30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Inhaltliche Daten
Caption
Die 66-jährige Karin Martin (r) und die 63-jährige Inge Rappolt spielen gegeneinander am Computer am Mittwoch (22.08.2007) auf der Computermesse Games Convention in Leipzig. Zum sechsten Mal öffnet vom 23. bis 26. August 2007 die Welt der virtuellen Unterhaltung auf dem Leipziger Messegelände. Erneut erwarten die Veranstalter Rekordzahlen. Bis Ende Juli hatten sich 410 Aussteller aus 26 Ländern angemeldet. Im Vorjahr waren es 368 Firmen, die ihre Produkte in Leipzig vorstellten. Die Ausstellungsfläche wächst um 28 Prozent auf 115 000 Quadratmeter. Nach 183 000 Besuchern im Vorjahr hofft die Messe nun erstmals auf mehr als 200 000 an den vier Publikumstagen. Foto: Jan Woitas dpa/lsn +++(c) dpa - Report+++
pixel
Schlagworte
zb , .Wirtschaft , .Computer , .Senioren , .Spielwaren , .Messen
pixel
Überschrift 
Games Convention Leip...  
Personen
 
Kontinent
Europa
Land
Deutschland  
Provinz
Sachsen
Ort
Leipzig
pixel
Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
-
Rechtevermerk
picture-alliance/ dpa
Notiz zur Verwendung
(c) dpa - Report

16.1.2013 | Von:
Monika Alisch
Michael May

Selbstorganisation und Selbsthilfe älterer Migranten

Engagementbereitschaften

Die Angaben aus den drei Erhebungswellen des Freiwilligensurveys zeigen, dass zwar die Bereitschaft zur Ausdehnung des Engagements in allen Altersgruppen kontinuierlich gestiegen ist,[20] der Zeitaufwand für das Engagement zwischen den drei Erhebungszeitpunkten sich jedoch kaum verändert hat, sodass sich diese Bereitschaft offensichtlich nicht in die Praxis umgesetzt hat. Diese Befunde des Freiwilligensurveys korrelieren mit Ergebnissen der AMIQUS-Untersuchung, wonach der Anteil der bisher Nichtengagierten, die eine Engagementbereitschaft eindeutig bejahten, zwar über die Jahre kaum zugenommen hat (junge Ältere: 16 Prozent in 1999/19 Prozent in 2004/20 Prozent in 2009; Ältere: 6/7/10; Hochbetagte: 2/4/4).[21] Allerdings ist die Bereitschaft jener, die zumindest "vielleicht dazu bereit" sind, in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen: am deutlichsten bei den jungen Alten von 24 Prozent über 32 Prozent auf 41 Prozent; gefolgt von den Älteren (13/23/27) bis zu den Hochbetagten, bei denen die Quoten mit 6/9/14 selbstverständlich deutlich geringer ausfallen. Sowohl die Befunde der standardisierten Befragung als auch unsere Erfahrungen mit den über die Zukunftswerkstätten initiierten und handlungsforschend begleiteten Projekten zeigen jedoch, dass es ein weit größeres Engagementpotenzial gibt, wenn an den konkreten Interessen der Menschen sowohl im Hinblick auf die Inhalte als auch die (Sozial-)Formen des Engagements angesetzt wird.

So signalisierten über 70 Prozent der im Rahmen des AMIQUS-Projekts Befragten ihre Bereitschaft, an einer "Vergemeinschaftung über nützliche Tätigkeiten an (halb-)öffentlichen Orten" mitzuwirken. Dieser Typus bündelt Interessen der älteren Befragten, die sich auf den Wunsch nach Orten beziehen, an denen man mit anderen zusammenarbeiten und reden kann, und konkretisierte sich in Ideen zu Werkstatt-, Garten-, Näh- und Kochprojekten. Im Unterschied zu den eher formalisierten Vereinsangeboten geht es hier um Orte als Gelegenheitsstrukturen, die über gemeinsames aktives Handeln von verschiedenen Bevölkerungsgruppen angeeignet werden können. Wie unsere Befragung zeigt, bildet sich in Untersuchungsquartieren, die solche halböffentlichen Orte bereits vorhalten, ein Typus von Netzwerken aus, den wir als "in spezieller peer-group und darüber vermittelt auch mit anderen vernetzt" bezeichnet haben. Fast die Hälfte der Befragten ist in diesen Quartieren in ein solches Netz eingebunden. Demzufolge eröffnet gerade das (gemeinsame) Engagement an solchen Orten den zunächst meist nach Geschlecht und Herkunftskultur recht homogenen Gruppen eine zwanglose Vernetzung mit anderen (Nutzer-)Gruppen.

