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Die 66-jährige Karin Martin (r) und die 63-jährige Inge Rappolt spielen gegeneinander am Computer am Mittwoch (22.08.2007) auf der Computermesse Games Convention in Leipzig. Zum sechsten Mal öffnet vom 23. bis 26. August 2007 die Welt der virtuellen Unterhaltung auf dem Leipziger Messegelände. Erneut erwarten die Veranstalter Rekordzahlen. Bis Ende Juli hatten sich 410 Aussteller aus 26 Ländern angemeldet. Im Vorjahr waren es 368 Firmen, die ihre Produkte in Leipzig vorstellten. Die Ausstellungsfläche wächst um 28 Prozent auf 115 000 Quadratmeter. Nach 183 000 Besuchern im Vorjahr hofft die Messe nun erstmals auf mehr als 200 000 an den vier Publikumstagen. Foto: Jan Woitas dpa/lsn +++(c) dpa - Report+++
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zb , .Wirtschaft , .Computer , .Senioren , .Spielwaren , .Messen
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Games Convention Leip...  
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16.1.2013 | Von:
Susanne Wurm
Frank Berner
Clemens Tesch-Römer

Altersbilder im Wandel

Gesellschaftliche Altersbilder

Neben individuellen Altersbildern gibt es gesellschaftliche Altersbilder. Diese wirken zum Beispiel im Gesundheitswesen, in der Arbeitswelt oder in der Politik.[19] Eine potenziell unerwünschte Wirkung von kollektiven Altersbildern entsteht dadurch, dass sie falsche oder pauschalisierende Annahmen über ältere Menschen enthalten. Ein verbreitetes Altersstereotyp enthält beispielsweise die Annahme, dass das Älterwerden zwangsläufig mit gesundheitlichen Einbußen verbunden ist. Gesundheitliche Beschwerden werden deshalb sowohl von Professionellen im Gesundheitswesen als auch von älteren Menschen selbst häufig als normale Begleiterscheinung des höheren Lebensalters angesehen und damit als behandelbare Krankheiten weniger ernst genommen. Dies verhindert oder erschwert zumindest eine angemessene Behandlung von Beschwerden. Defizitorientierte Altersbilder tragen häufig auch dazu bei, dass die Erfolgsaussichten von medizinischen Maßnahmen bei älteren Menschen als zu gering eingeschätzt und manche Maßnahmen gar nicht erst ergriffen werden.[20]

Solche negativen gesundheitsbezogenen kollektiven Altersbilder können auch in der institutionellen Ausgestaltung des Gesundheitswesens ihren Niederschlag finden: Die geringe Verbreitung und die ungleiche regionale Verteilung von Einrichtungen der geriatrischen Versorgung weisen darauf hin, dass in der Gesundheitspolitik einer optimalen gesundheitlichen Versorgung älterer Menschen keine allzu große Bedeutung beigemessen wird oder die Erfolgsaussichten einer speziell auf ältere Menschen ausgerichteten Versorgung unterschätzt werden. In gesundheitspolitischen Debatten wird immer wieder gefordert, kostenintensive medizinische Leistungen nur bis zu einem bestimmten Lebensalter zu gewähren, weil sie sich in einem höheren Lebensalter nicht mehr lohnen würden. Auch hinter solchen Forderungen stehen möglicherweise pauschalisierende Altersbilder, die den unterschiedlichen Lebenssituationen, Behandlungsbedarfen und Behandlungspotenzialen älterer Menschen nicht gerecht werden.

Im politischen Diskurs hält sich die Vorstellung, mit dem fortschreitenden demografischen Wandel würde die Demokratie zu einer "Gerontokratie". Damit ist gemeint, dass in einer älter werdenden Gesellschaft die Älteren einen immer größeren Anteil an der Wahlbevölkerung ausmachen und deshalb ihre altersgruppenspezifischen Interessen immer besser durchsetzen könnten. Wissenschaftliche Untersuchungen und die politische Praxis bestätigen diese Annahmen jedoch nicht.[21] Die Gruppe der älteren Menschen ist sehr heterogen, es gibt unter den älteren Menschen eine große Vielfalt an Lebenslagen und Lebenssituationen und entsprechend groß ist die Vielfalt ihrer politisch artikulierbaren und artikulierten Interessen. Es lassen sich keine einheitlichen, in politische Forderungen umsetzbaren gemeinsamen Interessen der älteren Menschen identifizieren. Aus diesem Grund kann sich auch keine Partei dauerhaft im politischen System halten, die vor allem die Interessen der älteren Menschen vertreten will. Das Bedrohungsszenario einer "Gerontokratie" entbehrt also einer wissenschaftlich belegbaren Grundlage. Dennoch taucht es immer wieder auf und wird dann in der Regel medial stark aufgebauscht. Dieses Szenario hat zumindest das Potenzial, die Solidarität zwischen jüngeren und älteren Menschen zu schwächen.

