Tag der Arbeit - Rote Nelken

24.9.2013 | Von:
Stefan Berger

Das Individuum und die "proletarische Kollektivität": unversöhnliche Gegensätze?

Anarchistische Arbeiterbewegung.

Die anarchistische Arbeiterbewegung war in ihren theoretischen Grundannahmen einem viel radikaleren Individualismus verpflichtet, der zum Teil jeglichen Konstruktionen von Kollektiven ablehnend gegenüberstand. So forderte der Ökonom Pierre-Joseph Proudhon etwa ein herrschaftsfreies System ohne Staat und Kirche, in dem sich das proletarische Kollektiv selbst organisierte und damit einem radikalen Individualismus als Zielperspektive wahrer Selbstverwirklichung Tür und Tor öffnete. Auch der Revolutionär Michail Bakunin ging von einem Absterben des Staates aus und predigte einen libertären Sozialismus, der vor allem an den Bedürfnissen des Individuums orientiert sein sollte.

Der Anarchosyndikalismus der Zwischenkriegszeit, der besonders in Spanien, Italien und Frankreich große organisatorische Erfolge verzeichnete, beförderte die Organisation des proletarischen Kollektivs gerade im Hinblick auf die Ermöglichung eines proletarischen Individualismus. Auch hier wurden also proletarisches Kollektiv und Individuum als zwei Seiten einer Medaille zusammengedacht.

Doch im Krieg der Ideologien des 20. Jahrhunderts fand der Anarchosydikalismus keinen Platz. Zwischen Liberalismus, Kommunismus und Faschismus wurde er zerrieben, und nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er überall in Europa ausgesprochen minoritär. Seine zum Teil spannenden Gedanken zum Verhältnis von Individualismus und proletarischem Kollektiv gilt es heute immer noch wiederzuentdecken und für die politische Praxis der Gegenwart zu aktualisieren.[12]

Der Kommunismus und die sozialdemokratische Abkehr vom proletarischen Kollektiv.

Die konsequentesten Befürworter einer weiterhin dichotomisch-binären Konstruktion von bürgerlichem Individualismus hier und proletarischem Kollektivismus dort waren die Kommunisten, die unter Berufung auf letzteren ihre Diktatur des Proletariats errichteten und Andersdenkende bis zur physischen Vernichtung verfolgten. In der Sowjetunion nach 1917 und dem kommunistischen Osteuropa nach 1945 konnte der Vorwurf des bürgerlichen Individualismus tödlich sein. Unter Berufung auf die proletarische Kollektivität, deren Willen von der regierenden kommunistischen Partei repräsentiert wurde, kam es zu einer Uniformierung des öffentlichen Raumes, der nur noch den Rückzug in die Nischengesellschaft des Privaten als letztes Refugium der Resistenz erlaubte.[13]

Der Kampf der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gegen Kommunismus und Faschismus führte letztendlich, unter dem Eindruck des Kalten Krieges, zu einer Sozialliberalisierung, welche die alten Gegner aus sozialliberalem und sozialdemokratischem Milieu zu Verbündeten machte. Das sich bereits in der Zwischenkriegszeit andeutende Bekenntnis vieler Sozialdemokraten zum Pluralismus und zur Demokratie war beredtes Zeichen dafür, dass man in der Klassengesellschaft nun nach Wegen kollektiver Emanzipation zu suchen begann, die auch den einzelnen Arbeiter zu einem individuellen Bürger transformieren konnte.

In Deutschland waren es Sozialdemokraten wie Gustav Radbruch und Hermann Heller, die diesem pluralistischen Gesellschaftsverständnis schon in der Zwischenkriegszeit zum Durchbruch verhalfen und damit in der Zeit nach 1945 die theoretischen Grundlagen für die Transformation der SPD zu einer Volkspartei legten. Die Integration vieler Organisationen der Arbeiterkulturbewegung in kommunale und staatliche Institutionen (wie die Überführung vieler Arbeiterbibliotheken und kultureller Veranstaltungen in das Angebot der Stadtbüchereien und der Volkshochschulen) zeigt auch das Interesse der Sozialdemokratie, sich von dem proletarischen Kollektiv zu verabschieden.[14]

Dennoch bleibt die europäische Sozialdemokratie bis heute eine Bewegung, die sich den Interessen der einfachen Leute, zu denen auch die Arbeiter gerechnet werden, besonders verbunden weiß. Doch von proletarischer Kollektivität sprechen heute kaum noch Sozialdemokraten. Die Vereinnahmung des Topos durch den "real existierenden Sozialismus" in Osteuropa während der Zeit des Kalten Krieges machte den Begriff suspekt. Der Kalte Krieg war es auch, der zumal in Frontstaaten wie der Bundesrepublik eine mentale Entproletarisierung des politischen Diskurses zu einer Zeit bewirkte, zu der es durchaus noch stark ausgeprägte Klassenmilieus und -kulturen in Westeuropa gab. Bestes Beispiel dafür ist der Topos von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der sich in der Bundesrepublik schon in den 1950er Jahren etablieren konnte, zu einem Zeitpunkt also, wo er eher eine soziale Fiktion als eine soziale Realität widerspiegelte.

