. Gerhard Marcel Martin, Weltuntergang. Gefahr und Sinn apokalyptischer Visionen, Stuttgart 1984, S. 21.
32.
Vgl. Wolfgang Martynkewicz, Selbstinszenierung. Untersuchungen zum psychosozialen Habitus Arno Schmidts, München 1991, S. 196.
33.
Vgl. Hiltrud Gnüg, Utopie und utopischer Roman, Stuttgart 1999, S. 223.
34.
Vgl. Thea Dorn, Lust an der Apokalypse, in: Der Spiegel, Nr. 2 vom 5.1.2009, S. 126, online: http://www.spiegel.de/spiegel/a-599582.html« (22.11.2012).
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