Während im Freiwilligensurvey weit weniger als 20 Prozent angaben, sich sozial- und kulturell zu engagieren,[22] signalisierte die Hälfte unserer Befragten ein Interesse, kulturell aktiv zu werden und etwa vier von zehn würden sich gern sozial im Stadtteil und/oder für die Interessen von Zugewanderten engagieren. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen einem sozialen Engagement für Zugewanderte und dem Stadtteil insgesamt. Auch in unserer Befragung waren es eher Zugewanderte mit höheren Bildungsabschlüssen, die eine besondere kulturbezogene Engagementbereitschaft äußerten und ihre im Herkunftsland erworbenen Kompetenzen, die in Deutschland oft nicht anerkannt wurden, jetzt für ein entsprechendes Engagement fruchtbar machen wollen. Sie waren es auch, die sich für kulturschaffende Initiativen wie einen Chor oder bildnerisches Gestalten engagiert haben oder als in Deutschland nicht anerkannte Medizinerinnen und Mediziner eine muttersprachliche Gesundheitsberatung initiierten.

Mittlere Bildungsabschlüsse dominierten hingegen bei den Interessen für ein soziales Engagement und im Hinblick auf die Interessen von Zugewanderten ebenso wie beim politischen Engagement. Für Letzteres haben ein Viertel der Befragten Interesse gezeigt. Es findet sich vor allem bei denjenigen, die schon Erfahrungen mit politischem Engagement in ihren Communities oder im Ausländerbeirat gesammelt haben, gewerkschaftlich engagiert waren, aber auch bei solchen, die sich erst nachträglich politisierten. Hier zeigt sich auch einer der wenigen in unserer Untersuchung gefundenen Zusammenhänge zum Herkunftsland: Zugewanderte aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion sind vor dem Hintergrund ihrer politischen Erfahrung mit nur elf Prozent nicht einmal halb so oft zu einem politischen Engagement bereit wie der Durchschnitt. Obwohl in der Befragung ebenfalls nicht einmal halb so viele Frauen wie Männer eine politische Engagementbereitschaft bekundeten, ist als einzig dezidiert politische Initiative von türkischen Frauen aus einer Zukunftswerkstatt heraus ein Projekt zur doppelten Staatsbürgerschaft gestartet worden. Sie engagieren sich damit vor allem für die Interessen ihrer Kinder und Enkel und unterstreichen damit die Befunde von Dathe,[23] wonach das Engagement nicht nur im Sozial- und Gesundheitsbereich, sondern insbesondere für die Kinder (auch in Schulen und Kindergärten) – unabhängig vom Alter – noch immer eine hochgradig weibliche Angelegenheit ist. An allen Untersuchungsorten entstanden "Initiativen zur Schaffung von Frauenöffentlichkeit" in Form von Frauentreffs oder -cafés.

Nachhaltige Selbstorganisation

Wenn Dathe davon ausgeht, dass "neben der Initiative und der Motivation des Einzelnen das Vorhandensein materieller Ressourcen, verfügbare Zeit und eine Engagement fördernde soziale Infrastruktur"[24] die wesentlichen Voraussetzungen für Engagement sind, ist für Menschen, die bisher kaum Gelegenheiten hatten, ihre Interessen zu artikulieren, und deren Formen der Selbsthilfe und Selbstorganisation im Alltag bisher weitgehend unsichtbar geblieben sind, die Liste der Voraussetzungen noch zu ergänzen.

