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Tag der Arbeit - Rote Nelken

24.9.2013 | Von:
Detlef Lehnert

Arbeiterbewegung und gesellschaftlicher Fortschritt

Mitdenken, Mitbestimmen, Mitregieren

Das viel zitierte Motto aus einer 1872 gehaltenen Rede von Wilhelm Liebknecht, einer der Gründer der SPD, "Wissen ist Macht – Macht ist Wissen" verweist auf den Zusammenhang von Arbeiterbildung mit Politik und staatlichem Einfluss auf die Bewusstseinsformung. Neben "integralen" Arbeitervereinen mit umfassenden Angeboten waren die Arbeiterbildungsvereine die Vorläufer der späteren Organisationsvielfalt. Über berufsdienliche Bildungsofferten hinaus war darin auch der obrigkeitsstaatlichen und anstaltskirchlichen Bevormundung entzogene Persönlichkeits- und Meinungsbildung wesentlich enthalten. Wenngleich die Lektüre breiter angelegt war und so der Allgemeinbildung diente, wurde die unmittelbare Kommunikation im Arbeitermilieu zunehmend durch eigene Druckerzeugnisse der organisierten Arbeiterbewegung ergänzt. Gerade von zwei frühzeitig gewerkschaftlich beziehungsweise politisch engagierten Berufsgruppen ist bekannt, dass sie auch in der Informations- und Wissensaneignung besonders aktiv waren: Für die Setzer und Buchdrucker wurde das schon aus ihrer textbezogenen Berufstätigkeit gefördert. Bemerkenswert war auch die Praxis bei Zigarrenarbeitern, in einer Arbeitsgruppe dieses geräuscharm und im Gruppenakkord ausgeübten Gewerks jeweils einen Vorleser freizustellen, um während der langen Arbeitszeiten über das Tages- und Zeitgeschehen unterrichtet zu werden.[12]

Mit einem bereits in der Weimarer Republik verbesserten Schulwesen gelang vielen Lernorientierten aus großstädtischen Facharbeiterfamilien der Aufstieg in die expandierenden Angestelltenberufe. So richtig der Hinweis auf den (bis heute) geringen Anteil der Studierenden aus den Arbeiterhaushalten ist, vernachlässigt dieser Befund dennoch vorausgegangene Verschiebungen in der Sozialstruktur der beiden mittleren Viertel des Statusgefüges. Unter nicht privilegierten Angestellten (und Beamten) war Bildungsaufstieg weitaus häufiger, das heißt eine stufenweise voranschreitende Mobilisierung von Begabungsreserven erfolgte häufig über zwei bis drei Generationen. Um die erwähnten Fälle aufzugreifen: Den Setzern folgten beispielsweise Büroschreiber und diesen in nächster Generation auch diverse Textverfasser, den Vorlesern in der Arbeitsgruppe beispielsweise die Betriebsausbilder und schließlich auch Vortragende in allgemein- und berufsbildenden Schulen.

Sozialistische Arbeiterjugend, 1931Sozialistische Arbeiterjugend, 1931 (© picture-alliance/akg)
Insoweit führte die Bildungsorientierung der Arbeiterbewegung in deren aktiven und konfliktfähigen Teilen zum Abbau des "proletarischen" Charakters gerade im Kernmilieu. Sogar der im Habitus als idealtypischer Arbeiterführer erscheinende Herbert Wehner, nach 1945 von der KPD zur SPD gelangt, entstammte zwar einem sozialdemokratischen Elternhaus in Dresden und hatte einen Schuhmacher zum Vater und eine Schneiderin zur Mutter. Er war jedoch nach guten Schulleistungen selbst als Verwaltungsangestellter tätig, bevor er Berufspolitiker wurde. Umgekehrt hat man lange Zeit bei dem studierten Ökonomen Helmut Schmidt eher "bürgerliche" Herkunft angenommen, weil der eher unpolitische Vater zuletzt Studienrat in Hamburg war. In Wirklichkeit hatte dieser sich aber (zumal unehelicher und jüdischer Herkunft) selbst mühsam über eine Angestelltenlehre und dann zunächst in den Volksschullehrerberuf emporgearbeitet. Auch Willy Brandt gelangte, als unehelicher Sohn eines Realschullehrers und einer Verkäuferin, zum damals noch seltenen Abitur und war zugleich über das Aufwachsen bei sozialdemokratischen Großeltern von einem bildungsfreundlichen Arbeiterbewegungsmilieu in Lübeck geprägt. Der spätere Bildungsaufstieg von Angestellten- und Beamtenkindern, deren Eltern meist einen Volks- und nur ausnahmsweise einen Realschulabschluss hatten, kann insofern teilweise als Langzeitfolge der Arbeiter(bildungs)bewegung interpretiert werden.