Im deutschen Recht sowie in anderen Regelwerken finden sich zahlreiche Altersgrenzen. Im Recht gibt es Altersgrenzen vor allem im Berufsrecht und im Recht des öffentlichen Dienstes, im Sozialrecht (hier vor allem im Rentenversicherungsrecht, aber auch darüber hinaus), im Recht des Ehrenamtes und im Recht der kommunalpolitischen Wahlbeamten und Wahlbeamtinnen. Untergesetzlich gibt es Altersgrenzen etwa in Satzungen von Vereinen und Verbänden, in Geschäftsbedingungen (etwa von Autoverleihfirmen oder von Finanzinstituten), in Tarifverträgen und in Arbeitsverträgen. Altersgrenzen können für das Leben der von ihnen betroffenen Menschen große Auswirkungen haben, man denke nur an einen Arbeitsvertrag, in dem festgeschrieben ist, dass er mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensalters ohne besondere Kündigung erlischt. Den meisten Altersgrenzen liegt die pauschalisierende Annahme zugrunde, dass die Leistungsfähigkeit von Menschen mit zunehmendem Alter abnimmt und sie ab einem bestimmten Alter zu bestimmten Tätigkeiten nicht mehr in der Lage sind. Dies mag im Einzelfall zutreffen, in anderen Einzelfällen jedoch möglicherweise nicht. Altersgrenzen basieren häufig auf gesellschaftlichen Altersbildern − und umgekehrt können Altersgrenzen gesellschaftliche Altersbilder prägen.[22]

Altersbilder wiederum prägen unser Verhalten gegenüber älter werdenden und alten Menschen, sie haben Auswirkungen auf unser eigenes Selbstbild und auf unsere Entwicklung, und sie beeinflussen Entscheidungen in Wirtschaft und Politik. Da Altersbilder mögliche Entwicklungspfade im Lebensabschnitt "Alter" in der Regel aber nur holzschnittartig und nicht selten auch negativ darstellen, können sie Verhaltensweisen anregen, die das zu bestätigen scheinen, was sie vorhergesagt haben – und auf diese Weise als selbsterfüllende Prophezeiung wirken. Wer sich zu alt fühlt, um sich sportlich zu betätigen, der wird aufgrund des Mangels an Bewegung möglicherweise Einbußen der funktionalen Gesundheit erfahren. Und nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene können negative Altersbilder die Entfaltung der Potenziale älterer Menschen hemmen.

Seit einigen Jahren ist ein Wandel im gesellschaftlichen Diskurs über das Alter zu beobachten, der auch von der Sozialberichterstattung zum Thema Alter und demografischer Wandel angeregt wurde. Der Erste Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Demografischer Wandel" des Deutschen Bundestages[23] und insbesondere der Fünfte Bericht der Bundesregierung zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland (Fünfter Altenbericht) haben maßgeblich zur Verbreitung einer potenzialorientierten Sicht auf das Alter und das Älterwerden beigetragen. Die Leitidee des produktiven und aktiven Alterns soll älter werdende Menschen dazu ermutigen, ihre Möglichkeiten, Ressourcen und Kompetenzen zu entwickeln, einzusetzen und zu nutzen. Das Individuum profitiere von einer gesteigerten Lebensqualität, gleichzeitig profitiere die Gesellschaft zum Beispiel von einer erhöhten Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, von geringeren Gesundheitskosten bei einer gesünderen Lebensführung sowie vom ehrenamtlichen Engagement älterer Menschen.

Allerdings: So wichtig es ist, negative Deutungen des Alterns infrage zu stellen und positive Deutungen zu stärken, welche die Potenziale und die Produktivität des Alters betonen, so darf dies nicht dazu führen, dass solche positiven Deutungen nur auf das "junge" Alter bezogen und demgegenüber ältere Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf als weniger wertvoll angesehen werden. Die Vielfalt von Altern und Alter umfasst eben beides: die Bereitschaft und das Potenzial für eine aktive Partizipation älterer Menschen − und die Fürsorge für jene, die Unterstützung, Pflege und Betreuung benötigen. Das Älterwerden umfasst Veränderungen, die als Gewinn erlebt, wie auch Veränderungen, die als Verlust verstanden werden. Es sollten deswegen nicht einfach negativ konnotierte Altersbilder durch positiv konnotierte Altersbilder ersetzt werden. Vielmehr braucht die Verschiedenartigkeit des Alters auch differenzierte Altersbilder, welche die Vielfalt des Alterns so abbilden, dass der gesellschaftliche Diskurs über Altersbilder die Inklusion aller älteren Menschen befördert.

Fußnoten

19.
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.), Sechster Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2010.
20.
Vgl. Hartmut Remmers, Rationierung und Altersdiskriminierung, in: F. Berner et al. (Anm. 8), S. 339–368.
21.
Vgl. Wolfgang Schroeder/Bettina Munimus/Diana Rüdt, Seniorenpolitik im Wandel, Frankfurt/M. 2010; Bettina Munimus, Alternde Volksparteien, Bielefeld 2012; Manfred G. Schmidt, Die Demokratie wird älter, in: Peter Graf Kielmansegg/Heinz Häfner (Hrsg.), Alter und Altern, Berlin 2012, S. 63–184.
22.
Vgl. Gerhard Igl, Altersgrenzen und gesellschaftliche Teilhabe. Gutachten erstellt im Auftrag des BMFSFJ, Manuskript, 2009.
23.
Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), Zwischenbericht der Enquete-Kommission Demographischer Wandel, Bonn 1994.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Susanne Wurm, Frank Berner, Clemens Tesch-Römer für bpb.de

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