So erscheint es nach unseren Erfahrungen wenig Erfolg versprechend, Menschen, die ihre alltägliche Reproduktion und die ihrer Familie bisher nur im Rahmen eines informellen Hilfsnetzwerkes auf Gegenseitigkeit gewährleisten konnten, für formellere Formen eines freiwilligen Engagements zu gewinnen. Hier kann es nur darum gehen, für diese bisher von Forschung und Politik übersehenen informellen Engagementformen eine Öffentlichkeit zu schaffen und sie zu unterstützen. Denn zumindest bei den von uns untersuchten älteren Zugewanderten sind diese Hilfsnetzwerke an ihre Grenzen gekommen, haben wir doch in dem Untersuchungsquartier mit der am stärksten ausgeprägten Nachbarschaftshilfe zugleich auch die höchsten Unterstützungsbedarfe vor allem bei der Pflege von Angehörigen festgestellt. Zudem fehlt gerade den älteren Zugewanderten der Zugang zu Ressourcen, die der öffentlichen Verwaltung unterliegen und deren Nutzung durch eine hohe Formalisierung der Verfahren behindert wird. Im Hinblick darauf werden allenfalls spezielle Beratungssysteme zu etablieren versucht (wie etwa Lotsensysteme, Hilfen bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Formularen). Auch bei diesen Beratungsressourcen stellt sich allerdings das Problem, wie ältere Migrantinnen und Migranten zu diesen Angeboten Zugang finden, liegt es doch letztlich in ihrer Verantwortung, um solche Hilfen für die Hilfen zu ersuchen.

Statt entsprechende Orte als Gelegenheitsstrukturen, die über gemeinsames aktives Handeln von verschiedenen Bevölkerungsgruppen angeeignet werden können, als Infrastruktur öffentlich zur Verfügung zu stellen, erfolgt eine Finanzierung professioneller Engagementförderung sowie von Betätigungsangeboten aufgrund sinkender kommunaler Finanzmittel und zunehmend zentralistischer Steuerungsversuche heute stark über eine Projektförderung. Dies setzt die in solchen Projekten hauptamtlich Tätigen unter Legitimationszwang und führte teilweise soweit, dass Initiativen der älteren Migrantinnen und Migranten nicht nur so umdefiniert werden mussten, dass sie in die entsprechende Projektförderung passten, sondern dass sie gleich ganz als Leistung der Professionellen ausgegeben wurden.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die in professionellen Diskursen zumeist als Empowerment diskutierte Aufgabe, solche auf informellen Engagementformen basierende Unterstützungsnetzwerke mit dem professionellen Hilfesystem zu vermitteln, ohne dass die in den entsprechenden Netzwerken Engagierten ihrer Eigeninitiative und Selbstbestimmung in praktischer Solidarität enteignet werden. Auf der anderen Seite zeigen unsere Erfahrungen, dass gerade bei sozio-kulturell sehr heterogenen Gruppen eine professionelle Moderation notwendig ist, um spontane Selbsthilfen in Formen demokratischer Selbstorganisation zu überführen. Sie sollte zwar nicht die Spontaneität solcher Selbstregulierung durch allzu formalisierte Entscheidungsabläufe blockieren. Für den Umgang mit Konflikten gilt es jedoch, gemeinsame Regeln zu erarbeiten. Und ebenso sind misslingende Selbstregulierungen mithilfe einer angemessenen professionellen Unterstützung oder Mediation in einer Weise aufzuarbeiten, dass niemand ausgegrenzt wird.

Strukturell betrachtet scheint die Einrichtung kommunaler Ressourcen- oder Quartierfonds, über die jene Initiativen selbst verfügen können, die sich um solche Mittel bewerben, ein wichtiges Mittel zur demokratischen Engagementförderung. Denn wenn solche Initiativen selbst einen Modus der Verteilung finden müssen, können sie sich in der Diskussion nicht allein darauf beschränken, ihr spezifisches Eigeninteresse zu vertreten. Vielmehr müssen sie sich dabei auf ein "Gemeinwohl" beziehen, das durch diesen Prozess politisch an Konturen gewinnt.

Fußnoten

20.
Vgl. D. Dathe (Anm. 9), S. 9.
21.
Vgl. ebd., S. 10.
22.
Vgl. T. Gensicke/S. Geiss (Anm. 5), S. 158.
23.
Vgl. D. Dathe (Anm. 9), S. 13.
24.
Ebd., S. 5.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Monika Alisch, Michael May für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen

Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop