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Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Laura Kajetzke
Anina Engelhardt

Leben wir in einer Wissensgesellschaft?

Schöne neue Wissensgesellschaftswelt?

Die bislang skizzierte Wissensgesellschaft klingt eigentlich recht vielversprechend. Doch was ist mit den Kehrseiten der Wissensgesellschaft? Ermöglicht die Ausbreitung von Wissen in alle gesellschaftlichen Bereiche ein gutes Leben für alle? Anders gefragt: Haben alle Menschen gleichermaßen die Chance, an der Wissensgesellschaft zu partizipieren und von ihr zu profitieren?

Den drei genannten "Promis" der sozialwissenschaftlichen Diagnose "Wissensgesellschaft" ist vielfach vorgeworfen worden, die Frage nach Ungleichheit in der Wissensgesellschaft sträflich vernachlässigt zu haben.[19] Dieses Urteil trifft insofern zu, als keiner von ihnen eine solche Sicht auf die Wissensgesellschaft in den Mittelpunkt der Analysen stellt. Ebenso verkürzt wäre es allerdings zu behaupten, dass sie das Thema vollständig ausblenden würden.

Von Stehr wird die emanzipatorische Seite des Wissens im Sinne einer kantisch-aufklärerischen Form der Mündigkeit betont. Wenig hält er davon, gängige Ungleichheitstheorien auf die Sozialstruktur der Wissensgesellschaft anzuwenden, da "die dominanten begrifflichen Kategorien der Ungleichheitstheorien Akteure und Gruppen eher als gefügige, inflexible Kreaturen darstellen, die sich oft nur als Opfer dargestellt sehen und sich in singuläre, dezidierte Strukturen sozialer Ungleichheit verstrickt finden".[20] Einen "Fahrstuhl-Effekt" konstatiert Stehr in Anschluss an Ulrich Beck nicht nur im Hinblick auf Arbeit und Lebenslage, sondern auch auf Handlungsalternativen qua Wissen.[21] Das bedeutet, dass alle gesellschaftlichen Schichten vom jeweiligen sozialstrukturellen Ausgangspunkt eine Etage aufwärts fahren und eine relative Steigerung ihrer Handlungsoptionen erfahren. Aus dieser Perspektive heraus werden Menschen zu aktiven Gestaltern ihres Schicksals, soziale Benachteiligung muss kein unabwendbares Widerfahrnis bleiben. Die Bedeutungszunahme des Wissens führt nach Stehr auch dazu, dass es im Kampf um Ressourcen, Macht und Einfluss zu einer entscheidenden Größe wird. Durch Wissen verstärken sich Ungleichheiten in der Wissensgesellschaft möglicherweise sogar noch, da es als Waffe zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation und gegen andere verwendet werden kann.

Auch Willke verneint nicht, dass Ungleichheiten und Machtasymmetrien in der Wissensgesellschaft vorkommen. Die Wissensgesellschaft ist für ihn keine zu realisierende Utopie eines besseren Lebens, sondern eine Kombination aus Atopie (globaler Ortlosigkeit), Dystopie (die Kehrseite der Wissensgesellschaft, bestehend aus Ängsten, Risiken, Krisen) und Heterotopie (der Umgang mit pluralen Wissensordnungen).[22] Die "dystopischen" Seiten der Wissensgesellschaft offenbaren sich vor allem für jene, die den neuen Anforderungen nicht genügen, den – so Willke – "Dummen" der Wissensgesellschaft. Dies sind einerseits die "regulären Dummen" mit geringen Intelligenzquotienten oder nicht ausreichender Qualifizierung, andererseits aber auch das "kognitive Proletariat" beziehungsweise die "neuen Dummen". Hierbei handele es sich um Menschen mit hoher formaler Bildung, deren Wissensbestände jedoch für die gesellschaftliche Praxis irrelevant seien: "Einige der neuen Heroen der Wissensgesellschaft sind (…) ziemlich seltsame Figuren und in jedem Fall Emporkömmlinge. Hacker, Modeschöpfer, Popmusiker, Schönheitschirurgen (…), TV-Moderatoren, Models, (…) oder Tennisspieler fallen die Treppen der Wissensgesellschaft hinauf, weil sie über relevante Erfahrungen in Feldern von großem allgemeinen Interesse verfügen, während zur gleichen Zeit die meisten Schriftsteller, Gelehrten oder sogar Nobelpreisträger völlig unbekannt und einflusslos bleiben."[23] (Wirtschaftlicher) Erfolg definiert die Gewinnerseite im kognitiven Kapitalismus der Wissensgesellschaft. Das mag offensichtlich ungerecht sein, aber ein soziales Machtgefälle, in dem Wissenseliten in der Minderheit sind und die "Dummen" die Mehrheit stellen, sei unvermeidbar, so Willkes Fazit.

