Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Martin Sabrow

Geschichte als Instrument: Variationen über ein schwieriges Thema

Für immer immun?

Doch die Annahme, dass auf diese Weise die Historie ihre politische Indienstnahme dauerhaft abgewehrt, gleichsam Immunität gegen Instrumentalität eingetauscht habe, führt in die Irre. Insbesondere der seit dreißig Jahren ansteigende Geschichtsboom, der die Erforschung der Vergangenheit aus dem Ghetto einer universitären Spezialdisziplin in die Mitte der Gesellschaft katapultiert hat, stellt zugleich die Mechanismen der fachlichen Selbstkontrolle auf neue Proben. Neben der freien akademischen Befassung haben sich heute auch in der historischen Disziplin verschiedenste Spielarten der wissenschaftlichen Auftragsforschung etabliert. So setzt der Bund im Rahmen seiner Forschungsförderung eigene inhaltliche Schwerpunkte auch in den Geisteswissenschaften.[11] Das Bundesverteidigungsministerium unterhält sogar eine zentrale Ressortforschungseinrichtung, die auf der Basis ministerieller "Forschungsweisungen" arbeitet und in ihrer wissenschaftlichen Handlungsfreiheit nach Auffassung des Wissenschaftsrats bedrohlichen Einschränkungen unterliegt.[12]

In der historischen Unternehmensforschung hat sich lange Zeit eine Tradition der Firmengeschichte behauptet, die sich mit methodischer Konventionalität und darstellerischer Distanzlosigkeit zum hagiografischen Sprachrohr unternehmerischer Selbstdarstellung machen ließ. Als Subdisziplin von "fragwürdigem wissenschaftlichem Wert" ist dieser Zweig der Unternehmensgeschichte daher bereits seit Längerem in den Fokus auch innerfachlicher Kritik geraten.[13] Umgekehrt impliziert nicht jeder politische Auftrag auch eine fachliche Abhängigkeit. Die zahlreichen Expertenteams, die in den vergangenen Jahren konstituiert wurden, um die NS-Vergangenheit oberster Bundesbehörden und den späteren Umgang mit ihr zu erhellen, arbeiten sämtlich im Auftrag und auf Rechnung der jeweils untersuchten Behörde und doch zugleich bis hin zum Bundesnachrichtendienst und zum Bundesamt für Verfassungsschutz in erklärter fachlicher Unabhängigkeit. Auch in der über Jahre hinweg geführten Debatte um das Auswärtige Amt und seine NS-Vergangenheit ist bei aller Schärfe niemals der Vorwurf erhoben worden, dass die mit der Untersuchung betraute Historikerkommission sich von Vorgaben ihrer ministeriellen Auftraggeber hätte leiten lassen.[14]

Die Janusköpfigkeit der historischen Instrumentalisierung beschränkt sich nicht auf ihre intentionale Inanspruchnahme. Sie findet unvermeidbar bereits dort statt, wo die Geschichtsschreibung ihre analytische und reflexive Distanz gegen den geschichtskulturellen Konsens der Gegenwart eintauscht. Allein der Glaube, dass aus der Geschichte gelernt und damit ihre Wiederholung verhindert werden könne, sichert der Historie in unserer Zeit materielle und immaterielle Ressourcen, die ihrer disziplinären Leistungskraft enorm zugute kommen – und nimmt sie gleichzeitig in den Dienst eines volkspädagogischen Zwecks, der die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich anerkannten Meistererzählungen ihrer eigenen Zeit erschwert. Im epochalen Paradigma der "Aufarbeitung" hat die Zusammenführung von politisch-kulturellen und wissenschaftlichen Standards der Auseinandersetzung mit der heillosen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts breite Anerkennung erfahren, während die Risiken dieser liaison dangereuse von Geschichtspolitik, Zeitzeugenkultur und Wissenschaft bislang nur in Ausnahmefällen ins Bewusstsein treten.[15]

Selbst die gesetzliche Kriminalisierung der Auschwitzlüge oder der Leugnung des Genozids an der armenischen Bevölkerung macht wie jede andere gesellschaftliche Kodifizierung historischer Erkenntnisse Geschichte zum Instrument außerfachlicher Zwecke. Gesellschaftlich weithin anerkannt argumentieren Stimmen im Fachdiskurs, die der Erinnerung in der Figur des "moralischen Zeitzeugen" und seiner Authentizität einen von der Empirie gelösten Erkenntniswert zubilligen,[16] oder die Geschichtsschreibung zur Durchsetzung historischer Narrative auffordern.[17] Aber auch sie unterwerfen die Wissenschaft von der Geschichte einem außerwissenschaftlichen Zweck – sei er in der Geschichtskultur auch noch so akzeptiert. Gerade das unsere Gegenwartsepoche der Aufarbeitung prägende einvernehmliche Zusammenwirken von Geschichtspolitik, Gedenkkultur und Zeitgeschichte verstößt gegen den Grundsatz, dass nur und immer die Infragestellung des allgemein Anerkannten die Weiterentwicklung der Wissenschaft sichert.[18]

Dies führt zu dem gerade für die heutige Diktaturaufarbeitung so provokanten Satz Reinhart Kosellecks, dass Geschichte von den Siegern zwar erfolgreich gemacht, aber nicht erfolgreich geschrieben wird, und der geschichtliche Wandel im Gegenteil von den Besiegten zehrt, weil nur sie auf kritische Befragung statt auf bequeme Bestätigung des Status quo zielten.[19] Der gleiche Vorbehalt lässt sich gegenüber staatlichen oder privatwirtschaftlichen Forschungsaufträgen geltend machen, deren fachliche Einflussnahme weniger aus der regelmäßigen Identität von Auftragsvergabe und Quellenhoheit resultiert als aus der Festschreibung kulturell anerkannter Urteilskonventionen und Forschungswege: Nicht in ihrer gewollten inhaltlichen, sondern in ihrer ungewollten paradigmatischen Affirmation steckt das Kernproblem der Auftragsforschung.[20]

Gebrauch und Missbrauch

Doch auf der anderen Seite gilt ebenso, dass Geschichte, wo immer sie aus der akademischen Sphäre heraustritt, nie zweckfrei ist, sondern immer auch eine Indienstnahme bedeutet. "Histotainment" in den Massenmedien und in der historischen Eventkultur ist Teil unseres Alltags, und die Bewirtschaftung der Vergangenheit hat im Zuge des Geschichtsbooms neben der populären Geschichtsvermittlung längst Felder erobert, in denen es weniger um die Vergangenheit als vielmehr um die Zukunft geht. Geschichtsmarketing zählt zu den wichtigsten Maßnahmen der Kundenbindung, gleichviel ob es sich im augenzwinkernden "Retrostyle" von Kleinwagen in der Autoindustrie zeigt oder in der geschichtstouristischen Vermarktung von Altstädten und Gedenkorten, in der Nutzung historischer Ikonen für das product placement oder in der Schaffung von Herstellervertrauen durch Traditionsversicherung, die noch bis in die Werbung für das tägliche Morgenbrötchen reicht: "Heiß drauf. Seit 1887."[21] Mit der public history hat sich im zurückliegenden Jahrzehnt auch in Deutschland ein historisches Arbeitsfeld etabliert, welches das so spannungs- wie ertragreiche Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft sowohl analytisch zu durchdringen wie praktisch zu gestalten sucht.

So führt die Frage nach Geschichte als Instrument notwendigerweise zu einem widersprüchlichen Befund. Nicht jeder Gebrauch der Geschichte ist zwingend Missbrauch; von Instrumentalisierung lässt sich sinnvollerweise nur dort sprechen, wo die fachliche Erschließung der Vergangenheit beabsichtigt oder unbeabsichtigt zur außerfachlichen Beglaubigungsinstanz wird. Empirische Verfälschung, normative Fesselung und teleologische Verzerrung sind Spielarten einer Indienstnahme der Historie, denen die Geschichtswissenschaft mit ihren reflexiven Kräften immer wieder kritisch zu begegnen hat und auch erfolgreich begegnen kann. Darüber hinaus aber den öffentlichen Gebrauch der Geschichte selbst als grundsätzlich illegitim und verfälschend zu verdammen, würde nicht nur die fachlichen Wirkungs- und Entwicklungschancen verschenken, die sich aus der Inanspruchnahme historischer Expertise im politischen und gesellschaftlichen Raum ergibt. Es würde am Ende die Historie von der immer wieder bedrohten und zu verteidigenden Zweck- und Bindungsfreiheit in die offenbare Sinnlosigkeit überführen.