Das erweiterte solange die soziale Basis der Sozialdemokratie, wie gleichzeitig auch die Arbeiterschaft insbesondere bis in die 1970er Jahre an Verbesserungen in der Berufsausbildung und so an der positiven Chancen- und Einkommensentwicklung partizipieren konnte. Der historische Bruch erfolgte im Übergang von den 1980er zu den 1990er Jahren, indem nunmehr Arbeiter gegenüber Angestellten in die gesellschaftliche Minderheit geraten waren und sie allmählich in der veröffentlichten Meinung eher zu Bildungs- und Modernisierungsverlierern gestempelt wurden.

Mit der Bildungsorientierung in der klassischen Arbeiterbewegung waren folgerichtig zugleich Mitbestimmungsansprüche auf Betriebs- und in weiterer Konsequenz auch gesamtwirtschaftlicher Ebene verbunden. Wesentliche Fortschritte wurden auch in dieser Hinsicht erst mit der Revolution von 1918/1919 erzielt. In der Zentralarbeitsgemeinschaft begegneten sich nun Gewerkschaften und Unternehmerverbände zunächst gleichberechtigt. Mit Artikel 165 der Weimarer Verfassung wurden eigenständige Betriebs- und Bezirksarbeiterräte sowie ein Reichsarbeiterrat und zusammen mit Unternehmerorganisationen besetzte Wirtschaftsräte in Bezirken und auf Reichsebene vorgesehen. Nicht zufällig bestand zunächst nur von der Novemberrevolution 1918 bis zur Hyperinflation 1923 der Achtstundentag (damals noch mit Samstagsarbeit) als Regel. An seiner Demontage seitens der Unternehmerschaft zerbrach 1924 die Zentralarbeitsgemeinschaft, der Artikel 165 blieb weithin unerfüllt. Die Forderung des Görlitzer SPD-Programms nach "Ausgestaltung des wirtschaftlichen Rätesystems" wurde im Heidelberger Programm von 1925, das auch die "Schaffung der europäischen Wirtschaftseinheit" und der "Vereinigten Staaten von Europa" propagierte, präzisiert: "Durchführung eines Mitbestimmungsrechts der Arbeiterklasse an der Organisation der Wirtschaft unter Aufrechterhaltung des engen Zusammenhangs mit den Gewerkschaften."[13] Die von den Gewerkschaften erstrittene Montan-Mitbestimmung seit 1951 und das Betriebsverfassungsgesetz 1952, welches von der sozialliberalen Koalition 1972 mit erweiterten Rechten reformiert wurde, sind als Teilerfolge mit solcher Vorgeschichte zu sehen.