Für Knorr Cetina stehen andere Fragen im Vordergrund als jene nach den neu entstehenden Ungleichheiten in der Wissensgesellschaft. Dies liegt an ihrem Erkenntnisinteresse, Wissenskulturen in ihrer Funktionsweise genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie ein abstrakter Akteur wie beispielsweise das "globale Finanzsystem" an konkreten Orten "tickt", wie sich menschliche und nichtmenschliche (etwa Börsenkurse, Bildschirme) Entitäten miteinander zu sich wechselseitig definierenden Netzwerken verknüpfen, findet sie faszinierender als die Auswirkungen dieses Finanzsystems auf bestimmte Bevölkerungsgruppen. Ihr Fokus liegt dabei stärker auf der Ermöglichung statt auf wirksamen Zwängen, auch wenn sie diese nicht vollständig außer Acht lässt. Ähnlich wie Stehr befürchtet sie, dass eine zu vorschnelle Beurteilung bestimmter gesellschaftlicher Veränderungsprozesse als "Entfremdung" im Marxschen Sinne übersieht, welchen alternativen Nutzen Akteure aus den gewandelten Interaktionssituationen möglicherweise ziehen. Die Benachteiligten der neuen Gesellschaftsordnung "Wissensgesellschaft" werden in ihren Analysen zum blinden Fleck.

In Bezug auf die drei erfolgreichsten zeitdiagnostischen Perspektiven zur Wissensgesellschaft lässt sich festhalten, dass die Themen Ungleichheit und Chancengerechtigkeit gar nicht (Knorr Cetina), am Rande (Stehr) oder fatalistisch (Willke) angesprochen werden. Gemein haben die drei Vertreter, dass sie die Rücknahme sozialer Prinzipien zwar feststellen, sich aber wenig oder achselzuckend mit den Verliererinnen und Verlierern dieser sozialstrukturellen Wandlungsprozesse auseinandersetzen. Auch wird innerhalb des jeweiligen zeitdiagnostischen Gedankengebäudes – mit Ausnahme von Knorr Cetina – nicht reflektiert, welchen Effekt Zeitdiagnosen auf gesellschaftliche Veränderungen haben können.

Fazit: Ambivalenzen der Wissensgesellschaft

Die Beobachtungen hinterlassen ein ambivalentes Gefühl. Einerseits leistet diese Gesellschaftsbeschreibung gerade das, was von einer guten Diagnose erwartet werden sollte: Sie scheint eine überzeugende Anatomie der Gegenwart zu liefern und erfährt deswegen breite Akzeptanz. Zudem betont sie neue Handlungsspielräume der Akteure und neigt nicht zur Schwarzmalerei vieler anderer soziologischer Ansätze, die vor allem auf die Ausweglosigkeit (post-)moderner Verhältnisse hinweisen. Andererseits konnten aber auch die Risiken dieser Beschreibung herausgearbeitet werden, die nicht nur eine aktuelle Situation sprachlich repräsentiert, sondern selbst zur Legitimation sich verschlechternder Verhältnisse herangezogen wird und Politiken der Deregulierung und des Sozialabbaus damit faktisch unterstützt. Das Versprechen, dass in der Wissensgesellschaft mehr möglich ist, hat ein neoliberales Geschmäckle von "selbst schuld, wer diese Möglichkeiten ungenutzt lässt". Die Zeitdiagnose "Wissensgesellschaft" oszilliert folglich zwischen Sichtbarmachung von Verhältnissen und der Vereinnahmung durch Interessengruppen, zwischen Aufklärung und Verklärung der Bedingungen, die das gesellschaftliche Leben bestimmen.