Fußnoten

11.
Beispielsweise unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung laut seinem aktuellen Rahmenprogramm "die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften darin, ihren Beitrag zum Verständnis der gesellschaftlichen Gegenwart in Europa und weltweit, zur Erschließung des kulturellen Erbes und zur Wertschätzung und Verwirklichung von Vielfalt und Zusammenhalt zu leisten", indem es eigene Forschungsvorhaben definiert: "Das kulturelle Erbe, das in Archiven und Sammlungen, Museen und Bibliotheken erhalten wird, soll durch Forschung besser erschlossen, verstanden, bewusst gemacht und präsent gehalten werden. Neben der langfristig angelegten institutionellen Förderung der Leibniz-Forschungsmuseen setzen wir in diesem Bereich neue Impulse durch gezielte Projektförderung". BMBF, Rahmenprogramm Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, o.D., http://www.bmbf.de/pubRD/Rahmenprogramm-Text_Dezember-final_%282%29.pdf« (1.10.2013).
12.
Der Wissenschaftsrat hatte das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA; heute Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) 2005 evaluiert und in seinem Bewertungsbericht festgestellt: "Die Leitung der Abteilung ‚Forschung‘ verfügt nicht über ein umfassendes Entscheidungsrecht in wissenschaftlichen Fragen, das die Entwicklung einer erkennbaren Forschungsperspektive für das MGFA sowie eine kohärente Themenstellung ermöglichen würde. Auch fehlen das Verfügungsrecht über das wissenschaftliche Personal sowie das Recht, dem BMVg vorzutragen. Die genannten Befugnisse liegen sämtlich beim militärischen Amtsleiter, der gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Beirat auch den Kontakt zum BMVg hält." Wissenschaftsrat, Stellungnahme zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA), Potsdam, 19.5.2005, http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7261-06.pdf« (1.10.2013).
13.
Vgl. Kim Christian Priemel, Gekaufte Geschichte. Der "Freundeskreis Albert Vögler", Gert von Klass und die Entwicklung der historischen Unternehmerforschung nach 1945, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte/Journal of Business History, 52 (2007) 2, S. 117–202; Cornelia Rauh, "Angewandte Geschichte" als Apologetik-Agentur? Wie Erlanger Forscher Unternehmensgeschichte kapitalisieren, 2011, http://www.hist.uni-hannover.de/fileadmin/historisches_seminar/lehrende/cornelia_rauh/Rauh_zu_Schoellgen__ZAG_in_ZUG_56.pdf« (1.10.2013).
14.
Vgl. Eckart Conze et al., Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010. Zur Rezeption der Studie vgl. Wolfgang Schultheiss, Zuspitzungen. Anmerkungen zu "Das Amt und die Vergangenheit", Berlin 2013; Martin Sabrow/Christian Mentel (Hrsg.), Das Amt und die Vergangenheit. Eine deutsche Debatte, Frankfurt/M. 2013 (i.E.).
15.
Ausnahmen bildeten etwa die öffentliche Rezeption der Voten der von der Politik eingesetzten Enquetekommissionen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte, die seit den 1990er Jahren bundes- und länderseitig eingesetzt wurden. Vgl. Klaus Härtung, Streit um die Geschichte. Die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beendet ihre Arbeit, in: Die Zeit vom 13.5.1994; Martin Sabrow et al. (Hrsg.), Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007; Gudrun Mallwitz, Aufarbeitung der SED-Diktatur: Eklat in Enquetekommission, in: Berliner Morgenpost vom 2.7.2011; Thomas Metzner, Gutachter: Regierung torpediert Enquetekommission, in: Der Tagespiegel vom 24.7.2011.
16.
"Der Historiker kann und darf sich über die persönlichen Erinnerungen nicht einfach hinwegsetzen, sonst verkommt (im Falle des Holocaust, Anm. MS) seine Darstellung zu einer Abstraktion, die vom damaligen Erleben ebenso abgeschnitten ist wie von der Chance des gegenwärtigen persönlichen Nachvollzugs." Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 50. "Auch wenn sich die Einzelheiten dieser Erinnerung (des moralischen Zeugen, Anm. MS) gelegentlich als faktisch inakkurat erweisen, stattet die Authentizität der biographischen Erfahrung und ihrer lebenslangen, oft traumatischen Wirkung den moralischen Zeugen mit einer ungefragten Autorität aus." Dies., Die Last der Vergangenheit, in: Zeithistorische Forschungen, 4 (2007) 3, S. 375–385.
17.
"Andererseits braucht man, um eine historische Großerzählung – einen Mythos, wie Herfried Münkler sagen würde – durchzusetzen, eine Botschaft, einen Ort, einen Zeitpunkt." Rainer Eckert, Diskussionsbeitrag, in: Katrin Hammerstein/Jan Scheunemann (Hrsg.), Die Musealisierung der DDR. Wege, Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung von Zeitgeschichte in stadt- und regionalgeschichtlichen Museen, Berlin 2012, S. 82.
18.
Zum Epochencharakter der Aufarbeitung vgl. Martin Sabrow, "Vergangenheitsaufarbeitung" als Epochenbegriff, in: Merkur, 67 (2013) 6, S. 494–505.
19.
Vgl. Reinhart Koselleck, Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-anthropologische Skizze, in: ders., Zeitschichten, Frankfurt/M. 2000, S. 27–77, hier: S. 67ff. Vgl. auch: A. Assmann, Schatten (Anm. 16), S. 69f.
20.
Vgl. Bernhard Schulz, Auf eingefahrenem Gleis. Wie die Auftragsforschung die Geschichtsschreibung beeinflusst, in: Der Tagesspiegel vom 16.1.2012.
21.
So der Werbespruch eines Backwarenunternehmens, vgl. http://www.backeria.de« (1.10.2013).
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Veranstaltungsdokumentation (Oktober 2013)

APuZ-Forum "Geschichte als Instrument"

Anlässlich des Erscheinens der APuZ-Ausgabe "Geschichte als Instrument" veranstaltete die bpb am 7. Oktober in Berlin ein "APuZ-Forum". Auf zwei Podien wurde über den Stand und die Zukunft der "Aufarbeitung" der SED-Diktatur diskutiert. Das vollständige Forum kann als Audio-Podcast nachgehört werden.

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