Spätestens seit den 1970er und 1980er Jahren verschwanden dann allerdings tatsächlich zunehmend die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen dieser kollektiven Proletarität. Unter dem Eindruck der Tertiärisierung der Arbeitswelt (vor allem der Ausbau des Dienstleistungssektors) wurde die klassische Industriearbeit mit "Normalarbeitsverhältnissen" zunehmend minoritär. Die klassischen Proletarier, die Industriearbeiter, waren nur noch eine zunehmend kleinere Minderheit aller Beschäftigten. Klassenein- und Klassenzuteilungen wurden damit zunehmend problematischer.

Hinzu kam noch ein mit den neuen sozialen Bewegungen entstehender neuer Subjektivismus, der sich mit ausgeprägt postmateriellen Werteeinstellungen paarte. Die postindustrielle, postmaterielle und postmoderne Gesellschaft, die in den 1970er Jahren am Horizont erschien, ließ sich nicht mehr mit Theorien von proletarischer Kollektivität verstehen und analysieren. Und so nahm auch die Sozialdemokratie zunehmend Abschied von dieser Kollektivität und der schwindenden Klientel, die diese Kollektivität einst repräsentierte.[15]

Begründung der Solidarität aus welchem Kollektiv?

Der Triumph eines neoliberalen Kapitalismus nach dem Ende des Kommunismus brachte auch die europäischen Sozialdemokratien in die Defensive. Ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz konnte in der Zeit des Kalten Krieges mit Verweis auf den kommunistischen Rivalen leichter durchgesetzt werden als in der Zeit nach 1990, als dem Kapitalismus der Hauptgegner abhandengekommen war und die Wellen der Globalisierung eine verschärfte Konkurrenzsituation kapitalistischer Staaten herbeiführte, die in Europa Diskussionen über zu hohe Sozialstandards auslöste. Sozialdemokratische Ideen von Regulierung der Märkte, staatlicher Makrosteuerung der Wirtschaft, gesellschaftlichem Social Engineering beziehungsweise gesellschaftlicher Regulierung und einer Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums sahen sich allesamt massiver Kritik ausgesetzt. Die Solidarität des proletarischen Kollektivs, die einstmals auch die Stärke der sozialdemokratischen Politikvorstellungen untermauerte, war den Sozialdemokratien abhandengekommen.

Eine radikal individualisierte und atomisierte Gesellschaft von monadischen Existenzen stellt aber keine Grundlage für eine sozialdemokratische Politik dar, die sich weiterhin an den Werten von Gleichheit ebenso orientiert wie an den Werten von Freiheit. Im deutschen Wahlkampf des Jahres 2013 warb die SPD mit dem Slogan "Das Wir entscheidet" – es stellte ohne Frage den Versuch dar, eine neue Basis für solidarische Politik zu finden. Doch schaut man sich die Werbespots an, die den Slogan näher beschreiben, fällt auf, dass dieses "Wir" kein soziales "Wir" mehr darstellt, sondern ein nationales: Es geht um Deutschland und um die deutsche Gesellschaft, nicht um bestimmte soziale Schichten in dieser Gesellschaft. Man vermeidet, wohl mit Blick auf den appeal als Volkspartei, konkrete soziale Bezugnahmen und in der Tat ist dies angesichts der Auflösung sozialer Identitäten in modernen europäischen Gesellschaften auch nur konsequent.

Wie eine solche nationale Solidarität in Beziehung steht zu einer europäisch orientierten Sozialdemokratie und wie sie in einer sich zunehmend globalisierenden Welt funktionieren soll, das dürften Fragen nach der Quadratur des Kreises sein. Allerdings, dies zeigt das Beispiel aus dem deutschen Wahlkampf 2013 deutlich, ist die Spannung zwischen Individuum und Kollektivität nach wie vor eine der zentralen Herausforderungen an sozialdemokratische Politik – und das seit nunmehr fast 200 Jahren.

Fußnoten

12.
Vgl. George Woodcock, Anarchism: a History of Libertarian Ideas and Movements, Plymouth 2004.
13.
Es gibt viele gute Bücher zum deutschen und internationalen Kommunismus, die das einseitige Ausspielen des proletarischen Kollektivs gegen die angebliche Gefahr des Individualismus beschreiben. Vgl. beispielsweise: Eric D. Weitz, Creating German Communism, 1890–1990: from Popular Protests to Socialist State, Princeton/NJ 1997.
14.
Vgl. zur Arbeiterkulturbewegung: Wilfried van der Will/Rob Burns, Arbeiterkulturbewegung in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1982; vgl. zu pluralistischen Gesellschaftsvorstellungen in der SPD: Walter Pauly (Hrsg.), Rechts- und Staatsphilosophie des Relativismus: Pluralismus, Demokratie und Rechtsgeltung bei Gustav Radbruch, Baden-Baden 2011; Wolfgang Schluchter, Entscheidung für den sozialen Rechtsstaat: Hermann Heller und die staatstheoretische Diskussion in der Weimarer Republik, Baden-Baden 1983.
15.
Vgl. Gerassimos Moschonas, In the Name of Social Democracy: The Great Transformation, 1945 to the Present, Cambridge 2002.
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