Aus dem Verlangen nach betrieblicher und branchenbezogener Mitbestimmung sowie der Mitgestaltung an den sozialen Sicherungssystemen ergab sich zuletzt auch das Mitregieren. Bis 1918 war die Sozialdemokratie von jeglicher politischer Macht ausgeschlossen, was aber mit punktuellen Ausnahmen vor dem Ersten Weltkrieg nicht allein für Deutschland galt. Nach einer republiktragenden Rolle zwischen 1919 und 1922/1923 wurde die SPD, entgegen verbreiteten Vorstellungen, bis auf ein kurzes Intermezzo von 1928 bis 1930 für mehr als 40 Jahre an keiner Reichs- oder Bundesregierung beteiligt. Ein "sozialdemokratisches Jahrhundert" (Ralf Dahrendorf) hat es daher nicht gegeben, eher schon ein antisozialdemokratisches, in dem von Bismarck bis Adenauer sogar gemäßigte konservative Politiker auch mehr oder minder scharfe Ausgrenzung betrieben, gleichzeitig aber sozialpolitische Zugeständnisse machten. Zutreffender wird man die 1970er Jahre ein "sozialdemokratisches Jahrzehnt" nennen können,[14] das allerdings von Regierungsbeteiligung in einer Großen Koalition (1966 bis 1969) angebahnt wurde und von 1980 bis 1982 noch ein Erosionsfinale erlebte.

Als Zeugin für die erst mit Bildung der sozialliberalen Koalition 1969 vorübergehend zeitprägende Bedeutung der reformistischen Arbeiterbewegung – und historischer Besinnung auf sie – kann sogar die FDP mit ihren Freiburger Thesen von 1971 zitiert werden: "Die aus der Kritik des kapitalistischen Systems entsprungene Arbeiterbewegung und die zunächst von liberaldemokratischer, wie später von sozialdemokratischer Seite initiierte Gewerkschaftsbewegung hat das geschichtliche Verdienst, die Perversion des kapitalistischen Systems nicht nur aufgehalten, sondern in einen evolutionären Prozess der ständigen Steigerung der Leistungsfähigkeit, wie der Menschlichkeit dieses Wirtschaftssystems umgekehrt zu haben."[15] Wenn mit öffentlich kaum beachteter Aufhebung der sozialversicherungsbezogenen Unterscheidung von Arbeitern und Angestellten im Jahr 2005 das Ende der traditionellen Arbeiterbewegung datiert werden soll, ist dennoch zu bedenken, dass es auch 2004 immer noch sieben Millionen Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gab.[16]

Allzu häufig spiegelten bislang jeweilige Betrachter sich nur selbst in der kritisierten beziehungsweise zur politischen Initiative ermutigten Arbeiterbewegung. So kann der 150. Jahrestag der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) am 23. Mai 1863 ein geeigneter Anlass sein, einmal wieder von der geschichtlichen Entwicklung her in die Gegenwart hinein intensiver nachzufragen. Auch für die Geschichte der Arbeiterbewegung und die von ihr angestoßenen gesellschaftlichen Fortschritte wird die vom Soziologen Ulrich Beck aufgegriffene "Frage nach dem ‚und‘" zu beachten sein, die "jenseits von entweder-oder" die "Erfindung des Politischen" in spezifisch modernem Sinne charakterisieren kann.[17] Halb selbstironisch hat Willy Brandt solche Politik als "entschiedenes sowohl-als-auch" bezeichnet.[18] Die Arbeiterbewegung umfasste stets solche inneren Spannungspotenziale: Theorie und Praxis, Reform und Revolution, Volks- und Klassenpartei, kollektive Selbsthilfe und Staatshilfe, demokratische Nation und Internationalismus.

Fußnoten

12.
Vgl. Peter Brandt/Detlef Lehnert, "Mehr Demokratie wagen". Geschichte der Sozialdemokratie 1830–2010, Berlin 2013, S. 31f.
13.
Zit. nach: H. Potthoff (Anm. 11), S. 203, S. 212f.
14.
Bernd Faulenbach, Das sozialdemokratische Jahrzehnt, Bonn 2011.
15.
Karl-Hermann Flach et al., Die Freiburger Thesen der Liberalen, Reinbek 1972, S. 65.
16.
Vgl. die Angaben des DGB: http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-heute/mitgliederzahlen/2000-2009/?tab=tab_0_10#tabnav« (13.8.2013).
17.
Ulrich Beck, Die Erfindung des Politischen, Frankfurt/M. 1993, S. 9, S. 11.
18.
Zit. nach: Robert Leicht, Ein Deutscher, der für Frieden stand, in: Die Zeit, Nr. 43 vom 16.10.1992.
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