Auch wenn die Wissensgesellschaft sich in den gesellschaftlichen Feldern und den sozialwissenschaftlichen Ansätzen in der Regel affirmativ auf die kapitalistische Ordnung bezieht und diese als einzig mögliche aller Welten argumentativ stützt, so hat diese Konstellation aus strukturellen Freisetzungsprozessen und der Bereitstellung von Denkwerkzeugen aber auch das Potenzial zur Unterminierung des Status quo: "Die wissensgesellschaftliche Formation bietet – gleichsam in potenziell selbstdestruktiver Weise – die strukturellen Voraussetzungen, um auch alternatives, konkurrierendes, gegenhegemoniales Wissen über die Ordnung der Gesellschaft zu produzieren."[24] Struktur und Semantik der Wissensgesellschaft ermöglichen es, an dem Stuhl, auf dem sie thront, zu sägen.

Nachdem die Diagnose nun bereits seit einigen Jahren dominant ist, gesellen sich inzwischen weitere Labels um die Beschaffenheit der Gegenwartsgesellschaft hinzu: Ob "Innovationsgesellschaft", "Zeitalter der Beschleunigung", "Aktivierungsgesellschaft" oder auch die "erschöpfte Gesellschaft"[25] – sie alle wollen die Gegenwart in ihren prägendsten Entwicklungen beschreiben. Jenseits der einzelnen Varianten der Diagnosen ergibt sich daraus jedoch auch ein gemeinsames Bild, auf das die Wissensgesellschaft schon hingedeutet hat. Das Wissen ist nun über Jahrzehnte hin rationalisiert worden und ist im Verlauf dieses Prozesses reflexiver geworden, weil die Entstehungsbedingungen und die allgemeine Gültigkeit von Wissen kritisch untersucht und hinterfragt wurden. Daraus erfolgt ein besonderer Begründungszwang für die Geltung von Wissen, der zum Beispiel als Steuerungsfrage in der Innovationsgesellschaft aufscheint: Die strategische Herstellung von Neuem erfordert eine stetige, auf sich selbst bezogene Begründung des Handelns. Aus dem Blick der Aktivierungsgesellschaft werden die inhärenten und offenen Anpassungsdogmen eines allgegenwärtigen Konkurrenzkampfes möglichst mobiler Arbeitskräfte greifbar.

Diesen Prozess des Nach-, Um- und Weiterdenkens in Gang gesetzt zu haben ist ein Verdienst der Diagnose "Wissensgesellschaft". Leben wir in solch einer Ordnung? Die Antwort lautet: Ja, aber nicht nur und keinesfalls "alternativlos". Und wir können uns fragen, in welcher Art von Wissensgesellschaft – mit welchem Wissen, in welchen Machtverhältnissen – wir eigentlich leben wollen.

Fußnoten

19.
Vgl. U. Bittlingmayer (Anm. 9). Vgl. auch Andrea Bührmann, Legitimation: Wissensgesellschaft als Mantel des Neoliberalismus?, in: A. Engelhardt/L. Kajetzke (Anm. 8), S. 335–345.
20.
N. Stehr (Anm. 2) , S. 200.
21.
Beck bezieht sich hier auf "ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft, Massenkonsum". U. Beck (Anm. 4), S. 122. Stehr leitet hieraus ergänzend einen Fahrstuhleffekt der Handlungsoptionen ab.
22.
Vgl. Helmut Willke, Atopia. Studien zur atopischen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2001; ders. (Anm. 15); ders., Heterotopia. Studien zur Krisis der Ordnung moderner Gesellschaften, Frankfurt/M. 2003.
23.
H. Willke (Anm. 15), S. 209f.
24.
Stephan Lessenich, Arbeit, Beschäftigungsverhältnisse, Sozialstaat, in: A. Engelhardt/L. Kajetzke (Anm. 8), S. 207–217.
25.
Vgl. Michael Hutter et al., Innovationsgesellschaft heute – die reflexive Herstellung des Neuen, Technical University Technology Studies Working Papers 4/2011, online: http://www.ts.tu-berlin.de/fileadmin/fg226/TUTS/TUTS_WP_4_2011.pdf« (27.3.2013); Stephan Lessenich, Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivierungsgesellschaft, in: Klaus Dörre/Stephan Lessenich/Hartmut Rosa (Hrsg.), Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt/M. 2009, S. 126–180.
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