Prostitution

19.2.2013 | Von:
Romina Schmitter

Prostitution – Das "älteste Gewerbe der Welt"?

Kritik und Widerstand

Spätestens seit den 1880er Jahren wurde gegen den Widerspruch zwischen der öffentlichen Diskriminierung der Prostituierten und der heimlichen Wahrnehmung ihrer Dienstleistungen – vor allem durch Männer des Bürgertums – protestiert. Im Reichstag war es zuerst August Bebel, der Vorsitzende der SPD-Fraktion, der darauf hinwies, dass "wesentlich die sozialen, die wirtschaftlichen Verhältnisse die Ursache" dafür seien, "daß so viele Tausende armer Arbeiterinnen sich der Prostitution in die Arme zu werfen gezwungen waren".[23] Sie sei nichts anderes als "eine notwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt (…) wie Polizei, stehendes Heer, Kirche und Unternehmerschaft"[24] und könne daher erst in einer sozialistischen Gesellschaft abgeschafft werden.

Außerhalb des Reichstag kämpften die "Abolitionistinnen", die als Frauen weder das aktive noch das passive Wahlrecht besaßen, in öffentlichen Versammlungen, Reden und Schriften gegen die Doppelmoral der Gesellschaft. Die Gründerin des "Deutschen Kulturbundes" (1880) Getrud Guillaume-Schack warf den Obrigkeiten der Gesellschaft in Ihrem Vortrag "über unsere sittlichen Verhältnisse" 1882 vor "die betreffenden Frauen allein zur Verantwortung ziehen und den vielleicht hauptschuldigen Teil, den Mann, frei ausgehen"[25] zu lassen. Die Polizei verbot den Vortrag bereits nach einer Viertelstunde "wegen groben Unfugs".[26] Nach Guillaume-Schacks Ausweisung aus Deutschland 1886 entstanden neue Vereine: in Hamburg unter der Leitung von Lida Gustava Heymann, in Berlin unter der von Anna Pappritz und in Dresden leitete Katharina Scheven einen Verein des 1904 gegründeten deutschen Dachverbandes der Internationalen Abolitionistischen Föderation. 1903 fuhr Anna Pappritz nach Frankfurt am Main, zum ersten Kongress der ein Jahr zuvor gegründeten Internationalen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Die dort versammelten Ärzte lehnten – wie die Abolitionistinnen – das System der Reglementierung ab. Aber – so die Ärzteschaft – eine Abschaffung der "Gewerbsunzucht" sei nicht möglich. Sexuelle Einschränkung oder gar Enthaltsamkeit schade der Gesundheit des normalen Mannes. "Der Geschlechtstrieb des Mannes verlange nach der Vereinigung mit dem Weibe, die Frau aber kenne diesen Trieb gar nicht, bei ihr wäre der Geschlechtstrieb nur Sehnsucht nach dem Kinde!". Daher forderte "die Majorität (…) mit einer geradezu stürmischen Eindringlichkeit, (…) Staatsbordelle" einzurichten, und zwar "unter der Leitung und Aufsicht gebildeter Frauen".[27]

In ihrem sarkastischen Kongressbericht malte sich Anna Pappritz "die Ausführung dieses herrlichen Planes in der Praxis" aus: "Natürlich müssen diese Häuser so gelegen sein, daß sie keine Gefährdung für die Kinderwelt darstellen, ebenso wenig dürfen sie provozierend auf die männliche Jugend einwirken, denn – das wurde immer wieder und wieder betont – der Mann muß vor der Verführung geschützt werden; außerdem müssen sie, um nicht wirkungslos zu bleiben, die gesamte, also auch die geheime Prostitution, beherbergen. Fassen wir nun einmal die Berliner Zustände ins Auge: Sachverständige taxieren die Zahl der Berliner Prostituierten auf 20.000 (natürlich inklusive der geheimen). Man müßte also vor den Toren Berlins eine Bordellstadt von 20.000 Einwohnerinnen errichten. Ein solches Gemeinwesen bedarf (…) eines Oberhauptes, einer Verwaltung, es muß Läden, Handwerker, Feuerwehr, Schornsteinfeger, Straßenbahnen, ein Krankenhaus usw. haben. Aus der Bordellstadt wird also ein Weiberstaat (denn wegen der ‚Verführung‘ dürfen selbstverständlich Männer diese Posten, Betriebe und Berufe nicht ausfüllen) und somit wäre ja denn auch die Frauenfrage gelöst: alle Berufe, vom Bürgermeister bis zum Schornsteinfeger, stehen der Frau offen – in der Bordellstadt. Abends kommen dann die langen Extra-Züge aus Berlin an, mit dem ‚konsumierenden Publikum‘ (…). Aber – so werden mir meine Leser einwenden – es ist doch ganz undenkbar, daß wissenschaftlich gebildete Männer derartige Absurditäten forderten. Doch, sie forderten wirklich – fast einstimmig – das Staatsbordell (…) unter der Leitung von anständigen, gebildeten Frauen. Ich zog nur die Konsequenz aus dieser Forderung".[28]

