Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Alex Gertschen

Der tägliche Untergang der Maya

Ende des vierten Weltzeitalters

Diese Erkenntnisse über die alten Maya sind nicht kontinuierlich überliefert, sondern in mühsamer Kleinarbeit rekonstruiert worden. Die Spanier, die ab dem frühen 16. Jahrhundert weite Teile des heutigen Mexikos eroberten, wussten um die politische Bedeutung der Maya-Kalender. In ihrem missionarischen Eifer und Hochmut und im Willen zur vollkommenen Unterwerfung der Ureinwohner spürten die Konquistadoren die Kalender als wichtigste kulturelle "Speicher" auf und zerstörten sie. Das Kalkül ging auf: Das komplexe Wissen der Maya über die Gestirne und ihre religiös-politischen Interpretationen, die nur der kleinen Oberschicht zugänglich gewesen waren, verlor sich ziemlich rasch. Die entmündigten und christianisierten Knechte, als die die Maya weiterlebten, konnten ihre alte Kultur nur marginal und heimlich bewahren.

Es waren bezeichnenderweise mehrheitlich europäische und amerikanische Forscher, die anhand der wenigen erhaltenen Kalender die Lange Zählung rekonstruierten. Ernst Förstemann, der Bibliothekar, der im späten 19. Jahrhundert ein in Dresden befindliches Maya-Buch entzifferte, glaubte auf der letzten Seite dieses Kalenders die Voraussage einer apokalyptischen Flut zu erkennen. Zur Rekonstruktion einer ähnlichen Prophezeiung gab das Buch "Popol Vuh" Anlass: Gemäß dieser Niederschrift von Schöpfungsmythen der Maya leben wir im vierten Weltzeitalter, das im gregorianischen Kalender 5125 Jahren entspricht und am ersten Tag der Langen Zählung begann. Seitdem es Mayanisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen ist, den 13. August 3114 v. Chr. als Ursprung der Langen Zählung zu bestimmen, stellt sich natürlich die Frage, was am letzten Tag des vierten Weltzeitalters, der Wintersonnenwende 2012, geschehen wird.

Hier kommen die apokalyptischen Hoffnungen und Ängste ins Spiel, die in der Geschichte der Menschheit in nahezu allen Kulturkreisen gewirkt und bis heute nichts an Faszination eingebüßt haben. Wenn der Maya-Kalender eines mit Gewissheit belegt, dann dies. Denn für die große Mehrheit der Wissenschaftler liegt angesichts des zyklischen Zeitverständnisses der Maya die Interpretation nahe, dass am 21. Dezember "nur" der Übergang von einem langen Zyklus zum nächsten stattfinden wird. Kein seriöser Maya-Erforscher verstiege sich zur Aussage, das Ende des Zyklus bedeute das Ende der Welt. Aber die nach wie vor erheblichen Wissenslücken über die alten Maya einerseits und die per Definition offene Zukunft andererseits sorgen für einen Dunkelraum, in dem Gerüchte und Spekulationen vortrefflich gedeihen.

Der gegenwärtige Weltuntergangsdiskurs, der vor allem in Europa und Nordamerika um den 21. Dezember 2012 kreist, reicht in die 1970er Jahre zurück, als eine verzagende Ungewissheit über der westlichen Welt lag. Die bürgerliche Gesellschaft und die kapitalistische Wirtschaft der Moderne waren bereits in den Protesten von 1968 mit Vehemenz hinterfragt worden. Danach hatten Wirtschafts- und Währungskrisen die "goldenen", boomenden Nachkriegsjahrzehnte jäh beendet und die für alle Zeit verbannt geglaubte Arbeitslosigkeit war mit Wucht zurückgekehrt. Das neue Bewusstsein von den ökologischen "Grenzen des Wachstums", das der Club of Rome mit seinem gleichnamigen Bericht weckte, der linke Terrorismus in Westeuropa sowie zahlreiche Kriege und politische Krisen verstärkten die um sich greifende Unsicherheit. Und niemand hatte diese krisenhafte Zeit kommen sehen.

Eine fiebrige Suche nach neuen Gewissheiten setzte ein. Schon in den späten 1960er Jahren hatte das renommierte Hudson-Institut in Washington ein Buch über mögliche Szenarien im Jahr 2000 publiziert und hatten sich illustre Wissenschaftler unter dem Vorsitz des Soziologen Daniel Bell, Autor von "The End of Ideology" und "The Coming of Post-Industrial Society", in einer Kommission zusammengeschlossen, um die Zukunft zu erforschen. Aber natürlich wurde die Nachfrage nach Prognosen auch von nicht-wissenschaftlichen Autoren gestillt. Hal Lindeys biblisch inspiriertes apokalyptisches Buch "Late Great Planet Earth" wurde über sechs Millionen Mal verkauft. Die CIA heuerte Personen an, von denen sie glaubte, sie könnten als "Medium" in die Zukunft blicken. Ronald Reagan soll als Gouverneur von Kalifornien und später als Präsident der USA bei fast allen wichtigen Handlungen und Entscheidungen auf astrologische Konstellationen und Prophezeiungen geachtet haben, und in einer amerikanischen Studie von 1978 gaben 39 Prozent der Befragten an, sie glaubten an die menschliche Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen.[5]

In diesem Kontext blühten die Ideen des New Age ("Neues Zeitalter"), eines Sammelbegriffes für esoterische Strömungen im Umfeld der Hippie-Bewegung, und die Vorstellungen von einem Ende oder – positiv gewendet – einer Überwindung der verachteten Moderne. Der amerikanische Ethnobotaniker Terence McKenna, der unter anderem im amazonischen Regenwald die bewusstseinserweiternden Effekte pflanzlicher Drogen erforschte, publizierte 1975 mit seinem Bruder das Buch "The Invisible Landscape". In diesem prognostizierte er für die Wintersonnenwende 2012 das Ende der Zeit. Im selben Jahr erschien "The Transformative Vision" José Argüelles’, in dem sich der mexikanisch-amerikanische Schriftsteller als Seher einer nahenden Apokalypse darstellte. Obwohl Argüelles bereits vom 21. Dezember 2012 als Ende eines Maya-Zyklus wusste, griff er das Datum erst in seinem Buch "The Mayan Factor" von 1987 auf, das bei einem für Esoterik empfänglichen Publikum ein enormes Echo auslöste. In diesen Jahren und im Kontakt mit Argüelles, so scheint es, wurde sich Terence McKenna bewusst, dass seine apokalyptische Prophezeiung dasselbe Jahr betraf wie der Maya-Kalender – was als weiteres Indiz für ihre Richtigkeit gewertet werden konnte und die Wirkung seines neu aufgelegten Buches verstärkte. Eine Flut von Publikationen schloss sich den Werken Argüelles’ und McKennas an, die bis heute nicht abgeebbt ist.[6]

Diskriminierte Nachkommen der Ureinwohner

Als ich kürzlich Doña Carmen und Doña Elodia am Telefon fragte, was sie vom Aufheben um die kommende Wintersonnenwende hielten, schwiegen sie betreten. Die beiden Frauen arbeiten auf der Halbinsel Yucatán als Hebammen. Wie ihre Vorfahren, die alten Maya, achten sie in der Begleitung der Schwangeren stets auf den Mondzyklus. Der Mond verrate nicht nur die Zahl der verflossenen Monate, sondern auch das Geschlecht und den Charakter des Ungeborenen, erzählten sie. Der Erdentrabant ist als Referenz umso wichtiger, als viele Maya-Hebammen im Alter von Doña Carmen und Doña Elodia nicht lesen und schreiben können. Aber von einem anderen, einem langen Zyklus, der am 21. Dezember zu Ende gehen soll, hatten sie noch nie etwas gehört.

Dies bedeutet nicht, dass alle Bewohner Yucatáns dem Datum ahnungslos entgegenblicken. Speziell in den touristischen Gebieten, zum Beispiel rund um die Pyramiden von Chichén Itzá und Uxmal oder entlang der karibischen Küste von Cancún bis hinunter nach Tulum, läuft die Vermarktung des 21. Dezembers 2012 auf Hochtouren. Die Bundesregierung und die Gliedstaaten werben mit der magischen Zahl seit vergangenem Jahr um Touristen, und die Buchungslisten der Hotels lassen erahnen, dass die Kampagne nicht ohne Erfolg geblieben ist. Ein Großteil des Hotelpersonals oder der Fremdenführer sind Indigene. Eine Bekannte aus der Gegend erzählt, immer wieder berichteten ihr Maya, sie hätten erfahren, dass laut den Maya im Dezember möglicherweise die Welt untergehen werde. Dabei sprächen sie von "den" Maya in der dritten Person. Auch die Hebamme Doña Carmen bedient sich dieser Redeweise, obwohl sie einer Familie entstammt, in der noch heute Maya gesprochen wird. Sie zieht keine Linie der Kontinuität zwischen sich und den Urhebern des Kalenders, der für den ganzen Aufruhr sorgt. Wie praktisch alle Maya betrachtet Doña Carmen das Ende des 5125-Jahres-Zyklus – einmal darüber aufgeklärt – als äußerliches Phänomen, mit dem sie nicht mehr zu tun hat als die Touristen aus Europa, Nordamerika oder Mexiko-Stadt.

Dafür sind das gründliche Zerstörungswerk der Spanier und die bis heute andauernde Diskriminierung der indigenen Einwohner Mexikos verantwortlich. Weder in den Augen der meisten Maya, Nahua, Zapoteken oder Mixteken noch in den Augen der mestizischen Mehrheitsgesellschaft ist die direkte Abstammung von den Ureinwohnern ein positives Merkmal. Laut der Nationalen Kommission für die Entwicklung der indigenen Völker liegen die Einkommen, die Alphabetisierungsrate, der Zugang zu Gesundheitsdiensten und die Lebenserwartung der Ureinwohner weit unter dem nationalen Durchschnitt. Die ärmsten Gliedstaaten, Chiapas und Oaxaca, sind auch jene mit der größten indigenen Bevölkerung. Josefina Flores, die Chefin einer Mazahua-Gemeinschaft[7] in Mexiko-Stadt, erzählte mir, auf die indigenen Kinder würde in der Schule mit dem Finger gezeigt. Wenn sie mit Angehörigen der Gemeinschaft zur Verwaltung gehe und mit ihnen Mazahua spreche, dann schnauzten sie die Beamten an, sie sollten "anständig reden". Ihre Kinder beherrschten deshalb kein Mazahua. "Sie haben mir gesagt: Mama, wir wollen nicht, dass du so mit uns sprichst", sagte Flores.

Fußnoten

5.
Vgl. zu diesem Abschnitt Matthew Connelly, Future Shock. The End of the World as They Knew it, in: Niall Ferguson et al. (eds.), The Shock of the Global. The 1970s in Perspective, Cambridge, MA/London 2010, S. 337–350.
6.
Vgl. zu diesem Abschnitt Sacha Defesche, "The 2012 Phenomenon". A Historical and Typological Approach to a Modern Apocalyptic Mythology, Masterarbeit an der Universität Amsterdam, Amsterdam 2008, online: http://skepsis.no/?p=599« (26.10.2012).
7.
Die Mazahuas sind eine weitere indigene Bevölkerungsgruppe in Mexiko (Anm. d. Red.).
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