Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Wolf-Detlef Rost

Die Apokalypse aus psychologischer Sicht – Angst und Faszination

Die in der Psychotherapie sonst eigentlich recht fröhlich wirkende 25-jährige Studentin erzählt von ihrer zweijährigen Tochter und ihren Zukunftsplänen. Plötzlich wird die Stimme leiser, ihre Miene verdunkelt sich; sie wechselt das Thema. "Meine Mutter glaubt an den 21. Dezember 2012 – und die Schwiegereltern auch", fährt sie dann mit gedrückter Stimme fort. Die plötzlich eingetretene Stille lastet schwer im Raum. Die Mutter der Patientin ist nicht etwa eine abgedriftete Esoterikerin, sondern die Pflegedienstleiterin eines großen Klinikums, mitten im Leben stehend. Der aus dem Maya-Kalender erschlossene Apokalypsetermin beschäftigt aber nicht nur die Patienten des Psychotherapeuten. Im Internet fanden sich zu diesem Thema Tausende von Seiten und Foren mit Millionen von Nutzern, und der auf Katastrophenszenarien spezialisierte Filmemacher Roland Emmerich machte "2012" zum Titel seines jüngsten Untergangspektakels.

Apokalypseängste – soziologisch und psychologisch gesehen

Die Auslegung des Maya-Kalenders wird sich, ebenso wie unzählige frühere Prophezeiungen unseres unmittelbar bevorstehenden Untergangs, als hinfällig erweisen. Auf neuerliche Ankündigungen der Apokalypse werden wir indes nicht lange warten müssen. Wenn eine Vorhersage mit Sicherheit zutreffen wird, dann diese: Auch künftig werden wir durch die Medien mit immer neuen Untergangsszenarien überschwemmt werden. Der Soziologe Frank Furedi spricht in diesem Zusammenhang von einer "Kultur der Angst".[1] Er schreibt, es habe "noch nie eine so massive Anhäufung von Angstkampagnen wie in den letzten 25 Jahren (gegeben). Ständig scheint irgendwo das Überleben des Planeten auf dem Spiel zu stehen." Angstmache sei zu einer kulturellen Ressource geworden, "aus der sich verschiedene Leute und Interessengruppen nähren, um daraus Anerkennung für ihre Botschaften oder Argumente zu ziehen. Deshalb wird ein Akt der Panikmache auch so häufig durch ein widerstreitendes Schreckensszenario konterkariert."[2]

Apokalypseängste haben aber, wie wir in der Folge noch sehen werden, seit Jahrtausenden die Menschen beherrscht, wenn wohl auch nicht in einer solchen Anzahl unterschiedlicher Inhalte wie heute. Für Furedi sind die inszenierten und künstlich hoch gepuschten Zukunftsängste ein Instrument der politischen Meinungsmache und Steuerung, wo sich unterschiedliche Interessengruppen im Kampf um das Geld und das Meinungsmonopol gegenseitig mit immer dramatischeren Szenarien zu überbieten suchen. Auf der Strecke blieben dabei der "Glaube an die Menschen und an die Zukunft".[3] Für manche Soziologen ist Angst ein gesellschaftlich induziertes Phänomen: "Angst geschieht nicht einfach. Sie ist sozial konstruiert und wird dann von denen manipuliert, die sich davon Vorteile versprechen."[4]

Aus psychologischer Sicht ist dem entgegen zu halten, dass Angst zur Grundausstattung der menschlichen Existenz gehört, unsere Flucht- und Überlebensimpulse steuert, wobei wir uns an dieser Stelle aus Platzgründen nicht weiter mit der Unterscheidung zwischen der ursprünglichen Furcht und der unspezifischeren Angst befassen können.[5] Das Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit und die Unfassbarkeit unseres unvermeidlichen Todes führt zur Todesangst als Kern aller menschlichen Ängste. Der eigene Tod oder auch der eines geliebten Menschen bei gleichzeitiger Weiterexistenz der Menschheit, des Lebens an sich, sind so schwer vorstellbar, dass sie an Fantasien von wie auch dem Wunsch nach einem allgemeinen Untergang und dem Verschwinden der menschlichen Spezies überhaupt gekoppelt werden. Der eigene Tod ist die unvermeidliche persönliche Apokalypse, bedarf des Trostes und der Erklärung. Das Bewusstsein der Begrenztheit des eigenen Daseins zwischen Geburt und Sterben, die Fragen nach Warum und Wohin, was war zuvor und was wird danach sein, sind die Quellen aller Religionen.

Die Angst vor dem Weltuntergang ist Bestandteil von Mythen und Religionen in fast jeder Kultur, besonders aber unserer westlichen, deren Wertvorstellungen und Moral ganz entscheidend von christlich-alttestamentarischen Darstellungen geprägt sind. Prägend für die christliche Sicht der Apokalypse ist allerdings die Hoffnung auf das Danach.[6] Gewünscht wird letztendlich nicht der Weltuntergang, sondern die Reinigung, die Wiederauferstehung, in der das eigene Überleben in einer nun besseren Welt erhofft wird. Die biblische Apokalypse verkündet also immer auch Hoffnung, nicht nur das Ende, sondern auch einen Neuanfang. "Hungern nach der Apokalypse heißt eigentlich Verlangen nach der Zeit nach der Apokalypse."[7] Diese positive Perspektive jedoch ist in der Unzahl moderner Apokalypsefantasien verloren gegangen, hat sich reduziert auf die bloße Zerstörung, was diese so verhängnisvoll macht.