Nach Sozialdemokraten und Abolitionistinnen meldeten sich seit den 1970er Jahren erstmals die Prostituierten selber zu Wort. Den Auftakt der sogenannten "Hurenbewegung" bildete eine Kirchenbesetzung von 150 Prostituierten am 2. Juni 1975 im südfranzösischen Lyon, der weitere Besetzungen folgten. Die Frauen sagten, dass ihre Arbeit das "Mittel" sei, "das wir gefunden haben, um mit dem Leben fertig zu werden", und wehrten sich dagegen, dass sie auf der einen Seite gebraucht und deshalb nicht verboten, auf der anderen aber als "schmutzige, anormale" Personen verachtet wurden.[29] Der 2. Juni wurde zum "Internationalen Hurentag" erhoben, es folgten nationale und internationale Kongresse und 1986 erreichten die Frauen eine Resolution des Europäischen Parlaments, in der sich die Mitgliedsstaaten verpflichteten, "die Ausbildung der Prostitution zu entkriminalisieren und den Prostituierten Rechte einzuräumen".[30]

Auf dem europäischen Kongress 1991 in Frankfurt am Main forderten die Teilnehmerinnen – anders als die Sozialdemokraten und die Abolitionistinnen im 19. Jahrhundert – nicht mehr die Abschaffung der Prostitution, sondern ihre Anerkennung als Lohnarbeit oder Gewerbe. Die Prostituierte Cora Molloy trug das Modell "Beruf Hure" vor, das ihre Mitstreiterinnen – gemeinsam mit Juristinnen und Frauen der PDS und der Grünen – entwickelt hatten. Das erste betraf die "abhängig beschäftigte Lohnarbeiterin". Das zweite Beispiel, die "selbständige Unternehmerin", sollte ein Gewerbe angemeldet haben, Steuern zahlen und sich privat kranken- und sozialversichern. Bei dem dritten Beispiel ging es um die "Subunternehmerin", die über eine Agentur arbeitet, die für sie wirbt und ihr die Freier vermittelt. Auch die Subunternehmerin versichert sich eigenständig.[31] 1990 wurde das Modell im Bundestag in einer öffentlichen Anhörung diskutiert; vor dem Hintergrund der rot-grünen Koalition, die im September 1998 die Regierung übernahm, kündigte die Bundesfrauenministerin Christine Bergmann einen Gesetzentwurf an, der im Oktober 2001 in dritter Lesung im Bundestag, im Dezember auch im Bundesrat angenommen wurde und am 1. Januar 2002 als "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten" in Kraft trat.[32]

Damit hatten Prostituierte deutscher Staatsangehörigkeit erstmals in ihrer Geschichte das Recht, sich im Sozial-, Kranken- und Rentenbereich versichern zu lassen, sowie ein einklagbares Recht auf ihren Verdienst, da – wie es in Paragraf 1 des Gesetzes heißt – "ein vorher vereinbartes Entgelt" für "sexuelle Handlungen (…) eine rechtswirksame Forderung" darstellt. Außerdem bekamen die Frauen, die einen offiziellen Beruf ergreifen wollten, einen Anspruch auf eine vom Arbeitsamt zu bezahlende Umschulung.

Trotzdem hat das Prostitutionsgesetz – wie ein Expertengespräch im Oktober 2012 im Bundestag ergab – das Problem der real existierenden Prostitution, deren schlimmste Form die brutale Ausbeutung der Zwangsprostituierten ist, nicht gelöst. Prostitution galt also nicht nur in der Geschichte nicht als "Gewerbe". Selbst seit dem seit 2002 geltenden Prostitutionsgesetz ist sie nur mit Einschränkungen als solches zu bezeichnen. Die Meinung, Prostitution sei das "älteste Gewerbe der Welt", ignoriert die gesellschaftlichen, sozialen, rechtlichen und vor allem wirtschaftlichen Faktoren und verfälscht sie zu einer naturgegebenen und damit nicht zu verändernden Realität.

Fußnoten

23.
Vgl. Stenographische Berichte (Anm. 6), S. 2684.
24.
August Bebel, Die Frau und der Sozialismus, Berlin 1964 (zuerst 1879), S. 211.
25.
Gertrud Guillaume-Schack, Über unsere sittlichen Verhältnisse und die Bestrebungen und Arbeiten des Britisch-Continentalen und Allg. Bundes, in: Marielouise Janssen-Jurreit (Hrsg.), Frauen und Sexualmoral, Frankfurt/M. 1986, S. 64.
26.
Anna Pappritz (Anm. 20), S. 170.
27.
Anna Pappritz, Herrenmoral, in: M. Janssen-Jurreit (Anm. 25), S. 89.
28.
Anna Pappritz (Anm. 27), S. 86–88.
29.
Pieke Biermann, "Wir sind Frauen wie andere auch" – Prostituierte und ihre Kämpfe, Hamburg 1980, S. 190.
30.
Beruf Hure oder: Annäherung an die Arbeitswelt – Dokumentation, in: Frankfurter Rundschau vom 30.12.1992.
31.
Vgl. ebd.
32.
Bundesgesetzblatt 2001 I Nr. 74, S. 3983.
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