Untergangsängste im Wandel der Zeit

Gerhard Henschel beschreibt in seinem Buch "Menetekel: 3000 Jahre Untergang des Abendlandes", dass in historischer Zeit bisher jede Generation davon überzeugt gewesen sei, die Apokalypse stehe unmittelbar bevor.[8] In der Verbreitung beziehungsweise Gewichtung dieser globalen Angstfantasie gibt es dennoch erkennbare historische Schwankungen. So war das 20. Jahrhundert geprägt durch kriegerische Auseinandersetzungen von beinahe apokalyptischen Ausmaßen, Deutschland und Europa erlebten die weitgehende Zerstörung durch den Nationalsozialismus unter Adolf Hitler, der sich selber als einen Vollstrecker der Apokalypse sah. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren schließlich durch den Ost-West-Konflikt und ein massives atomares Aufrüsten bestimmt. Das Atomwaffenpotenzial der beiden Supermächte hätte ausgereicht, die Weltbevölkerung mehrfach auszulöschen, und es sah so aus, als bedürfe es nur eines kleinen Auslösers, um diese Apokalypse einzuleiten. Die Nachkriegsgeneration wuchs in dem Bewusstsein auf, dass die "Zeiger der Menschheitsuhr auf fünf vor zwölf" standen, stets das Damoklesschwert des Atomkrieges über ihr schwebte. Rückblickend kann man heute konstatieren, dass die Ängste vor der Apokalypse in dieser Zeit in der nuklearen Bedrohung gebunden waren, da die atomare Vernichtung nur eine Frage der Zeit zu sein schien.

Um 1989 trat eine von niemandem erwartete Wende ein, als sich der Ost-West-Konflikt buchstäblich in Wohlgefallen auflöste, es zur Abrüstung kam und die Bedrohung der atomaren Vernichtung fast über Nacht verschwand, zumindest verglichen mit den vorausgegangenen Jahrzehnten. Freudenfeiern beschränkten sich dennoch weitgehend auf jene über den Fall der Berliner Mauer. Wir sehen eher Gefahren und Negatives als das Positive, und wer nun gar glaubte, damit würden auch apokalyptische Ängste verschwinden, sah sich rasch getäuscht. Der Wegfall der atomaren Bedrohung schuf vielmehr eine Art kollektiven psychischen Ungleichgewichts, wie man es vom Neurotiker kennt, der es sich nicht gut gehen lassen darf und nur darauf wartet, dass auf seine Momente des Glücks die Strafe auf dem Fuße folgen muss. Die zuvor in der nuklearen Bedrohung gebundenen Vernichtungsängste wurden frei flottierend und suchten sich neue Objekte.

Waren es in der Nachkriegszeit die Kommunisten und aus der Sicht des Ostens die Kapitalisten und Imperialisten gewesen, die uns angeblich zu vernichten drohten und daher prophylaktisch vernichtet werden sollten, war nun das Feindbild abhanden gekommen.

Wir wissen nicht mehr, wer uns bedroht, aber dass wir bedroht sind, eben weil wir vergänglich sind, das wissen wir, und daher müssen sich die Angst und die Wut über diese Realität neue Objekte suchen. So bekommen wir seit etwa 20 Jahren alljährlich neue apokalyptische Bedrohungen präsentiert, meist, wenn auch nicht immer, sehr vorübergehender Natur. Da sind zunächst einmal die neuen Seuchen, Ängste stimulierend, von denen sich kaum jemand frei machen kann. Noch in den Zeiten des Kalten Krieges machte AIDS den Auftakt in der Reihe der als apokalyptisch apostrophierten Krankheiten; es folgten BSE, Vogelgrippe, Schweinegrippe und zuletzt EHEC. Katastrophenszenarien folgten, die mögliche Auswirkungen der Gentechnik, von Umweltzerstörung und Klimawandel, von Computerabstürzen, insbesondere im Übergang zum neuen Jahrtausend, thematisierten. Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 trat der global agierende Terrorismus als Bedrohung hinzu.

Positive Nachrichten stoßen im Gegensatz zu Katastrophen selten auf Interesse. Wir sind so programmiert, dass negative Informationen im Alarmareal unseres Gehirns aufgenommen und verarbeitet werden. Sie haben einen höheren Aufmerksamkeitswert als positive Meldungen, da sie archaische Fluchtimpulse steuern. Dies nutzte schon die Bibel, die jüdisch-christliche Religion, wie auch der Apostel Paulus. Als er in Athen über Sündenvermeidung und ein frommes Leben predigte, wurde er ausgelacht. Er kam auf die Idee, nicht positiv über Liebe und Hoffnung zu reden, sondern negativ über Strafe und Vergeltung, und verkündete: "Das Ende ist nahe!". Jetzt hörten ihm die Menschen zu, er füllte den Circus Maximus und das Amphitheater in Ephesos.[9]

Fußnoten

1.
Vgl. Frank Furedi, The Politics of Fear. Beyond Left and Right, London 2005.
2.
Frank Furedi, Panikmacherwettbewerb. Atomenergie trifft auf Klimawandel, 15.6.2011, http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/000868« (15.11.2012).
3.
Ebd.
4.
David Altheide, zit. nach: Frank Furedi, Das Einzige, vor dem wir uns fürchten sollten, ist die Kultur der Angst selbst, Juli/August 2007, http://www.novo-magazin.de/89/novo8942.htm« (15.11.2012).
5.
Vgl. Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie, München 2011.
6.
Siehe dazu auch den Beitrag von Michael Tilly in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Maarten Keulemans, Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge, München 2010, S. 276.
8.
Vgl. Gerhard Hentschel, Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes, Frankfurt/M. 2010.
9.
Vgl. Gerhard Schwarz, Das Ende ist nahe!, in: Psychologie heute, (2010) 7, S. 84–85.
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